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Andacht 18. Sonntag nach Trinitatis 11.10.2020

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis (11. Oktober 2020)
Pfarrer Dr. Christoph Weiling

Heute lesen wir einen Predigttext, der bisher noch nicht gepredigt worden ist; er steht im 5. Buch Mose Kap. 30, Verse 11-14:
11 Und Mose rief ganz Israel zusammen und sprach zu ihnen: Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern.
12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun?
13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun?
14 Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

Liebe Gemeinde,
die Mosebücher erzählen die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, wo sie als Sklaven hatten schuften müssen. Weiter erzählen sie von den Konflikten und Irrwegen auf dem langen Weg durch die Wüste. Nach vielen Jahren steht das Volk an der Schwelle zum gelobten Land. Man kann schon hinüber schauen. Die Zeit in der Wüste hat bald ein Ende. Darum hält Mose jetzt seine Abschiedsrede an das Volk. Sie ist der Inhalt des 5. Buch Mose. Die wichtigsten Erfahrungen, Gesetze und Gebote fasst Mose für alle noch einmal zusammen. Und er ermahnt das Volk, das er bis hierher geführt hat, Gott treu zu bleiben. Die wichtigsten Sätze werden heute noch als Glaubensbekenntnis in Israel gebetet: "Höre Israel: der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."
Mose fordert auf, diese Worte aufzuschreiben. Sie sollen an die Pfosten der Zelte befestigt werden, außerdem auf Lederstreifen geschrieben - zu Zeiten des Gebets - an Stirn und Hand gebunden werden. Damit wird sinnbildlich klar: Gott legt den Menschen seine Weisungen ans Herz. Sie sind nicht für Protokollbücher gedacht, in die niemand mehr hineinschaut. Sie sind nicht fürs Archiv bestimmt, auch nicht besonders Eingeweihten vorbehalten - sondern es sind Weisungen für alle und jeden. Weisungen, die unmittelbar gelten.
Im Mittelpunkt steht die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Alles andere folgt daraus. Mose erinnert an die 10 Gebote, die dazu verhelfen wollen, dass alle in Frieden beieinander wohnen. Dazu kommen weitere Gebote, die die 10 Gebote nicht nur ausführen, sondern auch ihre Anwendung erleichtern. Menschen können sich eher in gleicher Weise an die Gebote halten, wenn die Ungleichheiten ihrer Lebensumstände ausgeglichen werden. Darum sollen Schulden erlassen werden, es soll kein Zinswucher getrieben werden, Bedürftige sollen versorgt, Sklaven in die Freiheit entlassen werden. Richter sollen unbestechlich sein - unparteiisch und gerecht. Jeder soll nur für seine eigene Schuld belangt werden - es gibt keine Sippenhaftung.
Jetzt - gegen Schluss seiner Rede - unterstreicht Mose, dass all diese Weisungen keineswegs ein geheimes, nur wenigen Auserwählten zugängliches Wissen sind. Gottes Gebote gehören dem ganzen Volk - ihre Umsetzung liegt folglich auch in der Verantwortung jedes Einzelnen. Zugleich aber sind die Gebote der Kern der Religion Israels - nirgends sonst kann der Mensch Gott so nahe sein. Mag alle menschliche Erkenntnis begrenzt bleiben, weil der Ewige größer ist als Himmel und Erde; so gilt dies nicht für seinen Willen. Der ist erkennbar - und weder hoch noch fern.
Das ist eine einzigartige und neue Gewissheit, epochal und der eigenen Zeit weit voraus. In Ägypten, von wo sie aufgebrochen waren, ist die Religion eine Geheimwissenschaft. Eine uralte Priesterschaft hütet das Wissen um die Kraft der Sonne, das Nilhochwasser, die Zeiten der Aussaat und Ernte, die Gestirne und das Jenseits. Für jede Angelegenheit gibt es spezielle Gottheiten, die anzurufen sind. Als Mittler zwischen den Menschen und diesen Göttern verschaffen sich die Priester Vermögen und gesellschaftliches Ansehen.
Auch im alten Griechenland gibt es eine privilegierte Priesterschaft: Im Orakel von Delphi empfängt eine Priesterin geheimnisvolle Rätselworte, die von Oberpriestern interpretiert werden müssen. In anderen Religionen sind anstrengende Reisen zu entlegenen Schreinen nötig, weil man meint, nur so die Aufmerksamkeit bestimmter Götter zu erlangen.
Ganz anders in Israel: hier müssen keine Meeres- und Himmelsgötter angerufen werden, hier muss man weder zu einem Bergtempel hinaufsteigen, noch in eine dunkle Meereshöhle hinab. Sondern - wie Mose sagt - Gottes Wort ist sehr nahe, "in deinem Mund und in deinem Herzen, dass du es tust". Da ist niemand ausgeschlossen. Es braucht keine Elite, die man für Entscheidungen befragen muss. Es ist aber auch niemand ausgenommen, so dass Gottes Weisungen für ihn ohne Belang wären. Es handelt sich also um die erste allgemeine und gleiche Gesetzgebung!
Worte, die sich an jeden Menschen wenden und die universell gelten, nennen wir auch "Menschenrechte". Wir verbinden sie mit dem Zeitalter der Aufklärung, der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 oder der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Aber das alles ist hier schon greifbar - dreitausend Jahre zuvor, an der Schwelle zum gelobten Land. Gott gebietet das Recht auf Leben, auf Freiheit, auf Eigentum und Sicherheit der Person, den Anspruch auf ein faires und unabhängiges Gericht, den Schutz der Familie. Niemand ist von Natur aus Sklave und keiner rechtlos.
Diese fundamentalen Wahrheiten muss man nicht vom Himmel herabholen oder aus den Tiefen des Meeres herausfischen - sie sind uns bekannt, wir haben sie im Herzen. Allerdings nicht im Sinne von Gefühlen und Wünschen, sondern im Sinne eines moralischen Gesetzes, das in unserer Vernunft angelegt ist. Die Vernunft kann nur wollen, was allgemeines Gesetz werden kann. Immanuel Kant, der berühmte Königsberger Philosoph, spricht vom "moralischen Gesetz in mir", das nicht in Dunkelheiten verhüllt sei, nicht zufällig und nicht willkürlich in Geltung stehe, sondern unbedingt gelte und mit dem Verstande spürbar sei. "Du hast den Begriff davon im Herzen", sagt Mose, weil für den alttestamentlichen Menschen das "Herz" sinnbildlich für das Zentrum des Denkens steht.
Jede Generation steht neu vor der Frage, wie es weitergehen, was gelten oder was verändert werden soll. Die Frage: "Was sollen wir tun?" ist die grundlegende Frage auch heute. Die Corona-Pandemie zwingt uns diese Frage auf - und Antworten, die weiterhelfen, werden wir nur erhalten, wenn wir nicht gefühlig, sondern mit nüchternem Verstand an die Probleme herangehen.
Neu regt sich engstirniger Nationalismus, neu mancherorts gar blinder Rassismus. Wenn Gottes Gebote so klar sind, wie kann dann dieser Unsinn gelten? Und wie könnte ein gutes Gespräch aussehen mit Menschen, die dafür anfällig sind? Wie kann man jungen Menschen den Schlüssel dafür an die Hand geben, die ewigen Weisungen Gottes aus sich selbst herauszuhören? Wie kann man ihnen helfen, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden? Wie können wir erreichen, dass sie Gottes Gebote als hilfreich für ihr Leben und unser aller Leben wahrnehmen?
Vielleicht, indem wir wie Mose mit Nachdruck darauf hinweisen, dass wir nicht in den Himmel steigen müssen, um das Böse vom Guten unterscheiden zu können. Gottes Wahrheiten sind auch nicht zwischen zwei Buchdeckeln in einem uralten Buch verschlossen. Nein, wir haben sie alle im Herzen! Sie sind uns nahe, wir können sie hören. Als Stimme der Vernunft, als Stimme der Pflicht oder als Stimme des Gewissens. Dazu müssen wir allerdings eine andere Stimme leiser stellen, nämlich die Stimme der Selbstsucht, die Stimme der Arroganz, die Stimme der Eitelkeit, die Stimme der Gier. Wir erinnern uns: Mose hat das Goldene Kalb, das ja bis heute ein sprechendes Symbol für die Bindung an das Böse ist, einschmelzen müssen. Man muss also erst alles ausschalten, was mit großen, aber falschen Versprechungen daher kommt; sonst wird man Gott und die wahre Freiheit nicht finden können.
Angesichts dessen, dass das durch die Wüste irrende Volk an der Schwelle des gelobten Landes – damit aber auch einer ungewissen Zukunft – steht, klingen die Worte des Mose auch tröstlich. Und es ist ja ein Trost ebenso für uns: Was wichtig und lebensförderlich ist, ist nicht fern und nicht schwer zu erreichen. Es ist nahe bei uns, in uns, in Mund und Herz. Du hast es schon gehört, hast es im Gewissen; es ist in deinem Herzen vernehmbar. Du musst es jetzt nur noch beherzigen, es tun lassen, was es tun möchte, dich ihm zur Verfügung stellen.
Wie machen wir das heute? Taufe, Früherziehung schon im Kindergarten, Religions- und Konfirmandenunterricht sind das, was wir als einzelne Kirchengemeinde dazu beitragen können. Aber auch jede ehrlich geführte Diskussion und Auseinandersetzung in Sachen Klimawandel, Erhaltung der Schöpfung, Geltung der Menschenrechte für alle trägt mit dazu bei, dass sich die Herzen in Richtung auf Gottes Weisungen bewegen. Dadurch werden Geist und Gewissen wach. Alles zielt - kurz gesagt - auf die Förderung des Lebens und der Lebensmöglichkeiten, freilich nicht nur weniger Privilegierter, sondern aller und auch aller Geschöpfe. Was die Herzen bewegt, bewegt dann auch die Hände und die Füße. Aus dem Wollen will auch ein Tun werden, ein hoffentlich großes, gemeinschaftliches Tun, das allen Widerständen trotzt!
Die Erinnerung an Mose tut uns gut: Gott schenkt uns sein Wort, hat es uns längst geschenkt. Wo wir uns von ihm bewegen lassen, dem folgen, was es in uns bewegt, geschehen lebens- und glaubensfördernde Taten. Taten im Sinne auch unserer Kinder und einer lebenswerten Zukunft.
Amen.



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