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Andacht 3. Sonnt.nach Trinitatis 28.06.

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis (28. Juni 2020)
Pfarrer Dr. Christoph Weiling

Für den heutigen Sonntag sind Prophetenworte auszulegen, die in den früheren Predigtreihen noch unberücksichtigt geblieben sind.
Wir lesen Micha, Kap. 7, die letzten Verse:

"Wer ist solch ein Gott wie du, der du die Sünde wegnimmst und die Schuld denen erlässest, die von deinen Erben übriggeblieben sind; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Barmherzigkeit! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Barmherzigkeit erweisen, wie du geschworen hast unseren Vätern vor Zeiten." (V.18-20)

Wer weiß, was der Name "Micha" bedeutet? "Mi-cha" (מִיכָה) ist hebräisch und die Kurzform von "Mi-cha-Jah", was bedeutet und zu übersetzen ist: "Wer ist wie der Herr?"
Einer der Engel heißt fast genauso: "Mi-cha-El" (מיכאל), "Wer ist wie Gott?"
Der Name des Propheten ist Programm! Da steht keine sachliche Frage im Raum, sondern der Ausdruck tiefen Staunens. Die unausgesprochene Antwort lautet: Natürlich keiner! Niemand ist wie der Herr, der Gott Israels! Er übertrifft alle Götzen und Gottheiten, ja er sprengt noch alle Vorstellungen, die wir Menschen uns von ihm machen. Er ist größer als alles. Er passt in kein Schema.
So vergibt und erlässt er sogar die Schuld. Er erträgt unsere Fehler und sieht über Unglauben hinweg.
Ist das nachlässig von Gott? Ist das nicht inkonsequent? Macht er sich damit nicht sogar unglaubwürdig?

Noch in allen vorherigen Kapiteln warnt der gleiche Prophet Micha, dass Gott in Kürze zum Gericht erscheinen werde. Er werde die Götzen des Volkes vernichten. Er werde sogar die Zerstörung der heiligen Stadt – der Stadt Jerusalem - zulassen.
Noch in den Schlussversen des Propheten, die wir gerade als Text für heute gelesen haben, ist die Rede vom Zorn. Nicht mehr ausschließlich, darum klingen diese Sätze auch anders als all die Worte zuvor; aber der Zorn Gottes wird nicht einfach ausgeblendet - so wie es in manchen lahmen Kirchenpredigten leider geschieht, die sich so anhören, als gäbe es nur den lieben, den arglosen Gott, der keinem Böses tut.
Doch wer lieben kann, der kann auch hassen. So ist Gott in Wirklichkeit! Hüten wir uns bitte davor, ein weichgezeichnetes Bild von unserem Herrn anzubeten!
Gott, der Ewige, der Herr Zebaoth, er liebt sein Volk Israel heiß und innig. Wie eine Mutter ihr Kleinkind liebhat, so liebt Gott. Und auch wie ein Bräutigam seine Braut liebt. So leidenschaftlich zeichnet die Bibel ihre Bilder der Liebe Gottes!

Darum hasst Gott alles, was sein Volk von ihm ablenkt, wegführt und trennt. Gottes Zorn ist gerechtfertigt, nicht willkürlich oder kopflos. Weil Gott seine Menschen liebt, muss er einschreiten, wenn ihre Liebe anderen Göttern gilt. Er muss das Böse beim Namen nennen und verurteilen: falsche Götter, Untreue, Neid, Egoismus, Lügen, Ungerechtigkeit. Gott sagt deutlich: "Das entspricht nicht meinem Willen. Lasst das!"

Jahre später, nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier, nach der Zerstörung des Tempels und nach der Verschleppung in die Gefangenschaft versteht das Volk: "Was passiert ist, das war die Konsequenz eigener Untreue! Wir lagen falsch. Gott hatte allen Grund, zornig zu sein. Er hätte uns ganz und gar aus-löschen können und wäre damit im Recht. Er könnte weiter zornig bleiben. Das wäre nur folgerichtig."
Doch sie stellen stattdessen fest: "Es sind etliche von uns übrig geblieben. Wir sind nicht ausgelöscht worden. Hurra, wir leben noch! Gott hat auf sein Recht verzichtet. Er hat Gnade vor Recht walten lassen. Er ist heilsam inkonsequent: Er vergibt Sünde. Gott erlässt uns unsere Schuld. Er hält an seinem Zorn nicht ewig fest, sondern ist barmherzig. Wir haben Glück im Unglück. Es ist ein Neuanfang möglich!"

Und so staunen sie im Volk zu Recht: Wo gibt es einen Gott, der so handelt wie der Herr? Er ist so ganz anders als die anderen Götter, die nehmen und fordern und sich doch in nichts vom blinden Schicksal unterscheiden. Gott dagegen gibt!
Er vergibt. Es gibt keine größere Liebe als seine. Niemand ist menschlicher zu uns als Gott. Er kommt immer wieder auf uns zurück.

Er kümmert sich um die Verlorenen und macht sie zu Gefundenen. Er überwindet das "Ich-zuerst" und das "Wie-du-mir-so-ich-dir". Die schönste Geschichte dazu hat wohl Jesus im Evangelium erzählt: Da wird ein Sohn vom Vater in die Arme geschlossen, der sich im wahrsten Sinne wie ein "Hurenbock" aufgeführt hat, der sein Erbe durchgebracht, alles verzockt hat und schließlich im Dreck gelandet ist.

Ähnliche Abstürze hat Gott schon vorher bei seinem Volk mit ansehen müssen. Da brauchen wir bei dem Propheten Micha nur ein paar Seiten zurückblättern und zuhören. Der redet Klartext: "Es ist kein Glaube mehr in Israel und auch keine Liebe. Nur reich gegen arm, jung gegen alt, jeder gegen jeden. Wenn überhaupt noch ein irgendein Recht gilt, dann das Recht des Stärkeren. Niemand glaubt mehr seinem Nächsten; nicht einmal auf einen Freund kann man sich noch verlassen. Der Sohn verachtet den Vater, die Tochter widersetzt sich der Mutter; und des Menschen schlimmste Feinde sind seine eigenen Hausgenossen."

Es ist, als hätte Micha schon einen Blick in unsere Zeit und in unsere Gesellschaft getan! Und wer sagt uns eigentlich, dass wir bei der Corona-Pandemie keinesfalls an ein Strafgericht Gottes denken dürfen? Wer vermag das sicher auszuschließen? Ist es nicht vielmehr so, dass die Menschheit Buße und Besinnung heute nötiger hat denn je?

Eines erleben wir in diesen Tagen jedenfalls deutlich: Missstände, die schon lange zum Himmel schreien, werden endlich aufgedeckt! Werkverträge, Sammelunterkünfte, miserable Arbeitsbedingungen, Massenausbrüche von Seuchen und Krankheiten – bei solchen Schlagzeilen muss ich an Zwangsarbeit oder sogar an Sklaverei denken. Doch wie wir mit anderen Menschen (und auch mit der Natur) umgehen, das schlägt immer noch auf uns selbst zurück.

Die Bibel weiß zu sagen: Gottes Zorn bringt zur Besinnung. Micha erlebt das zu seiner Zeit hautnah mit: Gottes Zorn ist kein Selbstzweck. Auch ist er nicht durch den Begriff "Rache" zu ersetzen, denn Rache ist blindwütig. Es geht um Gerechtigkeit. Gottes Strafgericht treibt uns zurück in seine Arme, wo uns nicht Zorn erwartet, sondern - Liebe und Vergebung.

Auf einen Satz gebracht: Der Gott der Gnade ist auch ein Gott des Gerichts; der Gott des Gerichts ist aber auch ein Gott der Gnade!

Das ist Gottes Charakter, der sich auf unseren Charakter auswirken muss: Er liebt die Gnade. Gläubig und gerecht, fromm und rechtschaffen, treu und fair, das können wir aus eigener Kraft nur sehr begrenzt sein. Wo wir jedoch über Gottes Gnade staunen, sie selbst brauchen und annehmen, da lernen wir so zu leben, wie er es möchte: Wie Gott mir, so ich dir!

Und wie geht Gott mit Sünde um? Er tritt sie unter seine Füße - so wie man ein Feuer austritt. Er wirft sie in die tiefsten Tiefen des Meeres, wo niemand sie je wieder heraufholen kann. - Vielleicht kommen uns dazu folgende Liedverse in den Sinn:

"Barmherzig, geduldig und gnädig ist er,
viel mehr als ein Vater es kann.
Er warf unsere Sünden ins äußerste Meer.
Kommt, betet den Ewigen an!

Du kannst ihm vertrauen in dunkelster Nacht,
wenn alles verloren erscheint.
Er liebt dich, auch wenn du ihm Kummer gemacht,
ist näher als je du gemeint."

Das muss einfach Konsequenzen haben. Das zitierte Lied weist auf Zweie deutlich hin: auf Dankbarkeit und auf Dienstbereitschaft.

Anders wird man sich auch den verlorenen Sohn nicht vorstellen können: als einen Menschen, der zutiefst dankbar ist und nun nicht mehr weglaufen, sondern seine Arbeit ordentlich tun wird - in Verantwortung vor dem Vater, der ihn noch ein letztes Mal über sein Gut wieder eingesetzt hat.

Diese Geschichte tröstet und macht Mut. Auch uns: Leider merken wir ja immer wieder, dass wir anderen manches schuldig geblieben sind an Fürsorge oder an Zuwendung. Wir bleiben auch beim Einsatz für den Frieden und für die Bewahrung der Schöpfung jeden Tag weit zurück hinter dem, was wir eigentlich notwendig wissen. Wir spüren das schleichende Gift von Neid und Missgunst in uns oder auch das lähmende Gefühl der Resignation, setzen aber lieber unseren Trott fort, als etwas Neues zu wagen. - Und als Christinnen und Christen leiden wir jeden Tag mehr an dem Bedeutungsverlust unserer Kirche, aber steuern nur wenig begeistert dagegen an.

Fürwahr: Wenn nicht die Vergebung zu den Möglichkeiten Gottes gehören würde, müssten wir vollkommen verzagen!

Aber nicht zum Verzagen sind wir da und nicht zum Verzagen hat Gott uns geschaffen. Immer wenn wir geschichtliche Zeiten als ein Zornesgericht erleben, müssen wir erkennen, dass dadurch auch eigene Schuld aufgedeckt wird und alles Schönreden nicht hilft. Aber wir dürfen darauf bauen, dass der Gott des Gerichts auch ein Gott der Gnade ist. Bei ihm gibt es eine zweite Chance. Er kommt uns entgegen - unverdient entgegen.
Mit Staunen endet das Buch des Propheten Micha: Wer ist ein Gott wie er? Es gibt keinen außer ihm!

Amen.



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