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Martin Luther 10 Thesen für das Jahr 2017

Martin Luher 10 Thesen für das Jahr 2017


10 Thesen Martin Luthers für das Jahr 2017

2017 feiert die Reformation in unserem Land ihren 500. Geburtstag. Aus diesem Anlass ist Martin Luther in aller Munde. Zeitschriften widmen ihm Artikel, das Fernsehen etliche Sonderbeiträge. In diesem Heftlein soll es darum gehen, was uns Martin Luther auch heute noch zu sagen hat. Dazu hätte man sicherlich wiederum 95 Thesen zusammenstellen können. Damit das Ganze nicht zu umfangreich wird, beschränken wir uns aber auf zehn Thesen. Gewiss bleibt da manches ausgespart. Etwa Aussagen, die einem durchaus noch mittelalterlichen Weltbild entsprechen. Und bewusst sind auch Sätze weggelassen, die einen anderen Luther zeigen, der für heute kein Vorbild sein kann: den durch Enttäuschungen und Krankheiten verhärmten Polemiker. Der Fokus soll eben auf dem liegen, was Luther auch unserer Zeit zu sagen hat - insbesondere "seiner" evangelischen Kirche. Ihn im 5. Jahrhundert nach seinem epochalen Aufbruch zu überhören, wäre töricht. Denn es hieße die eigenen Anfänge zu vergessen und die Chance zu einem Neuanfang im Sinne einer Neubesinnung auf das Wesentliche zu vergeben. Alle Zitate folgen – hin und wieder geringfügig gekürzt – der Ausgabe: Luther deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, Göttingen 1991.



I. "Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes."

500 Jahre Reformation! Was würde Luther heute sagen? Zehn Thesen aus seinen Schriften und Werken wollen zu Gehör kommen. Der erste Satz ist tatsächlich aus den 95 Thesen seines berühmten Thesenanschlags genommen. Er hat nichts von seiner Wichtigkeit verloren. Der wahre Schatz der Kirche ist nicht die Kirchensteuer, sind nicht die Kirchengebäude oder das kirchliche Vermögen. Der wahre Schatz ist das Evangelium, also die gute Nachricht von Jesus Christus und der Liebe Gottes. Wo das heute in Vergessenheit gerät, ist wieder auf Luther zu hören: "Die Kirche muss sich gründen auf einen starken, klaren Spruch der Schrift. Wenn sie den nicht hast, dann ist es nicht möglich, dass sie bestehen kann." So sagt er in einer Predigt. Dabei ist er nicht unkritisch bei seiner Bibelarbeit. Gegen einen törichten Buchstabenglauben bringt er den zentralen biblischen Maßstab ins Spiel, an den die biblischen Schriften selbst gemessen werden müssen: "Der rechte Prüfstein alle Bücher zu beurteilen ist aber, wenn man siehet, ob sie Christus treiben oder nicht." Es geht also nicht darum, mit Bibelzitaten zu kommen, sondern den Menschen von der Herrlichkeit und von der Gnade Gottes zu erzählen, die in Jesus Christus ein Teil unserer Wirklichkeit geworden sind. Das und nichts anderes ist der Sinn von Kirche.



II. "Weil ich den Glauben nicht ins Herz gießen kann, so kann und soll ich niemanden dazu zwingen oder dringen."

Die zweite These haben wir den Wittenberger Predigten des Reformators entnommen. Sie erinnert daran, dass mit Martin Luther auch die Geschichte der Glaubensfreiheit beginnt! Diese Glaubensfreiheit verdankt sich der Einsicht in das Wesen des Glaubens. Er ist ebenso wie die Liebe ein Gottesgeschenk und kann als solches nicht befohlen und kommandiert werden. Vertrauen kann man nicht machen. Es muss wachsen. Allerdings entsteht Glaube auch nicht von allein. Die gute Nachricht der Bibel, dass Gott uns liebt und in Jesus Christus zu uns gekommen ist, muss weitergesagt und gehört werden können. So gehört zur Religionsfreiheit stets auch die Freiheit der Religionsausübung, also der öffentlichen Verkündigung. Luther sagt pointiert: "Das Wort sollen wir predigen, aber die Folge soll allein in Gottes Gefallen liegen. Denn ich kann keinen zum Himmel treiben oder mit Knüppeln hineinprügeln." Mit dieser Einsicht endet das Mittelalter. Luther selbst zieht den Schluss-Strich: "Was sind wir für rasende Leute gewesen, als wir die Türken mit dem Schwert, die Ketzer mit dem Feuer und die Juden mit Töten zum Glauben zwingen wollten! Gerade so als ob wir die Leute wären, die über die Herzen und den Geist bestimmen könnten. Dabei halten wir die Menschen mit dem Morden doch gerade von Gottes Wort ab, so dass es nicht an ihnen wirken kann."



III. "Das Predigtamt ist nicht abzutun, sondern wieder in seinen rechten Stand zu bringen. Der Gottesdienst ist nicht aufzuheben, sondern wieder in rechten Schwang zu bringen."

Luthers Reformation zielt auf eine Erneuerung der Kirche, nicht auf eine Kirchenspaltung. Winkelmessen, Reliquienkult und Ablasshandel gilt es abzustellen. Gottes Wort und seine Verkündigung an das Volk sollen wieder in die Mitte gerückt werden. Das bringt der Satz aus der "Ordnung für den Gottesdienst" auf den Punkt. Luther beschreibt damit eine echte Lebensaufgabe, denn mit der Bekämpfung der Missstände zieht noch längst nicht neues gottesdienstliches Leben ein. Es bedarf dazu gut ausgebildeter Prediger und vor allem der Einführung der Muttersprache in den Gottesdienst. Die Gemeinde gilt es zu beteiligen und zu erreichen. Die Liturgie soll einfacher, einprägsamer und verständlicher werden. Heute ist Luthers These wieder erschreckend aktuell geworden. Die Gründe dafür sind allerdings in unserer Zeit zu suchen. Da ist zunächst die Individualisierung aller Lebensbereiche, auch der Religion: Traditionen werden nicht mehr gepflegt; Gottesdienstformen sind vielen nicht mehr vertraut. Gemeinde entsteht eher für Augenblicke, als auf Dauer. Wie also erreichen heutige Prediger die Gemeinde? Wohl kaum durch politische Plattitüden oder durch eine anbiedernde und gewollt saloppe Sprache. Das würde lächerlich wirken. Nur wenn die Liebe zu Gottes Wort der Verkündigung, den Gebeten und Liedern, aber auch dem Pfarrer oder der Pfarrerin selbst anzumerken ist, kann der Gottesdienst ein Segen sein. Dazu bedarf es allerdings der Unabhängigkeit des Predigtamtes. Dem aber macht ein weiteres Problem zu schaffen: die Allgegenwart wirtschaftlichen Denkens auch in der Kirche. So wird der Predigtdienst als ein "Kostenfaktor" behandelt, Pfarrstellen werden halbiert oder ganz wegreduziert und mit ihnen dann auch Gottesdienste. Nicht alles kann durch Kooperationen aufgefangen werden. Es droht eine Unterversorgung der Ortsgemeinden. Im gleichen Zuge nimmt der bürokratische Aufwand durch neue Gesetzesvorschriften und Verwaltungsmehraufwendungen zu. Werden wir unter diesen Umständen in Zukunft noch die Freiheit haben, Christus zu predigen und zu bekennen? Diese Frage stellen heißt zu bejahen, dass die Reformation weitergehen muss und weitergehen wird!


IV. "Der Glaube ohne die Liebe genügt nicht, ja ist kein Glaube, sondern ein Scheinglaube, wie ein Angesicht im Spiegel besehen nicht ein wahrhaftiges Angesicht ist, sondern nur ein Schein des Angesichts."

"Allein durch Glauben" (lat. "Sola fide") ist einer der Leitsprüche der Reformation. Gegner hielten Luther darum vor, ihm gehe es allein um eine gläubige Einstellung, die Moral sei ihm egal. Das vierte Thesenwort aus einer Wittenberger Predigt macht jedoch deutlich, dass Luther ebenso ein Fürsprecher der Liebe wie des Glaubens ist. Ein Glaube, der nicht auch in der Liebe spürbar ist, der ein kalter und liebloser Glaube ist - er ist nur der Schein eines Glaubens! Zwar ist es richtig, dass gute Werke - also auch Taten inniger Liebe - uns nicht erlösen können; menschliches Tun bleibt immer mit Mängeln behaftet. Aber wo der Glaube wirkt und Wurzeln geschlagen hat, da können und dürfen Werke der Liebe nicht ausbleiben. Sie sind die Früchte, an denen zu erkennen ist, wie es um unser Herz steht. Gottes Liebe kann man sich nicht verdienen, aber wenn Gott uns in seiner Liebe gefunden hat, sind wir gerufen, den Nächsten zu finden und unsererseits in Liebe zu begegnen. Gott ist die Liebe und das Evangelium seine Liebesgeschichte mit uns. Verbürgt durch Jesus Christus, durch den Gottes Liebe auf die Erde gekommen ist und sich für uns Menschen aufgeopfert hat. Wie entscheidend es ist, dass wir durch Martin Luther diesen Gott der Bibel wiederfinden, wird deutlich, wenn wir die vielen Angst erzeugenden Gottesbilder dagegen halten, die bis heute noch sehr gegenwärtig sind. Hassprediger sind geradezu angewiesen auf einen "Gott", der im Jenseits gewaltigen Lohn gibt - und gewaltige Strafen. Doch für einen Menschen der Reformation ist Gott keine unergründliche Schicksalsmacht, der man sich blind zu unterwerfen hat. Eine Aussage wie die folgende wäre etwa im Koran niemals zu finden: "Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel." (Predigt Luthers vom 15. März 1520)



V. "Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren."

Dieses Wort haben sicher noch Einige auswendig gelernt, denn es findet sich im "Kleinen Katechismus". Für Luther waren die 10 Gebote die wichtigsten Lebensregeln. Mit ihnen war menschliches Miteinander möglich. Ohne sie geriet alles in heillose Unordnung. Ganz vorne stehen drei Gebote, die unser Verhältnis zu Gott beschreiben. Wir sollen nicht Dinge oder Menschen vergöttern, keinen Missbrauch mit dem Namen Gottes treiben und regelmäßig Zeiten der Besinnung einhalten. Aus Ehrfurcht und Gottesliebe folgen die anderen Gebote wie von selbst, daher leitet Luther jede Erklärung mit den Worten "wir sollen Gott fürchten und lieben" ein. Wer Gott wahrhaftig liebt, wird seinen Mitmenschen nicht verachten können, der ja ebenso von Gott geschaffen ist. So sind die übrigen sieben Gebote weniger als Verbote, vielmehr als Anregungen zum guten Tun zu verstehen. Luther zeigt das bei seiner Erklärung zum achten Gebot besonders eindrücklich: Es geht nicht nur darum, den Nächsten nicht zu belügen oder hinters Licht zu führen, ihm mit einem Meineid zu schaden oder übler Nachrede auszusetzen - sondern es geht positiv darum, alles zum Besten zu kehren, also den Nächsten zu bestärken und zu fördern. Wo sich einer vor den anderen stellt, hat das Böse keine Chance. Das kann im Extremfall auch eine Notlüge bedeuten, wenn anders einem Schwächeren nicht zu helfen ist. Man merkt: Luther klebt nicht am Buchstaben der Gebote, ihm geht es um ihren wesentlichen Sinn.




VI. "Zwei Dinge sind zu unterscheiden: Das eine, das Nötigste, das so geschehen muss und nicht anders; das andere, das da frei ist und nicht notwendig, daran man sich ohne Gefahr des Glaubens halten kann oder nicht. Die Dinge, die nicht notwendig, sondern von Gott frei gelassen sind, die man halten mag oder nicht, sind frei und dürfen von niemand verboten werden; werden sie aber verboten, so ist es unrecht."

Etwas umständlich mag diese These erscheinen, die Luthers Wittenberger Predigten des Jahres 1522 entnommen ist. Sie enthält aber ein Grundprinzip der Reformation: Die Unterscheidung zwischen den Haupt- und den Nebensachen in Glaubensfragen. Am Evangelium der Liebe Gottes kann nicht herumgedeutelt werden ("Das Wort sie sollen lassen stahn'"). Und auch die Sakramente (Taufe und Abendmahl) können nur wirksam sein, wenn sie gehalten werden, wie Christus selbst sie gestiftet hat: So und nicht anders! Deshalb setzt Luthers Reformation hier an: Wort und Sakrament müssen wieder in Geltung gesetzt werden. Alles, was sie verdunkelt, gehört beseitigt. Aber auch umgekehrt: Stimmt es in den Kerndingen des Glaubens, so können andere Angelegenheiten großzügig gehandhabt werden. Selbst im religiösen Leben gibt es tausend Dinge, "die von Gott frei gelassen sind". Sie tangieren nicht den Glauben. Man kann sie daher ruhig so lassen, wie sie sind. Die Reformation Luthers kennt darum tatsächlich so etwas wie Toleranz, während radikale Reformatoren totalitär denken und alles ändern wollen. Männer wie Dr. Karlstadt (1480-1541) stürzen die Altäre, übertünchen die Bilder an den Kirchenwänden, zerbrechen die Statuen, verbrennen die liturgischen Bücher, stürmen die Klöster, zerreißen die bunten Gewänder der Geistlichen, verbieten die Kirchenmusik. Viel an wertvollem Kulturerbe geht dadurch für immer verloren. In Luthers Kirche aber dürfen Bilder sein, darf der Altar bunt geschmückt sein, dürfen Kirchenlieder gesungen werden. Auch das eheliche Leben der Geistlichen ist freigestellt: Luther hält den Zölibat für unnötig, will aber auch keinen Mönch zur Ehe zwingen. Und er warnt: Wer Dinge verbietet, die Gott nicht verboten hat, setzt sich selbst an Gottes Stelle! Mit dieser Haltung unterscheidet sich das Luthertum von allem Fanatismus in Glaubensfragen. Es mag nach außen eher konservativ wirken, aber lässt bewusst auch Brücken bestehen, auf denen sich die getrennten Konfessionen wieder begegnen können: Verschiedenheit ist möglich, solange man im Wesentlichen einig ist. Wie schön und wichtig wäre es, wenn auch in anderen Religionen diese Einsicht um sich greifen würde, dass kulturelle Vielfalt für den Glauben nicht bedrohlich ist und ihn ein Übereifer an Verboten viel eher gefährdet!




VII. "Es besteht und gilt keine Ordnung um ihrer selbst etwas: Die Ordnungen sollen zur Förderung des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zum Nachteil des Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr tun, so sind sie schon tot und abgetan und gelten nichts mehr."

Martin Luther gilt gemeinhin als ein Verfechter von Recht und Ordnung. Gegen den sogenannten "linken Flügel der Reformation" habe er auf die Fürsten gesetzt und die Unterordnung unter die Obrigkeit als eine Christenpflicht gepredigt. Tatsächlich ist für den Reformator ein Leben in Unordnung ein Gräuel. Chaos und Aufruhr widersprechen dem, was der Schöpfer und Bewahrer des Lebens von seinen Menschen will. Sie sind mithin ein Werk des Teufels. Dennoch zeigt die aus der "Deutschen Messe" von 1526 entnommene These, dass Martin Luther bei Weitem nicht so zwanghaft von den Ordnungen denkt, wie vielfach kolportiert wird. Keine Ordnung gilt um ihrer selbst etwas! Ordnungen sind nicht selbstzweckhaft, sondern machen Sinn nur, wenn sie der Förderung des Glaubens und der Liebe dienen. Was in der "Deutschen Messe" noch sehr auf die Ordnung des Gottesdienstes im engeren Sinne gemünzt ist, lässt sich unschwer übertragen. Alle gesetzlichen Verordnungen und Bestimmungen, insbesondere die der Kirche, sind zu hinterfragen, wenn sie dem Glauben und der Liebe eher schaden als nutzen. Wieder einmal erscheint mir der Reformator ein brandaktuelles Anliegen zu vertreten. Statt Zeit, Arbeit und Mühe in der Verbreitung der frohen Botschaft zu investieren, werden Gemeinden, kirchliche Einrichtungen und Werke mit immer wieder neuen Verwaltungsvorschriften, Sicherheitsverordnungen, Arbeitsrechtsregelungen, Satzungsfragen oder Haushaltsangelegenheiten aufgehalten. Überspitzt gefragt: Dient etwa das "Neue Kirchliche Finanzwesen" (NKF), welches alle kirchliche Handlungen kaufmännisch bilanzieren will und einen entsprechenden Aufwand verursacht, wirklich "zur Förderung des Glaubens und der Liebe"? Oder wird es nicht eher "zum Nachteil des Glaubens" ausschlagen, weil sich eben ein Choral oder ein seelsorgerliches Gespräch unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht rechnen? In einer Sache bin ich mir sicher: Martin Luther würde auch heute sein Wort machen - und vielleicht eben dieses dazu sagen: "Arbeiten soll man und ein jeder sich in seinem Beruf auf das fleißigste und emsigste halten. Das ist nicht verboten, sondern geboten. Aber dass man allein auf das Zeitliche, auf Taler und Gulden denken wollte, das sind die Dornen, die Gottes Wort im Herzen ersticken, dass es nicht über sie wachsen und Frucht bringen kann. Denn man denkt nicht dran und lässt sich an anderem mehr gelegen sein." (Hauspredigt Luthers von 1534)



VIII. "Menschen soll man nur glauben, wo sie nicht ihre Erdichtung oder Werk, sondern Gottes Wort oder Werk bezeugen und zeigen." "Wider das Gewissen etwas zu tun ist weder sicher noch heilsam."

Unsere achte These ist eine Zusammenstellung aus einer Predigt Martin Luthers gegen die Wiedertäufer und seiner Rede vor dem Reichstag in Worms. Mögen zwischen diesen Worte und uns auch rund 500 Jahre liegen, so sind sie gerade heute brennend aktuell: Wir leben in einer Zeit, in der Lügen für Fakten und Fakten für Lügen ausgegeben werden. Während ein Helmut Schmidt noch faktenorientierte Realpolitik betrieb, kennzeichnet einen Donald Trump die völlige Gleichgültigkeit gegenüber Wahrheitsgehalten. Als richtig gilt ihm nur noch das, was er selbst behauptet - auch wenn er einen Tag später das genaue Gegenteil von sich geben mag. Ob Brexit-Befürworter, Populisten vom rechten Rand oder Despoten wie Recep Tayyip Erdoğan - mit Falschmeldungen, Gerüchten und Halbwahrheiten werden die jeweiligen Anhänger auf Kurs gebracht. Martin Luthers Warnung vor Trug und Erdichtung der Menschen verdient darum noch heute uneingeschränkt Gehör. Man darf nicht alles glauben! Der Reformator weiß, wovon er redet. Er kennt die Gaunerei mit dem Ablasshandel, die Lügen der Großen, die aus sich selbst einen Abgott machen, aber auch die große Unwissenheit des einfachen Volkes. Er weiß ebenso, in welche Gefahr er persönlich sich begibt, wenn er gegen die Mächtigen seiner Zeit für die Wahrheit eintritt. Aber er traut sich! Sein Auftritt vor dem Reichstag in Worms ist epochal: Mit einem Satz beendet er das Mittelalter. Nicht länger gilt das Wort eines Papstes oder eines Kaisers, sondern das eigene Gewissen! Dass damit nicht subjektive Willkür gemeint sein kann, macht Luther freilich klar mit der Zufügung, dass sein Gewissen auch gebunden, nämlich "an das Wort Gottes gebunden" sei. Nur weil dadurch ein festes Fundament gegeben ist und Wahres und Falsches nicht der Beliebigkeit unterliegen, ist Luther überhaupt imstande, Meinungen zu widerstehen und Verantwortung zu übernehmen. Gegen Übelreden und Verleumden bleibt sein Geist ebenso immun wie gegen Schönfärberei und beschwörende Phrasen. Welch ein Vorbild auch für heute!



IX. "Der Welt ist alles um das Geld zu tun, als hinge Seele und Leib daran. Man verachtet Gott und den Nächsten und dient dem Mammon." "Darum ist in der Welt ein streng, hart weltlich Regiment not, das die Bösen zwinge und dringe, nicht zu nehmen noch zu rauben und wiederzugeben, was sie borgen, auf dass die Welt nicht wüst werde, der Frieden untergehe, und der Menschen Handel und Gemeinschaft ganz zunichte werde."

Erstaunlich aktuell wirken Luthers Worte gegen die Geldgier, die wir seinen Tischreden und der Schrift "Von Kaufshandlung und Wucher" (1524) entnommen haben. Dass die Menschen das Geld zu ihrem Gott machen und all ihr Vertrauen darauf setzen, ist in der heutigen Zeit noch auffälliger als vor 500 Jahren: Unsere Bankhäuser überragen die Kathedralen. Multinationale Konzerne suchen durch Eingliederung oder Verdrängung der Konkurrenz ihre Monopolstellung zu sichern. Die 85 reichsten Menschen der Welt besitzen zusammen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Geradezu prophetisch mahnte Luther: "Welche alle Ware unter ihren Händen haben und machen´s damit, wie sie wollen, so dass sie die Preise steigern oder erniedrigen nach ihrem Gefallen, drücken und verderben alle kleinen Kaufleute, gleichwie der Hecht die kleinen Fische im Wasser, gerade als wären sie Herren über Gottes Kreaturen und frei von allen Gesetzen des Glaubens und der Liebe." Es ist nicht zu übersehen: Wo immer Menschen der Selbstbereicherung den Vorrang geben vor dem Gemeinwohl, veröden einst blühende Landschaften und Staaten scheitern. Mit dem 7. Gebot würde Luther zum reformatorischen Protest dagegen aufrufen. Dabei würde er das Geld nicht abschaffen wollen. Wie alle irdischen Dinge kann es "in den Sachen helfen, wozu es geordnet und geschaffen ist". Wie sonst soll eine Mutter ihre Kinder versorgen, ein Arzt einen Kranken betreuen, ein Jurist bei einer Sache helfen? Weil Kaufen und Verkaufen notwendige Dinge sind, soll man sie christlich brauchen. Unrecht aber sind Wucherzinsen, Preisabsprachen und Manipulationen des Marktes. Wo es nur um immer weitere Vermehrung des Reichtums geht und die Schädigung des Nächsten dabei billigend in Kauf genommen wird, ist für Luther der Staat gefordert einzuschreiten: "Recht täte hier weltliche Obrigkeit, dass sie solchen alles nähme, was sie hätten, und triebe sie zum Lande hinaus." (Von Kaufshandlung und Wucher). Ganz unwillkürlich werden da manche an den aktuellen Dieselskandal denken und an Konzernchefs, die den Betrug am Kunden geradezu angeordnet haben. Allerdings ist sich der Reformator auch bewusst, dass Adel und Fürsten mit den Geldhäusern lieber gemeinsame Sache machen, um ihren "üppigen und hochmütigen Lebenswandel" zu bestreiten. Echte Christen sollten immer im Sinn haben, dass man Geld nicht essen und es nicht fröhlich machen kann. In einer Sommerpredigt mahnt Luther daher zu Dankbarkeit und Bescheidenheit: "Wer nun ein Christ ist, der lasse sich von Geiz und Sorge nicht überwältigen, sondern lerne Gott vertrauen. Er arbeite und lasse Gott sorgen. So gebe man Gott die Ehre, erkenne seinen Segen und danke ihm dafür."




X. "Weltliche Obrigkeit ist nicht von Gott eingesetzt, dass sie Frieden brechen und Kriege anfangen solle, sondern dazu, dass sie den Frieden handhabe und den Kriegern wehre!"

Mit der letzten These unserer Luther-Reihe - entnommen einer Schrift von 1526 - sind wir bei der Politik angekommen. Gerade auch hier hat der Reformator Weichen gestellt. Bis zu seiner Zeit herrscht ein furchtbares Ineinander und Durcheinander: Päpste und Bischöfe machen Politik, beherrschen weite Gebiete, führen Kriege. Könige und Kaiser wiederum verbrämen knallharte Machtinteressen mit religiösen Phrasen, mischen sich in Glaubensdinge ein, setzen Geistliche ein oder ab, führen Kreuzzüge und verfolgen Ketzer. Ein vergleichbar unseliger Mischmasch aus Religion und Politik durchwaltet bis heute die islamischen Länder. Die Reformation aber macht Schluss damit. Dank Luther haben wir in Deutschland eine Trennung von Religion und Politik, so dass sich beide auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren können. Er selbst redet von zwei Reichen: dem weltlichen, in dem es um den irdischen Frieden geht, und dem christlichen, in dem es um den Seelenfrieden geht. Dort hat Gewalt nichts zu suchen. So lehrt Luther bereits das Gewaltmonopol des Staates. Der Staat ist eine gute Anordnung Gottes und zu respektieren, da sinnvoll. Jedenfalls solange die Herrschenden nicht Mutwillen treiben, "kindisch und schläfrig" regieren, lügen und lästern, vom "Ehrgeiz" oder "Geldgeiz" zerfressen sind oder "rachgierig" zum Krieg hetzen. Denn Gott ist "denen feind, die Krieg anfangen und den Frieden brechen" (Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können, 1526). Insbesondere aber hat sich der Staat nicht in die religiöse Belange einzumischen: "Das weltliche Regiment hat Gesetze, die sich nicht weiter erstrecken als über Leib und Gut und was äußerlich auf Erden ist. Denn über die Seele kann und will Gott niemand regieren lassen als sich selbst allein. Deshalb: wo weltliche Gewalt zwingen will, so oder so zu glauben, da greift sie Gott in sein Regiment." (Von weltlicher Obrigkeit, 1523) Freilich hat der Staat auch da sein Recht, wo Religion selbst wiederum den öffentlichen Frieden stört, unduldsam, intolerant und fanatisch wird! Weil Luther die Menschheit ganz nüchtern betrachtet, ohne Naivität und Idealismus, ist der Staat für ihn schlicht notwendig, um die Bösen in ihre Schranken zu weisen. Von daher ergibt sich durchaus so etwas wie eine evangelische Politik: "Gottes Wort gebietet der Kirche, für die weltlichen Herrschaften zu sorgen und um Frieden und stilles Wesen auf Erden zu beten." (Sendbrief in der Wurzener Fehde, 1542 ) Die Kirche nimmt also die Bergpredigt und ihre Gebote für das, was zwischen Christen und Christen zu geschehen hat. Hier gilt Vergeben, Schonen, Lieben. Für die weltlichen Dinge aber macht sie sich stark für einen Staat, der durchaus auch mit Härte regieren kann, wenn es nötig ist. Dazu braucht es Minister, Beamte, Polizisten, die entschlossen und fähig sind, jedweden Terroristen und Fanatikern ihre Mittel und Waffen aus den Händen zu nehmen: "Wie die Geistlichen das Wort Gottes und die Sakramente in Händen haben – das ist ihr Werk und Amt – ebenso hat die weltliche Obrigkeit das Schwert und die Ruten in der Hand, die Bösen damit zu strafen und die Frommen zu schützen." (An den christlichen Adel deutscher Nation, 1520) Dass ein Staat innerlich umso stärker ist, je mehr er mit Vernunft (und mithin gemäß der Menschenrechte) regiert wird, das freilich blitzt bei Luther erst als eine Vorahnung auf. Hat aber ein Staatsmann völlig den Verstand verloren, so gehört er abgesetzt und in Sicherheitsverwahrung: "Wo aber ein Herr sich dünken lässt, er sei nicht um seiner Untertanen willen, sondern um seiner schönen gelben Haare willen Fürst, der ist ein Narr." (Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können, 1526)



© Dr. Christoph Weiling Der Autor ist Pfarrer in der Ev.-Luth. Emmaus-Kirchengemeinde Hagen



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