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Kurzandachten

Inhalt

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Passionaandacht am 30.4.2017 zu Lukas und Matthäus

Über das Verhältnis vom Glauben ...

Gott ist oftmals verborgen

Was heißt hier "klug"?

Hiobs Gott

Wo ist Gott?

Mit dem Herzen dabei

Die Heilkur Jesu: heilsame Kränkung

Die Gemeinde als neue Familie

Die Wurzel des Heils

Konflikte gehören dazu

Moderne Glaubenszweifel in der Bibel

Gott zündet

Ausländer unter uns - Wie dem anderenzumute ist...

Beten - Damit die Kräfte reichen

Der Sonntag: Atem holen und wieder echt werden

Von der Beschwerlichkeit und der Leichtigkeit des ...

Wozu Erwählung?



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Passionsandacht am 30.4.2017 zu Lukas und Matthäus

Passionsandacht zu Lukas 22,54.63-65 und Matthäus 27,27-31
30. April 2017 Erlöserkirche
Pfarrer Dr. Ch. Weiling



Lukas, Kapitel 22, Vers 54 und 63-65:
54 Sie aber ergriffen Jesus und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters.
63 Die Männer aber, die Jesus dort gefangen hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, 64 verdeckten sein Angesicht und fragten: Weissage, wer ist's, der dich schlug?
65 Und viele andere Lästerungen sagten sie gegen ihn.

Matthäus 27,27-31:
27 Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Richthaus und versammelten um ihn die ganze Kohorte 28 und zogen ihn aus und legten ihm einen scharlachroten Soldatenmantel an.
29 Und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gott grüße dich, du Juden-König!
30 Und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt.



Liebe Gemeinde,
als 1956 unsere Erlöserkirche eingeweiht wird, gilt sie als ein Beispiel für eine schlichte und sachliche Kirche, die vor allem durch ihre Formensprache beeindrucken soll. Die Ausschmückung ist ungekünstelt im Vergleich zu einer gotischen oder gar barocken Kirche; das Wenige fällt daher umso mehr ins Auge. Der Christus am Kreuz zieht gleich alle Blicke auf sich, schon wenn man die Kirche betritt.
Sehr viel zurückhaltender sind die Kirchenfenster gestaltet. Die großen Fenster im Kirchraum tragen pflanzliche Motive und erinnern an die Gewächse der Bibel: den Feigenbaum, den Weinstock, den Ölbaum, die Weizenähre.
Im kleinen Saal sind die Jünger Jesu auf den Fenstern dargestellt; in der Sakristei der Prophet Jona. Fast ebenso versteckt ist das größte und farbigste Fenster: Es befindet sich im Altarraum nach Süden hin; und lässt die ersten Strahlen der morgendliche Sonne gerade zu den sonntäglichen Gottesdiensten hinein. Das Licht scheint dann hindurch und die Farben scheinen auf der anderen Seite des Altarraums wieder auf. Das große Bildfenster in Gänze betrachten kann man jedoch nur, wenn man sich in diesen Altarraum selbst hineinbegibt. Das geschieht immer dann, wenn die Gemeinde zum Abendmahl geht. Und weil das Abendmahl eben Jesus selbst verkörpert, der sich für uns hingegeben hat – mit Leib und Blut; stellt uns das Altarfenster eben seine Geschichte vor Augen. Wir sehen die wichtigsten Szenen der Passion, aber auch Ostern und Himmelfahrt angedeutet. Denn der Jesus, der im Abendmahl erinnert wird, ist ja nicht nur das Lamm Gottes, sondern gleichzeitig der lebendige Christus, der auferstanden ist und unter uns gegenwärtig.
Gleichsam in der Mitte des Fensters sehen wir nun die Szene, die uns heute besonders beschäftigen soll: Jesus wird verspottet.
Hilde Ferber, die zu jener Zeit in Bielefeld tätig ist, hat diese Szene wie auch das ganze Fenster (und auch alle anderen Fenster) entworfen. Die Künstlerin (1901 in Wetzlar geboren; 1967 in Rotenburg bei Fulda verstorben) ist gleichzeitig Religionspädagogin und der sogenannten Berneuchener Bewegung verbunden. Ihre Glasfenster gestaltet sie in gegenständlicher und abstrakter Form. In unserer Kirche sind die Bilder stark konturiert und anschaulich. Sie erinnern vom Stil her ein wenig an die Kinderbibeln der damaligen Zeit. Die Gesichter sind von vorne oder im Profil wiedergegeben; die Mimik und Gestik sind deutlich akzentuiert.
Verständlichkeit und Klarheit sind wichtige Motive der Religionspädagogin, aber auch der Berneuchener Reformbewegung insgesamt. Diese hat in den 1950er Jahren sehr stark gewirkt und eben auch unsere evangelische Kirche geprägt, wobei die erstrebte Wirkung der entsprechenden Kunstwerke auch heute noch spürbar ist, auch wenn in moderneren Kirchen inzwischen ein anderer Kunstgeschmack Einzug gehalten haben mag.
Bei ihrer Darstellung nun der Verspottung orientiert sich Hilde Ferber eng an den biblischen Erzählungen. Wir haben sie gerade gehört. Wobei sie die Verspottung, die ja zweifach erzählt wird: - einmal im Palast des Hohenpriesters - einmal im Prätorium des römischen Präfekten Pilatus; wobei sie eben diese beiden Szenen in eine einzige Szene zusammenfasst.
Bei seinem Verhör im Haus des Kaiphas war Jesus von denen, die ihn festhielten, das Haupt verhüllt worden. Die Augen also verbunden. Sie schlugen ihn dann und fragten spöttisch, ob er denn weissagen könne, wer ihn geschlagen habe.
Nach dem Urteil des Pilatus, ihn zur Kreuzigung zu geben, verhöhnen ihn dann noch einmal die römischen Soldaten. Sie legen Jesus einen der kermesrot gefärbten Soldatenmäntel um die Schultern, setzen ihm die Dornenkrone auf und geben ihn ein Schilfrohr in die Hand, das ein Zepter darstellen soll.
Wird er also das eine Mal als falscher Prophet hingestellt, der es mit seinen Weissagungen nicht weit bringt, so wird er von den Römern als Juden-König verhöhnt. Da ist auch eine Menge Antisemitismus im Spiel. An Jesus wird ein Exempel statuiert, das zeigen soll, was ein römischer Soldat von einem israelitischen König hält. Er wird zu einer Witzfigur, die dem römischen Kaiser niemals das Wasser reichen kann. Dabei missverstehen die römischen Soldaten den Anspruch Jesu selbstverständlich als einen politischen Anspruch: Als Aufruhr eines Provinzlers, der nichts Besseres verdient als den Tod. Die religiöse Dimension des Christustitels bleibt ihnen verborgen.
Zu dieser Verspottungsgeschichte gibt es übrigens interessante Parallelen. Als einmal ein König aus dem Hause des Herodes nach Alexandria kommt, verhöhnt ihn der Pöbel, indem sie einen geistig Behinderten ergreifen, der stadtbekannt ist, ihn mit Diadem, Königsmantel und Zepter ausstaffieren, ihm huldigen und ihn als ihren Herrn anrufen. Eine solche Verspottung, die zudem begleitet wird von blutigen antisemitischen Ausschreitungen, lässt das, was Jesus erfährt, historisch sehr plausibel erscheinen. Während der arme Narr den König spielen muss, der nicht greifbar ist, spielt hier der bereits zum Kreuz verurteilte Jesus den ohnmächtigen König des den Römern verhassten Volkes.
Die Geschichte der Menschheit erzählt von vielen, die vor ihrer Hinrichtung auch noch verspottet und misshandelt werden. Denken wir nur an die Ketzer des Mittelalters, Schwarze in den Südstaaten, die Juden im Dritten Reich, die politischen Konkurrenten Stalins in der Sowjetunion, Kollaborateure in den von den Nazis befreiten Ländern, vermeintliche Kommunisten in Südamerika oder Asien, die Opfer der maoistischen Kulturrevolution! Die Liste ließe sich weiter fortsetzen . . .
Zur körperlichen Verletzung kommen Verachtung und Ehrabschneidung hinzu, Hohn, Schadenfreude, Häme. Das muss irgendwie tief in unserer menschlichen Psyche sitzen, dass wir für solche Untaten zu haben sind. Was bei Kindern mit Abzählreimen und Hämespielen wie „Schwarzer Peter“ noch recht harmlos anfängt, findet in unserer Zeit seine Fortsetzung für Erwachsene in den Fernseh-Shows der Privatsender, in denen Menschen mit zynischen, herabsetzenden Bemerkungen gedemütigt werden. Personen mit sadistischer Ader kommen dabei voll auf ihre Kosten. Aber auch im Streit der Parteien oder der Religionen gilt: Wer keine Argumente hat, muss dem Gegner die Würde nehmen, ihn zum Clown degradieren, ihn bloßstellen. Lieber über andere spotten als selbst in die Schusslinie geraten. Und weil dabei viele nicht nur wegschauen, sondern mitmachen, spricht dies nicht gerade für eine besondere Charakterstärke des Menschengeschlechts, sondern mehr für eine besondere Anfälligkeit auch diesseits psychopathischer Abgründe.
Die Künstlerin Hilde Ferber hat ganz bewusst darauf verzichtet, die Soldaten, die Jesus misshandeln, auch als Soldaten zu zeichnen. Sie tragen im Gegenteil Alltagskleidung, Hosen, ein Hemd, vielleicht eine Art Überwurf. Sie sind und sollen zeitlich nicht festgemacht werden, um zu zeigen: Was hier geschieht, das ist zeitlos. Das geschieht bis heute. Der bereits Besiegte wird auch noch mit Worten fertig gemacht. Das Opfer wird verächtlich gemacht. Er wird zur Schau gestellt. Der zur Linken streckt ihm die Zunge heraus, der zur Rechten brüllt ihn an. Die offenen Handflächen deuten wohl Ohrfeigen an: „Los, sag an, wer dich geschlagen hat, wenn du doch so schlau bist!“
Jesus in der Mitte ist sehr eindrücklich gestaltet. Er strahlt große Würde aus. Ruhe. Stärke. Festigkeit. Wie er da sitzt, erinnert er weniger an das geschlagene Opfer, als vielmehr an den thronenden Richter. Hilde Ferber hat mittelalterliche Bilder vor Augen gehabt, die Christus als den Weltenrichter auf seinem Thron zeigen. Oft oben in der Kirche über dem Altar, über dem Hauptportal der Kirche oder aber in der Mitte der Kirchenkuppel ist diese „Majestas Domini“ zu sehen: Jesus als himmlischer König auf dem himmlischen Thron – mit aufgeschlagenem Bibelbuch, segnender Hand, manchmal auch einem Schwert, nicht selten mit Zepter und dem den Weltkreis bezeichnenden Reichsapfel. In der gleichen eigentümlichen Haltung erscheint dieser majestätische Christus wie bei unserem Glasfenster: Auf dem Thron gleichermaßen sitzend wie über ihm schwebend.
Bei unserem großen Altarfenster bildet dieser Christus nun die Mitte. Schnittpunkt des Gesamtbildes, des Gesamtfensters. Verborgen im Geschehen der Passion also der Weltenrichter. Das will Hilde Ferber ausdrücken. Und hat das Evangelium auf ihrer Seite.
„Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt“, sagt Jesus zu Beginn der Passion nach dem Evangelium des Johannes. Und: „Wer an mich glaubt, der wird nicht gerichtet.“
Martin Luther dichtet:
„Der Fürst dieser Welt,
wie sau'r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht':
ein Wörtlein kann ihn fällen.“
Verborgen in dem Geschehnis von Auslieferung und Kreuzigung ergeht in Wahrheit Gottes Gericht über diese Welt. Denn welcher verhöhnt und zum Schweigen gebracht wird, ist in Wirklichkeit derjenige, der das letzte Wort behalten wird. Auch über den „höllischen Schadenfroh“, wie man einst den Teufel, der ja in uns allen steckt, in bezeichnender Weise nannte.
Es ist ein interessantes Detail, dass Hilde Ferber die Dornenkrone zwar weglässt, dafür aber die verhüllten Augen zeichnet, die aus der Verspottungsgeschichte am Hof des Kaiphas überliefert sind. Es kann kein Zufall sein, dass dieser Jesus damit an die Justitia gemahnt, deren Augen ebenfalls – wenn auch symbolhaft – verbunden sind. Wie das weltliche Recht, so wird auch der himmlische Richter nicht urteilen nach dem Ansehen der Person. Nicht nach dem Augenschein oder dem Hörensagen. Er wird aber anders als die weltliche Justiz, die auf Indizien und Hinweise angewiesen ist, wahrhaftig urteilen, weil er in das Herz der Menschen schaut.
„Denn nicht sieht der HERR auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ (1 Sam 16,7)
So ist das. Jesus wird verhöhnt, mit einem purpurroten Mantel ausstaffiert, um ihn und sein Königtum zu verspotten. Unser Kirchenfenster zeigt, was die, die ihn verspotten, nicht sehen: Er ist der wahre König und Richter dieser Welt. Der Fürst dieser Welt, ob er in der Gestalt des Hohenpriesters oder des Pilatus auftritt, er hat keine Macht über ihn. Jesus ist jedem Urteil enthoben, denn er hat die Vollmacht des Urteils über alle. Am deutlichsten wird das schon in der Passionsgeschichte in den Worten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und dem anderen Wort: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“
Dieses Gnadenurteil ebenso wie diese Verheißung gilt nicht für jedermann. Das scheint mir manchmal in Vergessenheit geraten. Sie gilt aber dem, der sein Wort hört und an den Gott glaubt, der ihn gesandt hat. Wer es annehmen kann, dass sein Urteil auf Jesus liegt und von diesem am Kreuz bereitwillig übernommen worden ist, und wer daraus die nötigen Konsequenzen für sein Denken und Handeln zieht, der ist bereits zum Leben hindurchgedrungen. (Joh 5,24)



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Über das Verhältnis vom Glauben ..., Dr. Weiling

Über das Verhältnis von Glaube und Verstand
 
Im Prophetenbuch des Jesaja hören wir eine Frage, die es in sich hat: "Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?" (Jesaja 53,1). Wir würden eine solche Frage in der Bibel wohl kaum vermuten: "Wer kann schon glauben, was uns verkündet wurde? Wer glaubt schon unserer Botschaft?"
Das klingt resigniert. Aber wahrscheinlich ist es vielen Propheten so ergangen. Sie kamen mit einer Botschaft von Gott; aber die Menschen haben ihrer Nachricht nicht geglaubt. Oder ihre Nachricht war solcher Art, dass sie die Menschen nicht hören wollten. So sind manche Propheten sogar gesteinigt oder mit dem Schwert erschlagen worden (Jeremia 26,20-23). Da war es ganz harmlos, wenn sie nur ausgelacht wurden. Noch Jesus hat selbst bezeugt: "Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause." (Markus 6,4)
Der im Jesaja-Buch auftretende Prophet hat auch deswegen Schwierigkeiten, weil er recht unansehnlich war. Krankheiten und Schmerzen hatten ihn gezeichnet. Deswegen wollten viele nichts von ihm wissen. Das ist dann so, als ob man einen guten Inhalt wegen der schlechten Verpackung wegwirft. Aber das ist eben das Besondere unseres Gottes, dass er sich und seine Botschaft verbirgt. Der Mensch sieht auf das Äußere, der HERR aber sieht das Herz an. Er hat sich nicht ein mächtiges Volk gesucht, um sich zu offenbaren, sondern ein kleines Volk. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Sein Reich gleicht dem Senfkorn. Es muss klein beginnen.
Ein Jesuswort aus dem Neuen Testament weist uns darauf hin: "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart." (Lukas 10,21) Nicht den Weisen und Mächtigen offenbart sich Gott, sondern den Unmündigen. Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wie Jesus an anderer Stelle sagen wird, wird es nicht empfangen.
Das stellt landläufige Vorstellungen über den Glauben auf den Kopf. Er muss vom Wissen getrennt sein. Glaube ist nicht eine besonders entwickelte Einsicht, keine Verstandesangelegenheit. Er ist nicht eine Sache für Neunmalkluge oder besonders Studierte und Eingeweihte. Auf der anderen Seite ist damit aber auch nicht gesagt, dass der Glaube dem Verstand widersprechen muss oder Glaube nur etwas für Gimpel, Ahnungslose und Dumme sei. Hinhören muss man schon können auf das, was da von den Propheten verkündet wird. Man muss es sich sagen lassen und zu Herzen nehmen. Da hören wir dann, dass da einer mit seinem Leben für unsere Schuld bezahlt, dass er furchtbares Leid durchsteht, aber bei Gott weiterlebt. Mit dem Verstand ist das nicht zu glauben. Es geht über unsere Möglichkeiten hinaus, etwas für wahr zu halten, für das es keine Beweise gibt und auch nicht geben kann, weil es sich in einer anderen Sphäre abspielt. Aber trotz dieser Verstandesgrenze können wir uns die gute Botschaft dennoch sagen lassen und so sagen lassen, dass sie uns etwas angeht. Wir hören heraus: "Du darfst auf Vergebung hoffen!" Wir hören: "Mit dem Tod ist nicht alles aus! Gott ist größer als du denkst!"
Diese Botschaft kann zünden. Sie ist ganz angekommen, wenn wir uns darauf verlassen, unser Leben danach ausrichten und hoffnungsfrohe und glaubensvolle Menschen werden.
So ähnlich mag es uns dann ergehen wie den Jüngern zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Nach Himmelfahrt werden sie wohl auch gedacht haben: "Kann man das eigentlich glauben? War es vielleicht alles nur eine Sinnes-Täuschung, was wir mit Jesus erlebt haben?" Zu Pfingsten aber wächst in ihnen - in den Verlassenen und Traurigen, den Mutlosen und Zweifelnden - neue Gewissheit. Sie fühlen sich stark durch Gott, belebt in ihrem Geist durch seinen Geist, getragen von seinen Gedanken des Friedens und der Hoffnung. Und dann reden sie und werden selbst zu Propheten. Reden mutig und unverzagt. Und auch wenn manche ihnen nicht glauben, andere tun es und lassen sich taufen.  
 



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Gott ist oftmals verborgen, Dr. Weiling

Gott ist oftmals verborgen
 
Einer der spannendsten Verse der Bibel kommt aus dem Mund des Propheten Jeremia: "Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?" (Jeremia 23,23) Gott selbst lässt hier ausrichten, dass er sowohl nahe als auch ferne sein kann, sowohl spürbar gegenwärtig als auch unsichtbar und unverfügbar. Die ganze Spannung der Gotteserfahrung steckt in diesem Vers; und wir dürfen erfahren, dass diese Spannung, die uns heute oft zusetzt, wohl auch den Menschen des Alten und des Neuen Testaments nicht unbekannt war. Es war gar nicht so, als ob sie immer und überall mit Gott reden konnten, oder als ob sie andauernd Wunder und Offenbarungen erlebten. Ihnen ging es gar nicht anders als uns heute oft auch: Wir sehen und hören nichts von Gottes Gegenwart, ja, wir erleben vielmehr Dinge, die uns an der Gegenwart und Nähe Gottes zweifeln lassen. Gott entzieht sich. Gott ist uns verborgen. Wir sehen nur ein tiefes schwarzes Loch und spüren in uns eine unendliche Leere. Aber ebenso kann uns Gott jederzeit wieder ganz nahe sein, spürbar sein wie eine Hand auf der Schulter oder wie ein Licht in der Finsternis.
Der Vers aus dem Jeremia-Buch ist freilich in einen noch anderen Zusammenhang hineingesprochen als in die Situation menschlichen Zweifels. Er wendet sich auch gegen menschlichen Hochmut. Jeremia hatte es mit Zeitgenossen zu tun, die von sich behaupteten, Gottes Ratschlüsse zu kennen. Falsche Propheten waren es, die so taten, als habe Gott ihnen eine Botschaft anvertraut. Dabei wiegten sie das Volk in eine falsche Sicherheit, verhinderten auf ihre Weise, dass schlimme Fehlentwicklungen bemerkt wurden. "Gott ist mit uns; es wird alles gut!" so lautete ihre Predigt. "Gott ist bei uns in seinem Heiligtum; da kann uns gar nichts passieren!" Aber Gott lässt nicht über sich verfügen: Das lässt er durch Jeremia ausrichten. Gott ist unbegreiflich. Er entzieht sich. Er verbirgt sich. Er offenbart sich nicht auf menschlichen Befehl, sondern nur wem und wann ER will. Das ist einerseits eine schmerzliche Erfahrung, weil wir uns alles – insbesondere auch unseren eigenen Glauben und unser Dasein als Kirche – viel einfacher vorstellen würden, wenn Gott sich für jedermann deutlich blicken und öfters mal ein Wunder geschehen ließe. Auf der anderen Seite gehört es eben zur wahren Gottheit Gottes, dass er sich jederzeit offenbaren und ebenso jederzeit entziehen kann. Das soll uns wohl auch anreizen, ihn gerade dort zu suchen, wo Religion üblicherweise Gott nicht verortet. Seit alters her bringen Menschen ihre Gottheiten mit dem Großen und Mächtigen in Verbindung, seien es Naturmächte oder politische Herrschergestalten. Der Gott der Bibel aber behauptet, dass er weder in Erdbeben noch in politischen Gewittern zu suchen sei (1. Könige 19,11ff.). Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Korinther 12,9). Sein Reich beginnt in einem Senfkorn (Markus 4,30-32). Nicht im Sturmwind, sondern im Atemhauch sollen wir ihn spüren; nicht in der Macht, die andere beugt, sondern in der Liebe, die sich zu anderen beugt. Gott ist ferne, denken wir oft, weil wir große Dinge erwarten und wünschen – und solche dann ausbleiben. Gott aber ist viel näher, als wir oft meinen. Er ist nur ein Gebet weit entfernt. Und wir selbst können ihm unsere Hände leihen, so wie es Jesus getan hat.
In einem Gesangbuchlied heißt es (EG 577):
1. Kommt herbei, singt dem Herrn, / ruft ihm zu, der uns befreit. / Singend lasst uns vor ihn treten, / mehr als Worte sagt ein Lied.
2. Er ist Gott, Gott für uns, / er allein ist letzter Halt. /
Überall ist er und nirgends, / Höhen, Tiefen, sie sind sein.
In einer Alternativfassung heißt die zweite Strophe etwas weniger spannungsvoll, aber beruhigender: Er ist Gott, Gott für uns, / er allein ist letzter Halt. / Unsichtbar, doch gegenwärtig, / Höhen, Tiefen, sie sind sein.



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Was heißt hier "klug"?, Pfarrer Dr. Weiling



"Dünke dich nicht weise zu sein, sondern fürchte den HERRN und weiche vom Bösen" (Sprüche 3,7). Die Bibel enthält viele Sprüche, die zur Bescheidenheit mahnen. "Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?" fragt der Apostel Paulus (1.Korinther 1,20). Weisheit oder Klugheit meint hier eine Haltung, die heute weitverbreitet ist. Menschen bauen auf ihre Cleverness, Tricks und Schliche. Werbesprüche bestätigen sie: "Ich bin doch nicht blöd!" Und wenn Geiz geil ist, ist es mit der Moral nicht weit her. Wir sehen es gerade bei denen, die sich selbst gerne als die "Leistungsträger" der Gesellschaft darstellen. Mit ihrer Moral ist es nicht weit her. Der Zweck heiligt die Mittel. Wer etwas tut, achtet zuerst auf seinen eigenen Vorteil.
Im Buch der Sprüche des Alten Testaments wird deutlich: das kann ein Weg zum Bösen sein. Auch kluges Tun und Lassen sind nicht moralfrei. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Zweckrationalität kann zum Ziel führen, sie kann dabei aber auch perfide, dämonisch, gemeinschaftsschädigend sein. Denken wir nur an den berühmten Urias-Brief (siehe 2. Samuel 11,15): ein schlaues Manöver, doch was hat es gebracht?
Im Neuen Testament ist diese Skepsis gegenüber der Klugheit der Welt noch viel grundsätzlicher. Denn hier geht es nicht nur um ethisches Handeln, hier geht es um den Sinn des Menschseins überhaupt. Das Neue Testament erkennt: Gott rettet die Menschen nicht so, dass sie sich selbst etwas darauf einbilden können. Es gibt keine Möglichkeit, sich selbst zu erlösen. Noch die Klügsten stoßen an die Grenzen des Machbaren und Denkbaren. Spätestens der Tod als letzte Grenze lässt alle Weisheit verstummen. Doch gerade den, der nach den Maßstäben von Erfolg und Macht vollkommen gescheitert ist, den hat Gott zum Heil der Menschen bestimmt. Alle Klugheit, Philosophie und Lebenskunst fahren lassen und sich auf ihn verlassen, ganz von sich selbst absehen und zu ihm aufsehen, das macht frei und erlöst.
Gottesfurcht, so die Bibel, ist daher besser als Klugheit. Nicht im Sinne von Angst, aber im Sinne des Respekts vor den Grenzen, auch den Grenzen des eigenen Verstandes. Wir sollen ihn nicht ausschalten, den Verstand. Sonst hätte der Schöpfer ihn uns ja gar nicht geben müssen. Aber unseren Verstand, diese edle Gottesgabe, sollen wir gebrauchen, indem wir Gott bitten, ihn zu erleuchten; nur auf den Verstand vertrauen ohne Berücksichtigung der göttlichen Leitung, das ist Torheit.



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Hiobs Gott, Pfarrer Dr. Weiling

Hiobs Gott, Pfarrer

Die Freunde Hiobs haben ihm bekanntlich nicht helfen können. Mit klugen Ratschlägen kamen sie und texteten ihn zu mit Allgemeinplätzen, mit vermeintlicher Weisheit. Wie es einem geht, so behaupteten sie, sei Folge des Tuns oder des Charakters. Erfolg also als Resultat eigener Leistung; Unglück als Folge des Versagens. Und Glück und Unglück seien schon gerecht verteilt, denn Glück habe am Ende immer der Tüchtige.
So reden kann eigentlich nur, wer aus der Position der Sicherheit urteilt. Dem Hiob aber ist der Boden unter den Füßen weggezogen. „Ihr seid mir welche!“ sagt er zu seinen Freunden. „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“
Er erlebt die Welt anders als seine Freunde. Die Mechanismen von Tun und Ergehen funktionieren in seiner Welt nicht. Nicht der Rechtschaffene, sondern der Gewaltbereite hat Erfolg. Soziale Verhältnisse werden auf den Kopf gestellt, Strukturen werden brüchig und Katastrophen fegen ganze Nationen hinweg. Hiobs Weltsicht ist nicht verkleistert durch Lügen oder ideologische Schönfärberei. Er sieht die Welt wie sie ist. Realistisch. Ja, in seinen Beschreibungen ist er zuweilen bitter und sarkastisch.
Aber das alles, was er erlebt, ist für ihn nicht etwa eine gottlose Welt; sondern zutiefst ist auch diese Welt voller Umstürze und Katastrophen - die Welt Gottes! Was uns widersinnig vorkommen mag: Gott ist der Herr, Gott hat sie alle in der Hand: Opfer und Täter, Betrogene und Betrüger, Irrende und Irreführende. Gott ist der Herr der Welt - nur es ist, bis jetzt, keine heile Welt.
Für uns ist diese Sicht Hiobs irritierend und zugleich spannend: auch wir sehen ja, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. In einem Gesangbuchlied heißt es: „… die Welt nimmt schlimmen Lauf. / Recht wird durch Macht entschieden, / wer lügt, liegt obenauf. / Das Unrecht geht im Schwange, / wer stark ist, der gewinnt.“ (EG 530 Text: Jürgen Henkys 1980/1983)
Wir trennen aber meist alle negativen Erfahrungen von Gott und sagen, dass er nichts damit zu tun hat. Was bleibt dann aber von Gottes Allmacht? Auf jeden Fall dürfen wir Gott nicht mit einer Art „Glücksmaschine“ verwechseln. Gott hat uns zwar nach dem Zeugnis der Bibel in sein Wesen sehen lassen, aber es bleibt unendlich viel, was von Menschen nicht zu entschlüsseln ist. Gott ist beides: Liebe und Licht – und ein dunkles Geheimnis.
Hiob kann uns beibringen, dass von Gott größer zu denken ist. Er sagt: "Bei Gott ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt und der irreführt" (Hiob 12,16). Wir können nicht nur die heilvollen Erfahrungen auf ihn zurückführen. Das Zerstörerische, Negative existiert auch in Gottes Welt: „Er hat die Kraft, kann alles schaffen.“ Wenn wir nicht höhnisch davon reden wollen, bleibt nur, den Weg Hiobs weiterzuverfolgen. Er bleibt ja nicht bei seinem Zynismus: er fragt Gott. Er erwartet eine Antwort. Er bleibt im Gespräch mit ihm. Er bleibt Beter. Kein stiller und zufriedener zwar, sondern ein lauter und unzufriedener; aber er bleibt durchgängig auf Gott zugeordnet. Wir können seine Haltung nachempfinden, wenn wir aus dem angesprochenen Gesangbuchlied einmal den ganzen Vers lesen und sprechen. Auch er ist Gebet:
„Gib Frieden, Herr, gib Frieden, / die Welt nimmt schlimmen Lauf. / Recht wird durch Macht entschieden, / wer lügt, liegt obenauf. / Das Unrecht geht im Schwange, / wer stark ist, der gewinnt. / Wir rufen: Herr, wie lange? / Hilf uns, die friedlos sind.“
Aus der Perspektive des Gebets bleibt die Welt trotz aller widersprüchlichen Erfahrung mit Gott verbunden – und so werden auch Christinnen und Christen trotz böser Widerfahrnisse nie sagen: „Gott ist tot“, sondern vielmehr so, wie es Hiob starrsinnig tut: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“
Die nötige Geduld, diese unperfekte, friedlose Welt auszuhalten und auf den Erlöser zu warten, können wir freilich nicht dem Hiobbuch allein entnehmen; sie wächst uns erst zu aus dem Evangelium, wonach Gott gerade auch dem Leidenden ganz nahe sein kann und der Tod nicht etwa die totale Katastrophe ist, sondern der Beginn von etwas vollkommen Neuem. Diese Geduld lässt uns auch Feindschaften ertragen und Böses. Ja, es macht möglicherweise sogar großmütig und tolerant, wenn Gott es so gleichermaßen und unverdient auf Gute u n d Böse regnen lässt (Matthäus 5,45).



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Wo ist Gott?, Pfarrer Dr. Weiling

Wo ist Gott?

"Wo ist Gott?" - Mit dieser Frage muss sich der Dichter des 79. Psalms herumschlagen. Denn der Tempel ist zerstört, Jerusalem ein Ruinenfeld. Das Heidentum scheint zu triumphieren. Wo ist da Gott Israels geblieben? Es liegt sowohl Hohn als auch Unglaube in dieser Frage. Wie sie vor dreitausend Jahren dem Psalmsänger entgegen tönte, so wird sie heute auch manchem gläubigen Christen entgegen geschleudert: Wo ist euer Gott der Liebe? Euer Gott, der Gebete erhört?
Wo ist unser Gott? Können wir noch sagen: er ist auf dem Thron der Allmacht in der Höhe? Das ist die Antwort einer alten Zeit. Uns hüllt sich Gott zu oft in Nacht und Dunkel, dass es uns zumindest schwer fällt, naiv oder siegessicher von dem Gott über uns zu sprechen, der sich im Blitz und Donner für die Seinen hören und sehen lässt, der den Feinden und Leugnern vergilt und unserer Kirche den Sieg über den Unglauben schenkt.
"Wo ist euer Gott?" - Noch eine Antwort hat aber der Glaube auf diese höhnende Frage. Gott wurde Fleisch und sein Wort wohnte unter uns. Mehr noch: in der Kraft seines Geistes ist der Fleischgewordene, der durch Leben und Tod hindurchgegangen ist, bei uns, wohnt er in uns. Wir sind Tempel des Heiligen Geistes. Gott wohnt in uns: auch im gebrochenen Herzen, das wieder aufgerichtet wird durch die Macht seines Wortes. Wir sollten darum nicht meinen, dass Gott ferne oder gar verschwunden sei. Nein, er ist hier!
Gerade dort ist er aber spürbar, wo etwas neu wird im Menschen, wo nicht alles so bleibt in Selbstgefälligkeit, Eitelkeit oder Dünkel.
Es ist erstaunlich, dass es Menschen gibt, die sagen, sie haben keine Sünde, aber gerne und desto lieber bei anderen das Haar in der Suppe suchen. Diese Tatsache beweist eigentlich nur, wie blind die Sünde macht und wie sie in sich selber Lüge und Unwahrheit ist.
Wo wir aber ehrlich in den eigenen Abgrund sehen und merken, wie sehr wir eben nicht so sind, wie wir sein sollten, da beginnt dann der heilige Geist zu wirken. Er deckt die Wahrheit auf über uns selbst. Und dann treibt er uns auch dazu, unsere Sünden vor Gott zu bekennen, um Gnade zu erlangen. Wo dann sein Wort der Vergebung in uns mächtig wird, da ist Gott wirksam, da ist er ganz nah. Und wir können neu anfangen.
Mit dem Herzen dabei, Pfarrer Dr. Weiling
Manches im Alten Testament klingt nach Juristerei, das Neue Testament klingt freier. Dass das Buch des mosaischen Gesetzes viel Menschentümelei enthält und der Buchstabeneifer nicht nur dem Menschen, sondern auch seiner Gottesbeziehung schaden kann, das wird spätestens deutlich, als Jesus sich von den Pharisäern abgrenzt. Gott will Lebensordnungen zum Segen der Menschen, aber keine Paragraphenreiterei, die das Leben und seine Entfaltung hindern.
Da atmet der Kolosserbrief ganz seinen Geist, wenn er sagt: "Was immer ihr tut, daran arbeitet von Herzen als für den Herrn und nicht für Menschen!" (Kolosser 3,23) Das ist keine kleinliche Kasuistik, sondern eine Lebensregel für alle Situationen. Was nicht von Herzen getan wird, taugt meist nichts, ist uninspiriert, ist schnöde Pflichterfüllung. Was von Herzen kommt, was nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen unterstützt wird, hat Kraft, Nachhaltigkeit, Energie.
Wenn wir doch einmal all unsere Arbeiten in der Gemeinde darauf prüfen würden: was geschieht hier mit dem Herzen? Wo sind Menschen mit dem Herzen dabei? – ; wir würden recht schnell merken, wo die Kernaufgaben liegen, wo das Herz der Gemeinde schlägt, wo sich Aufbau und Konzeption lohnen. Aufgaben müssen von innen kommen, zumindest von innen unterstützt werden. Was von außen aufgetragen ist – und sei es vom Präses selbst – bringt wenig, wenn es als fremd erlebt wird, als nicht dran, als aufgesetzt, oder gar als überflüssige Beschäftigungsmaßnahme.
Ein zweites Kriterium wird aber auch genannt in unserem Bibelvers: Was wir tun, sollen wir nicht nur von Herzen tun, sondern dabei auch darauf achten, dass es für den Herrn und nicht für den Menschen geschieht. Da wird es schon schwerer: denn recht betrachtet, geschieht auch in den christlichen Gemeinden sehr viel für den Menschen. Es ist nicht immer die reine Selbstlosigkeit, wo Menschen sich engagieren, oft schielt man dabei nach Anerkennung, Aufwertung, Ansehen. Es wird viel gemauschelt und gemenschelt, wo Menschen zusammen kommen. Auch da gilt es also kritisch zu sein: Kirchenchristentum ist nicht automatisch schon das Christentum, wie es Jesus sich gewünscht hat. Darum gilt es nicht nur, manches zu lassen, sondern auch zu unterlassen. Oder besser, positiv zu fragen: "Ist das im Sinne Jesu? Was würde er dazu sagen? Dient es wirklich dem ewigen Herrn und seinem Reich?"
Wenn wir so fragen, merken wir bald: Gottesdienst ist nicht nur am Sonntag. Sondern alle Mitarbeit nimmt ihre Würde und ihren Sinn daher, dass sie für Gott geschieht, in seinem Auftrag, nicht aus egoistischen Motiven wie Neid oder Gefallsucht. Dass solcher Gottesdienst dann aber auch dem Menschen gut tut, das ergibt sich daraus, dass er sich an der Menschenfreundlichkeit Gottes misst, wie sie Jesus Christus offenbart hat. Gott ist ein Gott, der den Sabbat für den Menschen gemacht hat, und nicht den Menschen für den Sabbat, der die Gebote zum Nutzen des Menschen gegeben hat, nicht den Menschen einem Paragraphen-Dschungel ausliefern will. Das schließt calvinistische Freudlosigkeit, Kleinkrämerei und menschenverachtenden Fanatismus gleichermaßen aus.



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Mit dem Herzen dabei, Pfarrer Dr. Weiling


Mit dem Herzen dabei

Manches im Alten Testament klingt nach Juristerei, das Neue Testament klingt freier. Dass das Buch des mosaischen Gesetzes viel Menschentümelei enthält und der Buchstabeneifer nicht nur dem Menschen, sondern auch seiner Gottesbeziehung schaden kann, das wird spätestens deutlich, als Jesus sich von den Pharisäern abgrenzt. Gott will Lebensordnungen zum Segen der Menschen, aber keine Paragraphenreiterei, die das Leben und seine Entfaltung hindern.
Da atmet der Kolosserbrief ganz seinen Geist, wenn er sagt: "Was immer ihr tut, daran arbeitet von Herzen als für den Herrn und nicht für Menschen!" (Kolosser 3,23) Das ist keine kleinliche Kasuistik, sondern eine Lebensregel für alle Situationen. Was nicht von Herzen getan wird, taugt meist nichts, ist uninspiriert, ist schnöde Pflichterfüllung. Was von Herzen kommt, was nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen unterstützt wird, hat Kraft, Nachhaltigkeit, Energie.
Wenn wir doch einmal all unsere Arbeiten in der Gemeinde darauf prüfen würden: was geschieht hier mit dem Herzen? Wo sind Menschen mit dem Herzen dabei? – ; wir würden recht schnell merken, wo die Kernaufgaben liegen, wo das Herz der Gemeinde schlägt, wo sich Aufbau und Konzeption lohnen. Aufgaben müssen von innen kommen, zumindest von innen unterstützt werden. Was von außen aufgetragen ist – und sei es vom Präses selbst – bringt wenig, wenn es als fremd erlebt wird, als nicht dran, als aufgesetzt, oder gar als überflüssige Beschäftigungsmaßnahme.
Ein zweites Kriterium wird aber auch genannt in unserem Bibelvers: Was wir tun, sollen wir nicht nur von Herzen tun, sondern dabei auch darauf achten, dass es für den Herrn und nicht für den Menschen geschieht. Da wird es schon schwerer: denn recht betrachtet, geschieht auch in den christlichen Gemeinden sehr viel für den Menschen. Es ist nicht immer die reine Selbstlosigkeit, wo Menschen sich engagieren, oft schielt man dabei nach Anerkennung, Aufwertung, Ansehen. Es wird viel gemauschelt und gemenschelt, wo Menschen zusammen kommen. Auch da gilt es also kritisch zu sein: Kirchenchristentum ist nicht automatisch schon das Christentum, wie es Jesus sich gewünscht hat. Darum gilt es nicht nur, manches zu lassen, sondern auch zu unterlassen. Oder besser, positiv zu fragen: "Ist das im Sinne Jesu? Was würde er dazu sagen? Dient es wirklich dem ewigen Herrn und seinem Reich?"
Wenn wir so fragen, merken wir bald: Gottesdienst ist nicht nur am Sonntag. Sondern alle Mitarbeit nimmt ihre Würde und ihren Sinn daher, dass sie für Gott geschieht, in seinem Auftrag, nicht aus egoistischen Motiven wie Neid oder Gefallsucht. Dass solcher Gottesdienst dann aber auch dem Menschen gut tut, das ergibt sich daraus, dass er sich an der Menschenfreundlichkeit Gottes misst, wie sie Jesus Christus offenbart hat. Gott ist ein Gott, der den Sabbat für den Menschen gemacht hat, und nicht den Menschen für den Sabbat, der die Gebote zum Nutzen des Menschen gegeben hat, nicht den Menschen einem Paragraphen-Dschungel ausliefern will. Das schließt calvinistische Freudlosigkeit, Kleinkrämerei und menschenverachtenden Fanatismus gleichermaßen aus.



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Die Heilkur Jesu: heilsame Kränkung, Pfarrer Dr. W

Die Heilkur Jesu: heilsame Kränkung

Als "moschij’äka", dein dich Rettender, dir Helfender, dir zu Hilfe Kommender, - so wörtlich nach dem hebräischen Urtext - , stellt sich Gott uns vor durch den Propheten Jesaja: "Ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland" (Jes. 43,3). Das Wort "Hosianna" leitet sich davon ab: "Rette uns".
Im Neuen Testament redet dann der, der Gottes Rettung leibhaftig verkörpert, der sein Heiland ist: "Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken" (Lukas 5,31). Damit spricht Jesus davon, wohin "Rettung" vor allem zielt: auf die Kranken, weniger auf die Gesunden. Jesus benutzt das Bild des Arztes, ein Bild, dass einige auch auf ihn anwenden. Und als eine Art Arzt wird er ja auch bis heute wahrgenommen: einer, der Menschen heilt, der Kranke gesund macht, Blinde sehend, Lahme gehend, Taube hörend.
Allerdings wird der Vers hier gar nicht bezogen auf seine medizinischen Fähigkeiten und Tätigkeiten. Der Satz von den Gesunden und den Kranken findet sich vielmehr im Zusammenhang einer Berufungsgeschichte, die der Geschichte des Zachäus verblüffend ähnelt. Wieder spricht Jesus einen Zöllner an, Levi heißt er diesmal. Wieder gibt es am Abend im Hause des Zöllners ein großes Gastmahl. Und wieder sind Gegner zugegen, die meckern und murren: Warum isst er denn mit den Zöllnern und Sündern?
Darauf dann eben die Antwort von Jesus von den Kranken und Gesunden! Sie macht deutlich, dass Heil und Heilung nicht nur von körperlicher Intaktheit ausgehen, sondern auch von tiefer Anteilnahme. Zachäus – oder hier Levi – sie sind krank in dem Sinne, dass sie einsam sind, dass keiner sich mit ihnen abgeben will, dass sie die Außenseiter der Gesellschaft sind. Sie werden, modern gesprochen, gemobbt. Gehen sie über den Marktplatz, wenden sich die Leute ab, schauen in die entgegengesetzte Richtung. Reden tun sie schon, aber eben nicht mit Levi und Zachäus, sondern über sie. Hinter vorgehaltener Hand: bereichern sollen die Zöllner sich, mit den Römern kollaborieren sie.
Die Erwartung der Leute, als Jesus die Bildfläche betritt, ist die, dass auch er die Sünder und Kollaborateure meidet und sie zumindest mit Blicken straft. Doch das gerade Gegenteil geschieht. Jesus ist eben nicht nur ein Arzt fürs Grobe; er sieht auch die kleinen Verletzungen, die Sticheleien hervorrufen. Er sieht eine kranke Seele, die in die Vereinsamung getrieben wird, ins dunkle Brüten und in ein trotziges Jetzt-erst-recht. Darum entschließt er sich zu einer besonderen Heilkur: er geht auf die Verachteten zu, redet mit ihnen, setzt sich zu ihnen an den Tisch. Keine Berührungsängste!
Und das Wunder geschieht: die Kranken genesen, der Verstockte taut auf, der Vereinsamte geht aus sich heraus. Zachäus möchte die ganze Welt umarmen, alles wieder gut machen. Levi wirft sogar alles hin und geht Jesus hinterher.
Die brauchen mich, will Jesus seinen Gegnern sagen. Die tun mir leid. Ich kann die nicht so lassen, dass sie meinen, das wäre es gewesen mit ihrem Leben, sie würden eben nie Freunde finden. – Dass die Gegner von Jesus im Umkehrschluss jedoch "gesund" sind, das allerdings will er nicht sagen. Er greift nur auf, wie diese sich selber sehen: "Wir sind in Ordnung; so wie wir es machen, ist es richtig." Aber diese "Gesunden" mit ihrem „gesunden“ Rechtsempfinden, ihrer "gesunden" Moral und ihrem "gesunden" Tugendleben sind doch ebenfalls krank in der Seele: ihre Krankheit heißt Heuchelei. Sie täuschen sich über sich selbst. Und Neid ist auch dabei, denn natürlich hätten sie’s am liebsten, wenn Jesus zuallererst zu ihnen gekommen wäre. Wenn er schon der Messias ist, dann soll er sich bitteschön bei ihnen zuerst anmelden. Aber Jesus muss diese Leute "kränken", in ihrer Eitelkeit kränken, damit sie überhaupt merken: dass sie auf dem Holzweg sind. Sie halten sich selbstgerecht selbst für gerecht, für Gott recht; in Wirklichkeit brauchen sie Gottes Barmherzigkeit genauso wie die Kranken und die Einsamen. Wer meint, er hätte Gottes Liebe nicht nötig, er müsse nicht "Hosianna" rufen, der täuscht sich über seinen eigenen Gesundheitszustand. Darum sollten auch wir immer daran denken: nicht dass Gott uns nötig hätte, aber dass wir ihn nötig haben.



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Die Gemeinde als neue Familie, Pfarrer Dr. Weiling

Die Gemeinde als neue Familie

"Blut ist dicker als Wasser", ist ein verbreitetes Sprichwort. Man kann sich auf Verwandtschaft mehr verlassen als auf die Mitgetauften, will es sagen. Und die menschliche Erfahrung scheint die Volksweisheit immer wieder auch zu stützen. Aber sie macht das andere, was Jesus sagt und vertritt, nicht unwahr. Nach dem Zeugnis des Evangeliums sagt er: "Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter" (Matthäus 12,50).
Für Jesus zählt die Willensgemeinschaft mehr als die Familienbande. Das war für seine Zeit ein starkes Stück! Denn Familie hatte in der damaligen Zeit, wo es soziale Sicherungen sonst nicht gab, einen nicht hinterfragten, nicht hinterfragbaren Stellenwert. Jesus aber sprengt die Familienbande. Der gelernte Zimmermann gibt den Beruf des Vaters dran und macht sich auf Wanderschaft. In Nazareth ist er nicht wohl gelitten. Von seinen leiblichen Brüdern und Schwestern distanziert er sich.
In der Vaterstadt, sagt er selbst, gilt der Prophet nichts. Neue Geschwister sucht er sich. Eine neue Familie entsteht aus den Schwestern und Brüdern, die den Willen jenes anderen Vaters tun, der im Himmel ist. Eine beeindruckende Gemeinschaft, in der brüderlich geteilt wird. Aber auch eine Gemeinschaft, die nicht frei ist von Eifersüchteleien, Rangfragen und gelegentlicher Untreue bis hin zu Verrat. Am Ende wird deutlich, dass auch die geistliche Familie ebenso wie die blutsmäßige eine menschliche Gemeinschaft ist, in der es eben wie bei allen menschlichen Gemeinschaften auch Schuld gibt und Tragödien vorkommen.
Auf Vergebung angewiesen ist auch die neue Familie Gottes. Sie teilt die menschliche Erbanlage der Erbsünde mit allen Menschen. Dafür zieht sie Grenzen nicht so eng. Die Verwandtschaft wird nämlich nicht durch die Gene festgelegt, sondern den Geist. Wo der gleiche Geist herrscht, da kann eine Familie heranwachsen, und wären es auch Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und unterschiedlicher Sprache. Interessant ist aber, dass es auch in der neuen Familie zwar keine Rangordnung gibt, aber offenbar doch Zuordnungen und Verantwortlichkeiten. Unter dem Kreuz wird dem Lieblingsjünger, vermutlich dem Jüngsten der Jünger, Maria als neue Mutter zugewiesen; und der Maria wird der junge Jünger als Sohn zugewiesen. (Übrigens macht die Episode deutlich, dass die leibliche Verwandtschaft und die geistige Verwandtschaft hin und wieder sogar übereinstimmen können.)
Auch wenn es keine leiblichen Kinder gibt, so gibt es anscheinend doch geistliche Kinder, für die eine besondere Verantwortung nötig ist; und ebenso sind nicht nur Gemeindeschwestern zu denken, sondern auch Gemeindemütter und Gemeindetanten und Gemeindeonkel (in den Begriffen Patentante und Patenonkel ist der Gedanke noch erkennbar). Unterschiedliche Altersklassen und Erfahrungen wirken sich in der Familie nicht zum Nachteil aus, sondern die Jungen helfen den Älteren fit zu bleiben, während die Älteren den Jüngeren ihren Erfahrungsschatz und den Schatz ihrer Geschichten voraus haben. Vielleicht sollten wir in unseren Gemeinden immer wieder versuchen, diesem Modell zu folgen, sehr bewusst aus den Nischen ausbrechen, die eine einseitige Zielgruppenorientierung forcieren könnte. Entscheidend wird bei allen Bemühungen um die Gemeinde als neue Familie aber immer sein, dass wir alle – groß und klein, alt oder jung – e i n e n himmlischen Vater über uns wissen und e i n e n himmlischen Bruder an unserer Seite, auf dessen Stimme (und Gebote) wir gemeinsam zu hören haben.



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Die Wurzel des Heils, Pfarrer Dr. Weiling

Die Wurzel des Heils

Zu Jakobs letzten Worten gehört der Ausruf: "HERR, ich warte auf dein Heil!" (1. Mose 49,18) Man hat das Bibelkapitel, in dem dieser Vers steht, den "Segen Jakobs" genannt, andere sprechen lieber von seinem "Testament". Tatsächlich haben wir eine Mischung aus Segen und Fluch vor uns, Gleichnissen und Parabeln, die in sehr bildhafter Form mit den Namen der Jakobssöhne Erinnerungen und Hoffnungen verbinden.
Lesen wir den Abschnitt als ganzen, dann sehen wir zwölf Stämme vor uns, die so verschieden voneinander sind, wie zwölf Söhne es sein können. Chagall hat sie später in seinen berühmten Jerusalemer Glasfenstern dargestellt. Ihre Temperamente sind sehr unterschiedlich, sie reichen von dem kriegerischen Benjamin zu dem nach Sicherheit strebenden Issachar, von dem moralisch ungefestigten Ruben zu dem selbstbeherrschten Josef, von der gewaltliebenden Natur eines Simeon und Levi zum dem ruhigen Urteil eines Juda.
Jakobs Leben war kein glückliches, und seine Enttäuschung über seine drei ältesten Söhne kann er nicht zurückhalten. Doch jetzt, wo der Tod nahe rückt, erscheint eine bessere Zukunft vor seinem inneren Auge. Diese Zukunft bindet sich an Juda und Josef, und diese beiden spricht Jakob auch direkt an, während er über die anderen nur redet, ohne sie anzusprechen.
Josef konnte sich stets der tiefen Zuneigung seines Vater sicher sein, dessen wohltuende Worte Lob und Segen aussprechen und eine zutreffende Zusammenfassung des Lebens seines berühmten Sohnes bilden. Eigentlich im Zentrum steht jedoch Juda. Durch ihn werden Gottes geheimnisvolle Pläne verwirklicht werden. Als Jakob sich Juda zuwendet, wendet er sich entschlossen der Zukunft zu. Hier schaut der greise Patriarch in prophetischem Sinn nach vorne, und im Licht der Geschichte erweist sich seine Prophetie sogar als bemerkenswert genau. Es war der Stamm Juda, der die Zerstörung und Deportation durch die Babylonier (587 v. Chr.) überlebte und der die Beständigkeit der Kinder Israels gewährleistete. Von Juda ist der Name des ganzen jüdischen Volkes abgeleitet. Und vielleicht waren die Worte, die jetzt die Mitte des vorliegenden Textes bilden, ursprünglich der Schlusssatz Jakobs und seine Zusammenfassung: "HERR, ich warte auf dein Heil!"
Wobei wir Christen dieses Heil nicht als einen bloßen Gedankenbegriff auffassen, sondern mit einem Namen verbinden. Er steckt freilich im hebräischen Urtext schon verborgen: "Li jeschuateka qiwiti adonai" – so etwa müsste man es aussprechen. Vielleicht hört man es dabei heraus: in dem Worte der Hebräer für "Heil" - "jeschua" - steckt der Namen "Jesus".
Er ist das "Heil", ein Heil freilich, wie unser Abschnitt deutlich macht, das von den Juden kommt. Die Evangelien tragen dem Rechnung, wenn sie Juda in die Ahnenreihe von Jesus stellen. Eigentlich unverständlich, dass es Zeiten gab in der Kirchengeschichte, in denen diese Verbundenheit von Jesus mit dem Judentum vergessen oder gar verdrängt werden konnte. So gewiss eine Pflanze elend verkümmert, wenn sie nicht auch in der Tiefe Wurzeln hat, so gewiss stirbt auch ein Christ geistlich ab oder nimmt eine ungesunde Entwicklung, wenn er seinen Wurzelgrund im Volk der Juden verleugnet.



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Konflikte gehören dazu, Pfarrer Dr. Weiling

Konflikte gehören dazu

Im Bereich der Ostkirche stoßen wir immer wieder auf Ikonen. Viele beschreiben Ereignisse oder Heilige, die im Neuen Testament gar nicht zu finden sind. Andere wirken vertraut, werfen aber doch ein anderes Licht auf die uns bekannten Geschichten. Eine solche bemerkenswerte Ikone zeigt Petrus und Paulus, in sehr inniger Umarmung und Eintracht, so als hätten sie sich ewig nicht gesehen und endlich wiedergefunden. Tatsächlich war zwischen Petrus und Paulus aber nicht immer die Harmonie zu spüren, die diese Ikone ausstrahlt. Einmal war Folgendes vorgefallen: Petrus, genauso Missionar und Prediger wie Paulus, kam nach Antiochien, eine der damaligen Großstädte. Und er ging zum Essen und setzte sich an einen Tisch mit den Heiden – im damaligen Judentum durfte man das jedoch nicht. Als kurz darauf noch einige Christen aus Jerusalem kamen, die die jüdischen Bestimmungen aber weiterhin befolgen wollten, dachte Petrus plötzlich bei sich: "Was werden die Freunde aus Jerusalem über mich sagen, wenn ich hier mit den Heiden esse? Nein, ich will es lieber bleiben lassen!" Petrus war schwach geworden, fand Paulus, und er nannte ihn öffentlich einen Heuchler.
Aber vielleicht hatte Petrus noch andere Beweggründe, vielleicht handelte er aus Verantwortung, um die Einheit mit den Christen in Jerusalem zu wahren. Paulus aber war prinzipiell: für einen Christen kommt es nicht infrage, noch an Reinheitsgesetzen oder anderen Vorschriften wie den Sabbatgeboten oder der Beschneidung festzuhalten. Bestehen kann man vor Gott nur durch den Glauben.
Der Zwischenfall in Antiochien zeigt, dass von Anfang an schon Konflikte zum Christentum dazugehörten. Hier freilich geht es nicht um Kleinlichkeiten, und es geht auch nicht um persönliche Eitelkeiten. Beide handeln aus ihrer christlichen Überzeugung – und kommen doch zu gegensätzlichem Verhalten in der konkreten Situation. Man hat das einmal den Aufeinanderprall von Verantwortungsethik und Gesinnungsethik genannt. Ethisch handeln beide! Was letztlich richtig ist, ist nicht so offensichtlich, wie es scheint.
Petrus geht den unteren Weg, um die alten Freunde nicht zu verprellen. Paulus steht dazu, dass er die Heiden gewinnen kann, ohne dass er erst Juden aus ihnen machen muss. Die Wege der beiden trennen sich für etliche Jahre. Erst am Ende begegnen sie sich wieder: und hier gehört unsere Ikone hin: sie zeigt, wie am Ende des Weges, in Rom, wo auf beide Verfolgung und Tod wartet, die Gräben überwunden sind. Denn es verbindet mehr als trennt: es verbindet die Feindschaft durch die Welt, die den neuen Glauben auslöschen will, und es verbindet die Hoffnung auf den einen Herrn, der ewiges Leben schenken kann dem, der ein reines Herz hat.
Vielleicht können uns Peter und Paul auch in unseren Gegensätzen und Konflikten helfen: auch unterschiedliche Entscheidungen können beide aus bestem Glauben kommen, sei es, dass der eine Rücksichten nehmen will auf das, was andere denken; sei es, dass der andere sich nicht verbiegen lassen will. Entscheidend wird sein, jede Haltung darauf zu prüfen, ob sie Jesus Christus gemäß ist.



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Moderne Glaubenszweifel in der Bibel

Moderne Glaubenszweifel in der Bibel

Das neunte Kapitel des Hiobbuches lässt uns einer längeren Rede Hiobs gewärtig werden. Bildad, der zweite der sogenannten Freunde Hiobs, hatte diesem gerade heftig Vorwürfe gemacht: Hiob jammere zu viel und erwecke den Eindruck, als ob Gott das Recht beuge. Sofern er nur geduldig auf Gott warte, werde der schon zu seinen Gunsten aktiv werden und sein Geschick wieder in Ordnung bringen.
Doch was hilft es dem Trauernden und Verzweifelten, wenn er hört, es werde später schon alles wieder gut werden? Gibt es einen Grund zu dieser Annahme?
In seiner Antwort stimmt Hiob dem Freunde zunächst zu: "Gott ist weise und mächtig; wem ist's je gelungen, der sich gegen ihn gestellt hat? (Hiob 9,4) Ein Mensch kann Gott gegenüber niemals im Recht sein. Wer könnte dem Allmächtigen trotzen? Wer sich ihm entgegen stellen? Doch über rhetorische Frage hinweg kommt Hiob zu einer ganz anderen Pointe: Gott ist immer im Recht, weil er die Macht hat, die Macht eben auch, eigenes Recht zu setzen.
Damit nimmt Hiob zwar die Erkenntnis des Freundes auf, dass Gott und Mensch unvergleichlich sind, aber er zieht andere Folgerungen daraus. Die Macht Gottes, so meint er, reicht über die menschlichen Begriffe von Recht und Gerechtigkeit hinaus. Seiner Gerechtigkeit ist nicht beizukommen mit dem menschlichen Verständnis von Gerechtigkeit. Daher wäre es absurd, Gott auf die Anklagebank zu setzen. Wenn Gott es will, dann ist es eben so, dass es den Anständigen nicht anders ergeht als den Verbrechern, Unschuldige zu Tode kommen und die Erde in der Hand der Frevler ist.
Die Folgerung daraus klingt gotteslästerlich: es scheint, als wolle Gott gar nicht das Gute, ja, als sei das himmlische Recht nichts anderes als die Willkür oder die Kraft des Stärkeren. Sehr moderne Glaubenszweifel mitten in einem alten Buch aus der Bibel: nachzulesen bei Hiob in den Kapiteln 9 und 10. Allerdings enthalten diese Kapitel weder den Schluss des Hiobbuches noch gar der ganzen Bibel. Die Klage Hiobs wird unvermittelt zum Gebet. Hiob wechselt den Ton: aus dem unfassbaren Schöpfer und Lenker der Schicksale wird ein "Du", das er anreden kann, wenn auch zuerst erschöpft und verbittert.
Der 1. Petrusbrief prägt für diesen Weg von der Anklage zum Gebet das Wort "Demut". Auch der Petrusbrief reflektiert die Erfahrung von Leid und Unrecht in der Welt. Gerade tobt eine schlimme Christenverfolgung in den jungen Gemeinden, viele bekommen "Hiobsbotschaften". Aber die Trauernden und Verzweifelten gehen doch jetzt von einer anderen Gewissheit aus als Hiob. Für sie ist Gott nicht mehr der, der das Glück des Stärkeren billigt oder gar bewirkt, sondern der sich auf die Seite der Schwachen und Leidenden schon gestellt hat. So lesen wir: "Alle miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade" (1.Petrus 5,5). Gott hat den von uns aus unüberbrückbaren Abstand zwischen sich selbst und den Menschen überwunden, und einen Schlichter, einen Mittler eingesetzt: seinen Sohn Jesus Christus. Er verbürgt, dass Gott nicht ein Gott der Macht ist, sondern sich selbst in die Menschenwelt einbringt, um Erlösung aus allem Unheil und Unrecht zu schaffen. Leid, Krankheit und Tod, auch die Unrechtserfahrungen in dieser Welt – sie drücken nicht aus, was Gott mit dem Menschen vorhat. Sondern Ostern ist das, was Gott vorhat: die Überwindung des Todes. Und die tröstliche Vision entfaltet sich einer neuen Welt, in der es kein Leid, kein Geschrei und keine Angst mehr geben wird, und auch keinen Triumph der Hochmütigen, der Brutalen und der Gnadenlosen, sondern der Demütigen, Entrechteten und Verfolgten.



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Gott zündet, Pfarrer Dr. Weiling

Gott zündet

Aus dem Glauben kommt die Erlösung, der Glaube aber aus dem Hören auf Gottes Wort. Soweit die Lehre der Reformation. Dass dieses Hören dann Glauben wirken kann, das macht nach Luther die Würde und Wichtigkeit der Heiligen Schrift aus, ihre Heilsbedeutung. Aber das das Hören Glauben wirkt, das ist dennoch nicht selbstverständlich und geschieht auch nicht automatisch.
Die Bibel selbst macht auf zwei Umstände aufmerksam, die beide dazu kommen müssen. Das eine ist die menschliche Seite: da geht es um die Möglichkeit, dass sich die Menschen verstocken. "Verstockt euer Herz nicht!" ist die Mahnung des Psalmbeters (Ps. 95,8). Denn wer verstockt ist, bei dem kommt nichts an. Vielleicht erreicht es noch die Ohren, nicht aber das Herz, es berührt nicht das Innere. Wer verstockt ist, lässt dem Glauben keine Chance, denn der Glaube ist ein Kommunikationsgeschehen. Wer nicht hinhören will, weil er von vornherein sagt, dass das nichts für ihn sei, dass es ihn nichts angehe, der macht es dem Wort schwer anzukommen. Doch wie geht das, dass man sich nicht verstockt? Dazu gehört eine Bereitschaft zuzuhören, dem Wort eine Chance zu geben; dazu gehört es auch, Verstehenshindernisse aus dem Wege zu räumen, die ganz unterschiedlicher Art sein können, nicht nur akustischer.
Aber offenbar ist alle diese Mühe des Menschen nur die eine Hilfe für das Wort, dass es ans Ziel kommt. Das andere muss hinzu kommen, und es wird in der Bibel als ein Werk Gottes angesehen: dazu heißt es in der Apostelgeschichte, dass der Heilige Geist auf die fallen muss, die dem Wort zuhören (Apg. 10,44). Dieser Hinweis auf den Heiligen Geist meint, dass da etwas im Menschen geschieht, was außerhalb dessen liegt, was der Mensch selbst willentlich bewirken kann. Der Mensch kann willentlich seine Ohren verstopfen und weghören, von anderen Dingen plappern und das Wichtigste überhören. Das liegt alles in der Machbarkeit des Menschen. Aber das aus dem Hinhören dann so etwas erwächst wie Gottvertrauen, dass einer sagt: Auf dieses Wort vertraue ich! Und genauer: Ja, ich baue darauf, dass Gott mich liebt und dass mit dem Tod diese Liebe nicht aufhört. – Dass einer so etwas sagen kann und es auch wirklich so meint und fühlt, dass ist mehr als nur ein Willensentscheid. Es ist das heilsame Wirken Gottes in uns, das wie ein warmes Gefühl empfunden werden kann. Ein Gefühl der Geborgenheit, ein Gefühl, dass die Ahnung in sich hat, von Gottes Hand getragen zu werden.
Also zwei Dinge zusammen sind wichtig zum Glauben: dass wir unserem Hören den Weg freimachen, aber es muss auch der Funke des Heiligen Geistes die Flamme der Liebe und des Vertrauens in uns entzünden, sonst ist alle Mühe umsonst. Mit anderen Worten: da gibt es so etwas wie einen Treibstoff für unsere Herzen, den zu tanken liegt auch an uns. Aber dass er auch zündet, das macht Gott. Wenn wir das aber spüren, dass er zündet, ist das nicht ein Gottesbeweis? Dass er da ist und in uns wirkt?



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Ausländer unter uns - Wie dem anderen zumute ist

Ausländer unter uns - Wie dem anderen zumute ist

Mitten unter verschiedensten gesetzlichen Bestimmungen finden wir in den Mosebüchern, im Buch Exodus, eine erste Fremdengesetzgebung: "Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid" (2. Mose 23,9). Noch ist Israel selbst fremd im fremden Land. Als unterdrückte, ausgebeutete Gastarbeiter sind sie aus Ägypten ausgezogen. Jetzt sind sie irgendwo in der Wüste. Dass sie selbst einmal sesshaft werden und dann ihrerseits Gastarbeiter haben werden, zeichnet sich allerdings in den Gesetzen und Geboten, die Mose und dem Volk gegeben werden, bereits ab. Die Begründung, Fremde nicht zu bedrücken, ist freilich eine eigene und ganz einzigartige. "Ihr wisst um der Fremdlinge Herz", übersetzt Luther. D. h. "ihr wisst, wie einem Fremden zumute ist."
Nur wer selbst unterdrückt wurde, weiß Bedrückung zu ächten. Nur wer selbst verfolgt wurde, weiß um die Not der Verfolgung. Und umgekehrt: nur wer Befreiung erlebt hat, weiß, was sie bedeutet.
Die Gastfreundlichkeit geht also weniger auf die möglichen Rechte zurück, die den Fremden zukommen sollen, sondern auf die Einfühlung in ihre Situation. Diese Einfühlung macht nicht blind: da wird man spüren, wo eine Mensch verzweckt, zu einer Sache gemacht wird, seiner Menschenwürde beraubt wird; man wird aber auch sehen, wo Ansprüche angemeldet werden, die nicht auf einen Schutz abzielen, sondern auf eine Privilegierung der Minderheit.
Wir erinnern uns: Es ging Israel, als es in Ägypten war, durchaus auch um die Freiheit der eigenen Religionsausübung, aber nicht darum, nun den Ägyptern ihre Religion aufzuzwingen.
Allerdings: Einen Fremden sollst du auch nicht mit Worten kränken (22,20), wie es wenige Verse vorher zu lesen ist. Einfühlung wird es auch immer um eine große Rücksichtnahme gehen gerade bei den sensiblen Themen.
"Ohne Murren" soll die Gastfreundschaft daher sein, wie der 1. Petrusbrief es wünscht (1. Petrus 4,9). Dabei ist hier nicht nur an die Fremdlinge gedacht, sondern auch an die Glaubensgeschwister, die sich von Ort zu Ort besuchen. Wenn es mit den Fremdlingen klappen soll, so ist zu folgern, sollte uns zunächst einmal dieses gelingen: Einfühlungsvermögen zu entwickeln auch für unsere nahen Glaubensgenossen.
Vielleicht sollten wir ab und an daher so beten: "Herr segne unser Reden und Tun, dass wir uns nicht gegenseitig bedrücken, auch nicht mit Worten. Lass uns auf Luthers Ratschlag hören, dass wir den anderen nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren. Amen."



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Beten - Damit die Kräfte reichen

Beten - Damit die Kräfte reichen

Einen Segenswunsch nicht an irgendwen, sondern von David an seinen Sohn Salomo, überliefert uns die Bibel im Buch der Chronik: "Gott der HERR wird die Hand nicht abziehen und dich nicht verlassen, bis du jedes Werk für den Dienst im Hause des HERRN vollendet hast" (1.Chronik 28,20). Es geht dabei insbesondere um das Haus des Herrn, den Tempel in Jerusalem. Wir erinnern uns: David selbst war der Bau des Tempels versagt worden. Ganz unterschiedliche Begründungen hatte man in der Bibel für diesen Umstand gefunden: die einen sahen darin eine Erinnerung an Gottes lebendiges Wesen, das in keinen Tempel eingesperrt werden konnte; die späteren Schreiber der Chronik gaben an, dass David als Kriegsmann viel Blut vergossen habe und darum seine Hände für den Bau des Tempels ungeeignet waren.
Salomo, sein Sohn, soll es nun aber richten. Sein Name bedeutet "Friede", er ist so etwas wie der "Friedefürst" des Alten Testaments, weil in seiner Zeit Israel tatsächlich Ruhe hatte und von den Mächten in Frieden gelassen wurde.
Es ist ein großartiger Segenswunsch, der diesem Friedensfürsten da mitgegeben wird! Er wird nicht nur den Grundstein legen, sondern auch noch Richtfest feiern, jedes Werk, das für den Gottesdienst gebraucht wird, vollendet sehen. Wie viele Planer und Förderer von Großbauten haben nie selbst die Erfüllung ihrer Pläne erlebt! Salomo aber ist es vergönnt.
Wir wünschen uns solchen Segen wohl manchmal auch: dass das Werk, an dem wir mitwirken, nicht ein Fragment bleibt, dass unsere Kräfte ausreichen und dass nicht andere kommen, die unsere Aufbauarbeit zerstören. Wir erleben ja in unserer Zeit, besonders im Raum der Kirche, dass uns ständig Hindernisse in den Weg gelegt werden. Manchmal sind wir uns vielleicht auch selbst im Wege.
Jedoch, wenn es nicht nur beim guten Willen bleibt, sondern tatsächlich auch einmal etwas gelingt, tatsächlich auch einmal etwas vollbracht wird, so sagt ein neutestamentliches Wort aus dem Philipperbrief dazu, dass wir das ruhig als ein Wirken Gottes sehen dürfen: "Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen! (Philipper 2,13) Gott ist nicht nur für die guten Wünsche zuständig, sondern auch für die Kraft des Vollbringens. Darum gehört es zu aller Geschäftigkeit, aller Bauaktivität, aber auch allen Bemühungen um das Gemeindewachstum, stets dazu, dass wir beten, dass er "seine Hand nicht abziehe und uns nicht verlasse". Denn wie König Salomo schließlich selbst feststellte: "Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen." (Ps 127,1)



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Der Sonntag: Atem holen und wieder echt werden,

Der Sonntag: Atem holen und wieder echt werden

Jeremia ist von Berufswegen Prophet. Und als solcher spricht er leidenschaftlich, ja derb von der Abgötterei seiner Landsleute: "Ich hatte dich gepflanzt als einen edlen Weinstock, ein ganz echtes Gewächs. Wie bist du mir denn geworden zu einem schlechten, wilden Weinstock?" (Jeremia 2,21) Das Bild von der Weinrebe, früher edel und echt, jetzt faul und welk, ist noch das harmloseste! Israel ist abtrünnig geworden – aus mangelnder Ehrfurcht vor Gott. Aber das Bild vom Weinstock trägt bereits gleichzeitig Urteil und Strafgericht in sich. Die Abkehr von Gott ist ein Loslösen aus dem Quellgrund. Auf dem fauligen Boden der Abgötterei und politischer Bündnisspiele, die auch von großer Gottvergessenheit zeugen, kann nichts Rechtes gedeihen. Israel geht zugrunde – zuerst spirituell, dann ganz und gar. Natürlich wünscht sich Jeremia Umkehr – dass Israel wieder wird, wozu Gott selbst es bestimmt hat: ein echtes Gewächs, genährt von dem lebendigen Wasser heiligen, göttlichen Geistes! Aber noch bereiten ihm die Landsleute Kummer. Ihr Wachstum geht in die falsche Richtung. Wer selbst einen Weinstock hat, weiß, wie die wilden Reben wuchern können. Das sieht vielleicht schön und grün aus, aber Trauben und Beeren – gute Früchte – finden sich kaum.
Viel Kummer macht dem Apostel Paulus viele Jahre später wiederum der Stand der galatischen Gemeinden: "Seid ihr so unverständig? Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren?" (Galater 3,3-4) Die Galater, wohl ein ursprünglich keltischer Volksstamm, entwickelten sich nicht vorwärts, sondern rückwärts, aus dem Evangelium heraus in das Gesetz hinein. Sie ließen sich durch falsche Lehrer einreden, dass die Versöhnung durch Christus allein noch nicht genügen würde vor Gott. Es müsse noch die Beschneidung stattfinden (mit anderen Worten: zu Christi Werk müsse Menschenwerk kommen). Das meint Paulus, wenn er die Galater "unverständig" nennt.
Rückwärtsbewegungen und Fehlentwicklungen gibt es aber nicht nur in Israel und in Galatien, sondern auch in heuten Tagen. Manche Menschen nehmen einen guten Anfang im Geiste Jesu, sind begeistert im wahrsten Sinne des Wortes, kommen aber durch bestimmte Charaktereigenschaften, die sie nicht los werden (wie z.B. ein eifriges Geltungsbewusstsein), durch das Schieben und Drängen anderer ("wir brauchen dich doch") oder aber durch die sie umgebende Betriebsamkeit ("da muss ich auch mitmachen!") in die berühmte Geschäftigkeit, bei der der heilige Geist weichen muss und ein Wachstum im Geiste unmöglich wird. Solche Leute stehen nicht mehr unter dem Geist, sondern sie gleichen einer Maschine: Ihre Umtriebigkeit beherrscht sie. – Dem Wirken des Geistes muss man aber Raum geben, und dazu muss man sich Ruhepausen gönnen. Die Sprachen der Bibel verwenden nicht umsonst das gleiche Wort "Atem" wie für "Geist". Wenn wir’s also nicht schaffen, auch einmal tief durchzuatmen, eine Pause zu machen, um wieder Luft zu holen, "Atem" zu schöpfen, dann ersticken wir in der Hetze und im Getriebe.
Das gilt so wie für einzelne auch für ganze Gemeinden. Stillstand ist nicht gut, aber Unrast und Überhastung auch nicht. Auf den richtigen Rhythmus kommt es an. Vielleicht ist er uns im Wechsel vom Sonntag zum Alltag und wieder zum Sonntag vorgezeichnet.
Von der Beschwerlichkeit und der Leichtigkeit des Christseins, Pfarrer Dr. Weiling
Die Jünger werden durch Jesus beauftragt, für eine Zeit in die Städte und Dörfer zu gehen, von Ort zu Ort. Nur leichtes Gepäck sollen sie dabei haben: "weder Wanderstab noch Tasche, weder Essen noch Geld, nicht einmal ein zweites Hemd." Alles ist auf Durchreise angelegt, nicht auf bleibendes Wohnen: "Wenn ihr in ein Haus kommt, dann bleibt dort, bis ihr weiterzieht."
Wir können uns gut vorstellen, dass diese Missionstätigkeit (denn wie sonst soll man sie nennen) weit beschwerlicher war, als es sich anhörte. Immerhin wird von Jesus selbst angedeutet, dass es auch Widerstand und Widerspruch geben könnte. Nicht überall wird man sie mit offenen Armen empfangen: "Seid ihr aber in einer Stadt nicht willkommen, dann geht fort und schüttelt den Staub von euren Füßen als Zeichen dafür, dass ihr die Stadt dem Urteil Gottes überlasst." Da schimmert viel Schweres zwischen den Worten durch: Feindschaft, Verurteilung und Gericht. Nein, die Jünger brechen nicht zu einem Vergnügungsspaziergang auf. Und wenn sie nach Ostern dann endgültig aufbrechen, über die heimatlichen Städte und Dörfer hinausgehen, wird es sogar noch ungemütlicher. Jedenfalls hören wir das bei dem Apostel Paulus, der mit seiner Predigt bei so manchen aneckte (2. Korinther 11,23ff.): "Ich bin oft in Todesnöten gewesen, bin fünfmal gegeißelt worden; dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem Meer. Ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch in Sorge für alle Gemeinden."
Wahrlich beschwerlich war es – das Jüngerdasein, aber wie sollte es auch leicht sein: wenn man in die Welt ausgesendet wird, so wie jener Jesus vom Vater ausgesandt wurde?! Dazu will das Bild von den "lieblichen Füßen" der "Freudenboten", wie wir es aus Jesaja 52, Vers 7 kennen, erst wenig passen: "Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!" Da steckt so viel Leichtes drin, Tänzelndes, ja Schwereloses!
Aber ist nicht gerade dies das Geheimnis unserer Religion, dass bei aller Härte der Umstände, den menschlichen und gesellschaftlichen Unbilden, doch der eigentliche Inhalt der Predigt und Missionsarbeit immer etwas wunderbar Erlösendes, Erleichterndes, Befreiendes ist? Wie hätte ein Paulus all die beschriebenen Mühen ertragen, wenn er nicht eine f r o h e Botschaft zu den Menschen gebracht hätte? Von Belebendem, Rettendem ist zu reden, zu sagen, ja zu singen: Dass Gott uns liebt, dass das Leben nicht vergeblich ist, dass einer mit uns ist auf allen Wegen – das ist "gute Nachricht", die man nicht für sich behalten kann. Es geht der Mund davon über, wovon das Herz voll ist (Lukas 6,45). Und es machen sich die Beine wie von selbst auf den Weg zu den anderen.
Freudenboten sind auch wir, weil wir Gutes bringen und Heil. Vielleicht ist davon in dem Singen unserer Chöre, aber auch in der Arbeit mit den Kindern am meisten zu spüren – wo der Jubel einerseits und die Fröhlichkeit andererseits ganz spontan dazu gehören und Ausdruck finden.



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Von der Beschwerlichkeit und der Leichtigkeit ...

Von der Beschwerlichkeit und der Leichtigkeit des Christseins

Die Jünger werden durch Jesus beauftragt, für eine Zeit in die Städte und Dörfer zu gehen, von Ort zu Ort. Nur leichtes Gepäck sollen sie dabei haben: "weder Wanderstab noch Tasche, weder Essen noch Geld, nicht einmal ein zweites Hemd." Alles ist auf Durchreise angelegt, nicht auf bleibendes Wohnen: "Wenn ihr in ein Haus kommt, dann bleibt dort, bis ihr weiterzieht."
Wir können uns gut vorstellen, dass diese Missionstätigkeit (denn wie sonst soll man sie nennen) weit beschwerlicher war, als es sich anhörte. Immerhin wird von Jesus selbst angedeutet, dass es auch Widerstand und Widerspruch geben könnte. Nicht überall wird man sie mit offenen Armen empfangen: "Seid ihr aber in einer Stadt nicht willkommen, dann geht fort und schüttelt den Staub von euren Füßen als Zeichen dafür, dass ihr die Stadt dem Urteil Gottes überlasst." Da schimmert viel Schweres zwischen den Worten durch: Feindschaft, Verurteilung und Gericht. Nein, die Jünger brechen nicht zu einem Vergnügungsspaziergang auf. Und wenn sie nach Ostern dann endgültig aufbrechen, über die heimatlichen Städte und Dörfer hinausgehen, wird es sogar noch ungemütlicher. Jedenfalls hören wir das bei dem Apostel Paulus, der mit seiner Predigt bei so manchen aneckte (2. Korinther 11,23ff.): "Ich bin oft in Todesnöten gewesen, bin fünfmal gegeißelt worden; dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem Meer. Ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch in Sorge für alle Gemeinden."
Wahrlich beschwerlich war es – das Jüngerdasein, aber wie sollte es auch leicht sein: wenn man in die Welt ausgesendet wird, so wie jener Jesus vom Vater ausgesandt wurde?! Dazu will das Bild von den "lieblichen Füßen" der "Freudenboten", wie wir es aus Jesaja 52, Vers 7 kennen, erst wenig passen: "Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!" Da steckt so viel Leichtes drin, Tänzelndes, ja Schwereloses!
Aber ist nicht gerade dies das Geheimnis unserer Religion, dass bei aller Härte der Umstände, den menschlichen und gesellschaftlichen Unbilden, doch der eigentliche Inhalt der Predigt und Missionsarbeit immer etwas wunderbar Erlösendes, Erleichterndes, Befreiendes ist? Wie hätte ein Paulus all die beschriebenen Mühen ertragen, wenn er nicht eine f r o h e Botschaft zu den Menschen gebracht hätte? Von Belebendem, Rettendem ist zu reden, zu sagen, ja zu singen: Dass Gott uns liebt, dass das Leben nicht vergeblich ist, dass einer mit uns ist auf allen Wegen – das ist "gute Nachricht", die man nicht für sich behalten kann. Es geht der Mund davon über, wovon das Herz voll ist (Lukas 6,45). Und es machen sich die Beine wie von selbst auf den Weg zu den anderen.
Freudenboten sind auch wir, weil wir Gutes bringen und Heil. Vielleicht ist davon in dem Singen unserer Chöre, aber auch in der Arbeit mit den Kindern am meisten zu spüren – wo der Jubel einerseits und die Fröhlichkeit andererseits ganz spontan dazu gehören und Ausdruck finden.



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Wozu Erwählung?, Pfarrer Dr. Weiling

Wozu Erwählung?

Der Erwählungsgedanken der Bibel ist theologisch sicher einer der schwierigsten Gedanken. Wie kommt Gott dazu, die einen zu erwählen und die anderen zu verwerfen? Trägt irgend etwas von menschlicher Seite aus dazu bei? Geht es um eine Ehre, die man sich verdienen kann? Fall ja, geriete die Vorstellung reiner, voraussetzungsloser Gnade in Gefahr.
Tatsächlich ist die Bibel unangenehm eindeutig: Gott erwählt, wen er will; und verwirft, wen er will. Er handelt souverän. Im Calvinismus hat man versucht, durch das Gedeihen und Wohlergehen eines Menschen darauf zu schließen, dass einer erwählt ist. Doch das vermengt sichtbaren Erfolg und unsichtbare Erwählung.
Vielleicht sollten wir bei der Erwählung auch gar nicht nach dem "Warum" fragen, sondern besser nach dem "Wozu". Das bringt uns auf die richtige Spur. Gott handelt souverän, so souverän, dass er krumme Linien gerade schreiben und leere Blätter füllen kann. Er erwählte Israel - aber eben nicht, weil es ein besonders großes oder mächtiges Volk gewesen wäre, sondern aus reiner Liebe, wie wir im 5. Mose, Kap. 7 nachlesen können: "Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat … Darum hat er euch herausgeführt und hat dich erlöst."
Ebenso später die Jünger. Jesus tritt an Unbekannte heran, einfache Männer vom See, Fischer, Handwerker, einige Zöllner, auch namenlose Frauen erwählt er in die Schar seiner Jünger. Nicht das "Warum" kann beantwortet werden, wohl aber das "Wozu": "dass ihr hingeht und Frucht bringt", sagt er (Johannes 15,16). Und zu Israel insgesamt: "Du sollst mein Knecht sein, also zu mir gehören und auf mein Wort hören!"
Vielleicht kann man daraus dann auch erst auf Erwählung schließen: sie ist nicht messbar an dem Ergehen oder Schicksal von Menschen, das sind irdische Bedingungen, zu denen häufig auch menschliches Übelwollen mit beiträgt. Wohl aber an den Früchten kann man’s erkennen: ob einer tatsächlich hingeht und Frucht bringt, oder ob er lieber die fruchtlose Diskussion liebt oder gar die zersetzende Polemik. Ob einer aufbaut und ermutigt, mitträgt und sich mitfreut, oder Neuansätze lieber im Keim erstickt. An den Früchten kann man’s erkennen: ob einer Gottes Knecht ist und ihm dienen will, oder Knecht der Eigenliebe, der sich selbst dienen will und auf Eigengeltung aus ist.
Nicht "warum" hat uns Gott erwählt, sondern "wozu" hat uns Gott erwählt? Wozu will er uns? Wozu braucht er uns? Das sollte selbstkritisch auch immer unsere Frage sein.



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