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Andacht Exaudi 24. Mai 2020

Predigt zum Sonntag Exaudi (24. 5. 2020)
Pfarrer Dr. Ch. Weiling


Gerne hätte ich jetzt unser Gemeindefest, das Kirch-Mai-Fest gefeiert. Aber es muss in diesem Jahr leider ausfallen. Ausdrücklich sind alle Gemeinschaftsveranstaltungen untersagt, um Infektionen mit dem Corona-Virus zu vermeiden. Nun mehren sich die Stimmen, die solche Regelungen hinterfragen, die lockern möchten, die mehr Freiheit zurück wollen. So ist die Frage ganz aktuell, welche Einsichten uns lenken sollen, welche Bestimmungen für uns richtig sind.
Hören wir dazu den Text für heute aus dem Propheten Jeremia, Kapitel 31, die Verse 31-34:
31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern - noch ein Bruder den andern - lehren und sagen: "Erkenne den HERRN", denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde!
Björn ist unbelehrbar. Er hält Corona für eine Erfindung, wittert eine Verschwörung. "Man soll mir Corona mal zeigen, ich hab es noch nie gesehen", wettert er. Am nächsten Samstag will er für die Freiheit gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren.
Markus sieht das anders. Er ist besorgt. Er trägt überall seine Maske. Viel hilft viel. Es regt ihn auf, wenn Menschen jetzt wieder eng zusammenstehen. Hotels und Gaststätten sollten besser noch geschlossen bleiben. Schutzkonzepte helfen nur, so sagt er, wenn sie penibel eingehalten werden. Wo das nicht geschieht, sollte das Ordnungsamt einschreiten.
Thorsten hasst die Masken. Er mag es nicht, wenn man bloß das halbe Gesicht eines Menschen sieht und nur schwer versteht, was dieser sagt. Er glaubt auch nicht, dass das Tragen der Maske ihn persönlich schützt. Aber er meint, dass es schon etwas bringt, wenn alle Masken tragen. Sollte er selbst krank werden (manchmal merkt man das ja kaum), dann steckt er wenigstens nicht andere an. Thorsten handelt aus Einsicht.
Liebe Gemeinde, Björn, Markus, Thorsten sind erfundene Namen. Aber es gibt sie so oder ähnlich. Es gibt Menschen, die auf ihre Freiheit pochen und denen dabei andere herzlich egal sind. Es gibt die Überängstlichen, die Sicherheit suchen, indem sie sich möglichst genau an Bestimmungen und Verordnungen klammern. Und es gibt die, die aus Einsicht handeln.
So war es schon immer. Solange es Regeln gibt. Und ohne Regeln geht es nicht. Jedenfalls gibt es dann kein geregeltes Miteinander, sondern nur Chaos. Regeln müssen aber auch akzeptiert werden. Und das geht nur, wenn sie Sinn machen.
Rückblende: Die Geschichte des Volkes Israel beginnt in der Versklavung. Für die ägyptischen Pharaonen müssen sie als Zwangsarbeiter schuften. Dann greift Gott ein. Der Tag der Befreiung naht. Der Exodus, der Auszug aus Ägypten beginnt. Es ist ein langer Marsch in die Freiheit. Anfangs gibt es noch keine Regeln. Aber dann empfängt Mose, ihr Anführer, am Berg Sinai zehn Gebote. Auf zwei Tafeln aus Stein werden die Sätze eingraviert. So heilig sind diese zehn Regeln, dass man sie in eine mit Gold verzierte Truhe legt: die heilige Bundeslade. Sie wird zum Mittelpunkt der neuen Religion Israels. Später stellt man sie in den Tempel, den man für Gott in der Stadt Jerusalem erbaut. Durch das Allerheiligste gilt bald die ganze Stadt als heilig.
Freilich: Regeln, die auf Stein eingemeißelt sind und in einer Truhe weggesperrt wie in einen Tresor, sind weit weg. Sie spielen im alltäglichen Leben der meisten bald keine Rolle mehr. Braucht Freiheit überhaupt Regeln? Gilt nicht von Natur aus sowieso ein anderes Gesetz: das Gesetz des Stärkeren? Ist nicht der klar im Vorteil, der sich gerade nicht an Regeln hält?
Fragen, die die weitere Geschichte rasch beantwortet: Israel zerfällt damals in zwei Staaten. Der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht. Die Kluft zwischen reich und arm vertieft sich dramatisch. In der Politik haben die das Sagen, die dem nationalen Egoismus frönen. Die Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten. Es gibt Krieg und im Gefolge Zerstörung und Vertreibung.
Israel ist erneut unfrei. Jetzt hat man sie nach Babylon verschleppt. Nun müssen sie sich dort irgendwie durchschlagen. Nachdem es mit der regellosen Freiheit so grandios schief gelaufen ist, gibt es nun gegenläufige Bestrebungen. Alles, was an alten Gesetzen und Verordnungen noch bekannt ist, wird aufgeschrieben und gesammelt. Es entsteht das, was heute einen Großteil der Mose-Bücher ausmacht: ein Gesetzeskanon mit Regeln für alles und jeden. Das sichert ab. Da hat man eine klare Bezugsgröße. Auch die zehn Gebote stehen dort irgendwo, eingerahmt zwischen den anderen Gesetzen. Die Steintafeln waren mit dem Tempel untergegangen. Aber die Buchstaben hat man retten und aufschreiben können. Immerhin.
Gewiss, eine große kulturelle Leistung. Ein Triumph der Tradition. Ein Prophet allerdings sieht das kritischer: Jeremia. Er fragt sich: Was bringen Gebote, wenn man sie nicht beherzigt? Was nützen dicke Gesetzbücher, wenn schon steinerne Tafeln nicht halfen?
Was dort aufgeschrieben war in den zehn Geboten, das war zwar nicht hinfällig geworden. Es blieb gültig. Aber es durfte nicht unter einer Flut von Paragraphen begraben werden. Und es durfte ebenso wenig wieder "aus den Augen, aus dem Sinn" gehen. Darum musste Gott einen neuen Anfang setzen, einen neuen Bund anfangen. Keine Änderung des Inhalts, aber eine Änderung der Vermittlung: das Gebotene sollte nicht mehr nur auf Stein und Papier stehen, sondern auf die Herzen aufgeschrieben sein. "Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben." So überliefert durch den Propheten Jeremia.
Im Englischen gibt es den schönen Ausdruck "Learning by heart" für das Auswendiglernen. Es geht dabei nicht um stumpfes Memorieren, sondern um die Aufnahme mit dem Herzen. Es ist die Vision davon, dass die Menschen Gottes Gebote nicht nur irgendwo stehen haben, sondern sie auch beherzigen. Der erste Schritt wird immer sein, Gottes Weisungen auch zu kennen. Wir müssen sie lesen oder hören. Müssen sie dann aber auch verstehen und begreifen.
Das Eingangs Gesagte mag anschaulich machen, was auch für die Gebote Gottes gilt: Ich kann sie ignorieren. Dann aber bringe ich andere und am Ende auch mich in Gefahr. Jeder Egoismus trägt das Programm des Scheiterns schon in sich.
Ich kann Gottes Weisungen natürlich auch fleißig lernen wie Paragraphen, mich ängstlich an den Buchstaben klammern und die Gebote gezielt auch gegen andere verwenden. Dann werde ich zum Pharisäer, zum Oberlehrer - und mir entgeht zum Beispiel, dass manchmal der Sinn der Gebote gerade darin erfüllt wird, dass ich sie gegen den Wortlaut der Buchstaben auslege.
Ich kann aber auch - Möglichkeit drei - aus Einsicht handeln. Ich kenne die Gebote und nehme sie zu Herzen, weil sie Sinn machen ...
Egoismus ist keine Option, sondern öffnet dem Unheil die Tür. Aber ich muss auch nicht zum Schlaumeier und Oberlehrer werden, weil sich andere dadurch abgestoßen fühlen und sich den nötigen Einsichten gerade verschließen werden. Ich will vielmehr mit gutem Beispiel vorangehen.
Der Prophet Jeremia hat vor Augen, wie die Menschen künftig Gottes Weisungen erkennen werden. Seine Botschaft lautet aber auch: Der neue Bund hat im Kern nicht mit Worten, sondern hat mit Liebe und einer Beziehung zu tun. Gott bietet uns seine Liebe, seine Freundschaft an. Das tut er so voraussetzungslos, dass er über unsere "Missetat" und "Sünde" hinwegsieht, uns Vergebung anbietet.
Das muss nun im Gegenzug uns mit Liebe und Dankbarkeit erfüllen. Ein Satz des großen Kirchenvaters Augustinus kommt mir dazu in den Sinn: "Dilige, et quod vis fac." * Zu Deutsch: "Liebe, und was du willst, das tu!" Hört sich missverständlich an. Aber es ist gerade nicht gemeint, zu tun was man will. Sondern wenn mein Herz voll Liebe ist, weil Gott es mit seiner Liebe gefüllt hat, dann kann auch mein Wille nur auf Liebe aus sein. Und dann lasse ich mich in all meinen Taten von uneigennütziger, wohlwollender Liebe lenken. Es wird immer richtig sein.
Die Konsequenz für heute lautet: Dass wir Vorsicht walten lassen und andere schützen, nicht weil wir auf virologische Ratschläge oder die Vorgaben des Ordnungsamts hören, sondern weil wir der Liebe folgen, mit der uns Gott liebt.
Das also ist der neue Bund: Gott selbst sorgt dafür, dass dein Herz kein leeres, unbeschriebenes Blatt bleibt, sondern schreibt dir - wir Christen würden sagen: durch Christus - seine eigene Liebeserklärung darauf.
Amen.

* Oft kolportiert als: "Ama et fac, quod vis". Wörtlich heißt es jedoch bei Augustinus, In epist. Ioh., VII, 8 (PL, XXXV, 2033): "Semel ergo breve praeceptum tibi praecipitur: Dilige, et quod vis fac: sive taceas, dilectione taceas; sive clames, dilectione clames; sive emendes, dilectione emendes; sive parcas, dilectione parcas: radix sit intus dilectionis, non potest de ista radice nisi bonum exsistere." ("Ein für allemal wird dir also ein kurzes Gebot gegeben: Liebe und was du willst, tu! Wenn du schweigst, schweige aus Liebe; wenn du rufst, rufe aus Liebe; wenn du berichtigst, berichtige aus Liebe; wenn du schonst, schone aus Liebe! Lass der Liebe Wurzel in dir sein, denn aus dieser Wurzel kann nur Gutes hervorgehen.")



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