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Andacht 15.Sonntag nach Trinitatis 20.09. 2020

Predigt zur Einführung des neuen Presbyteriums (20. September 2020)
Pfarrer Dr. Christoph Weiling
 
Der Sonntag „Judica“ am 29. März 2020 war landeskirchenweit als Tag der Einführung der neuen Presbyterien vorgesehen. Und auch wir hatten bereits alles für dieses Datum vorbereitet und verabredet. Dann kam ein winzig kleines Virus dazwischen und hob die Welt aus den Angeln. Von Normalität sind wir auch jetzt noch weit entfernt; aber immerhin sind Gottesdienste wieder möglich und auch Sondergottesdienste wie die Einführung des Presbyteriums. Als Predigttext möchte ich zurückgreifen auf den Text vom März, weil er mir für den besonderen Anlass programmatischer erscheint als der eigentlich jetzt vorgesehene Text. Ich lese im Hebräerbrief im Kapitel 13 die Verse 12-14:
12 Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut,
gelitten draußen vor dem Tor.
13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager
und seine Schmach tragen.
14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.
 
Drei Sätze nur: Schilderung des Sachverhalts, Folgerung, Begründung.
Schilderung des Sachverhalts: Jesus ist außerhalb des Lagers gestorben, draußen vor dem Tor. Das ist zunächst historisch zu verstehen: Golgotha lag zur Römerzeit noch vor den Stadttoren Jerusalems, außerhalb der Stadt also. Die Grabeskirche, die zahllose christliche Pilger aufsuchen, hat man über einem ehemaligen Steinbruch errichtet. Ein Steinblock, der stehen geblieben war, hatte die Form eines Schädels. Und da der Schädel in der damaligen Volkssprache gulgalta (גּוּלְגַּלְתָּא‎) hieß, blieb der Name haften. Sicher ganz bewusst haben die Römer dann den offen gelassenen Steinbruch als Hinrichtungsstätte ausgewählt. Im Johannes-Evangelium lesen wir: „Und Jesus ging hinaus zum Ort, der Ort des Schädels genannt wurde, was auf hebräisch Golgotha genannt wird.“
Für die Römer war es wichtig, für öffentliche Kreuzigungen einen Ort außerhalb der Stadt, aber in Stadtnähe zu haben, einen Ort, den viele Menschen passierten. Das war zynisches Kalkül. Es ging ihnen um Abschreckung.
Doch schwingt in der Redewendung „draußen vor dem Tor“ noch mehr mit. Wahrscheinlich werden einige an das bekannte Borchert-Drama „Draußen vor der Tür“ denken. Die Menschen draußen sind die Ausgeschlossenen, jene, die man am liebsten verdrängt, mit denen man nichts zu tun haben will.
Jesus selbst hatte bereits gleichnishaft von einem Weinberg erzählt, den böse Winzer besetzt hatten; und als eines Tages der Sohn des Weinbergbesitzers kam, da verschworen sie sich gegen ihn und stießen den Erben zum Weinberg hinaus. Ausgeschlossen, aus dem Gemeinwesen entfernt, aller Rechte verlustig. So ergeht es dem, der draußen vor dem Tor stirbt.
Für den Hebräerbrief ist es allerdings kein sinnloser Tod. Von dem Sterben sieht er vielmehr eine heilende, eine heiligende Kraft ausgehen. Der Kreuzestod ist ein Versöhnungsgeschehen. Nach dem Beispiel des alttestamtlichen Versöhnungstages wird durch ein besonderes Opfer Sünde und Schuld völlig beseitigt. Dabei wird das alttestamentliche Vorbild weit übertroffen: Denn die Vergebung der Sünden reicht länger als nur ein Jahr in der Zeit. Und das Opfer Jesu hebt alle anderen Opfer auf. Es ist ein für allemal und für alle gültig.
Es bliebe aber an sich ebenso nutzlos wie jedes frühere Opfer, wenn es nicht von Reue begleitet würde. Reue erweist sich darin, dass man in sich geht, um Verzeihung bittet und alle Eitelkeit ablegt.
Für den Hebräerbrief gehört auch ein Ortswechsel dazu: „Lasst uns nun zu ihm hinausgehen!“ Das schreibt einer, der der Gemeinde einschärft, dass sie dahin gehört, wo auch der Anfänger und Vollender ihres Glaubens lebte und litt. Die Gemeinde gehört dahin, wo sie die Schmach Christi tragen muss. Sie gehört nach „draußen“ – sie soll „hinausgehen“.
Schon zwei Kapitel vorher war im gleichen Hebräerbrief von Mose gesagt worden, dass er die Schmach den Schätzen Ägyptens vorgezogen habe. Sein Glaube habe bereits einen anderen, höheren Lohn vor Augen gehabt als alle materiellen Reichtümer. Bei der „Schmach“ handelt sich offenbar um Schmähungen, Beschimpfungen, Vorwürfe, die Mose wie Christus trugen und die ebenso wie die beiden nun die Gemeinde tragen soll. Wir dürfen nicht vergessen: Der Hebräerbrief ist mitten in einer Verfolgungssituation geschrieben. Doch auch für die Gemeinde gilt: Die Schmähenden werden nicht das letzte Wort haben!
Darum nur Mut! Mut, sich nach draußen zu begeben. Mut zum Perspektiv-Wechsel. Der Weg nach draußen wird nun aber auch damit begründet, dass wir hier ohnehin „keine bleibende Stadt“ haben. Das wandernde Gottesvolk kann auf dieser Erde nicht für die Ewigkeit bauen.
Das ist – auch wenn es nicht so klingt – ein starkes politisches Statement: Denn diese Worte stehen im klarsten Gegensatz zum Anspruch des „ewigen Roms“. Nein, es gibt hier auf Erden keine ewige Stadt! Es gibt hier auch keine Statthalter und Stellvertreter Gottes. Nicht einmal einen Trump Forever wird es geben – Gottseidank!
Mit einem religiös verbrämten Weltreich, einem 1000jährigen Reich haben Christen nichts zu schaffen. Vielmehr: Weil sie Gottes kommender Stadt zugehören, biedern sie sich nicht irgendwelchen Machthabern an, sondern richten ihre Erwartungen ganz weg von allen menschlichen Ideologien.
In unseren Gedanken sollen wir bei Jesus sein! Wir sollen uns unter das Kreuz stellen, nicht unter den Lorbeerkranz des Kaisers. Sollen zu dem stehen, der uns heiligt, nicht zu dem, der sich mit Scheinheiligkeit umgibt oder sich selbst beweihräuchert. Wir gehören nicht zu denen, die vollmundig Frieden versprechen, sondern zu dem einen, der Frieden bringt und das Kind Gottes ist. Wir fragen darum auch nicht nach Rang und Ehre, nach vorderen Plätzen oder wer die Ersten und die Letzten sind. Sondern wir wissen uns alle gleich vor dem Kreuz: alle gleich bedürftig und alle gleich begnadigt und alle gleich begnadet.
Leitungsämter in der christlichen Kirche gibt es daher nicht, weil einige besser wären als andere, sondern weil das, was prinzipiell allen gegeben ist, nicht von allen gleichzeitig ausgeübt werden kann. Theoretisch könnte jeder Presbyter werden, jeder auch Pfarrer oder Pfarrerin – aber es wäre ein vollkommenes Durcheinander, wenn die Gemeinde diese Ämter nicht auf besondere, von ihr berufene Personen übertrüge!
Zurück zum Text: Auch wenn wir in unserer jeweiligen Stadt bleiben und nicht etwa aufgefordert werden auszuwandern, so sollen wir uns trotzdem als Pilger sehen. Der Taufschein ist gleichsam unser Visum für Gottes neue Welt, unsere Einreiseerlaubnis. Darauf dürfen wir uns schon einmal freuen: dass unsere Reise weitergeht und wirklich über alle Grenzen hinausgeht.
Gewiss: Der Hebräerbrief ist keine leichte Kost. Es ist ein hochtheologisches Schreiben. Aber er hilft uns gut, uns als Christen und Christinnen in dieser Welt zu verorten: Wo gehören wir hin? Was ist unser Platz in dieser Welt?
Dass wir hier in dieser Welt noch nicht ganz zuhause sind, noch nicht ganz am Ziel sind, das wird in den meisten Predigten selten thematisiert. Viel Kritik ist in den letzten Jahrhunderten gegen den Jenseitsglauben laut geworden: Die Aussicht auf eine himmlische Heimat sei bloß billige Vertröstung. Sie diene nur dazu, es in diesem Jammertal auszuhalten und die Zustände nicht anzutasten.
Aber spätestens seit Dietrich Bonhoeffer wissen wir, dass für die christliche Existenz eine doppelte Bestimmung zutreffend ist: Widerstand und Ergebung, Ergebung und Widerstand. Wenn ich von einer Welt weiß, in der es kein Leid mehr gibt und Frieden herrscht, dann weiß ich auch, dass dies Gottes eigentlicher Wille für alle Welt ist und dass Hunger, Seuchen und Krieg nicht sein Wille sind.
Ich möchte daher den Satz von der kommenden Stadt so ergänzen, dass wir aufgefordert sind, bereits in der bestehenden Stadt das Licht der kommenden aufleuchten zu lassen. Oder mit einer anderen Bibelstelle gesprochen: „Suchet der Stadt Bestes!“ (Jeremia 29,7 – Monatsspruch übrigens bald für den Oktober)
Wenn die Hoffnung auf eine bessere Welt dafür herhalten muss, sich fromm für Untätigkeit zu entschuldigen, dann stimmt etwas mit dieser Hoffnung nicht und auch nicht mit dem Gottesbild, das dahinter steht.
Dennoch bleibt angesichts von Tod und Sterben die Aussage unverzichtbar, dass es in Gottes Haus noch „viele Wohnungen“ gibt (Johannes 14,2). Das ist zentral damit begründet, dass der leidende Jesus nicht nur vor den Toren Jerusalems starb, sondern eben auch durch kein Grab im Hier und Jetzt festgehalten werden konnte. Im Horizont des Osterglaubens sind Geduld und Engagement nicht sinnlos. Sondern gerade so macht alles erst überhaupt Sinn! Was im Sinne Gottes getan wird, kann nicht umsonst sein.
Aber noch einmal zu den Begriffen „drinnen“ und „draußen“: Wir Christen reden wahrscheinlich gar nicht so selten von „drinnen“ und „draußen“. Manche Predigt wendet sich an die Kerngemeinde hier „drinnen“ und wettert gegen die Ungläubigen da „draußen“, die nicht oder die nur selten kommen. In fromm-evangelikalen Kreisen gehört das zum festen Programm. Die streng Bekehrten sehen sich als innerer Zirkel. Die „draußen“ sind hier ein noch weit größerer Kreis.
Aber auch in unseren volkskirchlichen Gemeinden bleibt man gerne unter sich. Man fühlt sich wohl im Kreis derer, die man schon länger kennt und hat da über die Jahre auch Vertrauen aufgebaut. Das ist gar nicht schlecht und gar nicht schlimm, sondern auch schön. Aber trotzdem: Der Hebräerbrief bricht diese Perspektive auf und stellt den behaglichen Standpunkt infrage. Das Bleiben bei dem „Drinnen“, also die Position nicht draußen vor der Tür, sondern in der warmen Stube, es mag eben die Position nicht unter dem Kreuz sein. Ja, es mag sein, dass wir gerade dann, wenn wir meinen, wir würden Christus besonders nahe sein, uns von ihm entfernen.
In einer seiner letzten, vielleicht wichtigsten Rede hat Jesus davon gesprochen, wo mit seiner Gegenwart zu rechnen ist: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin unbekleidet gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ (Matthäus Kap. 25) - Wohin also gehört die Gemeinde? Wenn sie zu Christus gehört, dann offensichtlich ist sie nach „draußen“ gerufen an die Seite der Leidenden, der Kranken, der Gefangenen, der Flüchtlinge. Weil unter ihnen womöglich Christus selbst zugegen ist.
Das hört sich nicht bequem an, sondern unbequem. Das wird nicht viel Ehre eintragen, manchmal eher Schimpf und Schmach. Aber das ist unser Ort! Das ist, wofür auch das Herz von Presbyterinnen und Presbytern schlagen soll: Wir sind nicht nur zu der Kerngemeinde gesandt, die sich hier Sonntag für Sonntag trifft, sondern sind auch für die da „draußen“ bestimmt. Das große Relief auf der Außenseite dieser Kirche zum Kindergarten hin erinnert übrigens daran und mahnt damit vor allzu engem Kirchturmdenken.
Aber man darf andererseits das eine nicht gegen das andere ausspielen: Auch die Treuen, die sich hier Woche um Woche versammeln, sind selbstverständlich Kirche Christi. Und wie es heilsam ist, nicht zu vergessen, dass wir Christus auch da draußen finden können, so tut es ebenso gut zu wissen, dass er gleichzeitig hier mitten unter uns ist. Denn der gleiche Christus, der uns nach draußen zu den Bedürftigen weist, sagt ja auch: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20)
Nein, wir haben hier keine bleibende Stadt. Und auch unsere Kirchen werden nicht ewig bleiben – aber einige Jahre werden sie doch noch unsere vorübergehende Heimat darstellen. Wir wollen uns in ihnen so einrichten, dass sie uns als Oasen unserer Seelen dienen können – wir wollen es uns aber nicht so gemütlich machen, dass wir die „draußen vor der Tür“ vergessen. Christus ist hier – im Segen, im Abendmahl (hoffentlich bald wieder), in der Taufe, im Wort der Schrift – aber da draußen ist er auch. Und diese Wahrheit dürfen wir niemals aus den Augen verlieren.
Amen.
 



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