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Predigt zum Sonntag "Invokavit" (21.02.2021)



Predigt zum Sonntag „Invokavit“ (21.02.2021)
1. Sonntag der Passionszeit
Pfarrer Dr. Christoph Weiling
 
Mit dem Aschermittwoch sind wir in die Passionszeit eingetreten. Christinnen und Christen erinnern in diesen Wochen die letzten Wochen Jesu. Der heutige Predigttext zum Sonntag "Invokavit" versetzt uns gedanklich sogar schon in die Karwoche. Genauer betrachtet gehört der Abschnitt eigentlich zum Gründonnerstag, dem Tag des letzten Abendmahls.
Wir lesen in Johannes, Kap. 13, Verse 21-30:
21 Nachdem Jesus wieder Platz genommen hatte, wurde er zutiefst erschüttert; und er bezeugte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten! 22 Die Jünger schauten einander an, ratlos, von wem er sprach.
23 Es lag aber einer von seinen Jüngern, den Jesus besonders liebhatte, zu Tische an der Brust Jesu. 24 Diesem winkt nun Simon Petrus, um zu erfahren, wer der sei, von dem er rede. 25 Jener lehnt sich zurück an die Brust Jesu und sagt zu ihm: Herr, wer ist es? 26 Jesus antwortet: Der ist es, dem ich den Bissen eintunken und geben werde. Und er tunkt den Bissen ein, nimmt ihn und gibt ihn dem Judas, dem Sohn Simon Iskariots. 27 Und nach dem Bissen, da fuhr der Satan in ihn. Es sagt nun Jesus zu ihm: Was du tun willst, das tue bald! 28 Es verstand aber keiner der zu Tisch Liegenden, wozu er es ihm sagte. 29 Einige nämlich meinten, weil Judas die Kasse führte, Jesus hätte zu ihm gesagt: Kaufe, was wir für das Fest brauchen; oder für die Armen, dass er denen etwas gebe. 30 Als jener nun den Bissen genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.
 
Das Evangelium lässt offen, warum Judas Jesus verrät und was ihn dabei antreibt. Klar ist, dass Judas ein Jünger von Jesus ist und mit ihm durch die Lande zieht. Nun hören wir, dass er den Beutel verwahrt, also eine Art Kassenwart der Jünger ist, das wenige Bargeld hütet, welches für die täglichen Besorgungen nötig ist. Aber schon beim Beinamen "Iskariot" beginnen die Rätsel. Ein Ausleger meint, es bedeute der Mann aus Kariot. Einen Ort Kariot gibt es (heute die Ruinenstätte Tel Creot bei Beit Yatir). Ein anderer leitet das Wort vom lateinischen "sicarius" ab. Sicarier sind Männer, die gegen die Römer einen Untergrundkampf führen. Einen geschärften Dolch - lateinisch "sica" - verstecken sie unter ihrem Gewand - und im Gedrängel stoßen sie heimlich zu. Heute würde man sie als Attentäter bezeichnen. Dennoch sitzt dieser Judas mit Jesus an einem Tisch. Und Jesus wäscht ihm die Füße vor dem Abendmahl. Und Jesus reicht auch ihm Brot und Wein.
Eine merkwürdige Stimmung ist zu spüren im Saal, denn über der Gemeinschaft liegt schon ein dunkler Schatten. Jesus ahnt, spürt das nahende Unheil überdeutlich. Tief betroffen sagt er: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verraten."
Leonardo da Vinci hat das, was folgt, wohl am eindrücklichsten festgehalten.
Jesus spricht nicht eine bloße Vermutung aus, sondern mit fester Gewissheit. Dazu muss er nicht einmal laut werden. Was er sagt, trifft. Die Jünger erschrecken. Einige springen auf. Man sieht hilfloses Schulterzucken, energisches Kopfschütteln. Ihre Gedanken füllen fast hörbar den Raum: "Bin ich es vielleicht?" Unsicherheit kommt auf. Werden sie standhaft sein, wenn es hart auf hart kommt? Eines ist klar: Hier in Jerusalem wird sich die Geschichte zuspitzen. Sie steuert auf einen Höhepunkt zu - oder auf eine Katastrophe.
Auf einen Wink von Petrus - der es nicht wagt selbst zu fragen - bringt der jüngste Jünger Jesus zum Reden. Der Heiland wird mit einem Zeichen antworten: "Der ist es, dem ich den Bissen eintunke und gebe." Und Jesus reicht Judas den Bissen Brot. Judas nimmt den Bissen. Und das Evangelium fährt fort: "Sogleich fuhr der Satan in ihn."
Die Szene endet abrupt. Jesus schließt mit der rätselhaften Aufforderung: "Was du tust, das tue bald!"
Wir wissen: Judas wird nun heimlich mit den Priestern sprechen, nach einer Möglichkeit suchen, wie man Jesus ohne Aufsehen ergreifen kann. Aber die anderen Jünger können das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Sie vermuten eine Geldangelegenheit, die noch zu erledigen ist. Jesus wendet sich nun in längeren Abschiedsreden an die verbleibende Schar. Elf sind es noch. Denn Judas gehört nicht mehr dazu.
Als Jesus nach dem Abendmahl hinaus aus der Stadt zum Ölberg geht, in den Garten Gethsemane, trifft alsbald Judas ein. Eine Schar Soldaten begleitet ihn, kommt mit Fackeln, Keulen und Schwertern. Es droht ein bewaffneter Zusammenstoß. Doch Jesus gibt sich nicht nur zu erkennen, sondern liefert sich selbst aus, damit die Jünger unbehelligt gehen dürfen.
Nein, wir kennen das Motiv des Judas nicht. Es gibt tausend Vermutungen. Er wolle Jesus wohl dazu zwingen, seine Macht und Herrlichkeit zu offenbaren. Oder: er sei bitter enttäuscht, weil der Nazarener eben nicht den erhofften Aufstand gegen die verhassten Römer antreibt. Am unglaubwürdigsten ist wohl, dass er allein aus Geldgier handelt. Keimt in Judas der Verdacht, dass Jesus seine eigenen Ideen verraten habe. Hat ihn ein Wort des Freundes verletzt? Wird er darum zum Verräter?
Auf keinen Fall sollte man ihn zu scharf von den anderen Jüngern abgrenzen. Judas sitzt mit am Abendmahlstisch! Und die anderen sind auch nicht rein und untadelig. Petrus wird Jesus verleugnen - obwohl er das Gegenteil verspricht. Die anderen rennen weg, fliehen, ziehen sich zurück. Im Garten Gethsemane ist vor allem von Müdigkeit und von Angst die Rede. Keiner geht mit Jesus zusammen in die Gefangenschaft. Ein paar Wenige schauen aus der Ferne zu. Am Ende sind die Frauen mutiger als die Männer. Sie begleiten Jesus auf dem letzten Weg, harren unter dem Kreuz aus.
Nein, ein bisschen Judas steckt auch in uns. Er ist uns nicht so fremd, wie wir ihn gerne hätten. Er ist unser Bruder im Finstern, hält uns eigene Verführbarkeit vor. Wir wissen aus der Vergangenheit, wie leicht Bespitzelung und Freundesverrat fallen, wenn es Vorteile verspricht oder Menschen der Erpressung oder dem staatlichen Druck nachgeben. Aber warum wird Judas dann so verteufelt? Warum wird aus dem Gotteskind in dieser Schilderung durch den Evangelisten ein Kind des Teufels?
Aus Abscheu? Aus Abwehr? Aus Schwarz-Weiß-Malerei, von der das Evangelium anscheinend nicht frei ist? Dramatisch wird es, wenn man genau liest und hinhört: Da ist nicht der gute Jesus und der böse Judas, Gott hier und Teufel dort - sondern Jesus selbst ist der letzte Urheber von allem. Das ist abgrundtief. Nicht der Teufel schlägt zu und holt sich Judas, sondern Jesus selbst - mit seiner Vollmacht über alle Teufel, alle Dämonen, alles Böse - setzt das in Gang, was geschehen muss.
In seinem Tod erfüllt sich der Wille Gottes. In seinem Tod ist die Erlösung der Menschheit beschlossen und wird der Tod selbst entmachtet. Das muss geschehen - ein für alle Mal.
Ist aber der Tod heilsnotwendig, ist auch der Verrat heilsnotwendig. Das Johannesevangelium benutzt dazu das spannende Bild von dem Bissen Brot, das Jesus reicht - und mit dem Darreichen dieses Brockens (μετὰ τὸ ψωμίον = meta to psomion) treibt er den Teufel nicht aus, sondern geradezu treibt er ihn in Judas ein. Wir blicken auf eine sakramentale Handlung - nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Theologisch gesprochen: Jesus selbst bürdet Judas die Last auf, die Rolle des Teufels spielen zu müssen.
In der Ursprache der Evangelien wird in Entsprechung dazu weniger von einem "Verrat" gesprochen. Was Judas tut, wozu ihn Jesus auffordert: "Was du tust, das tue bald" - das wird im griechischen als "πᾰρᾰδώσειν" (= paradósein) bezeichnet. Das meint vor allem: "übergeben", "überantworten", "ausliefern". Judas übergibt Jesus den Häschern. Diese übergeben ihn an die Römer. Pilatus übergibt ihn zur Kreuzigung. Am Kreuz aber gibt Jesus sich Gott zurück - und Gott selbst gibt sich in Jesus hin für das Heil der Welt. Schon am Anfang des Evangeliums ist zu lesen: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh 3,16)
Gäbe es überhaupt das Evangelium ohne Judas? Das Evangelium jedenfalls schaut hinter die Kulissen: Ohne Judas gäbe es kein Kreuz, ohne Kreuz kein Heil, keine Versöhnung. Judas trägt mit dazu bei, das Heil zu bringen. 
Die Tat des Judas bleibt menschlich gesehen immer rätselhaft. Und es würde sicher zu weit gehen, zu behaupten, Judas wäre durch Jesus in alles eingeweiht gewesen. So hat es eine urchristliche Sekte getan. Und aus Judas sogar den heiligsten, den kundigsten, den weisesten aller Jünger gemacht. Damit aber wird schlicht das Böse gut genannt. Und alles auf den Kopf gestellt. In Wahrheit wird das Böse nicht gut - es bleibt moralisch verwerflich; aber es bekommt doch eine Rolle im Plan Gottes. Das, was böse gemeint ist, führt am Ende zum Guten. Solche Wege geht Gott! Die Bibel kennt ähnliche Geschichten, die man als Beispiel anführen könnte. Josef wird von den eigenen Brüdern verkauft, ausgeliefert. Am Ende wird alles gut.
Wird auch für Judas alles gut? Nur zwei Erzählungen berichten von seinem weiteren Geschick, und sie sind widersprüchlich. Dass er aus Verzweiflung über seine Untat mit einem Strick um den Hals endet, ist psychologisch gesehen plausibel. Doch wenn es Gottes Wille ist, dass allen Menschen geholfen werde, und wenn wir glauben, dass Gottes Gnade grenzenlos ist, darf dann Judas davon ausgeschlossen sein? Muss das, was er getan hat, bis in alle Ewigkeit gesühnt werden? Gibt es für ihn keine Vergebung?
Wir wissen nicht, wie Gottes Urteil über Judas ausfällt. Und es wäre anmaßend, Behauptungen in die eine wie in die andere Richtung aufzustellen. Wir können aber für Judas hoffen - und ebenso für uns selbst - dass Gottes Barmherzigkeit und Gnade reich und unermesslich sind. Ein Funken Reue genügt.
Bei der Verhaftung von Jesus fällt ein seltsamer Satz. Bei der Gefangennahme wendet Jesus sich an Gott und sagt: "Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast." Ob nicht auch Judas dazu gehört? Auch wenn er hier in die lichtlose Nacht hinaustreten muss. Oder gerade deswegen?
Amen.



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