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Über die Bankenkrise und das Geld

Menschenliebe oder Gottesliebe?

Was die Liebe ist und was sie nicht ist ; Licht und Schatten

Aufbruch aus dem Land der 1000 Wichtigkeiten

Über das Paradies - heute an die Schöpfung glauben

Öffentliches Predigtamt und das Priestertum aller

Der Legionär als Vorbild

Wenn uns der Wind ins Gesicht blaest

Was-aus-uns-wird- oder von den letzten Dingen

Selbstzeugnis

Reichtum, Macht und Weisheit nicht verteufeln

Wieder die Scheinheiligen - Zur Debatte um den ...

Du kannst Gottes Mitarbeiter sein -

Predigt zu Leistungsgesellschaft, Leistungssport ..

Gerüttelt und Geschüttelt - Zum Papstrücktritt






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Über die Bankenkrise und das Geld

Über die Bankenkrise und das Geld ....
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt zu Lukas 16,10-13 (9. Sonntag nach Trinitatis)

10 Jesus spricht: Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.
11 Wenn ihr nun mit dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen?
12 Und wenn ihr mit dem fremden Gut nicht treu seid, wer wird euch geben, was euer ist?
13 Kein Knecht kann zwei Herren dienen; entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Liebe Gemeinde!
Ein kurzer Text über das Beständige, das Trügerische und den Gottesdienst. Ein kurzer Text über unsere menschliche Existenz. Ein kurzer Text auch – ganz aktuell – über die Banken- und Wirtschaftskrise. Ein Text über Gott und das Geld.
Jesus gebraucht dabei ein Fremdwort. Jedenfalls ist es für die Schreiber der griechischen Bibel ein Fremdwort. Für ihn ist es aramäische Muttersprache. So nennen sie das Geld daheim in Galiläa: Mamón. Durch Luther ist es auch in unsere Sprache gewandert. Gelegentlich reden auch wir vom „schnöden Mammon“, wenn wir vom Geld reden: meist von dem, was wir nicht haben. „Mammon“ ist für uns Geld in seiner schlechten Wirkung: „Mammon“ verdirbt den Charakter, mit dem „Mammon“ wird ein Götzendienst veranstaltet. Man betet den „Mammon“ an, wenn die Gedanken nur noch um das liebe Geld kreisen.
Wo das Wort allerdings anfangs geprägt wurde, im östlichen Mittelmeer, wo man wie Jesus aramäisch sprach, da meinte man es eigentlich positiv. „Mamón“ ist von der eigentlich Wortbedeutung her das, was verlässlich ist und Bestand hat. „Mamón“ gibt Sicherheit. Die Menschen damals hatten es gerade erlebt: dass Hof und Acker mit einem Mal an Wert verloren, dass die Erzeugnisse ihrer kleinen Herde an Kaufkraft einbüßten. Der Großbetrieb konnte günstiger herstellen. Und wer Geld hatte, hatte keine Sorgen. Er ließ für sich arbeiten. Da erschien der „Mamón“ als das Stabile, das eigene Land und die Arbeitskraft dagegen als das Unsichere.
Jesus wusste es schon damals besser: die Sicherheit des Geldes ist nur eine scheinbare Sicherheit. Man kann sich nicht darauf verlassen. Die einen horten es und vergraben es für schlechte Zeiten – und haben nichts davon, weil es dann doch ganz anders kommt. Die anderen setzen es ein – mit dem Risiko, alles schnell zu verlieren.
Jesus wendet sich nicht grundsätzlich gegen die Geldgeschäfte. Einmal nimmt er auch ein Gleichnis aus der Bankenwelt und stellt den als vorbildlich dar, der das ihm anvertraute Geld gut anlegt und Risiken eingeht. Und in unserem Text geht es auch darum, dass man mit dem, was einem anvertraut ist, ehrlich und zuverlässig umgeht. Ein bisschen ist es ein Grundlagentext für unsere kirchliche Arbeit, den wir da heute hören. Hier geht es ja auch nicht ohne Geld. Menschen arbeiten in der Kirche und brauchen für das, was über die ehrenamtliche Tätigkeit hinausgeht, einen angemessenen Lohn. Zur Gemeinde gehören Kirchengebäude und Grundstücke, die erhalten werden müssen. Auch das kostet Geld. Durch die Kirchensteuer gibt es Einnahmen, die der Gemeinde, konkret vertreten durch das Presbyterium, zur Verfügung gestellt werden. Und hier gilt es dann eben, mit dem anvertrauten Gut treu umzugehen, keine fremden Zwecke zu verfolgen, nichts zu veruntreuen.
Da ist der Ruf Jesu zu beherzigen: „Geht treu mit dem um, was euch an Geldmitteln in die Hand gegeben ist! An der Treue zum Geringen wird man euch erkennen.“
Jesus bringt allerdings die Reihenfolge wieder in Ordnung. Wer das Geld bald zum Wichtigsten macht, zum Hauptzweck des Lebens, faktisch auch zum Daseinsgrund der Kirche, der behandelt es als „Mamón“, als etwas Verlässliches, Dauerhaftes und Sicheres. Und das eben kommt dem Geld nicht zu. Es gibt Geld, Münzen und Scheine. Und Jesus ist weit davon entfernt, es abzuschaffen. Aber er redet vom Geld als von etwas, was an Größe und Wichtigkeit gering ist. Geld ist das Geringste, mit dem man zwar auch treu umgehen soll, aber es ist eben nicht das Wichtigste, nicht das Entscheidende.
Noch mehr: Geld ist außerdem „ungerecht“. Jesus nennt es den „ungerechten Mammon“. Darüber ließe sich einiges sagen: dass der Geldkreislauf tatsächlich eine ungerechte Verteilung von Reichtümern begünstigt, dass er die Reichen reicher, aber die Armen ärmer werden lässt … Jesus spielt aber wohl nicht auf die sozialen Probleme hier an, sondern zielt auf die Unzuverlässigkeit des Mammons. Geld ist trügerisch. Es stellt nicht immer den Wert dar, den es angibt. Und wer mit Geld umgeht, ist leicht in Gefahr, als unehrlich und unaufrichtig zu gelten. Die Reichen seiner Zeit, denken wir an einen Zollpächter wie Zachäus, sind für ihre Unehrlichkeit berüchtigt. Sie nehmen gerne mehr, als ihnen eigentlich zusteht. Sie sind ausgekocht und denken sich gerne neue Abgaben aus.
Geld ist ungerecht. Dennoch soll man mit dem Unrechten treu und ehrlich sein. Auch wieder eine Aufgabe an alle Christen, sich nicht verderben und anstecken zu lassen vom Hunger nach Geld.
Schließlich ist Geld noch ein Drittes: es ist etwas Fremdes, wie Jesus sagt. Es ist zu einem andern gehörig. Es ist das Gegenteil zu dem Eigenen, zu dem, was die eigene Persönlichkeit ausmacht.
Belanglos, ungerecht und fremd nennt Jesus also das Geld. Drei Eigenschaften, die es in seiner Bedeutung und Wichtigkeit begrenzen. Eine heilsame Begrenzung, denn mit Geld kann man die Seligkeit nicht kaufen. Das Wesentliche ist unbezahlbar. Darum geht es Jesus hier wohl am Meisten: „Seid gute und verlässliche Haushalter mit dem Geld, gebraucht es redlich und richtig; aber hängt nicht euer Herz daran!“
Zu „Mamón“, dem scheinbar Sicheren, tauchen Gegenbegriffe auf: letztlich geht es doch, meint Jesus, um das Große, das Wahre und das Eigene. Wir müssen das einmal deutlich nachsprechen: Geld ist nicht das Große. Geld ist nicht das Wahre. Geld ist nicht das Eigentliche.
Es ist aber auch nicht ganz unerheblich. Wenn wir nämlich das Geld nicht richtig gebrauchen und es Macht über uns gewinnt, stehen wir in der Gefahr, das Große, das Wahre und das Eigentliche zu verlieren. Anders gesagt: Am Geld kommt man im Alltag nicht vorbei, es kann aber das entscheidende Hindernis sein auf dem Weg zum Himmel. Und das geschieht eben dann, wenn ich das Geld in seiner Vorläufigkeit nicht durchschaue und mein Glück und Heil vom Geld abhängig mache. Es geschieht ebenso, wenn ich unzuverlässig mit Geldsachen umgehe, weil ich danach giere, mehr zu haben, als mir zusteht. Da verdirbt der „Mammon“ den Charakter, macht er aus mir einen unsicheren Kantonisten, einen treulosen Lump.
Nun sehen wir in der heutigen Bankenkrise solche Lumperei vielfach entlarvt. Warnen möchte ich aber vor einem vorschnellen Urteil und scheinheiliger Moral. Wo sich in der Kritik an den Bankmanagern und Superreichen nicht soziale Sorge, sondern verhohlen oder auch unverhohlen Neid ausspricht, da sind die Kritiker ja auch von der Geldsucht schon infiziert. Statt die arme Seele zu bedauern, die geradewegs die Sackgasse anstelle des Himmelstores anpeilt, beneidet man sie um die unvorstellbaren Provisionen oder Abfindungen und ihren pompösen Lebensstil! „Du Heuchler“, würde Jesus heute sagen, „du schimpfst über die Geldsäcke, hast am liebsten aber auch ein volles Portemonnaie.“
Nein, dass man mit Geld auch etwas Vernünftiges anstellen kann, das sollte jeder bedenken, der es in reichem Maße hat. Man muss nicht Paläste damit bauen und Jachthäfen anlegen, man kann auch Schulen bauen in armen Ländern und Krankheiten bekämpfen…
Doch noch einmal zurück zu unserem Text: am Schluss entwirft Jesus noch ein kleines Gleichnis. Er stellt sich vor, da sei einer Hausdiener, Butler, und er müsste zwei Herren bedienen. Das würde nicht lange gut gehen, meint Jesus. Den einen würde er bald hassen, den anderen lieben, sich zu dem einen halten, den anderen verachten.
Muss dem Hörer erklärt werden, was Jesus meint? Wen er mit den zwei Herren im Sinn hat? Am Schluss wird es aufgelöst: es geht um Gott und das Geld. Entweder – Oder.
Das kann auch missverstanden werden in dem Sinne, dass man auf jedes Geld verzichten soll, um zu Gott zu kommen. Aus den vorherigen Versen aber ergibt sich’s anders: man soll ja mit dem Geld umgehen, mit dem Geld wirtschaften, nur eben treu und aufrichtig, glaubwürdig.
Das „Entweder – Oder“ bezieht sich das Wörtchen „dienen“. Wer dient, steht seinem Herrn hilfreich zur Seite, ist jederzeit aufmerksam, erfüllt seine Wünsche. Ein guter Diener kann im Laufe der Zeit wie ein alter Freund werden. Es entsteht ein Vertrauensverhältnis. Darum spricht Jesus auch von Anhänglichkeit, ja sogar von Liebe.
Beziehen wir dies nun auf das Verhältnis zu Gott und zum Geld, so wird es deutlich: wer dem Geld vertraut, wer sein Herz daran hängt, wer es lieb hat, der wird nicht zugleich so für Gott empfinden. Dass dann das Große, das Wahre, das Eigentliche verloren geht, versteht sich von selbst. Umgekehrt muss es sein: Wir sollen Gott lieben, achten und ehren, wie es die Bibel seit jeher fordert. Und das geht eben nur, indem wir das Geld nicht zu einem zweiten Herren über uns machen.
Wir sollen das Geld brauchen. Und können’s ja nicht verhindern. Aber wir sollen es nicht lieben, es vielmehr mit einer gewissen Gleichgültigkeit und Geringschätzung behandeln. Wir sollen es viel mehr unbeachtet lassen, als die meisten unserer Zeitgenossen es tun.
Es ist nicht unerheblich, wie wir mit dem Geld umgehen und was wir daraus machen. Wir können einen Gott daraus machen. Wir können aber auch umgekehrt es einspannen für den Dienst an Gott. Wenn wir Gott so am meisten dienen können, dass wir anderen Menschen Gutes tun, sollte unsere Sorge sein, wie wir mit unserem Vermögen helfen können. Dabei werden wir natürlich bald merken, dass wir nicht allen Mangel lindern können, dass aber auch die Art der Hilfe wohl überlegt sein muss. Dem Alkoholkranken ist mit einer warmen Suppe besser gedient als mit ein paar Euros, die gleich wieder in Fusel angelegt werden. Hier sind Verstand und Menschenkenntnis gefragt.
Doch nicht nur materielle Hilfe ist willkommen. Es wird auch darum gehen, ob wir andere davon überzeugen können, dass wir in Gemeinde und Gottesdienst dem nahe kommen, was Jesus als das Große, Wahre und Eigentliche beschreibt. Gott ist größer als das Geld. Seine Wahrheit macht frei. Irdische Zwänge und Nöte können uns nur etwas Vorläufiges sein. Und wir werden in Gott das Eigentliche sehen.
Karl Marx, man sollte ihn ruhig wieder lesen, hat einmal von der Entfremdung gesprochen, die die moderne Wirtschaft gebracht hat. Interessanter Weise hat schon Jesus in unserem Text das Geld so genannt: das „fremde“ Gut.
Marx freilich ging es darum, dass der arbeitende Mensch Produkt und Profit wieder zu seinem Eigentlichen machen sollte. Die arbeitende Klasse sollte wieder bekommen, was man ihr abgenommen, entfremdet hatte. Für Jesus greift diese Wiederaneignung zu kurz. Der Mensch bleibt dann ein Egoist, kreist um seinen Bauch. Gerade indem er das Geld als etwas Fremdes wahrnimmt, an dem nicht sein Heil liegt, kann er sich öffnen für das, worin er sich selbst findet: die Liebe Gottes, die ihn trifft und in der Gegenliebe auch zum Nächsten führt.
Ich bin, was ich bin, nur im Gegenüber Gottes, im Vertrauen auf seine Liebe. Alles andere hat da keinen Bestand, und mag es sich auch „Mamón“, das Beständige, nennen und von vielen Tausenden als das Beständige vergötzt werden. In Wirklichkeit kann man es nicht mitnehmen.
Gottes Liebe jedoch bleibt. Es gibt keinen besseren Herren.



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Menschenliebe oder Gottesliebe?

Menschenliebe oder Gottesliebe?
Pfarrer Dr. Weiling



Predigt zu Markus 12,28-34 (18. Sonntag nach Trinitatis)

28 Und es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?
29 Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«.
31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm;
33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
34 Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Liebe Gemeinde!
Hat Jesus eigentlich richtig gezählt? Nach dem höchsten Gebot ist er gefragt worden. Und was macht er? Er erzählt gleich von zwei Geboten. Was ist denn nun das Höchste? Die Gottesliebe oder die Menschenliebe?
Immerhin: aus den seinerzeit gültigen 365 Verboten und 248 Geboten auch nur zwei auszuwählen, ist schon eine Leistung! Und es ist eben keine Willkürleistung, sondern eine sehr kluge Wahl. Die beiden Gebote, die Jesus auswählt, sind nämlich nicht bloß zufällig, sondern sie sind der Kern aller Gebote, ihr Wesenskern, ihre Zusammenfassung.
In diesem Sinn sind es die höchsten Gebote: kenne ich sie, weiß ich um den Willen Gottes; erfülle ich sie, erfülle ich alle Gebote; beherzige ich sie, bin ich auf dem richtigen Weg.
Leicht könnten wir über die Vielzahl der Satzungen des damaligen Judentums abfällig urteilen. Ein Dschungel. Und tatsächlich sind auch manche Gebote und Verbote dabei, die schon damals kaum verständlich waren, manche waren wohl auch nur zeitlich begrenzt. Aber in einem Paragraphendschungel leben auch wir! Wer kennt sich noch aus im Buch der Gesetze? Zwischen all dem Kleingedruckten fällt es auch uns schwer, das Wesentliche noch zu erkennen.
Nehmen wir noch hinzu, auf welche großen sittlichen Herausforderungen wir stoßen, für die es nicht ohne weiteres schon rechtliche Regelungen gibt! Was ist richtig, was geboten, wenn wir an die medizinischen Möglichkeiten unserer Zeit denken? Hören wir nur auf das Für und Wider der Spezialisten, werden wir unsicher und wissen bald gar nicht mehr, was richtig ist. Da tut es schon gut, ein, zwei klare Grundsätze zu haben, Grundsätze, die immer gelten. Denn ein höchstes Gebot kann ja als ein solches nur bezeichnet werden, wenn es gültig ist über den Moment hinaus, wenn es nicht an besondere Umstände, an Wenns und Abers geknüpft ist.
Und eben diese Zeitlosigkeit macht die von Jesus genannten Gebote aus: sie werden nicht ungültig, sind nicht auf einen besonderen Bereich beschränkt, sondern gelten immer und überall.
Aber noch einmal: warum sind es zwei Gebote? Offenbar ist das viel bedeutsamer, als es den Anschein hat!
Nehmen wir einmal an, Jesus hätte nur von der Gottesliebe gesprochen. Hätte das nicht ausgereicht? „Liebe Gott – und das genügt!“
Doch Jesus will keine abstrakte Gottesliebe. Was ist es wert, wenn ich Gott liebe und meinen Nächsten missachte? Verachte ich damit nicht eben auch Gott, der meinen Nächsten gleich wie mich geschaffen hat und erhalten will?
Gottesliebe allein kann sogar gefährlich sein. Wir nennen sie dann Fanatismus oder auch Fundamentalismus. Menschen geben sich aus als Gottesstreiter, ganz an Gott hingegeben. Aber ihre Taten lassen erkennen, dass sie Gottes Werke hassen. Menschenleben zählen für sie nicht: nicht das der Fremden, auch nicht das eigene. Doch kann es Gott so gewollt haben? Hat er es nötig, dass in seinem Namen Menschen hingerichtet und abgeschlachtet werden? Verletzt nicht das seine Ehre mehr, die er als Schöpfer und Spender des Lebens hat, als die eine oder andere unbedachte Äußerung eines Spötters und Zweiflers?
Jesus meint: Gottesliebe ist gut. Aber sie zeigt sich in der Liebe zum Nächsten, zum Mitmenschen. Ich kann die Liebe Gottes nicht besser beantworten, als selbst zu lieben. Und wenn meine Liebe der Liebe Gottes nichts mehr hinzufügen kann, dann wende ich mich zur Welt Gottes, zu denen, die meine Liebe brauchen und nötig haben.
Gottesstreiter gibt es wohl auch in der Bibel. Der Prophet Elia war so einer. Heute würde man ihn einen Fanatiker nennen. Aber die Bibel erzählt auch, wo er am Ende etwas von Gott erfahren hat: nicht im Zorn, im Sturm, im Blutvergießen, im Erdbeben – sondern in einem sanften, fein säuselnden Wind, in der zarten Berührung, in der sinnlichen Erfahrung von: Güte und Barmherzigkeit.
Jesus aber verkörpert durch sein ganzes Leben und Wirken diese Barmherzigkeit. In ihm ist sie mehr als ein Hauch oder eine Ahnung: sie ist leibhaftig. Sie hat Hände und Füße. Aber diese Hände und Füße bleiben eben nicht auf der Stelle, die Füße machen sich auf den Weg zu den Menschen und die Hände legen sich heilend auf ihre Wunden.
Jesus redet nicht nur von der Nächstenliebe: er lebt sie auch. Und er macht deutlich, dass diese Nächstenliebe und die Gottesliebe bei ihm nicht zu trennen sind. Weil er den himmlischen Vater liebt, liebt er auch die Kinder Gottes. Und indem er die Kinder Gottes liebt, liebt er auch den Vater.
Schlimm, wenn das auseinander bricht, wenn einer sagt: „Wenn ich Gott liebe, dann muss ich die Menschen hassen, dann muss ich mich trennen von diesen und jenen, vor allem von den Ungläubigen und Gottlosen.“
So haben es zur Zeit Jesu etwa die Essener gehalten, eine Sektengemeinschaft, deren Art aber auch in modernen Sekten zu finden ist.
Jesus erzählt die Geschichte vom verlorenen Sohn, um von einem Gott zu berichten, der auch den wieder an sein Herz schließt, der ihm weggelaufen war, der sich nicht rächt, sondern vergibt, der nicht tobt, sondern sich freut.
Wo Gottesliebe ohne Menschenliebe auftritt, da fehlt ihr das Herz, fehlt ihr der Sinn, fehlt ihr das Ziel. Ich kann Gott nicht lieben, ohne meinen Nächsten zu lieben.
Doch auch umgekehrt: Die weltliche Liebe allein, ohne Gottesliebe, sie reicht ebenso wenig. Weiß ich denn immer, was zum Besten dient, was dem Menschen gut tut, wenn ich den Menschen ganz für sich allein betrachte? Was ist der Mensch? Was ist sein Ziel?
In der Neuzeit hat der Mensch versucht, sich selbst – ohne Gott – zu sehen und zu verstehen. „Ich bedarf dieser Hypothese nicht, dass es einen Gott gibt“, so sagten manche Wissenschaftler stolz. Gefährlich aber wurde es immer dann, wenn die Leute die Leerstelle, die sich mit einem Mal an der Spitze ihrer Ziele und Wünsche auftat, mit modernen Abgöttern auffüllten, die sie wahlweise die „Nation“, die „Rasse“ oder die „Klasse“ nannten. Da galt nicht mehr der Nächste, sondern ein hohles Ideal. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts berichtet davon, wie im Namen menschengemachter Weltanschauungen Millionen von Menschen geopfert wurden. Deutschlands Nazis stempelten hilflose Menschen als lebensunwert ab, Lenins Jünger erklärten ihre Nächsten zu Klassenfeinden und mordeten sie auf dem Altar des Fortschritts. Nicht im Namen Gottes, sondern im Namen von Menschen geschah weltweit das größte Unheil.
Wo die Gottesliebe ersetzt wird durch die Vergötzung von Menschen, wird der Mensch nicht besser, sondern seiner Würde beraubt.
Von Nächstenliebe kann durchaus auch in gottlosen Gesellschaften gesprochen werden: aber sie wird dabei doch meist eingegrenzt. So wird als Nächster dann nur bezeichnet, wer dem gleichen Volk angehört, oder wer das rechte Klassenbewusstsein hat. Alle anderen sind dann nicht Nächste und müssen eben nicht geachtet werden.
Gottesliebe sieht hingegen in jedem Nächsten ein von Gott geliebtes und gewolltes Geschöpf und ein Werk seiner Gedanken. Die Hautfarbe spielt keine Rolle. Die Sprache spielt keine Rolle. Alter und Geschlecht spielen keine Rolle. Die Leistungsbereitschaft und die Gesundheit – spielen keine Rolle.
Mit einem Mal sind wir da bei den ganz aktuellen Problemen von heute: schon das kleine Würmchen im Mutterleib ist ein Geschöpf Gottes; der geistig Behinderte ist ein Geschöpf Gottes und noch der, der dem Sterben näher ist als dem Leben, auch er ist ein Geschöpf Gottes. Wo Nächstenliebe und Gottesliebe Hand in Hand gehen, wird das Leben des Menschen nicht nach Nützlichkeitskriterien oder wirtschaftlichen Erwägungen bemessen werden. Man wird sich auch hüten, so zu tun, als wüsste man besser als der Betroffene selbst was gut und recht für ihn ist. Allerdings redet Jesus bei der Nächstenliebe von einer Liebe, die sich richtet nach dem, was man selber sich wünscht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“
Mit anderen Worten: Handle so an ihm, wie du selber es für dich wollen würdest. Oder wie der Philosoph Immanuel Kant es hölzern, aber gültig formuliert hat: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten)
In unsere Sprache übersetzt: Handle so, wie es für jedermann und so auch für dich selbst gut ist. Freilich gibt es Situationen, wo es so allgemein gar nicht gesagt werden kann, was ich für mich und jedermann wünsche. Denke ich an das Ende des Lebens, so will ich für mich, dass medizinisch nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel getan wird. Die Schmerzen sollen gelindert, aber nicht das Leben um jeden Preis verlängert werden. Im Einzelfall wird es dann aber schwer zu bestimmen sein, ab wann lebensverlängernde Maßnahmen nicht mehr geboten sind. Hier bleibt das Gewissen gefordert. Es macht aber das Liebesgebot nicht überflüssig, sondern spitzt es zu: kann es um der Liebe willen geboten sein, Leben zu beenden? Wo wir um solche Fragen ringen und nicht wie Technokraten urteilen, zeigt sich schon, dass uns das Liebesgebot zum Nächsten noch umtreibt. Das Liebesgebot wird uns auch mit der Schuld konfrontieren, die wir in bestimmten Fällen auf uns laden, egal wie wir uns verhalten: manchmal gibt es nur die Wahl zwischen größeren und geringeren Übeln. Aber die Nächstenliebe, die an die Gottesliebe sich gebunden weiß, sie redet auch von der Schuld und weiß davon. Sie überspielt sie nicht, sie nimmt nichts auf die leichte Schulter. Gerade so wahrt sie die Würde auch in verzweifelten Situationen wie etwa der Nothilfe, wo es erforderlich wird, ein Leben zu opfern, um ein anderes zu retten. Nur wo ein Mensch dann noch an Gott sich wenden kann, wird er seine Schuld, die auf sich laden muss, auch tragen können: er darf wissen: da trägt einer mit an der Last – und da wird einer auch die Schuld einmal vergeben, weil es nicht um eine böse Absicht ging, sondern letztlich um Liebe zum Nächsten.
Fassen wir zusammen: Jesus nennt ganz bewusst zwei Gebote als das höchste Gebot. Das Doppelgebot von Nächstenliebe und Gottesliebe will er nicht auseinander reißen. Er weiß: Die Gottesliebe kommt nur in der Nächstenliebe an ihr Ziel. Wer seinen Nächsten hasst und umbringt, der beleidigt Gott, seinen Schöpfer.
Und umgekehrt bleibt die Nächstenliebe auf Gott angewiesen. Denn Wert und Würde der Menschenseele wären sonst der Beliebigkeit unterworfen: auch die Grenzen und Gefährdungen des Menschen könnten übersehen werden.
Frömmigkeit ohne Liebe macht verdrießlich und unzufrieden, fördert im schlimmsten Fall Fanatismus und religiösen Hass. Aber die Liebe zum Nächsten ohne das gelegentliche Gespräch mit Gott, ohne das Gebet, kann leicht zu einer bloßen Formsache werden. Dann fehlt die Herzlichkeit, wohl auch die letzte Verantwortlichkeit. Nächstenliebe ohne Gläubigkeit schwächelt gerade da, wo es um die Schwachen geht.
Wo ich für meine Liebe etwas zurück bekomme, da kann ich ganz gut auch ohne Religion lieben. Es ist dann ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Jesus hat dazu einmal gesagt: „Das können auch die Heiden!“
Aber die Nächstenliebe wird dort auf die Probe gestellt, wo eben nichts zurückkommt, jedenfalls nichts Handfestes, Geldwertes. Da aber zeigt sich, ob die Liebe wirklich etwas taugt, ob sie von einer höheren Macht sich getragen weiß: wo der Hilflose versorgt und gepflegt wird, wo selbstlos etwas getan wird für den Heimbewohner, der nicht richtig reden kann, oder für den Armen in der Dritten Welt, der keine Lobby hat.
Der Nächstenliebe, sofern sie auch Gottesliebe ist, reicht es nicht, wenn nur die Stärksten überleben, sie möchte, dass auch die Schwachen überleben und gute Lebensmöglichkeiten haben. Und das gelingt ihr auch vielfach. Und weil ihr das vielfach gelingt, ist das die große Erfolgsgeschichte der christlichen Nächstenliebe.
Doch noch etwas, Wesentliches auch: wir sollten uns hüten, die Nächstenliebe nur als ein Verdienst des Christentums zu sehen. Die Frage nach den höchsten Geboten verbindet in Wirklichkeit Jesus mit Israel, das Christentum mit dem Judentum. Denn Jesus gibt eine jüdische Antwort: die beiden Gebote sind nicht aus dem Himmel gefallen, sondern Gebote aus dem Alten Testament, der jüdischen Bibel.
Und darum ist die Frage nach dem höchsten Gebot und seine Antwort auch eine Brücke zwischen den Glaubensrichtungen: hier gibt es etwas, was Juden und Christen vereint. Wo sie beide Gott lieben und diese Liebe in der Liebe zum Nächsten beweisen, da beginnt der Friede der Religionen



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Was die Liebe ist und was sie nicht ist

Was die Liebe ist und was sie nicht ist
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt zu Römer 12,9-16 (2. Sonntag nach Epiphanias)

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und fluchet nicht.
15 Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden.
16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.
Haltet euch nicht selbst für klug.

Liebe Gemeinde!
Jeder Vers eine Forderung. Auch wenn sie schön formuliert sind und wir sie gerne lesen, so klingt es doch auch anstrengend. Das alles sollen wir tun? Wer schafft das schon?
Wenn wir nur diese Verse aus dem Brief an die Römer hören, fehlt naturgemäß der Zusammenhang. Viel war vorher davon die Rede, was Gott für uns getan hat und noch tut: Paulus erinnerte an Gottes unwandelbare Treue, an die Erlösung durch Jesus Christus. Er sprach von dem Frieden mit Gott, von der Taufe, die neu lebendig macht, und von der Macht des heiligen Geistes, der alle bösen Gedanken vertreibt. „Nichts kann uns mehr trennen von der Liebe Gottes“, so brachte er es auf den Punkt.
Auf diesem Hintergrund bekommen die Forderungen ein anderes Gesicht. Es sind nicht Dinge, die erst noch erfüllt werden müssten, um vor Gott bestehen zu können. Es sind aber auch keine grundlosen Forderungen. Sie ergeben sich aus der großen Liebe Gottes. Hat er uns geliebt, dann ist es auch gut und richtig, diese Liebe zu bezeugen. Wer dem anderen mit Arglist und Hintersinn begegnet, lässt nicht erkennen, dass bei ihm schon die Liebe Gottes angekommen wäre. Wem es um die eigene Geltung geht, der lässt wenig Raum für das Wirken Gottes. Darum die vielen positiven Forderungen des Paulus: allesamt Hinweise, wie ein Leben aussehen kann, das von der Liebe Gottes berührt und durchdrungen ist! Da ist kein Hass mehr, keine Zwietracht, keine Eifersucht, kein Neid. All das ist vergangen. Im Licht der Liebe Gottes, im Wirkungsbereich des göttlichen Geistes der Liebe ist das alles getaut wie Eis und Schnee - stattdessen lebt die Liebe auf, wendet sich die erfahrene Barmherzigkeit Gottes zu den Menschen zur Rechten und zur Linken.
Luther sagte einmal sinngemäß: „Ein Christenmensch kann nicht für sich selber leben. Durch den Glauben fähret ein Christenmensch hinauf über sich selbst zu Gott, und aus Gott fähret er durch die Liebe wieder hinab und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe.“ (Von der Freiheit eines Chri­stenmenschen)
Ist Gott mir barmherzig, will ich selbst barmherzig sein. Ist er großherzig, will ich nicht mehr kleinmütig sein. Ist er mitfühlend, kann ich nicht mehr kalt und berechnend sein.
Natürlich, das wissen wir: auch unter den Christenmenschen gibt es das andere noch, und auch im eigenen Alltagsleben will es nicht immer so recht gelingen mit der Nächstenliebe. Menschen suchen ihren Vorteil, suchen andere zu übervorteilen. Aber das zeigt, dass wir der Liebe Gottes eben noch nicht genug Platz geben. Und das geschieht dann, wenn wir ihr nicht genug trauen, sie nicht bei uns im Herzen richtig ankommen lassen.
Gewiss: als Dauerzustand werden wir Gottes Liebe erst in seiner anderen Welt erfahren und dann erst ganz zu Teilen seiner großen Liebe werden: aber das heißt nicht, dass wir hier auf dieser Erde noch teilnahmslos und unbeteiligt sein dürfen. Lieblose, gleichgültige, unbekümmerte Chri­sten verdienen es eigentlich nicht, nach Christus benannt zu werden. Sie entsprechen nicht dem, wofür er sich eingesetzt hat, wofür er da war. Denn das hat sein Wesen ausgemacht: dass er für die Menschen da war, dass er sich in sie hineinfühlen konnte - in den blinden Bettler am Straßenrand; den Leprakranken, um den alle einen Bogen machten; aber auch den reichen Zachäus, der auch aus eigener Schuld ganz einsam war.
Jesus ging zu den Menschen, weil sie ihm nicht egal waren. Und dabei geschahen Wunder um Wunder: dem Blinden wurde das Augenlicht neu geschenkt, der Kranke wurde wieder heil, der Verachtete durfte sich angenommen fühlen, der mit der schweren Sündenlast konnte wieder aufrecht gehen.
„Das Gegenteil der Liebe ist nicht Hass“, so habe ich einmal gelesen, „denn im Hass ist mir der andere wichtig, ich interessiere mich für ihn. Das Gegenteil der Liebe ist Gleichgültigkeit!“
Bei der Liebe gilt zunächst, dass ich mich für den anderen interessiere. Wie sehe ich ihn? Als Rivalen? Als einen, der mir im Wege steht? Als einen, von dem ich mir einen Vorteil er­hoffe? Als einen, der mir nützen oder den ich mir gefügig machen kann? So kann ich ihm meine Liebe und Herzlichkeit vormachen in gespielter Freundlichkeit.
Paulus spricht statt von Freundlichkeit lieber von „Ehrerbietung“. Gemeint ist keine aufgesetzte Höflichkeit, aber auch keine Kriecherei. Noch besser übersetzt man das griechische Wort, das hier steht (timé), mit „Wertschätzung“. In der Wertschätzung soll einer dem anderen vorangehen.
Mit dem Wert des Menschen lässt sich kein Spiel treiben. Meine Wertschätzung verrät, was der andere mir wirklich gilt. Erkenne ich in ihm einen Menschen, mit dem Gott seine Geschichte hat, so achte ich seinen Wert und seine Würde um dieser Geschichte willen. Nicht nur den Älteren oder den sozial Höherstehenden - nein, auch den Jüngeren und den, dem ich in seiner Notlage zu helfen habe. Schon bevor er sich mir zuwenden kann, soll ich ihm mit meiner Wertschätzung zuvorkommen.
Wertschätzung heißt auch: angemessen, spürbar und nicht von oben herab helfen. Erst wenn ich vom hohen Ross herunter­steige aber auch jede Unterwürfigkeit ablege, erst wenn ich mit dem Mitmenschen auf derselben Stufe stehe, kann ich ihn richtig verstehen und ihn ernst nehmen.
Vor Gott haben wir alle den gleichen Wert: damit sind wir auf die Ge­meinde gewiesen. Das ist heilsam. Denn wir können als Chri­sten keine Einsiedler sein. Einsiedler kennen keine Nächstenliebe. Ihnen geht es um Selbstverwirklichung und damit um Selbstliebe.
Aber auch die Liebe zum Nächsten kann eine gut verkleidete Selbstliebe sein. Das ist sie dann, wenn es nicht darum geht, was dem anderen dient, sondern was einem selbst dient. Luther hat solche Liebe eine „Schalksliebe“ genannt: „wenn ich dem gut Freund bin, der mir dient und helfen kann und mich in Ehren hält.“ Eine solche „Liebe“ „geht nicht aus einem Herzen hervor, das grundgut und ehrlich ist, sondern das nur das Seine sucht und voller Eigenliebe steckt. Denn es sieht nur danach, was ihm selbst dient, und sucht seinen eigenen Nutzen, nicht den des Näch­sten.“ (Summe christlichen Lebens, 1532)
Das ist die Gefahr der „Schalksliebe“, dass eigensüchtige Ziele verfolgt werden mit der Freundlichkeit gegenüber anderen, mit Scheininteresse und kleinen Gefälligkeiten – ja manchmal sogar mit taktischer Zurücknahme und gespieltem Entgegenkommen! Darum also öfter einmal von „Wertschätzung“ als von Liebe reden – dieser Begriff ist eindeutiger.
Wenn es mir beim Werben um einen anderen nur um meinen Vorteil, meine Stellung, mein Ansehen geht – dann schätze ich nicht den Eigenwert des Anderen, geht es mir nicht um den Wert und die Würde, die er aufgrund seiner Geschichte mit Gott hat. Liebe kann so gesehen auch ein Kalkül sein. Furchtbar berechnend. Falsch. Geheuchelt.
Paulus bringt vermutlich gerade deswegen mehr Aufforderungen hinzu, die alles Berechnende, kühl Kalkulierende ausschließen: „Seid brennend im Geist!“
Hier gebraucht er ein Wort, in dem im griechischen Original (zeontes) viel mitklingt: Da hört man förmlich das Zischen heraus. Wie Wasser siedet und aufwallt vor Hitze, wie ein Eisen glühend auflodert unter dem Schmiedehammer – so sollen wir Christen sein. Vom Geist überwältigt. Vom Feuersturm des Geistes erfüllt.
Sprachlich übrigens lesen wir hier im Original keine Imperative mehr, keine Forderungen, sondern Partizipien, Mittelworte also, die einen Zustand angeben. Wie sollten wir auch aus uns selbst brennend im Geiste sein! Der Feuerwind des Gei­stes ist eine Auswirkung des Glaubens; Gott selbst wirkt in uns hinein. Also: „Kommt den anderen in Wertschätzung zuvor, da ihr doch im Geiste brennt, weil ihr schon vom Geiste überwältigt seid!“
Wo Gottes Geist wirkt, da wird das möglich, was Paulus als Nächstenliebe und Wertschätzung fordert. Wo er nicht wirkt, da wird es auch mit der Liebe hapern.
Erkennbar aber ist der Geist unter anderem an der Fröhlichkeit: indem wir in der Hoffnung fröhlich sind oder voller Erwartung und Vorfreude sind. Auch diese Freude ist nichts, was wir künstlich in uns selbst herstellen können: sie kommt von außen, ist ebenso ein Werk Gottes an uns.
Fröhlichkeit verweist uns wieder auf die Gemeinde: alleine fröhlich sein bringt es nicht, ist eigentlich ein Unding. In der Gemeinschaft gilt es fröhlich zu sein.
Wir haben von der Hochzeitsgesellschaft von Kana gehört, wo Jesus Wasser zu Wein gemacht hat. Eine solch fröhliche Runde ist beschwingt und heiter – nicht nur durch den äußerlichen Anlass (die Hochzeit), sondern auch die verborgene Gegenwart des Heilands in ihrer Mitte. Wo er schon unter uns wirkt, dürfen wir uns schon in Gottes Haus wissen, schon geborgen. Welche Freude!
Paulus bringt im Brief an die Römer aber auch andere Töne ein: die Gemeinde, an die er schreibt, lebt nicht in ungetrübter Heiterkeit. Da gibt es Spannungen. Das ist das eine. Die müssen überwunden werden in der Kraft des Geistes – in Gleichgesinntheit. Das andere sind die dunklen Wolken der Verfolgung. Da gibt es böse Mitbürger, die die Gemeinde am liebsten verjagen wollen. Die sind eifersüchtig und bedrängen die, die sich zu Jesus bekennen. Auch wenn man nicht gleich an die schlimmsten Formen der Christenverfolgung denken muss, so können wir uns doch ausmalen, dass es diesen jungen Chri­sten nicht gut geht. Sie werden gedemütigt, gezielt diskriminiert, beleidigt, ausgegrenzt.
Paulus redet daher davon, dass es wichtig ist, dabei zu bleiben und durchzuhalten! Eine große Kraft schreibt er dem Gebet zu: „Seid geduldig in Trübsal, haltet fest am Gebet!“
Doch soll sich die Wertschätzung auch gegen die Fremden und sogar gegen die Feinde richten. Eine harte Forderung: „Segnet, die euch verfolgen; segnet, und fluchet nicht!“ Hart – aber konsequent: Denn eben diese Liebe hat auch Jesus vorgelebt.
Was hier gemeint ist, hat Luther kundig ausgelegt: „Wenn du zu einem anderen sagst: er ist mein Feind und tut mir nur Böses, dann denke daran: er ist Gottes Feind auch und tut ihm viel mehr zu Leid, als er dir oder mir tun kann. Aber darum soll meine Liebe nicht verlöschen noch aufhören, weil er böse und derselben unwert ist. Ist er böse, das wird er wohl merken, aber seine Bosheit soll mich nicht überwinden. Sondern wo ich durch die Liebe ihn zurechtweisen, vermahnen oder für ihn bitten kann, dass er besser werde und der Strafe entgehe, das soll und will ich gerne tun. Aber dass ich noch zufahren und ihm dazu Feind werden und Böses tun wollte, das gilt nicht. Denn was ist mir damit geholfen? Ich werde dadurch nicht frömmer und mache ihn nur ärger.“ (Die Summe christlichen Lebens, 1532)
Darum also ist das Segnen besser als das Fluchen. Der Segen überwindet den Fluch, der auf der Welt lastet und den wir manchmal sogar selbst vergrößern. Gutes austeilen aber bezwingt den Hass. Dabei meint das Segnen nicht, wie Luther richtig sagt, dass man sich selbst verleugnet, sondern dass man dem anderen Gutes wünscht – durchaus auch dadurch, dass man Standpunkte klarmacht und zur Vernunft bringt.
Das Wichtigste aber, sozusagen die Summe von allem, finden wir in dem Vers 15, darum in vielen Bibelausgaben auch fettgedruckt: „Freuet euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ (im Original absolute Infinitive!)
Hier stehen Sonnenstunden und dunkle Stunden nebeneinander. Verbunden aber sind sie durch das, was man „Empathie“ nennt, zu Deutsch: Einfühlung, Mitfühlen.
Empathie ist das Gegenteil von Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit. Die Nöte der anderen sollen unsere eigenen Nöte sein, in die wir helfend eingreifen. Die Freude der anderen soll unsere eigene Freude sein, die wir gerne wünschen und gönnen.
Christus hat sich mit den Fröhlichen gefreut – siehe Hochzeit von Kana; aber auch mit den Weinenden geweint – in seinen letzten Stunden in Jerusalem. In ihm hat Gott selbst sein Wesen aufgetan für uns Menschen. Geboren wurde er in einem Stall in Bethlehem: als weinendes Kind, das seine Mutterbrust braucht, und aufgewachsen ist er ebenso als ein lachendes, fröhliches Kind – wenn auch voll bewundernswerter Weisheit.
Das Mitfreuen mit den Fröhlichen und das Mitleiden mit den Leidenden – sind seine Kennzeichen gleichermaßen. Hierin wird echte Wertschätzung offenbar.
Wer seinen Nächsten nicht schätzt, bringt es fertig, in einer fröhlichen Runde den Miesepeter zu machen und die Stimmung zu zerstören. Wer seinen Nächsten nicht schätzt, kriegt es ebenso hin, einen Menschen in Not und Leid auch noch zu verspotten. Beides hat Jesus übrigens selbst erduldet: den Missmut und Neid der Pharisäer, die seine Tischrunden mit den Randgruppen der Gesellschaft verachteten; später dann den Spott unter Dornenkrone und Kreuz.
Als Christen aber sind wir Kinder seines Geistes: wir freuen uns mit den Fröhlichen, ganz neidlos; und wir fühlen auch mit, wo es Menschen nicht gut geht. Denn mag die „Schalksliebe“ fragen, wo eine Wohltat mir Nutzen verschafft, so schaut die echte christliche Liebe darauf, dass sie frei und ohne Hintergedanken aus dem Herzen strömt.
Der Scheinliebe geht es darum, einen Nächsten zu finden, der sich durch Gegenleistungen revanchiert oder uns Vorteile verschafft. Echte Liebe dagegen ist dort, wo wir zu Mitmenschen werden, ohne den anderen zu einem bloßen Mittel zu verzwecken, zu entwerten, zu entwürdigen.
Liebe ohne Falsch rechnet nicht. Sie zählt auch nicht ab. Sie besteht in der Wertschätzung, die wir dem anderen gönnen – und die sehr viel über uns selbst und den Adel unserer eigenen Seele verrät. Nämlich: ob wir in ihr die Liebe Gottes wachsen lassen.



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Was die Liebe ist und ...

Was die Liebe ist und was sie nicht ist; Licht und Schatten
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt über Epheser 5,8-14 (8. Sonntag nach Trinitatis)

08 Einst waret ihr Finsternis,
jetzt aber seid ihr Licht im Herrn.
09 Wandelt als Kinder des Lichts! Denn die Frucht des Lichtes besteht in lauter Güte, Gerechtigkeit, Wahrheit;
10 und prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist;
11 und beteiligt euch nicht an den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern enthüllt sie!
12 Denn was heimlich von ihnen getan wird, davon auch nur zu reden ist schon schändlich.
13 Alles, was enthüllt wird, wird vom Licht offenbart.
14 Denn alles, was offenbar wird, ist Licht. Darum heißt es:
»Wach auf, der du schläfst,
und steh auf von den Toten,
und aufstrahlen wird dir Christus!«

Liebe Gemeinde,
Licht und Finsternis liegen eng beisammen. Und um beide ist ein Geheimnis.
Als neulich wieder eine Gewitterfront sich zusammenballte, war ich fasziniert. Immer mehr dunkle Wolken schoben sich vor die Sonne. Innerhalb weniger Minuten war der Himmel schwarz. Dazu peitschte ein Wind die Bäume. Blitze zuckten, Donner grollte. Die Macht des Sturms kann erschauern lassen. Eine ungeheure Naturgewalt, die sich entlädt, manchmal Bäume entwurzelt und Dächer abdeckt. Für Minuten sintflutartiger Regen. Dazu ein Dunkel, das den Tag zur Nacht macht. Wir Menschen suchen instinktiv Schutz, denn das Dunkel ist unheimlich. Faszinierend, aber auch zerstörerisch.
Manche Kinder wünschen sich noch lange, dass zum Abend, wenn es ans Schlafen geht, noch ein Licht brennen möge. Licht ist wichtig. Es hilft etwas zu sehen. Wir können uns orientieren. Licht (wenn es nicht grell ist) erfreut. Wir genießen den flackernden Kerzenschein, sind bezaubert vom Spiel der Sonnenstrahlen auf dem See.
Doch was ist Licht? Was Finsternis?
Ist Finsternis etwas Eigenes? Oder nur ein Mangel an Licht?
Ist Licht dinghaft, materiell, oder eine Energie, die über den Dingen steht oder durch sie hindurch wirkt?
Sogar die Wissenschaften tun sich schwer damit, die Natur des Lichtes zu enträtseln: für die einen besteht Licht aus kleinsten Teilchen, für andere ist es eine Energieform, für dritte beides zugleich.
Unsere Bibel ist jedoch nicht an naturwissenschaftlichen Erklärungen interessiert, sondern bietet uns Gleichnisse für das Seelenleben. Für sie bedeutet Licht, dass man in der Nähe Gottes ist; und Finsternis bedeutet Ferne von Gott.
So kommt es, dass am Karfreitag sich die Sonne verfinstert, wie um anzudeuten, dass sich mit dem Licht Gott selbst aus der Welt zurückzieht; umgekehrt fällt der Ostertag auf einen Sonntag: Christus erwacht aus dem Tode, als gerade die Sonne ihre Strahlen über den Horizont schickt und Land und Stadt hell macht.
Licht steht für das neue Leben, steht für Gott und das Gute, auch für die Wahrheit.
Das wird deutlich an dem anderen Gleichnis vom Schlaf. Das, was ich im Schlaf erlebe, durchschaue ich im Schlaf nicht als Schlaf, sondern erst nach dem Aufwachen. Es war nur ein Traum, nicht Wirklichkeit.
Eine Sache des Erkennens: So wie der Schatten kein Licht wirft, auch kein Licht zurückspiegelt, sondern erst durch das Licht hervortritt. Vorher erkennen wir ihn nicht, erst durch die Sonne gewinnt er Konturen. Vorher ist alles Grau in Grau. Die Sonne bringt es an den Tag.
Wer jedoch den Tag meidet, hat etwas zu verbergen. Der helle Tag deckt auf. Wie durch einen Scheinwerfer wird angeleuchtet, ausgeleuchtet, aufgedeckt, offenbart, was verheimlicht und versteckt bleiben sollte.
Und wieder ergeben sich Gleichnisse für unser Seelenleben: wir alle tragen einen Schatten mit uns, der berühmte dunkle Fleck in unserer Biographie kann das sein, aber auch eine ungelöste Belastung, eine bedrückende Traurigkeit. Am liebsten bleiben wir mit unserem Schatten im Halbdunkel, wo man ihn nicht sieht, wo wir ihn verdrängen können. Im Licht der Gegenwart Gottes gewinnt der Schatten jedoch Konturen, wir können ihn nicht beiseite schieben. Wir können ihn auch nicht einfach loswerden. Aber wir können mit ihm umgehen, ihn als eine Wahrheit über uns selbst ansehen. Und die Kraft dazu können wir daraus gewinnen, dass uns Gottes Licht schon längst berührt hat, den Schatten nicht übermächtig macht. Trotz des Schattens gilt uns Gottes Liebe und Güte. Das lässt aufleben, macht es heller im Herzen, auch wenn der Schatten noch da ist, uns begleiten wird auf unseren Erdenwegen – aber er beherrscht uns nicht mehr.
Christen haben sich daher, weil sie von Gottes Licht sich berührt fühlten, in den alten Zeiten als „Kinder des Lichts“ verstanden. Ein Begriff, den man heute wohl nur selten noch hört. Aber ein schöner Begriff. Als „Kinder des Lichts“ wussten sich die frühen Christen freilich auch im Gegensatz zu ihrer Zeit, die sie nicht als „ruhmreiche Antike“ wahrnahmen, sondern als eine Zeit, die an ihr Ende gekommen war, eine dunkle Epoche. Dunkel durch Vergötzung von Menschen dort und Verdinglichung von Menschen hier. Die römischen Kaiser ließen sich als Götter huldigen, Sklaven dagegen galten als bloßer Sachbesitz. Der Mensch also einmal als Götze, einmal als Ware. Auch von den moralischen Vorstellungen der damaligen Zeit machen wir uns kaum einen Begriff, so sehr haben christliche Werte und Einstellungen seitdem gewirkt und alles neu geprägt. Ein Menschenleben zählte nicht viel damals, der Umgang untereinander war brutal, rücksichtslos oder von kruden Ehrvorstellungen geprägt. Spott auf Kosten anderer galt als witzig, Maßlosigkeit beim Gelage als vornehm, Untreue in der Ehe als harmlos.
Die „Kinder des Lichts“ wollten damit nichts zu tun haben. Von unfruchtbaren Werken der Finsternis soll man sich fernhalten, soll sich lieber dem Licht, dem Guten zuwenden. Was gut und was böse ist, ist freilich nicht immer so einfach und klar zu entscheiden. Eine Entscheidungshilfe aber, auf die sich die ersten Christen verließen, war zu fragen, was wohl Gott gefällt und was nicht. Gott ist ein Freund des Lebens, wussten sie, er hat die Welt und alles Leben geschaffen, sein Licht in der Finsternis aufleuchten lassen. Ohne Licht kein Leben. Ohne Licht kann nichts wachsen. In zehn Geboten hatte er die Menschen durch Mose wissen lassen, was gut, gemeinschaftsförderlich und damit lebensförderlich ist. Von Jesus, diesem ersten und ganz besonderen „Kind des Lichts“, wussten sie, dass Gott sich auf die Seite der Schwachen schlägt, dass er mitfühlend und barmherzig ist.
Bei vielen Mitmenschen beobachteten die frühen Christen, wie destruktiv, ja selbstzerstörerisch es sein kann, den falschen Göttern Gefolgschaft zu leisten. Die einen trieb Gier und Habsucht, andere der Machthunger oder sie waren zerfressen von Neid. Die Schatten, die sie warfen, waren groß, aber die meisten konnten sie nicht als Schatten erkennen, weil sie sich ganz dem Dunkel hingaben. An den Auswirkungen war das Dunkle und Zerstörerische jedoch erkennbar: Familien zerfielen, Betrug und Intrige untergruben das Miteinander, Sensationsgier und Leichtgläubigkeit trieben die Leute um.
Malt man das aus, so mag der eine oder andere vielleicht fragen: „Sieht das denn heute so ganz anders aus?“
Nein, so ganz anders sieht es dann doch nicht aus. Leider lässt sich manches vergleichen. Darum aber ist es nach wie vor Aufgabe der Christen, sich als „Kinder des Lichts“ zu begreifen, nach der Quelle des Lichts zu fragen. Christen gewinnen dadurch an Profil, wenn sie nicht zu allem Ja und Amen sagen, sondern das Licht dem Dunkel vorziehen.
Hüten müssen sich die heutigen „Kinder des Lichts“ gleichwohl vor einer alten Gefahr, vor der auch die frühen Chri­sten nicht gefeit waren: wer Licht und Dunkel unterscheidet, kann leicht der Schwarz-Weiß-Malerei verfallen. In Wirklichkeit ist es jedoch so, dass auch „Kinder des Lichts“ nicht frei von dunklen Anteilen sind, noch ihren Schatten mit sich herumschleppen. Und umgekehrt: alle Menschen, die keine „Kinder des Lichts“ sind, weil ihnen Jesus noch fremd ist oder sie sich vielleicht sogar bewusst vom Glauben abgekehrt haben, - sie sind dennoch Gottes Geschöpfe und tragen darum auch Lichtteile in sich. Licht ist auch nicht einfach nur weiß, sondern trägt alle Farben ins sich: will sagen, was uns fremd ist, ist nicht darum schon finster.
Christen sollten daher nicht groß darin sein, schwarz-weiß zu malen und andere zu verdammen, sondern lieber groß darin sein, das Licht in anderen zu erwecken.
»Wach auf, der du schläfst,
und steh auf von den Toten,
und aufstrahlen wird dir Christus!«
So lautet der Appell, den unser Predigttext überliefert. Ein Weckruf. Aufgeweckt werden aus dem Schlaf der Vergessenheit und Umnachtung – darum geht es hier. Wachwerden für das eigentliche Leben. Abschütteln des Schlafes, der Müdigkeit, der Unbestimmtheit.
In der Sprache des Neuen Testaments heißt „Wahrheit“ „a-létheia“, wörtlich: der „Nicht-Schlaf“. Wer wach wird, erkennt die Wahrheit über sich selbst. Das kann er­schrecken, aber auch aufrütteln. Die Trugbilder des Lebens werden durchschaut, alles, was man sich vorgemacht hat, wird durchblickt. Das dauernde Verfolgen von Eigen­interessen, ohne Rücksicht auf andere, erscheint sinnlos. Die Abkehr davon ist, wie wenn ich in einen Raum des Lichts trete und begreife, wohin ich wirklich gehöre. Eine neue Lebendigkeit und damit auch ein neuer Lebenswandel zeichnen sich ab.
Der Weckruf, der in unserem Predigttext überliefert ist, mag im Zusammenhang der urchristlichen Taufe gesprochen worden sein, so viele Ausleger. Nicht kleine Kinder, Erwachsene sind damals getauft worden. Und für sie war es eine Lebenswende.
„Steh auf“, wurde dem Täufling zugeraunt durch die anwesende Gemeinde. „Öffne die Augen und auch das Ohr, tritt heraus aus dem Schatten – gehe hinüber ins Helle, Freie! Werde ein Kind des Lichts! Lege alles Dunkle ab und lass Christus deine Sonne sein!“
Wir können uns den Moment der Taufe gar nicht spannend genug vorstellen. Es war ein Übergang von einem Leben in ein anderes Leben: eine Lebenswende mit der Konsequenz eines neues Lebenswandels.
„Wache auf“, klingt es dem Täufling ins Ohr,
„der du schläfst, und steh auf von den Toten,
und Christus der Herr wird dir leuchten,
er, der die Sonne der Auferstehung ist,
der noch vor dem Morgenstern erzeugt wurde,
der durch seine eigenen Strahlen Leben spendet.“
Heute werden Kinder getauft – ein gutes Zeichen, dass Gottes Liebe schon ihnen gilt, sie schon von Anfang an zu „Kindern des Lichts“ bestimmt sind. Wir können den Kleinen freilich noch nicht zuraunen: „Wach auf! Steh auf!“ Es würde sie nur erschrecken.
Nein, den Weckruf zu neuem Leben müssen wir heute neu und eben später hören. Vielleicht immer wieder, ein ganzes Leben lang. Er gilt allen, die getauft sind, und mag die Taufe auch 30 oder 70 Jahre her sein: „Steh auf! Tritt ins Licht! Durchschaue, was dein Leben bisher belastet hat und lass Christus deine Sonne sein!“
In das Licht Christi wechseln heißt vor allem seiner Macht vertrauen, darauf setzen, dass er als Erster von allen auferstanden ist, in ein neues Leben gewechselt hat, wo es keine Angst, kein Leid und keine Gebrechlichkeit mehr gibt.
Sich auf seinen Namen taufen lassen, das bedeutete für die frühen Christen, dass sie ihm gleich werden würden, dass auch sie einmal auferstehen würden. Man würde selber teilnehmen an dem, was zu Ostern mit Jesus geschehen war. Aber diese Auferweckung fing bereits an - mit der Taufe, begann bereits damit, dass man nicht mehr das Dunkle, sondern das Helle über sich bestimmen ließ.
Ein Kind des Lichtes ist, wer sich vom Licht bestimmen lässt, wer vom Licht lebt, wer sich dem Guten zuwendet und für Gerechtigkeit sorgt. Verhaftung in der Finsternis gleicht dem Dämmerschlaf, bei dem nichts Rechtes herauskommt. Die Gedanken kreisen noch wie gebannt um das eigene Ich und seine vermeintlichen Ansprüche: „Was gehört zu mir? Was bin ich mir schuldig? Wie kann ich mich durchsetzen?“
Im neuen Leben werden die alten Fragen abgelöst, durchkreuzt: „Was würde sich Jesus von mir wünschen? Wodurch möchte er sein Licht auch durch mich aufscheinen lassen?“
Das neue Leben ist nicht frei von Mühen, auch Rückschläge wird es geben. Es lebt aber von einer wunderbaren Verheißung: „Aufstrahlen wird dir Christus! Mit deinen eigenen Augen wirst du einmal sein herrliches Licht sehen.“



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Aufbruch aus dem Land der 1000 Wichtigkeiten

Aufbruch aus dem Land der 1000 Wichtigkeiten
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt zu Philipper 3,7-14 (9. Sonntag nach Trinitatis)

Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Gemeinde von Philippi:
7 Was mir einmal Gewinn war, das habe ich um Chri­sti willen für Schaden erachtet.
8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne.
10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12 Nicht, daß ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, daß ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Liebe Gemeinde!
Wenn wir Menschen ein etwas gesetzeres Alter erreichen, so halten wir hin und wieder Rückschau. Und wenn wir dann zurückblicken, so wundern wir uns wohl manchmal, welche Dinge, Vorstellungen, Beziehungen, Wünsche, Ziele für uns zu bestimmten Zeiten unseres Lebens von höchster Wichtigkeit waren: Die Spielsachen zum Beispiel, die wir als Kind besaßen. Die Briefmarkensammlung, die vom Großvater überkommen war. Das Schulzeugnis. Das erste eigene Fahrrad, das erste eigene Auto. Die Musik von damals.
Eine Freundschaft, ohne die man nicht leben zu können meinte. Die erste große Liebe, die man noch ganz rosarot sah. Später dann: Beziehungen zu bestimmten Menschen hier und dort. Es war nicht unwichtig, mit wem man sich gut stellte. Die Gunst von Vorgesetzten und Kollegen galt als wichtig. Berufliche Erfolge und – oder auch – politische Ziele. Auszeichnungen und Ehrungen. Vielleicht auch öffentliche oder kirchliche Ämter. Ideale und Wunschvorstellungen. Und damit verbunden Leiden­schaften ...
Heute, im Rückblick, können wir manches kaum mehr begrei­fen. Viele Wichtigkeiten von einst berühren uns gefühlsmäßig nicht mehr. Wofür einmal das Herz schlug, erntet heute Schulterzucken. Wir merken, wie wir uns selber fremd geworden bin. Manches hat sich – im wahrsten Sinne – überlebt. Das macht uns mißtrauisch gegen alle Wichtigkeiten von heute. „Mehr Gelassenheit - ja, das wäre gut“, sagen wir oft, wenn wir sehen, wie hitzig es in manchen Diskussionen zugeht. Vielleicht sind wir aber auch nur - leerer geworden? Hin und wieder vermissen wir wohl auch die Leidenschaft der Jugend. Sind wir vielleicht zu … abgeklärt?
Der Apostel Paulus denkt in seinem Brief nach Philippi ebenfalls zurück an die Wichtig­keiten seines Lebens. Anlass für seine Rückschau ist freilich nicht das Erreichen eines gesetzten Lebensalters, sondern Gefangenschaft und möglicher baldiger Tod. Kein erfreulicher Anlass Bilanz zu ziehen, wie wir es vielleicht bei einem runden Geburtstag tun, aber Anlass Bilanz zu ziehen allemal. Und so schaut er zurück auf die Wichtigkeiten von früher. Das, was ihm früher wichtig war.
Was er nennt, das ist uns wohl zuerst einmal fremd: Die Beschneidung nennt er, — die Herkunft aus dem Volk Israel und die bewusste Zugehörigkeit zum Gottesvolk, genauer zum Stamm Benjamin. Für die Partei der Pharisäer hat einst sein Herz geschlagen. Er war ein energischer Erfüller des mosaischen Gesetzes gewesen. Mit gleicher Energie verfolgte er die frühe christliche Gemeinde — leidenschaftlich, weil sie alles infrage stellte, wofür er sich einsetzte. Wir erkennen Vaterlandsliebe, Parteibindung, ein religiöses Wertesystem. Dies alles aber, was Paulus einmal wichtig war, lebenswichtig, daseinswichtig: es ist für den Apostel nun nur noch Schaden, Verlust, Dreck – in seiner Wortwahl ist er nicht zimperlich. Aus dem Saulus wurde ein Paulus, und damit wurde Bedeutungsvolles bedeutungslos – wurde es ein rechter Quark – jedenfalls im Vergleich mit der neuen Wich­tigkeit, der einzigen, der wahren: der Erkenntnis Chri­sti.
Da ist nichts von Leere oder Abgeklärtheit in dem, was Paulus über seine früheren Werte sagt. Sie sind wertlos geworden nicht aus langer Lebenserfahrung oder aufgrund eingehenden Nachdenkens, schon gar nicht aus Resignation: nein, die sind wertlos geworden durch eine andere Wichtigkeit, die nun das Leben von Paulus erfüllt - bis zum Rand und darüber hin­aus. Eine lebendige, höchst aktive Wichtigkeit ist in sein Leben getreten: hat sein Herz hell gemacht, wie die Sonne die finstere Nacht vertreibt. Es ist der Auferstandene selbst, der in ihm und mit ihm wirkt. Darum bleibt Paulus auch leidenschaftlich: da mag manche Entsagung auf ihn zukommen, aber es klingt kein Wort hindurch von Aussichtslosigkeit!
Ich versuche zu verstehen. Was bin ich durch meine Her­kunft? Durch meine Vorfahren und das, was mir von ihnen überkommen ist? Durch mein Wissen, meine Überzeugungen, meine Leidenschaften? Durch meine Taten - die von gestern, die von heute? Durch die Gunst anderer, durch das Bild, das sie von mir haben? Ich sehe lauter Bruchstücke, die zusammengesetzt das bilden, was ich bin: Mein Leben. Ich kann einen Lebenslauf schreiben mit den groben Daten und wichtigen Stationen, die Zeugnisse anderer beigefügt. Doch bin ich das wirklich? Eine Summe aus Fragmenten und Lebensabschnitten? Wo bleibt das Ganze? Und woher kann ich die Gewissheit bekommen, dass mein Leben gelungen war und gelingen wird?
Paulus bleibt Israelit - selbstverständlich. Benjaminit, He­bräer von Hebräern, Pharisäer. Manches bleibt man alle Tage, anderes war man für eine lange Spanne von Jahren. Doch den Versuch, aus sol­chen Bruchstücken ein Leben zusammenzubauen, es auf sol­chen Bruchstücken zu begründen, hat Paulus als völlig vergeblich durchschaut. Er kann noch so eifrig die Gebote auswendig lernen und befolgen, er kann noch so eifrig den Feiertag halten und die Reinheitsvorschriften achten – er findet dabei doch nicht – die Seligkeit.
Er findet es aber: sein Leben und seine Seligkeit — außerhalb des Bruchstückhaften, jenseits aller ver­zweifelt-vergeblichen Selbstversuche, aus den Teilen ein Ganzes zu bilden. Er findet sich selbst in der Teilhabe an einem fremden Geschick, im Gewinn eines neuen Namens: in einem Dasein im Namen des Herrn Jesus Christus. „Einen andern Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist: Jesus Christus“, so sagt er ein andermal. Von Jesus Christus lebt er - als seiner Lebensquelle. Für Jesus Christus lebt er - als seiner neuen Berufung. Auf Jesus Christus zu lebt er - als seiner Hoffnung.
Nicht um Glaubenssätze und Formeln geht es in diesem neuen Leben, beschienen von neuer Wirklichkeit, sondern es geht um eine Erfah­rung - besser vielleicht: eine Entdeckung: nämlich leibhaftig an einem anderen Leben teilzuhaben, das die eigenen Lebens-Bruchstücke in seine Ganzheit aufnimmt, sie beieinanderhält, sie durch Vergeblichkeit, Leiden und Tod hindurch in seine Auferstehung und seine Zukunft hineinrettet.
Blicken wir noch einmal auf unsere eigenen Lebensentwürfe zurück! Da sind die vergangenen und gegenwärtigen Wichtigkeiten in unserem Leben; und da ist die Leere, die sie mit der Zeit hinterlassen. Dass unser Leben trotz solcher Leere noch nicht auseinandergebrochen, noch nicht in sich zusammengestürzt ist wie ein Turm aus Bauklötzen, können wir kaum begreifen.
Wir ahnen, mehr als wir es glauben und wissen können, dass uns ein anderes Leben, eine andere Kraft trägt, ja uns schon längst ergriffen hat, ohne dass wir es begriffen haben. So dürfen wir - mit Paulus - vergessen und verschenken, was dahinten ist, und uns nach dem strecken, was kommt.
Unsere Anlagen dürfen wir verschenken; die Talente, die wir mit auf den Weg bekamen; unsere verzweifelten Versuche, etwas daraus zu machen; alle Bemühungen, unser Dasein zu rechtfertigen. Hineingenommen, ein­getaucht in ein fremdes, ganzes Leben, empfangen wir einen neuen Namen, eine andere Herkunft, einen besseren Ruf, einen fe­steren Stand und ein größeres Erbe... durch und bei Jesus Christus. Welch ein Wechsel!
Natürlich: ganz ergriffen haben wir das noch nicht, vermutlich weil wir noch nicht ganz loslassen können. Es ist noch zu vieles in der Welt an schönen Dingen, Sicherheiten und Bequemlichkeiten, die man nicht loslassen möchte, nicht missen möchte. Es bestimmt noch viel zu viel an Alltäglichkeiten das Leben; eigentlich Nachrangiges spielt sich auf, macht sich wichtig, nimmt das Leben in Beschlag. Deutschland – das Land der 1000 Wichtigkeiten! Wir müssen funktionieren. Der Erfolgsdruck drängt. Und mit ihm der Rechtfertigungsdruck. Immer wieder müssen wir es anderen oder auch uns selbst beweisen: wozu wir leben, wozu wir gut sind, dass wir noch etwas taugen. Das Leben also als etwas, dass man sich erst verdienen muss, so kommt es einem vor, nicht als Geschenk.
Oder wir hängen noch viel zu sehr an Vergangenem. Überall stoßen wir auf Erinnerungsstücke. Sie versichern uns, was unser Leben bis dahin gewesen ist. Aber einmal kommt dann doch der Moment, wo wir uns fragen: „Ist das denn alles gewesen? Ist da sonst gar nichts mehr!“
Paulus selbst ist nur ein Beispiel dafür, welche Wende eintreten kann, wenn man sich auf dieses Mehr, was es gibt, ganz und gar einlässt. Aus den anderen Bibeltexten des Sonntags treten noch zwei andere Beispiele in unsere Überlegungen. Ein negatives und ein positives Beispiel. Aus dem Evangelium (Matthäus 25,14-30) hören wir von einem, der sich ganz ängstlich an seine wenigen Habseligkeiten klammerte, der sich nicht einlassen wollte auf ein neues Leben. Er hat nichts gewagt und stand hinterher als Verlierer da. Wir kennen einen solchen Menschen vielfach im Bekanntenkreis oder aus der Nachbarschaft: Menschen, die irgendwann sagen, dass sie etwas im Leben versäumt haben. Menschen, die nichts aus sich gemacht haben. Menschen, die sich in die eigenen vier Wände verkrochen haben, sich abschotten, statt zu schauen, wo man etwas für andere oder die Gemeinschaft tun kann. Tatsächlich ist so eine Entwicklung oft von Angst gesteuert: Angst heute nicht vor einem zu gestrengem Herrn, Angst aber vor der eigenen Courage, Angst vor anderen Menschen, Angst, etwas zu wagen. Angst, das bisschen, das man hat, zu verlieren. Ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis verbindet sich damit. Ängstliche Menschen wollen sich absichern: aber jede zusätzliche Sicherung, die sie sich anlegen, engt sie nur noch mehr ein.
Das andere, positive Beispiel ist der junge Jeremia (Jer. 1,4-10). Er bringt nicht unbedingt die Talente mit, die man als geeignet erachten würde. Er hält sich selbst noch für viel zu jung und unerfahren. Aber dann lässt er sich doch an die Hand Gottes nehmen, vertraut darauf, dass Gott ihm zur rechten Zeit den Mund schon öffnen wird und die richtigen Worte eingeben wird. Da geht einer aus sich heraus, vertraut darauf, dass Gott ihn bracht, ja, dass Gott selbst durch ihn handelt. Kann es eine größere Berufung geben? Gott selbst nimmt sich des armen Menschenkindes an, und dieses tritt hinein in ein neues Leben. Was es nicht mitbringt an eigenen Voraussetzungen, bekommt es geschenkt durch sein Gottvertrauen. Wer loslassen kann, etwas wagt, der gewinnt. Wer ängstlich klammert, wer zu wichtig nimmt, was in Wirklichkeit keinen Ewigkeitswert hat, der scheitert.
Darum wirken die radikalen Nachfolger Jesu, die allem Besitz entsagen und sich beispielsweise dem Dienst an den Armen hingeben, darum wirken sie oft innerlich so zufrieden, selbstsicher, gelassen. Man sieht sie durchaus engagiert an der Arbeit, aber sie wirken dabei eben nicht wie der Hamster im Laufrad, sondern frei und gelöst.
Was also tun? Wenn ich Christus gewinnen kann, an seinem Leben teilhaben kann, ihn, der alle Brüche und Lebensfragmente bei mir heilt und eint, dann muss ich zusehen, dass ich Christus in mein Leben bekomme. Das kann geschehen durch ein Herzensgebet zu ihm, durch Erinnerung an meine Taufe und Konfirmation, - vor allem durch das Abendmahl, in dem er sich selbst schenkt, sich hineinnehmen lässt in mein bruchstückhaftes Leben. Als mein Brot des Lebens. Er ist wichtig für mich. Lebenswichtig.

Über das Paradies - heute an die Schöpfung glauben - Predigt zu 1 Mose 2,4-15 (15nT), Pfarrer Dr. Weiling
Über das Paradies - heute an die Schöpfung glauben
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt zu 1. Mose 2,4-15 (15. Sonntag nach Trinitatis)

Der für heute vorgeschlagene Predigttext steht im 1. Buch Mose, Kap. 2, Verse 4-15:
4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.
5 Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.
7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.
9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
10 Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme.
11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila, und dort findet man Gold; 12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.
13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch.
14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien.
Der vierte Strom ist der Euphrat.
15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Liebe Gemeinde!
„Es gibt manch große Seen, welche ringsumher umgeben sind von lieblichen Hainen. Die Wälder und die gesamte übrige Fauna sind so grün wie im April in Andalusien, und der Sang der kleinen Vögel möchte wohl in einem den Wunsch aufkommen lassen, für ewig hier zu bleiben. Die Menschen … gehen alle nackt herum, tragen keine Waffen und kennen so etwas auch nicht.“
So notiert Christoph Columbus im Oktober 1492 auf seiner ersten Reise. „Die Eroberung des Paradieses“, hat man seine Großtat, die Entdeckung der neuen Welt genannt. Columbus ist fasziniert von Wesen, die im Zustand paradiesischer Unschuld zu leben scheinen. Zugleich treibt in die Neugier und die ganz profane Gier nach Reichtum und Gold.
Es ist interessant, dass sich auch in unserem biblischen Paradiesbericht ähnliches findet: die Beschreibung eines fruchtbaren, immergrünen Gartens und dazu Angaben, die sich wie bei einem frühen Entdecker lesen, ferne Länder und Flüsse erwähnen und darauf hinweisen, wo sich dort das Gold finden lässt.
Eine Landkarte entfaltet sich vor unseren Augen, die die Länder wie ein großes Kreuz anordnet. In der Mitte die Quelle des Paradieses, gen Norden das Land Assur, durch den Euphrat von Babylonien im Osten getrennt; zum We­sten hin das Land Kusch, und zum Süden hin Arabien, hier Hawila genannt. Die Welt dabei eine kreisförmige Scheibe, vom Ozean umschlossen.
Dieses Weltbild wirkt harmonisch, wohl geordnet. Aber in ihm ist kein Platz für eine neue Welt und neue Paradiese. Dass die Erde ein Globus ist, den man umrunden kann, wie es dann Columbus tun will, das kommt unserem biblischen Erzähler nicht in den Sinn. Was soll uns also diese Geschichte – heute noch? 500 Jahre nach Columbus?
Aber wir lesen ja doch auch noch mehr: Wir hören von Gott und dem Menschen! Diese Geschichte ist bekannt. Wer jemals die Bibel gelesen hat, ist mindestens bis zu diesem Kapitel vorgedrungen. Er hat aber bereits im 1. Kapitel der Bibel schon einmal von der Erschaffung der Welt und des Menschen gelesen. Jetzt, im 2. Kapitel, ist ein anderer Erzähler am Werk. Er berichtet nicht mehr von den sechs Schöpfungstagen. Er denkt weniger in zeitlichen Abläufen, er denkt in räumlichen Bereichen. Auch von Gott denkt er anders. In Kapitel 1 schuf Gott durch sein allmächtiges Wort: „Es werde!“ Und es ward.
Jetzt sehen wir Gott in einer nebelverhüllten Landschaft, wie er den Menschen erschafft, ja formt und bildet aus der Erde, so wie ein Töpfer einen Krug aus Ton formt. Doch kommt zur toten Materie noch der Geist, der Atemhauch Gottes, als wesentlich hinzu: erst beides zusammen ergibt das lebende Wesen.
Zwei unterschiedliche, wenn auch nicht gegensätzliche Schöpfungsgeschichten: jedes Mal stehen der Mensch und Gott im Mittelpunkt; jedes Mal ist der Mensch eine Schöpfung Gottes: Werk seiner Gedanken, seines Wortes, seines Geistes oder seiner Hand. Aus Gottes Hand kommt alles Leben. Spielt dabei die Frage nach dem Wann und Wie überhaupt eine Rolle?
In Amerika gibt es - einige haben davon gehört - die Bewegung der „Kreationisten“. Das kommt von dem englischen Wort „creation“ also: Schöpfung. Diese Menschen, die sich selbst als entschlossene Christen verstehen, lesen die Bibel als einen Tatsachenbericht. Für sie ist der Mensch genauso entstanden, wie es hier steht: an einem Tag wurde er aus dem feuchten Lehm hervorgehoben und war gleich fix und fertig. Verbissen verteidigen diese „Kreationisten“ den biblischen Bericht gegen die Evolutionslehre, nach der sich der Mensch in einem langsamen Prozess über Jahrmillionen aus äffischen Vorfahren entwickelte.
Diese Auseinandersetzung, die teilweise sehr heftig geführt wird (schließlich geht es auch um Lehrpläne und Schulbücher), ist uns in Deutschland fremd und unverständlich. Glaube und Wissenschaft führen bei uns keinen Weltanschauungskrieg gegeneinander. Wir können die Bibel lesen und dennoch das Neanderthal-Museum besuchen; wir können die Bibel studieren und am gleichen Tag Fossilien sammeln.
Meist blenden wir dabei die Widersprüche zwischen Bibel und moderner Naturwissenschaft jedoch aus, ordnen die biblischen Schöpfungsgeschichten historisch ein und sagen: „Das haben die Menschen vor 2500 oder 3000 Jahren so gesehen; heute weiß man es eben besser.“
Allerdings könnte es geschehen, dass uns dabei zuviel verloren geht von der biblischen Aussage, ja, dass die Schöpfungsgeschichte für uns jede Relevanz für unser Leben verliert.
„Kreationismus“ geht aber auch nicht. Da wird die Bibel zum Glaubenshindernis. Im Kirchlichen Unterricht ist das immer wieder zu spüren, dass die Kinder, wenn sie Jugendliche werden, an die biblische Urgeschichte nicht mehr glauben können und wollen. Sie war eine schöne Geschichte im Kindergarten und in der Kinderbibel, aber mit 12, 13 Jahren weiß man, dass es ganz so nicht gewesen sein kann.
Es gibt aber eine dritte Möglichkeit, der Bibel ihren Wert zu lassen und gleichzeitig den naturwissenschaftlichen Verstand nicht auszuschalten. Dieser dritte Weg verwirft die Bibel nicht und reduziert sie auch nicht auf einen bloß historischen Gegenstand. Dies gelingt dadurch, dass man zwischen Verfügungswissen und Orientierungswissen unterscheidet. Und das ist eine sehr weise Unterscheidung!
Verfügungswissen fragt danach, wie etwas funktioniert, wie es zusammengesetzt ist, wie es entsteht. Es fußt auf Beob­achtungen und Erfahrungen, die prinzipiell jeder nachvollziehen kann. Verfügungswissen verrät uns, wie sich Zellen entwickeln und Krankheiten entstehen. Verfügungswissen macht es möglich, mit Maschinen zu fliegen, die schwerer sind als Luft, - und erschließt uns die gewaltige Energie des Atoms. Verfügungswissen fragt jedoch nicht nach dem Sinn. Verfügungswissen kommt nicht zu Werturteilen.
Orientierungswissen will dagegen erkennen, was die Dinge für uns Menschen bedeuten. Orientierungwissen sucht nach dem Sinn. Orientierungswissen geht es darum, was Menschen brauchen, was Menschen schätzen sollten, worüber zu staunen und was zu lernen ist.
Orientierungswissen erzählt, was der Mensch ist und was er sein könnte, wodurch er wertvoll ist, aber auch, was auf seinem Lebensweg uneben und dornig sein kann. Religiösem Orientierungswissen im besonderen geht es um die Reise zu Gott und darum, was der Mensch auf dieser Reise sehen und hören, worüber er staunen und lachen und weinen kann.
Die amerikanischen „Kreationisten“ missverstehen die Bibel als ein Buch des Verfügungswissens. Sie lesen sie, als wäre sie ein Erdkunde- oder Biologiebuch. Und damit entgeht ihnen gerade das, warum es der Bibel geht: das Orientierungswissen. Sie zielt gar nicht darauf ab, das genaue „Wann“ und „Wie“ der Schöpfung zu erzählen; ihr geht es darum, den Menschen als ein von Anfang an auf Gott ausgerichtetes und von Gott abhängiges Wesen zu begreifen.
Bei den „Kreationisten“ erscheint Gott eigentlich klein. In einem kleinen, wenige tausend Jahre alten Universum erschafft er sich seine Geschöpfe aus Lehm. Moderne Naturwissenschaft weitet dagegen Zeit und Raum ins Unendliche. Vom Kosmos insgesamt kann sich der menschliche Verstand gar keinen Begriff machen; aber er erkennt, dass es einer ungeheuer feinen Abstimmung bedurfte, damit überhaupt Leben und sogar bewusstes Leben entstehen konnte. Schon bei geringfügigsten Abweichungen hätte es weder Atome, noch Sterne, erst recht kein Leben gegeben.
Orientierungswissen kann helfen, diese Dinge zu bewerten. Orientierungswissen sagt: da hat sich jemand eine ungeheure Arbeit gemacht, an dieser Stelle Leben zu ermöglichen. Orientierungswissen sagt: wir auf unserem Planeten sind nicht ein Zufallsprodukt am Rande der Galaxie, sondern einmalige und einzigartige Wesen. Gott muss uns unwahrscheinlich günstig gesinnt sein, dass er für genau die Bedingungen sorgte, dass ein denkendes, fühlendes, beob­achtendes Wesen zustande kam. Und das nenne ich: groß von Gott denken!
In unserer Bibel steckt beides: Verfügungswissen und Orientierungswissen. Das Verfügungswissen, das ist von gestern: wir kommen nicht mehr aus mit einer viergeteilten Weltkarte und einem kreisrunden Meer ringsumher. Dass es auch einen fünften Erdteil geben muss, das dämmerte schon Columbus, spätestens bei seiner dritten Fahrt über den Atlantik. Doch auch wenn das Verfügungswissen der Bibel gestrig ist, so ist doch das Orientierungswissen bleibend gültig. Es ist von gestern, und doch auch für heute. Es ist erzählt in der Art, wie Menschen damals ihr Orientierungswissen vermittelten: in der Weise einer Geschichte über den Anfang, in einer Ursprungsgeschichte. Aber losgelöst davon bringt uns diese alte Geschichte auf die Spur Gottes und des Menschen.
Gottes Geist wirkt in den Menschen. Der Mensch ist mehr als nur Materie. Er ist der Erde verhaftet und bildet im Zusammenspiel mit Gottes Geist das aus, was wir „Lebenslauf“ oder „Biographie“ nennen können. Bereichert von Erlebnissen, Gefühlen und Erfahrungen kehrt einmal dieser Geist zu Gott zurück, während der Leib, der ihn beherbergt hat, wieder zur Erde wird.
Die doppelte Angewiesenheit auf Gott und die Erde ist das, was den Menschen während seines Lebens auszeichnet. Er braucht Licht und Nahrung, Wärme und Obdach. Er braucht einen Lebensraum. Er braucht aber ebenso gut Geist und Energie, Wille und Phantasie. Er braucht nicht nur einen Lebensraum, er braucht ein Lebensziel. In der Bibel wird weiter berichtet, wie er seine Bestimmung bald findet in einem Gegenüber – in menschlicher Partnerschaft. Nur in der Doppelheit von Mann und Frau ist der Mensch ein Mensch. Jedoch bedarf es eines weiteren Gegenübers, um sich nicht selbst zu verlieren. In dem Moment, wo er meint, auf dieses Gegenüber verzichten zu können, sich gegen dieses Gegenüber entscheidet, geht das Paradies, geht die Unschuld verloren.
Es ist das Gegenüber Gottes, ohne das der Mensch Schaden nimmt. Er vergisst dann, wem er sein Leben zu verdanken hat. Er lernt dann nicht mehr, wem Lob und Dank zukommen und wem nicht.
In einer Sache haben die „Kreationisten“ recht. Sie sorgen sich, dass die moderne Wissenschaft, das moderne Ver­fügungswissen, auch das Orientierungswissen für sich beansprucht. Dann würde tatsächlich genau das geschehen, was in dem alten Bild vom verlorenen Paradies ausgedrückt wird: der Mensch würde sein Wesen ganz in sich selbst suchen und gerade so verlieren. Er würde sich selbst zum Zweck setzen wollen und dabei doch von sich selbst nur als etwas Zufälligem und Beliebigem reden können. Für das Verfügungswissen ist der Mensch nur eine Laune der Natur.
Die Angst davor, dass dem Menschen so Wert und Würde verloren gehen, ist dem „Kreationismus“ zuzugestehen. Er warnt mit Recht auch vor menschlicher Überheblichkeit und grenzenlosem Machbarkeitswahn. Das Paradies ist nicht machbar. Gerade wenn die Menschen es herstellen, erreichen, erobern wollten, ging es verloren.
Doch auch wenn das Paradies auf keiner heutigen Landkarte mehr eingetragen ist, so ist es dennoch lebendig als eine tiefe Sehnsucht in uns. Die Welt als Garten voller Leben, als ein geschützter und umfriedeter Raum, das spricht uns unmittelbar an. Das ist Welt, wie sie sein sollte.
„Du sollst diesen Garten bebauen und bewahren!“ sagt Gott in unserer Geschichte zum Menschen. Du bist kein bestimmungsloses Wesen, du hast eine Aufgabe! Sie besteht darin, dass du dich für die Faszination des Lebens öffnest, dass du staunst und Freude an dem Garten empfindest, dir Früchte zur Ernährung sammelst und Geborgenheit suchst.
Die moderne Naturwissenschaft hat unseren Blick geweitet. Der Garten, um den es geht, er schwimmt nicht mehr wie ein von Wasserarmen unterteiltes Kleeblatt auf dem Urmeer, sondern er schwebt als einer von neun Himmelskörpern um die Sonne, die ihrerseits einer von 100 Milliarden Sternen der Milchstraße ist. Einzigartig und verletzlich. Die Erde. Das Geheimnis des Universums, denn nur hier ist Leben entstanden – und denkt über sich selbst nach.
Der Mensch, der vom Paradies träumt, er weiß, dass es dabei nicht nur um den Ursprung geht, sondern auch um unseren Bestimmungsort und die wahre Heimat. Wir lesen in der Bibel: der Garten Eden ist dort, wo Schöpfung und Schöpfer beisammen sind, wo der Mensch mit Gott zusammen ist.
Überall, wo wir uns Gott wieder nahe fühlen, sei es beim Anschauen der Natur, in der ungestörten Stille oder beim Empfinden von Liebe – ist für einen Moment das Paradies wieder da. Wir können es nicht erobern, wir können es uns nur schenken lassen. Und durch Jesus Christus, jene andere für unser Orientierungswissen so wichtige Geschichte, wissen wir, dass es noch mehr gibt als diesen sichtbaren Planeten. Er ist der eine Ursprung unseres Lebens, der andere Ursprung aber ist jenseits der Materie. Der Geist. Gott selbst. Höher als all unser Denken.



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Über das Paradies - heute an Schöpfung glauben

Über das Paradies - heute an die Schöpfung glauben
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt zu 1. Mose 2,4-15 (15. Sonntag nach Trinitatis)

Der für heute vorgeschlagene Predigttext steht im 1. Buch Mose, Kap. 2, Verse 4-15:
4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.
5 Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.
7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.
9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
10 Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme.
11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila, und dort findet man Gold; 12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.
13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch.
14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien.
Der vierte Strom ist der Euphrat.
15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Liebe Gemeinde!
„Es gibt manch große Seen, welche ringsumher umgeben sind von lieblichen Hainen. Die Wälder und die gesamte übrige Fauna sind so grün wie im April in Andalusien, und der Sang der kleinen Vögel möchte wohl in einem den Wunsch aufkommen lassen, für ewig hier zu bleiben. Die Menschen … gehen alle nackt herum, tragen keine Waffen und kennen so etwas auch nicht.“
So notiert Christoph Columbus im Oktober 1492 auf seiner ersten Reise. „Die Eroberung des Paradieses“, hat man seine Großtat, die Entdeckung der neuen Welt genannt. Columbus ist fasziniert von Wesen, die im Zustand paradiesischer Unschuld zu leben scheinen. Zugleich treibt in die Neugier und die ganz profane Gier nach Reichtum und Gold.
Es ist interessant, dass sich auch in unserem biblischen Paradiesbericht ähnliches findet: die Beschreibung eines fruchtbaren, immergrünen Gartens und dazu Angaben, die sich wie bei einem frühen Entdecker lesen, ferne Länder und Flüsse erwähnen und darauf hinweisen, wo sich dort das Gold finden lässt.
Eine Landkarte entfaltet sich vor unseren Augen, die die Länder wie ein großes Kreuz anordnet. In der Mitte die Quelle des Paradieses, gen Norden das Land Assur, durch den Euphrat von Babylonien im Osten getrennt; zum We­sten hin das Land Kusch, und zum Süden hin Arabien, hier Hawila genannt. Die Welt dabei eine kreisförmige Scheibe, vom Ozean umschlossen.
Dieses Weltbild wirkt harmonisch, wohl geordnet. Aber in ihm ist kein Platz für eine neue Welt und neue Paradiese. Dass die Erde ein Globus ist, den man umrunden kann, wie es dann Columbus tun will, das kommt unserem biblischen Erzähler nicht in den Sinn. Was soll uns also diese Geschichte – heute noch? 500 Jahre nach Columbus?
Aber wir lesen ja doch auch noch mehr: Wir hören von Gott und dem Menschen! Diese Geschichte ist bekannt. Wer jemals die Bibel gelesen hat, ist mindestens bis zu diesem Kapitel vorgedrungen. Er hat aber bereits im 1. Kapitel der Bibel schon einmal von der Erschaffung der Welt und des Menschen gelesen. Jetzt, im 2. Kapitel, ist ein anderer Erzähler am Werk. Er berichtet nicht mehr von den sechs Schöpfungstagen. Er denkt weniger in zeitlichen Abläufen, er denkt in räumlichen Bereichen. Auch von Gott denkt er anders. In Kapitel 1 schuf Gott durch sein allmächtiges Wort: „Es werde!“ Und es ward.
Jetzt sehen wir Gott in einer nebelverhüllten Landschaft, wie er den Menschen erschafft, ja formt und bildet aus der Erde, so wie ein Töpfer einen Krug aus Ton formt. Doch kommt zur toten Materie noch der Geist, der Atemhauch Gottes, als wesentlich hinzu: erst beides zusammen ergibt das lebende Wesen.
Zwei unterschiedliche, wenn auch nicht gegensätzliche Schöpfungsgeschichten: jedes Mal stehen der Mensch und Gott im Mittelpunkt; jedes Mal ist der Mensch eine Schöpfung Gottes: Werk seiner Gedanken, seines Wortes, seines Geistes oder seiner Hand. Aus Gottes Hand kommt alles Leben. Spielt dabei die Frage nach dem Wann und Wie überhaupt eine Rolle?
In Amerika gibt es - einige haben davon gehört - die Bewegung der „Kreationisten“. Das kommt von dem englischen Wort „creation“ also: Schöpfung. Diese Menschen, die sich selbst als entschlossene Christen verstehen, lesen die Bibel als einen Tatsachenbericht. Für sie ist der Mensch genauso entstanden, wie es hier steht: an einem Tag wurde er aus dem feuchten Lehm hervorgehoben und war gleich fix und fertig. Verbissen verteidigen diese „Kreationisten“ den biblischen Bericht gegen die Evolutionslehre, nach der sich der Mensch in einem langsamen Prozess über Jahrmillionen aus äffischen Vorfahren entwickelte.
Diese Auseinandersetzung, die teilweise sehr heftig geführt wird (schließlich geht es auch um Lehrpläne und Schulbücher), ist uns in Deutschland fremd und unverständlich. Glaube und Wissenschaft führen bei uns keinen Weltanschauungskrieg gegeneinander. Wir können die Bibel lesen und dennoch das Neanderthal-Museum besuchen; wir können die Bibel studieren und am gleichen Tag Fossilien sammeln.
Meist blenden wir dabei die Widersprüche zwischen Bibel und moderner Naturwissenschaft jedoch aus, ordnen die biblischen Schöpfungsgeschichten historisch ein und sagen: „Das haben die Menschen vor 2500 oder 3000 Jahren so gesehen; heute weiß man es eben besser.“
Allerdings könnte es geschehen, dass uns dabei zuviel verloren geht von der biblischen Aussage, ja, dass die Schöpfungsgeschichte für uns jede Relevanz für unser Leben verliert.
„Kreationismus“ geht aber auch nicht. Da wird die Bibel zum Glaubenshindernis. Im Kirchlichen Unterricht ist das immer wieder zu spüren, dass die Kinder, wenn sie Jugendliche werden, an die biblische Urgeschichte nicht mehr glauben können und wollen. Sie war eine schöne Geschichte im Kindergarten und in der Kinderbibel, aber mit 12, 13 Jahren weiß man, dass es ganz so nicht gewesen sein kann.
Es gibt aber eine dritte Möglichkeit, der Bibel ihren Wert zu lassen und gleichzeitig den naturwissenschaftlichen Verstand nicht auszuschalten. Dieser dritte Weg verwirft die Bibel nicht und reduziert sie auch nicht auf einen bloß historischen Gegenstand. Dies gelingt dadurch, dass man zwischen Verfügungswissen und Orientierungswissen unterscheidet. Und das ist eine sehr weise Unterscheidung!
Verfügungswissen fragt danach, wie etwas funktioniert, wie es zusammengesetzt ist, wie es entsteht. Es fußt auf Beob­achtungen und Erfahrungen, die prinzipiell jeder nachvollziehen kann. Verfügungswissen verrät uns, wie sich Zellen entwickeln und Krankheiten entstehen. Verfügungswissen macht es möglich, mit Maschinen zu fliegen, die schwerer sind als Luft, - und erschließt uns die gewaltige Energie des Atoms. Verfügungswissen fragt jedoch nicht nach dem Sinn. Verfügungswissen kommt nicht zu Werturteilen.
Orientierungswissen will dagegen erkennen, was die Dinge für uns Menschen bedeuten. Orientierungwissen sucht nach dem Sinn. Orientierungswissen geht es darum, was Menschen brauchen, was Menschen schätzen sollten, worüber zu staunen und was zu lernen ist.
Orientierungswissen erzählt, was der Mensch ist und was er sein könnte, wodurch er wertvoll ist, aber auch, was auf seinem Lebensweg uneben und dornig sein kann. Religiösem Orientierungswissen im besonderen geht es um die Reise zu Gott und darum, was der Mensch auf dieser Reise sehen und hören, worüber er staunen und lachen und weinen kann.
Die amerikanischen „Kreationisten“ missverstehen die Bibel als ein Buch des Verfügungswissens. Sie lesen sie, als wäre sie ein Erdkunde- oder Biologiebuch. Und damit entgeht ihnen gerade das, warum es der Bibel geht: das Orientierungswissen. Sie zielt gar nicht darauf ab, das genaue „Wann“ und „Wie“ der Schöpfung zu erzählen; ihr geht es darum, den Menschen als ein von Anfang an auf Gott ausgerichtetes und von Gott abhängiges Wesen zu begreifen.
Bei den „Kreationisten“ erscheint Gott eigentlich klein. In einem kleinen, wenige tausend Jahre alten Universum erschafft er sich seine Geschöpfe aus Lehm. Moderne Naturwissenschaft weitet dagegen Zeit und Raum ins Unendliche. Vom Kosmos insgesamt kann sich der menschliche Verstand gar keinen Begriff machen; aber er erkennt, dass es einer ungeheuer feinen Abstimmung bedurfte, damit überhaupt Leben und sogar bewusstes Leben entstehen konnte. Schon bei geringfügigsten Abweichungen hätte es weder Atome, noch Sterne, erst recht kein Leben gegeben.
Orientierungswissen kann helfen, diese Dinge zu bewerten. Orientierungswissen sagt: da hat sich jemand eine ungeheure Arbeit gemacht, an dieser Stelle Leben zu ermöglichen. Orientierungswissen sagt: wir auf unserem Planeten sind nicht ein Zufallsprodukt am Rande der Galaxie, sondern einmalige und einzigartige Wesen. Gott muss uns unwahrscheinlich günstig gesinnt sein, dass er für genau die Bedingungen sorgte, dass ein denkendes, fühlendes, beob­achtendes Wesen zustande kam. Und das nenne ich: groß von Gott denken!
In unserer Bibel steckt beides: Verfügungswissen und Orientierungswissen. Das Verfügungswissen, das ist von gestern: wir kommen nicht mehr aus mit einer viergeteilten Weltkarte und einem kreisrunden Meer ringsumher. Dass es auch einen fünften Erdteil geben muss, das dämmerte schon Columbus, spätestens bei seiner dritten Fahrt über den Atlantik. Doch auch wenn das Verfügungswissen der Bibel gestrig ist, so ist doch das Orientierungswissen bleibend gültig. Es ist von gestern, und doch auch für heute. Es ist erzählt in der Art, wie Menschen damals ihr Orientierungswissen vermittelten: in der Weise einer Geschichte über den Anfang, in einer Ursprungsgeschichte. Aber losgelöst davon bringt uns diese alte Geschichte auf die Spur Gottes und des Menschen.
Gottes Geist wirkt in den Menschen. Der Mensch ist mehr als nur Materie. Er ist der Erde verhaftet und bildet im Zusammenspiel mit Gottes Geist das aus, was wir „Lebenslauf“ oder „Biographie“ nennen können. Bereichert von Erlebnissen, Gefühlen und Erfahrungen kehrt einmal dieser Geist zu Gott zurück, während der Leib, der ihn beherbergt hat, wieder zur Erde wird.
Die doppelte Angewiesenheit auf Gott und die Erde ist das, was den Menschen während seines Lebens auszeichnet. Er braucht Licht und Nahrung, Wärme und Obdach. Er braucht einen Lebensraum. Er braucht aber ebenso gut Geist und Energie, Wille und Phantasie. Er braucht nicht nur einen Lebensraum, er braucht ein Lebensziel. In der Bibel wird weiter berichtet, wie er seine Bestimmung bald findet in einem Gegenüber – in menschlicher Partnerschaft. Nur in der Doppelheit von Mann und Frau ist der Mensch ein Mensch. Jedoch bedarf es eines weiteren Gegenübers, um sich nicht selbst zu verlieren. In dem Moment, wo er meint, auf dieses Gegenüber verzichten zu können, sich gegen dieses Gegenüber entscheidet, geht das Paradies, geht die Unschuld verloren.
Es ist das Gegenüber Gottes, ohne das der Mensch Schaden nimmt. Er vergisst dann, wem er sein Leben zu verdanken hat. Er lernt dann nicht mehr, wem Lob und Dank zukommen und wem nicht.
In einer Sache haben die „Kreationisten“ recht. Sie sorgen sich, dass die moderne Wissenschaft, das moderne Ver­fügungswissen, auch das Orientierungswissen für sich beansprucht. Dann würde tatsächlich genau das geschehen, was in dem alten Bild vom verlorenen Paradies ausgedrückt wird: der Mensch würde sein Wesen ganz in sich selbst suchen und gerade so verlieren. Er würde sich selbst zum Zweck setzen wollen und dabei doch von sich selbst nur als etwas Zufälligem und Beliebigem reden können. Für das Verfügungswissen ist der Mensch nur eine Laune der Natur.
Die Angst davor, dass dem Menschen so Wert und Würde verloren gehen, ist dem „Kreationismus“ zuzugestehen. Er warnt mit Recht auch vor menschlicher Überheblichkeit und grenzenlosem Machbarkeitswahn. Das Paradies ist nicht machbar. Gerade wenn die Menschen es herstellen, erreichen, erobern wollten, ging es verloren.
Doch auch wenn das Paradies auf keiner heutigen Landkarte mehr eingetragen ist, so ist es dennoch lebendig als eine tiefe Sehnsucht in uns. Die Welt als Garten voller Leben, als ein geschützter und umfriedeter Raum, das spricht uns unmittelbar an. Das ist Welt, wie sie sein sollte.
„Du sollst diesen Garten bebauen und bewahren!“ sagt Gott in unserer Geschichte zum Menschen. Du bist kein bestimmungsloses Wesen, du hast eine Aufgabe! Sie besteht darin, dass du dich für die Faszination des Lebens öffnest, dass du staunst und Freude an dem Garten empfindest, dir Früchte zur Ernährung sammelst und Geborgenheit suchst.
Die moderne Naturwissenschaft hat unseren Blick geweitet. Der Garten, um den es geht, er schwimmt nicht mehr wie ein von Wasserarmen unterteiltes Kleeblatt auf dem Urmeer, sondern er schwebt als einer von neun Himmelskörpern um die Sonne, die ihrerseits einer von 100 Milliarden Sternen der Milchstraße ist. Einzigartig und verletzlich. Die Erde. Das Geheimnis des Universums, denn nur hier ist Leben entstanden – und denkt über sich selbst nach.
Der Mensch, der vom Paradies träumt, er weiß, dass es dabei nicht nur um den Ursprung geht, sondern auch um unseren Bestimmungsort und die wahre Heimat. Wir lesen in der Bibel: der Garten Eden ist dort, wo Schöpfung und Schöpfer beisammen sind, wo der Mensch mit Gott zusammen ist.
Überall, wo wir uns Gott wieder nahe fühlen, sei es beim Anschauen der Natur, in der ungestörten Stille oder beim Empfinden von Liebe – ist für einen Moment das Paradies wieder da. Wir können es nicht erobern, wir können es uns nur schenken lassen. Und durch Jesus Christus, jene andere für unser Orientierungswissen so wichtige Geschichte, wissen wir, dass es noch mehr gibt als diesen sichtbaren Planeten. Er ist der eine Ursprung unseres Lebens, der andere Ursprung aber ist jenseits der Materie. Der Geist. Gott selbst. Höher als all unser Denken.



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Öffentliches Predigtamt und das Priestertum aller

Offentliches Predigtamt ... und das Priestertum aller Gläubigen
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt zu Römer 10,9-18 (17. Sonntag nach Trinitatis)

Der Apostel Paulus schreibt hier im 10. Kapitel des Römerbriefs:
9 Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten erweckt hat, so wirst du gerettet.
10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. 11 Denn die Schrift spricht: »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«
12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.
13 Denn wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden.
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht: »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«
16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht: »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«
17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.
18 Ich frage aber: Haben sie es nicht gehört? Doch, es ist ja in alle Lande ausgegangen ihr Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt.

Liebe Gemeinde!
Von einem Rettungsdienst ist hier die Rede, von einer Magd und einer Königin.
Zunächst zum Rettungsdienst: „Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Wer glaubt, wird nicht zuschanden werden.“
Manche unserer Zeitgenossen wird das befremden. Sie werden fragen: Gibt es dann keine Rettung für die anderen, die nicht an Jesus glauben? Ist das Heil nur bei den Christen? Und wie kann sich der Apostel da so sicher sein, dass das mit der Rettung überhaupt stimmt?
Rettung meint, dass Gott uns zu sich lässt. Dass er einen Platz an seiner Seite für uns hat. Dass alles Trennende zwischen ihm und uns verschwindet. Und dass sogar der Tod uns nicht mehr trennen wird von seiner Liebe.
Der Apostel Paulus weiß freilich, wovon er redet! Er hat es selbst als eine Rettung an sich erfahren, dass er zu Christus gefunden hat und Christus zu ihm. Als einen gescheiterten Rebellen am Kreuz hat er ihn anfangs gesehen, so gar nichts von ihm gehalten, seine Freunde und Anhänger hat er sogar verfolgt. Dann aber – vor den Toren der Stadt Damaskus war es – da trat Jesus selbst vor ihn: lebendig, äußerst lebendig, in Ewigkeit lebend. Jesus der Herr, von den Toten auferstanden. Jesus, der Christus, der Messias. Gott hat ihn nicht im Tode belassen, sondern gerettet, erhoben, verwandelt. Wenn man das weiß, dann will man zu ihm gehören, an seinem ewigen Leben teilhaben. Gerettet werden, wie er gerettet wurde.
Aber dieser Wunsch kann nicht etwas nur Selbstbezogenes bleiben. Sieht man den Weg der Rettung so klar vor sich, dann möchte man, dass auch andere gerettet werden. Ja, dann wäre es eine unterlassene Hilfeleistung, würde man nur an das eigene Heil denken.
Paulus wendet sich nach seiner Bekehrung daher entschlossen dem Rettungsdienst an allen Menschen zu. Er predigt von Christus. Er spricht begeistert von der Rettung, die allen offen steht, die sich an Christus wenden. Er räumt unzählige Hindernisse beiseite. Verstehenshindernisse, Sprachhindernisse, religiöse Hindernisse. Weite Wege legt er zurück; viele tausend Kilometer ist er unterwegs, meist zu Fuß. Reißende Flüsse durchquert er, eisige Pässe durchsteigt er, nicht einmal das stürmische Meer scheut er. Weil er will, dass alle gerettet werden.
Er macht das Rettungsboot groß: es reicht für das Volk Israel und die Völker der Heiden. Und er erleichtert auch den Einstieg in das Rettungsboot: der Glaube genügt, also Gott vertrauen und bekennen, dass sein Sohn lebendig ist. Man muss sich nicht erst in Listen eintragen, Leistungen erbringen, Vorschriften lernen und tun. Das alles ist Ballast. Es rettet nicht. Jesus rettet. Weil er lebt, werden auch die leben, die ihm die Hand reichen und das Herz.
Darüber was aus den anderen wird, die Jesus nicht kennen oder ihn sogar ablehnen, darüber macht sich Paulus natürlich auch seine Gedanken. Er traut es Gott zu, dass es auch für sie eine Rettung gibt. Wenn nicht jetzt, dann später. Denn Gott ist barmherzig. Es mag so sein, dass er auch anders rettet als allein durch Christus. Aber das ist vage. Mehr ein Vermuten. Warum sollte man sich darauf verlassen?
Sicher und gewiss ist doch, was er selbst erlebt hat: Jesus rettet! Wer dem vertraut, hat wohl gebaut im Himmel und auf Erden!
Darum gilt es, von Christus zu erzählen, von der Rettung durch ihn zu berichten. Jesus, so wird Paulus sagen, hat sich den Schwachen und Zurückgesetzten zugewandt, zog die Kranken den Gesunden vor, die Kinder den Großen. Schon in seinem Erdenwirken setzte er Zeichen: er heilte, rettete, stillte den Sturm, den wirklichen und den der unruhigen Seele. Wo er wirkte, war Gott ganz nahe.
Von seinem Rettungsdienst ist zu erzählen, der in seinem Leben, aber auch in seinem Sterben begründet ist. Das Kreuz war nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Dem Glaubenden wird es zum Baum des Lebens, von dem aus uns Gott durch seinen Sohn gnädig und vergebend anschaut.
Von einem Rettungsdienst ist die Rede im Römerbrief, aber auch von einer Magd und einer Königin. Diese Magd und diese Königin ist die Predigt: „Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber aus dem Wort Christi.“
Königin und Magd – das will beides beachtet werden. Und als Königin darf die Predigt nur gelten, wenn sie gleichzeitig Magd ist. Eine königliche Rolle hat sie darin, dass sie als Freudenbotin auftritt, ihren Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt ausrichten will. Eine „Königin“ nenne ich sie auch, weil sie frei sein muss, ungebunden. Da geht es nicht um das eigene Gutdünken, ebenso wenig um falsche Rücksichtnahme. Einen Prediger, der sich immer nur umsieht und der sich darum kümmert, was man gerne hört, einen solchen Prediger braucht Christus nicht. „Denn Christus hat das Predigtamt dazu gestiftet und eingesetzt, dass man die Wahrheit frei öffentlich an den Tag stelle, das Böse strafe und sage, was zur Seelen Nutz, Heil und Seligkeit gehört.“
So hat es Martin Luther auf den Punkt gebracht, der es selbst miterlebte, was aus dem Predigen geworden war, als es in der mittelalterlichen Kirche nur noch um Geld, Gunst und Ehre ging. Ein Prediger, der in seinem Amt nicht frei ist, der ein Blatt vor den Mund nehmen muss, der elendig abhängig ist von den Menschen, der wird weder geachtet, noch wird er innerlich so froh sein, wie es die frohe Botschaft erfordert.
Die Predigt braucht Freiheit, auch Freiheit von dem Druck, sich beweisen und rechtfertigen zu müssen, Freiheit vom Verdacht, bloß Kosten zu verursachen. Nur wo die Predigt eine Königin ist, wird sie so auftreten können, wie es ihr gebührt. Souverän und selbstsicher. Überzeugt davon, dass sie Rettendes im Gebäck hat, dass sie Worte formen kann, die zu Rettungsleinen und Rettungswesten werden können. Verständlich muss sie dazu sein. Auch anschaulich. Alle Sinne ansprechen. Fundiert. Nicht lehrhaft, aber doch gelernt.
In der evangelischen Kirche ist die Predigt zwar kein Privileg. Das Predigtamt gehört der ganzen Gemeinde. Es ist allen aufgetragen, durch Wort und Tat andere von dem rettenden Christus zu überzeugen. Aber doch ist es ebenso evangelisch, dass nur wenige mit dem öffentlichen, gottesdienstlichen Predigen beauftragt werden. Die Predigt gehört allen; es sind aber nicht alle berufen. Es soll damit sicher gestellt werden, dass nicht einer im Gottesdienst einfach so aufsteht, wie einmal hier geschehen, um irgendetwas von sich selbst zum Besten zu geben. Das macht unruhig, verunsichert, vielleicht verängstigt es sogar. Predigen, so Martin Luther, soll nur der, der es kann, der dazu berufen ist. „Das ist wider die gesagt, die hin und wieder in den Landen irre laufen und vergiften die Leute, die Schwärmer und Rottengeister.“
Aus der Predigt kommt der Glaube, der rettet. So ist die Predigt zusammen mit der Taufe und dem Abendmahl der Mittelpunkt des evangelischen Lebens. Dies aber darf sie nur sein, wenn sie gleichzeitig Magd ist. Das Predigen steht unter dem Wort Christi, sagt Paulus. Die Predigt ist die Magd des göttlichen Wortes. Wo sie das nicht ist, hat sie nichts zu sagen!
Darum muss die Predigt nicht nur darauf schauen, dass sie ankommt, verständlich und eingängig ist, sondern sie muss auch eindeutig sein. Es muss deutlich sein, dass sie vom Wort Gottes herkommt, sich diesem Wort verantwortlich weiß, sich vor dem Worte beugt, sich von dem Worte nährt. Ein Prediger muss seine Worte an dem Wort Gottes prüfen, muss seine Worte nicht nur auf ein Publikum münzen, sondern auch prägen lassen durch das Wort der Schrift.
Martin Luther hat uns aufgegeben, dass wir „Christum treiben“ sollen und nichts anderes. Er hat diese Wendung der Tätigkeit der Silberschmiede abgeschaut, die ein stumpfes Silber von der Mitte her nach allen Rändern treiben, bis es immer heller zu leuchten beginnt. So soll auch eine Predigt zu leuchten beginnen, bis uns das Gesicht Christi anschaut und uns hören lässt: „Auch für dich bin ich gestorben und auferstanden! Glaube mir nur, so wirst du ganz gewiss gerettet werden.“
Eine Königin, eine Magd, ein Rettungsdienst. Wenn tatsächlich Christus selbst zur Sprache kommt, steht die Predigt an der Schnittstelle zwischen Himmel und Erde. Dazu muss man nicht von der Kanzel aus reden, das kann auch vom Boden aus geschehen. Und es kann auch in ganz einfacher Form geschehen, dass es auch Kinder schon erreicht, dass Jesus sie liebhat und segnet.
Eine wunderbare Aufgabe also, sollte man meinen, ist das Predigen. Allerdings ist weder der Apostel Paulus so naiv, noch Jahre später der Reformator Luther, dass sie nicht auch von den Grenzen der Predigt wüssten.
Zwar kommt der Glaube aus der Predigt, und wo keine Predigt ist, hat auch der Glaube keinen Grund. Mit anderen Worten: zunächst einmal ist es notwendig, dass überhaupt gepredigt wird. Paulus selber sorgt dafür, dass er durch alle Lande zieht. Und Luther verlässt später wagemutig die Wartburg, um eben das auch zu tun: zu predigen den Leuten in Wittenberg, damit sie hören und stark im Glauben werden.
„Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam.“ Und Paulus fragt sogar: „Herr, wer glaubt unserm Predigen?“
Es ist also offenbar nichts Zwingendes in der Predigt, so dass sie automatisch zum Glauben führen würde. Und das liegt nicht immer nur am Prediger. Auch in den Hörenden gibt es womöglich Widerstände. Man hört nicht hin, man hört weg oder überhört. Ist gedanklich mit ganz anderem beschäftigt. Eine Predigt sollte zugleich reizen und mitreißen. Aber das lässt sich schwer planen. Oft gewinnt sie Dynamik und Kraft erst unmittelbar beim Sprechen, gerade da wo der Prediger den Hörer direkt ansieht und anredet, ihn trifft, etwas sagt, das bewegt. Manchmal aber geschieht auch gar nichts oder etwas ganz anders, als beabsichtigt. Martin Luther seufzte einmal: „Predigt man Ehrbarkeit, so machen die Leute gleich eine Leiter zum Himmel daraus. Predigt man sie nicht, so entsteht ein wildes, rohes Wesen. Predigt man den Leuten die Rechtfertigung allein aus Gnaden, dann schnarchen sie; erzählt man ihnen aber Beispiele und Geschichten, dann spitzen sie die Ohren.“
Es ist wohl so, dass jeden Prediger irgendwann einmal der Zweifel überkommt, weil er so wenig sieht von dem, was das Predigen in den Menschen anrichtet.
Aber genauso will es Gott haben: Das Wesentliche geschieht unsichtbar; er selbst will im Spiel sein, wo das Herz sich öffnet. Die Bibel sagt, dass dann SEIN Geist wirkt. Auf diese Verheißung kann man aber bauen. Und das dürfen wir tun, wo die Predigt Königin und Magd ist, beides zugleich, frei von Eigensucht und Anbiederei, aber untertan dem Wort Christi, dessen Heil für alle reicht.
Heute freilich kommen neue Hindernisse auf die Predigt zu. Es ist nicht mehr so, dass das ganze Dorf zur Kirche kommt, wie zu Luthers Zeiten. Eher ist es wieder so wie bei Paulus: Wir müssen schauen, wie wir auch die da draußen erreichen. Die mit den anderen, modernen Hörgewohnheiten. Die, die weniger Voraussetzungen mitbringen, um Bibelgeschichten zu verstehen. Die, die womöglich sogar eigen und ablehnend sind, wenn man ihnen mit „Gott“ kommt.
Doch wo Gemeinde an einem Ort lebt mit anderen zusammen, da gibt es auch immer Berührungspunkte und Gelegenheiten. Sei es bei Besuchen, Hochzeiten, Taufen oder sogar bei Beerdigungen. Auch da kann man etwas davon sagen, was retten kann, von dem erzählen, der unser Retter ist.
Wo Gott will, wird das Wort auch ankommen. Vorbereitend, begleitend, unterstützend wird dabei jedoch all das sein, was die Gemeinde selbst vorlebt und wie sie zusammenlebt mit den Freunden und Nachbarn in der Straße. Auch wenn das öffentliche Kanzelwort nicht jedermanns Aufgabe ist, zu Freudenboten können wir alle werden: und sei es mit einem Blumenstrauß in der Hand, einer tröstenden Umarmung und einem guten Wort. Ganz so, wie Jesus es vorgelebt hat. Und wie es aus unserem Herzen kommt. Rettend, bergend, stärkend.



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Der Legionär als Vorbild

Der Legionär als Vorbild
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt zum Epheserbrief 6,10-17 (21. Sonntag nach Trinitatis):

10 Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. 11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. - 12 Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.
13 Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tage Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt.
14 So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit 15 und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens.
16 Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, 17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.

Liebe Gemeinde!
Das klingt grimmig, kriegerisch, soldatenmäßig. Sollen wir uns die Christen, die Friedensfreunde, als schwer bewaffnete Kämpfer vorstellen?
Ein Gleichnis ist es natürlich – und auch ein zeitgebundenes. Wir müssten in ein Museum gehen, um uns anzuschauen, wen oder was der Apostel vor Augen hatte bei diesen Zeilen.
In einer Rüstkammer einer alten Burg könnten wir fündig werden, wo die Rüstungen der Völker zu sehen sind. Ganz links, in zeitlicher Reihenfolge, die Panzer und Helme der Bronzezeit; es folgen die griechischen Hopliten mit ihren langen Lanzen, die römischen Legionäre, die Krieger der Goten und Franken, schließlich die Ritterrüstungen des Mittelalters. Die Welt des Epheserbriefes wäre eher in der Mitte anzusiedeln. Wir stellen uns einen Soldaten der frühen römischen Kaiserzeit vor: er trägt einen schweren Wurfspieß, und in der anderen Hand den 6 Kilo schweren, vierseitigen Schild. Am Gürtel hängen ein Schwert und ein Dolch. Über der wattierten Kleidung trägt er einen Schienenpanzer aus Eisen, der Brust und Schultern schützt. Der Helm hat ein breites Nackenschild und Wangenklappen; aufgenietete Eisenbügel sollen die Wucht des gegnerischen Schwertes abfangen. Manche Kämpfer tragen auch noch einen Armschutz und Beinschienen, während der Soldatenschuh eher einer schweren Sandale gleicht.
Die gesamte Ausrüstung, die ein marschierender Legionär mit sich schleppt, wiegt etwa 30 Kilo; wobei allein der Panzer 12 Kilo und der Helm 2 Kilo ausmachen.
In der Feldschlacht ist die römische Armee, wenn sie gut geführt ist, nahezu unbesiegbar, denn ihre Soldaten sind nicht nur besser geschützt als die meisten Feinde, sie sind auch geschickt, ausdauernd und diszipliniert. Wer sich freiwillig meldet, muss nicht nur körperlich fit sein, sondern auch lesen und schreiben können. Während der ganzen 25jährigen Dienstzeit wird regelmäßig trainiert und marschiert. Doch wer treu dient, wird auch großzügig belohnt.
Einen solchen Streiter also, liebe Gemeinde, müssen wir uns vor Augen führen, wenn wir den Epheserbrief lesen. Der Apostel sieht die in Schlachtordnung angetretenen, blitzblanken Legionäre vor sich, die allen Feinden gewachsen sind, die so überlegen gerüstet sind und kämpfen, dass die Gegner nur noch die Waffen strecken können.
Wahrhaftig ein kriegerisches Vorbild für die Legionen Gottes, für die Engel des Friedens, für die friedfertigen und friedliebenden Christen der Urgemeinden. War da nicht die Rede davon, die Schwerter zu Pflugscharen zu machen und lieber die andere Wange auch noch hinzuhalten?
Nun rechnet der Apostel nicht mit einem menschlichen Gegner, sondern „mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel“.
Es sind unsichtbare Gegner, aber offenbar nicht wirkungslose Gegner. Sie haben Macht, eine geradezu dämonische, böse Macht über den Menschen. Sonst bräuchte es den Waffenschutz nicht.
Schauen wir einmal auf die Verteidigungswaffen und Rüstungsstücke, um uns auszumalen, mit welchen Feinden der Epheserbrief rechnet. Der Gurt ("cingulum") ist die Wahrheit, dann kann der Feind nur die Lüge sein; der Brustpanzer ("lorica") ist die Gerechtigkeit: die schützt gegen das Unrecht. Die mit Eisennägeln besohlten Stiefel ("caligae") stehen für die Einsatzbereitschaft. Das Gegenteil hier wären die Teilnahmslosigkeit und das Desinteresse.
Der viereckige Langschild ("scutum") steht für den Glauben, an dem alle Brandpfeile des Bösen abprallen sollen. Der Helm ("galea") aus Bronze und Eisen versinnbildlicht Heil und Erlösung; das Schwert ("gladius") schließlich ist ein geistliches und veranschaulicht das Wort Gottes, mit dem sich der Christ wehren soll.
Also nicht nur die Feinde, auch die Waffen und Rüstungsteile stehen für Unsichtbares, wenn auch Wahrnehmbares. Ein Kampf der Ideen und Gedanken wird beschrieben, in den ein Christ verwickelt wird, ob er will oder nicht. Er kann darin untergehen, er kann darin aber auch bestehen.
Wenn wir an die Feinde denken, mit denen es die frühen Christen zu tun hatten, wird das Ganze vielleicht anschaulicher. Da sind zum einen die äußeren Feinde: Vorurteile, böse Nachrede, Ausgrenzung. Viele Christen stammen aus heidnischen Familien, die ihren neuen Glauben ablehnen. Sie spüren eine tiefe Entfremdung.
Ephesus selbst ist eine Hochburg der heidnischen Religion. Der gewaltige Tempel der Diana bildet den Kern der Stadt; ein Pilgerzentrum ersten Ranges ist er. Die Menschen strömen nach Ephesus wie heute die Scharen von Touristen. Die vielen Besucher sorgen für volle Kassen. Ephesus ist zudem eine wichtige Hafenstadt, ein Umschlagplatz, ein Handels- und Bankenzentrum und nicht zuletzt ein geistiger Mittelpunkt an der kleinasiatischen Küste. Gut überliefert ist auch der weit verbreitete Aberglaube der Großstädter, ein Glaube an kosmische Mächte und Zaubersprüche.
Die frühen Christen stehen also in Ephesus vor stärksten Herausforderungen. Die Mehrheit der Bevölkerung muss in ihnen Spielverderber sehen. Sie verachten die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt und wollen mit dem ganzen Kult dort nichts zu tun haben. Sie betrachten das Geld, das man dort leicht verdienen kann, als schmutzig; und sehen in der Vielfalt der Götter keinen Reiz. Wenn auch noch für den Kaiser ein Tempel angelegt wird, der doch nur ein Mensch ist, so erfüllt sie das mit Abscheu.
Doch der Druck von außen ist groß; und auch innerhalb der christlichen Gemeinde ist man nicht einig über die richtige Strategie. Einige sprechen sich dafür aus, manche der alten Gewohnheiten doch beizubehalten. Andere gehen so weit, dass sie in Christus nur einen Gott unter vielen sehen - und eben nicht das Fundament, das Haupt und den Eckstein der Kirche.
Wieder anderen ist das gottesdienstliche und gemeindliche Leben nicht genug; sie experimentieren selbst mit den magischen Praktiken, von denen viele ihrer Mitbürger in Ephesus so fasziniert sind.
Alles in allem ein großes Durcheinander, das nach Klarheit verlangt und einem Machtwort. Genau dafür steht der Epheserbrief. Er ist selbst dieses Machtwort, will selbst wie ein geistliches Schwert in die Gewissen der Menschen einschneiden: um Wahrheit von Falschheit zu trennen und Licht von Finsternis.
Die Gemeinde braucht nicht ein religiöses Mischmasch, sondern Eindeutigkeit und Klarheit. Ein klares Bekenntnis zu Christus. Eine klare Einsicht, dass in ihm die ganze Fülle des Heils für alle Menschen beschlossen ist. Eine klare Trennung auch des neuen Gottesvolkes der Christen vom Heidentum, weil es in Wahrheit viel mehr gemein hat mit Israel (dem Volk des alten Bundes), als mit allen Göttern und Götzen von nah und fern.
An manchen Stellen klingt aus dem Epheserbrief eine Wegweisung heraus, die an Martin Luther erinnert. Nicht nur, weil Luther diesen Brief ins Deutsche übertragen hat. Es ist auch ein und derselbe Geist, wenn Luther später daran erinnert, dass allein der Glaube, allein Christus und allein die Gnade retten.
Und an Luthers bekanntes Glaubenslied erinnert wiederum der heutige Abschnitt: gegen den alt bösen Feind schützt uns eine feste Burg, und gegen die Welt voller Teufel haben wir gute Wehr und Waffen.
Aus diesem Vergleich wird deutlich: dass das Christentum immer wieder gegen einen Ansturm bestehen muss, einen Ansturm, der sich in jeder Zeit neu kleidet, anders aussieht, anders spricht, der aber jeweils neu eine Todesgefahr für den Glauben und die Gemeinde ist.
Eigentlich ist es gar nicht so schwer, die Lage der Christen in Ephesus mit unserer Lage in unserer Zeit zu vergleichen. Um uns herum erleben auch wir eine Überfülle an Weltanschauungs­angeboten. Es fällt schwer, den Durchblick zu behalten und zu entscheiden, was man als Christ mittun darf und wovon man besser lassen sollte.
In unserer Spaßgesellschaft stehen auch wir manchmal als die Spielverderber und Spaßbremsen dar. Aber wir können eben nicht alles als richtig empfinden. Uns schmerzt es, wenn unser Glaube verunglimpft wird und Menschen über unseren Kirchgang scherzen. Es lässt uns nicht kalt, wenn in der eigenen Familie Menschen dem Glauben den Rücken kehren, ihn für belanglos halten, aus der Kirche austreten.
Uns ist es auch nicht gleich, wie die Leute von Gott denken und von der Stellung des Menschen in der Welt. Wenn Schuld klein geredet wird oder um den Tod ein Riesenbogen gemacht wird, erscheint uns das nicht heilsam, sondern bloß verlegen. Wir sind der Ansicht, dass Gott unser Heil will, dass wir Menschen aber durch einen heillosen Egoismus gefährdet sind.
Wir träumen weder den Traum vom perfekten Menschen, der keinen Gott braucht, noch achten wir den Menschen gering.
Wir finden Sterndeuterei und andere Blendwerke nicht anziehend, wir lassen uns aber anstecken und entflammen von Glaube, Liebe, Hoffnung. Wir glauben Gott und seinem Sohn; wir verlassen uns auf eine Liebe, die uns trägt und hält, auch wenn wir nichts darstellen und nichts sonderlich zur Schau tragen können. Wir hoffen auf die Entfaltung eines Reiches, das noch nicht sichtbar ist, aber sicher kommt.
Das alles müssten wir in eine Rüstung für heute hineinschmieden und hineinpacken. Wir dürfen aber auch ruhig andere, weniger kriegerische Bilder verwenden für unser christliches Dasein und für die Kämpfe, die wir zu bestehen haben. Die Zeilen aus dem Epheserbrief sind eine Anregung, mehr nicht, aber eine Anregung, Stellung zu nehmen, standhaft zu sein und nicht zu weichen. Eine feste Burg ist unser Gott.



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Wenn uns der Wind ins Gesicht blaest

Wenn uns der Wind ins Gesicht bläst: Über den Gegenwind in unserem Leben
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt zu Mt 14,21-23 (4. Sonntag nach Epiphanias)


Predigttext aus Matthäus, Kap. 14, Verse 21-33:
21 Die aber, die gegessen hatten, waren etwa fünftausend Männer ohne die Frauen und Kinder.
22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.
23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.
24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.
26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!
31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich.
33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Liebe Gemeinde!
Unsere Geschichte beginnt mit der Erfahrung einer unglaublichen Fülle, fünftausend werden satt – Frauen und Kinder nicht mitgerechnet. Und das auf den unbesiedelten Höhen jenseits des Sees Genezareth. Eine Flut von Menschen ist in die sonst menschenleere Einsamkeit geströmt. Die Kraft heilender Worte erklingt vollmächtig inmitten einer gespannten Hörerschaft. Brot in Fülle gibt es trotz der beschränkten Mittel. Es ist, als sei die Zeit des Mose wieder zurück gekehrt, der mitten in der Wüste, da hinein das Volk gezogen war, das Manna regnen ließ: himmlisches Brot, süß und stark.
Die Bilder der Fülle entsprechen den Bildern unserer eigenen und der allgemein menschlichen Sehnsucht: Sehnsucht nach Begleitung und Gemeinschaft, Sehnsucht nach richtungweisenden Worten, die mehr sind als Gerede und Geschwätz, Sehnsucht nach Sättigung an Leib und Seele.
Teilen wir diese Sehnsüchte, so müssten wir förmlich den Widerstand der Jünger verspüren, die aus dieser wunderbaren Fülle hinausgedrängt werden. Alsbald, so unsere Geschichte, treibt Jesus seine Jünger, dass sie in das Schiff treten. Die Wortwahl ist deutlich: er nötigt sie - mit Nachdruck. Denn das Herz der Jünger verlangt nicht nach Aufbruch. Sie wollen am liebsten bleiben. Bei Jesus bleiben – und bei diesem augenscheinlichen Erfolg verweilen, bei der satten, zufriedenen, jubelnden Schar sein und mit der Menge mitfeiern.
Jesus aber lässt auch das Volk gehen und sucht die Einsamkeit des Gebets. Er entweicht der Menge. Er entzieht sich. Er verbirgt sich in der Nacht — und treibt die Jünger in den Sturm auf den nächtlichen See. Eine erstaunliche Geschichte, deren Sinn erst im weiteren Verlauf deutlich wird.
Was schon jetzt klar wird, das ist, dass es Jesus nicht um sichtbaren Erfolg geht, in Brotkörben zählbar. Er ist nicht am Beifall interessiert und will auch nicht im Rampenlicht stehen. Wieder gleicht er eher dem Mose als einem Zauber­meister oder Unterhaltungskünstler. Denn wie diesen zieht es ihn auf einen Berg. Er sondert sich ab. Er baut auf die Kraft des Unsichtbaren, die jenseits aller messbaren und gerade darum oft trügerischen Sicherheiten liegt.
Was in dieser Einsamkeit geschieht, weiß die Geschichte nicht zu erzählen. Wie auch! Es ist keiner bei ihm. Er betet für sich wie später im Garten Getsemane. Er hält Zwiegespräch mit seinem himmlischen Vater und ist ihm wieder einmal so nahe, dass menschliche Worte nicht ausreichen, diese Nähe zu beschreiben.
Wir wechseln die Szene. Vom Berg hinab geht es auf die Höhe des Sees. Das „Meer von Genezareth“ nennen ihn die Menschen der Bibel – oder auch das „Meer von Galiläa“. Tatsächlich ist dieser See 21 km lang und bis 12 km breit, umfasst also immerhin ein Drittel der Fläche des Bodensees.
Kurioserweise liegt er mehr als 200 Meter unter dem Meeresspiegel des Mittelmeers, da sich das Jordantal hinter dem Hochland stark absenkt. Vom Jordan erhält der See auch sein Wasser. Er ist also ein Süßwassersee, dazu sehr fischreich. Was das Fischen jedoch gefährlich machen kann, sind die starken Fallwinde, die von den Bergen herab kommen, sich im Tal verstärken und dann auf dem Wasser ausbreiten. Dabei können teils orkanartige Windstärken erreicht werden, die Wellen mit mehreren Metern Höhe vor sich her treiben. Ähnlich gefährlich sind die überraschend auftretenden Sturmböen bei Gewittern, die immer wieder Opfer fordern.
Und nun sind die Jünger von Jesus eben solchen Naturgewalten ausgesetzt. Neun Meter lang ist ihr Boot, zweieinhalb Meter breit, wenn es mit dem Boot übereinstimmt, das 1986 im Uferschlamm entdeckt wurde und aus der Zeit Jesu stammt. Zwar aus stabilen Zedernplanken gefertigt, aber inmitten des Sees doch winzig. Das viereckige Segel ist gegen den Wind nicht zu gebrauchen. Die 12 Jünger hocken eng nebeneinander, halten sich fest, wo sie nur können. Das Boot quält sich. Die Planken knirschen. Die Wellenberge sind doppelt so hoch wie die Bordwand. Und das nächste Ufer etliche Kilometer entfernt.
"Das Schiff war mitten auf dem Meer", weiß das Markusevangelium. Und Matthäus führt aus, dass es "Not litt von den Wellen; denn der Wind war entgegen".
Rudern müssen sie, was das Zeug hält. Und das tun sie die ganze Nacht hindurch, denn erst in der vierten Nachtwache, also in der Morgendämmerung, ereignet sich neues.
Kennen wir auch solche durchwachten Nachtstunden? Eine ähnliche Verzweiflung im Sturm auf hoher See haben wahrscheinlich nur wenige von uns selbst erlebt. Aber Gegenwind im Leben, wenn wir´s übertragen nehmen, den hat wohl jeder schon erlebt. Wir brauchen uns nur an die zahllosen Male erinnern, als unser gesichertes, wohlgeordnetes Leben durchein­ander gebracht und bedroht wurde, wann wir Pläne gemacht hatten, aus denen nichts wurde, wann uns Ereignisse oder Menschen in den Weg traten und uns nichts zu gelingen schien.
Die Sturmgeschichte der Jünger bringt uns aber vielleicht auch dahin, dass wir die Gegenwind-Geschichten unseres Lebens nicht nur als etwas Negatives sehen, sondern auch als eine Chance der Reifung. Womöglich erschließt sich gerade in den Kämpfen unseres Lebens die eigentliche Kraftquelle, aus der wir leben.
Der Kampf der kleinen Menschengruppe im Boot erscheint zunächst hoffnungslos. Aber sie kämpfen sich doch voran. Sie halten die Nacht durch, geben nicht auf. Und das, obwohl Jesus nicht bei ihnen ist. Sie haben Angst, sind aber nicht verzweifelt. So richtig in Furcht geraten sie erst, als ihnen die rettende Kraft selbst begegnet. Und auch darin können wir uns vielleicht selbst wiederfinden: Woher uns Rettung und Hilfe kommt, merken wir manchmal nicht sofort, und wir bleiben zögerlich und zweifelnd.
Die Jünger bekommen sogar einen gehörigen Schrecken. Inmitten des Sturms er­scheint ihnen Christus, der über den Wellen geht. Das beruhigt nicht, sondern verunsichert erst einmal völlig. Sie zittern vor Angst und schreien vor Furcht! Denn der Heiland erscheint als Gespenst, als Wahngebilde, als Trugbild, als Seeungeheuer. Er, ihr Retter, eins und verbunden mit dem Unheil, das sie bedroht. Die Lichtgestalt eins mit der Finsternis. Das zerstört die letzte Sicherheit, die zwischen Sturm und Wellen noch bleibt. Oder können sie ihren Sinnen nicht mehr trauen? Sind sie selbst schon in ein Zwischenreich hinein geraten zwischen Wirklichkeit und Wahn?
„Habt Mut, ich bin's! Fürchtet euch nicht!“ Der Ruf durchbricht die Ungewissheit. An der Stimme können sie ihn erkennen. Es ist wie eine Vorschau auf Ostern. Kein Gespenst, kein körperloser Geist, auch keine Einbildung und keine Sinnestäuschung, sondern einer, der mit der Herrlichkeit des Himmels erfüllt ist, der die Finsternis der Nacht durchdringt und die Fluten bändigt.
Vier Nachtwachen hindurch – vom Abend bis zur Dämmerung – hat er auf dem Berg in der Einsamkeit des Gebets verharrt. Er kennt die tragende Kraft hin­ter aller Bedrohung und Zerstörung. Er sieht die Not der Jün­ger vom Berg des Gebets herab, kommt ihnen nahe und lässt sie erfahren, dass sie gehalten sind. Sie sind nicht mutterseelenallein. Nirgends. Denn sie können und dürfen mit der wunderbaren Gegenwart Jesu rechnen: immer und überall. Eine Gegenwart, die unsere kleine, irdische Existenz verändert, sie mit Gottes Ewigkeit und grenzenloser Macht in Berührung bringen kann: „Ich bin es!“
Eine Gegenwart, die uns tragen kann – hinweg über das Endliche, hinauf und hinein ins Unendliche und aus der Dämmerung ins neue Licht: „Ich bin es!“
Eine Gegenwart, die uns tragen kann ... aber nicht tragen muss. Eine Sicherheit, die weder mit Händen zu greifen noch beweisbar ist. Eine Gewissheit, die von anderer Art ist als ein Rettungsring oder ein sicherer Steg. Und doch Berge versetzen und dem Wasser unsichtbare Balken verleihen kann.
Die Nähe des „Ich bin es“ lockt Petrus. Er lässt alle Sicherun­gen hinter sich. Er verlässt das kleine Holzschiff. Er geht über Bord. Er wagt es. Und dann erlebt er es für einen Moment: eine Vorschau auf den Himmel. Leicht ist er wie ein Engel, hat alles Schwere, Irdische abgestreift - für eine Sekunde, die ihm und wohl auch denen, die im Boote bleiben, wie eine Ewigkeit erscheint. Auch er geht über den Wellen, weil er dem „Ich bin es“ traut. Er macht sich daran, die tragende Kraft Gottes in seinem Leben zu erfahren. Weil er diesem Jesus glaubt, weil er es ihm zutraut, dass er die Macht hat, eine Macht, größer als alles Sichtbare …
Solcher Glaube ist jedoch keine beherrschbare Technik, keine einfach verfügbare Kraft. Er ist selbst ein Geschenk, wie eine Gabe aus Gottes anderer Welt. Noch hat das Sichtbare dieser Welt sein Recht. Der Wind, die Wellen, die drohende Vernich­tung sind die Realitäten, die bleiben. Die Frage ist nur, ob sie die Oberhand behalten. Und diese Frage ist auch eine Frage an uns!
Petrus, der mit einem Mal seine Konzentration wieder auf die Wellen richtet und sich um ihre Bewältigung sorgt, wird von ihnen verschlungen. Worauf achten wir in unserem Leben? Nur auf den Gegenwind? Oder auch auf den, der darüber steht? Der Glaube hält sich an das Wort des Herrn, auch wenn der Himmel trübe wird, es stürmt und tobt.
„Herr, rette mich“ - mit dem Schrei der Verzweiflung richtet Petrus zuletzt seinen Blick dann doch wieder auf die tragende Kraft Gottes. So ergreift ihn die Hand, die ihn über die Fluten hält; Jesus selbst wird ihm zur tragenden Kraft. Ein anderer Apostel wird diese Erfahrung später einmal in den schönen Satz kleiden: „Ich lebe, doch nun nicht ich, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Durch Christus verwandelt tritt Petrus ins Boot zurück – zusammen mit ihm. Der Sturm legt sich.
Auch das ein Bild womöglich für unsere Glaubensgeschichte: Wir müssen Glauben und Zweifel nicht mit uns selbst ausmachen. Wir müssen unseren Glauben nicht in der Einsamkeit bestehen, müssen nicht allein sein im Angesicht der Bedrohung. Wir müssen auch eigene Schwächen nicht verstecken oder beschönigen, sondern können mit unseren Problemen bei den anderen sein. Das Boot, in das Petrus zurückklettert, ist ein Gleichnis für die Kirche, für die Gemeinschaft der Gläubigen und eben auch Kleingläubigen. Da sitzen wir zusammen, kämpfen mit unseren Sorgen und Problemen. Wir alle schwanken hin und her zwischen Vertrauen und Zweifel, Anfechtung und Mut. Aber wir alle dürfen auch daran denken, dass wir inmitten der betenden Hände eine Hand finden, die uns hält und in uns Kraft weckt. Jesus Christus, der auferstanden und lebendig ist, er ist auch in unserer Gemeinschaft gegenwärtig. Darauf gilt es zu setzen und zu bauen – statt schreckhaft auf die drohenden Wellen zu starren, die das Schiff der Kirche bedrohen, oder immer nur auf den Gegenwind zu achten, der steif ins Gesicht bläst.
Christus ist hier. Gott ist hier. Das gibt Boden unter den Füßen. Auch wenn in dieser sichtbaren Welt die Zweifel hin und wieder mächtig sind, wir dürfen sie nicht übermächtig werden lassen. Wir müssen Vertrauen lernen und Vertrauen lehren, müssen darauf achten, wie viel an Lebensführung wir Gott getrost überlassen können.
Auch wir Christen von heute sind auf unserer Lebensfahrt nicht mutterseelenallein. Menschen sind mit uns, die uns begleiten und ermutigen. Untereinander unseren Glauben stärken – das ist der Schatz und der Reichtum der Kirche, ihr Daseinsgrund und ihre Notwendigkeit
Manchmal geht es nicht anders: Dann müssen wir zum Ruder greifen, müssen uns anstrengen. Gott hat uns hinausgeschickt in dieses Leben, nicht damit wir uns treiben lassen, sondern damit wir neue Ufer erreichen. Gar nicht selten werden wir dabei vom Sturm gepeitscht. Aber darum geht es, und das will uns unsere Geschichte heute sagen: Mögen wir sogar versinken, Gottes Hand greift doch nach uns! Mögen wir auch von den Wogen geschüttelt werden, hinter den Wellen, die sich dazwischen schieben, liegt "des Himmels großer Rettungs­hafen" (Spurgeon). In dem Moment, in dem wir glauben, schauen wir hinweg über das, was direkt vor Augen ist, uns zusetzt und beschäftigt. Wir sehen nur auf den Herrn. Er hat den Wind, die Wogen, die ganze Welt überwunden.



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Was-aus-uns-wird- oder von den letzten Dingen

Was aus uns wird - oder: Von den letzten Dingen
Pfarrer Dr. Weiling



Predigt zu Offb 21,1-7 (Ewigkeitssonntag)

Der Seher Johannes spricht von einer wunderbaren Vision und tut dies im Buch der Offenbarung, im 21. Kapitel, Verse 1-7:
1 Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.
4 Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.
Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Liebe Gemeinde!
Ein Bilderbuch zum 1. Gebot – so hat man die Offenbarung des Johannes einmal genannt. „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ So lautet bekanntlich dieses Gebot. Die Offenbarung erinnert daran und malt aus, wer der Herr ist. Dunkel und unheimlich sind die Bilder, wenn es um das Schicksal jener geht, die das 1. Gebot missachten, die sich also andere Götter machen oder gar sich selbst zum Gott machen.
Erst im 21. Kapitel wechselt der Ton und die Bilder hellen sich auf. Was der Seher nun als Vision empfängt, wirkt auch nicht mehr aufbrausend und fieberhaft, sondern tröstlich und beruhigend. Die Offenbarung selbst kommt zur Ruhe und zum Ziel, so als sei aller vorher ausgemalte Schrecken nur etwas Vorläufiges, das in der Schlussszene vollkommen überstrahlt wird. Die ganze Welt wird zum Ziel gebracht, befreit und vollendet. Wie sollten wir und alle Kreatur noch andere Götter haben, wenn Gott selbst bei uns ist!
Ich versuche mich in den Seher der Offenbarung, diesen Johannes, hineinzuversetzen. Er lebt in einer Zeit der Umbrüche und Veränderungen. Das junge Christentum hat sich ausgebreitet bis nach Rom und Kleinasien. Aber es stößt auf den erbitterten Widerstand einer Staatsreligion, die das römische Reich zum ewigen Reich und den Kaiser zum Gott erklärt. Alle, die diesem Gott nicht ihren Tribut darbringen wollen, Christen wie Juden, werden verfolgt. Viele werden getötet; manche werden, so wie Johannes selbst, auf öde Inseln verbannt. Doch in einer dunklen Höhle der kargen Felsinsel Patmos, wo er in die Bedeutungslosigkeit versinken könnte und wohl auch versinken soll, ausgerechnet hier empfängt Johannes die Schau der völligen Umkehr der Dinge: Die sich zu Herren machen, werden entthront; der einzige wahre Herr tritt auf den Plan.
Es ist keine Geschichtsschreibung, die Johannes da vorträgt, auch keine Geschichtsschreibung in die Zukunft hinein. Eher sind es Bilder, die für sich selbst sprechen, mögen auch einzelne Details unentschlüsselt und unentschlüsselbar bleiben. Johannes ist zutiefst davon überzeugt, dass der römische Kaiser kein Gott ist. Er glaubt fest daran, dass dieses Weltreich nur ein endliches Reich ist. Und er zweifelt nicht, dass jene, die an Gott glauben und die ihren Glauben bewähren, dies nicht umsonst tun werden. Das ist für ihn unumstößliche Wahrheit. Und er drückt sie aus in einem Gemälde, das bunt ist wie die Farben des Regenbogens und schillert wie kostbare Edelsteine. Einmal wird alles anders. Einmal wird alles besser. Einmal wird alles vollkommen. Nicht durch menschliches Streben und Tun, nicht durch Aufstände und Revolutionen, auch nicht durch bessere Regierungsformen und wirtschaftlichen Aufschwung. Überhaupt nicht durch Menschenwerke - und seien sie noch so gut. Sie sind ja doch begrenzt. Nichts ist für die Ewigkeit, wie sehr man sich auch absichert. Wir können das Leben verlängern durch medizinischen Fortschritt, können Gedanken und Erinnerungen über viele Jahre auf technischen Speichergeräten bewahren. Aber irgendwann holt uns die Vergeblichkeit doch ein.
„Alles hat seine Zeit!“ Der Seher Johannes weiß: Wo der Mensch herrscht und das Sagen hat, da wird sich an dieser Weisheit auch nichts grundsätzlich ändern. Er warnt vielmehr vor menschlicher Überheblichkeit, die unsere Endlichkeit ausblendet, und dem Größenwahn, der damit einhergeht. „Verlasst euch nicht auf Menschen!“ so könnte man die ersten Kapitel seiner Offenbarung überschreiben. „Verlasst euch auf Gott“, so lautet dagegen die Botschaft am Ende, „denn darauf liegt eine Verheißung!“ Nicht mehr warnend und mahnend ist der Ton, sondern seelsorgerlich und tröstlich. Einmal werden all eure Tränen getrocknet werden. Einmal wird es kein Leid mehr geben und keinen Schmerz; nicht einmal der Tod wird mehr sein, denn Gott wird s e i n und wieder so sprechen wie am Anfang aller Zeiten: „Es werde!“
Johannes kann sich diesen Neuanfang gar nicht groß genug vorstellen. Das Senfkorn, von dem Jesus im Gleichnis sprach, dieses Senfkorn des Gottesreiches ist bei ihm ein großer Baum, dessen Wurzelwerk die ganze Welt durchdringt und verwandelt. Seine Hoffnung geht auch weit hinaus über die Hoffnungen der Alten in Israel, wonach Jerusalem schlussendlich befreit und schöner und prächtiger denn je wieder auferbaut wird. Nein, ein irdisches Jerusalem reicht nicht mehr, wenn Gott selbst Wohnung nimmt und nicht mehr bloß sein Name verehrt wird! Es wird ein himmlisches Jerusalem sein, ein Zion für alle Menschen. Und es wird eine Stadt sein ohne Tempel und Kirchen – wir brauchen nicht stutzen – denn die ganze Stadt, die ganze neue Welt wird selbst ein Tempel sein, nimmt Gott doch Wohnung bei den Menschen: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!“
Diesen Tempel wird niemand mehr verbrennen, so wie man die Tempel des Salomo und des Herodes verbrannt hat. Diesen Tempel vermag keiner zu verbrennen – denn er ist viel zu groß, unermesslich, Licht vom Licht. Es wird ihn aber auch niemand mehr verbrennen wollen, denn er ist auch voller Liebe, die allen Hass aus den Herzen tilgt.
Gott ist desgleichen L e b e n , Prinzip und Vollendung des Lebens. Wo er wohnt, ist kein Platz mehr für Tod und Hinfälligkeit; Platz aber für alle guten Gefühle; Platz für alle guten Gedanken; Platz für alle guten Seelen. Das lässt uns der Nacht entgegenhoffen. Das gibt uns den Mut, den Tod zu ertragen und zu bestehen, den eigenen Tod wie den Tod derer, die uns wichtig sind.
Darum kann der Ehemann einer Verstorbenen sagen: „Ich weiß, dass wir uns wieder sehen.“ Darum kann eine Mutter sagen: „Mein Kind ist jetzt ein Engel.“ Darum kann eine Frau am Sarg ihres Mannes flüstern: „Bis bald!“
Glaube schweigt nicht an den Sterbebetten, schweigt nicht da, wo wir mit Sterben und Tod in Berührung kommen. Denn Glaube glaubt dem Gott,
- der wahrhaft Gott ist,
- in dem keine Nacht ist, sondern Licht,
- in dem kein Ende ist, sondern ein neuer Anfang: „Siehe, ich mache alles neu!“
Johannes, der Seher, sieht den Schöpfer vor sich, der erschafft, gestaltet, baut und gründet. Wenn Gott wirklich Gott ist, dann können die Visionen von ihm gar nicht kreativ genug sein. Dann müssen sie reden von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, einem neuen Jerusalem und einer neuen Kreatur.
Gott ist sicher nicht der Erfüllungsgehilfe unserer Wünsche. Und er mag es auch ablehnen, dass man sich ein Bild von ihm macht. Aber er hat nichts gegen Hoffnungen - und nichts gegen Träume, die seinem Gottsein entsprechen. Wir sollen nicht andere Götter haben neben ihm. Er allein ist Gott. Das aber heißt zugleich: ihm sein Gottsein zugestehen und zutrauen.
Wenn er nicht jetzt und hier alles wandelt nach unseren Wünschen, so irritiert uns das. Wenn er ein Gebet nicht erhört, so ficht uns das an. Aber unsere menschlichen Zweifel und Enttäuschungen können ihm nichts nehmen. Sie beweisen nichts. Sie können nicht verhindern, dass er einmal alles ganz neu macht. Und wenn das geschieht, dann wird alles Vorherige, auch unsere Fragen und Sorgen, ganz klein und unbedeutend erscheinen. Dann wird auch der Verstand nicht mehr gegen das Herz streiten, denn alle unsere Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge geraten in ein neues Licht.
Das erste Gebot will Gott die Ehre geben. Gott die Ehre geben heißt ihn lieben, achten und ehren; heißt, dem Menschen als Gottes Geschöpf einiges zutrauen, Gott aber alles zutrauen.
Man kann Gott die Ehre geben durch wunderbare Kirchbauten wie die Meister der Gotik. Man kann ihm die Ehre geben durch ein majestätisches Halleluja, wie es Händel getan hat. Man kann ihm aber auch Ehre geben durch ein phantastisches Bild, so wie es der Seher Johannes tut.
Wie sehen unsere Visionen aus, liebe Gemeinde? Sind sie auch so bunt und farbig wie die Vision des Johannes? Oder sind sie eher farblos und matt?
Wir modernen Menschen sind zurückhaltend geworden. Wir können den Himmel, der über uns ist, nicht mehr mit dem Himmel in eins setzen, in dem Gott wohnt. (Wenn die moderne Wissenschaft von parallelen Universen spricht, deuten sich gleichwohl neue Denkmöglichkeiten an.)
Manchmal scheuen wir uns auch, zu unseren Visionen zu stehen, bloß weil wir denken, andere würden sie für Sinnestäuschungen und Trugbilder halten. Aber es gibt Dinge, die ins Grübeln bringen: wenn Menschen den Augenblick des Todes eines lieben Angehörigen spüren, auch wenn sie gerade nicht in der Nähe, sondern weit weg sind; das Gefühl, dass einer, der gerade gegangen ist, manchmal noch mit uns im Raum zu sein scheint. Da bleibt eine Uhr stehen, eine Tür oder ein Fenster öffnen sich: Kleinigkeiten, die man verstandesmäßig nicht erklären kann.
Wie sehen aber unsere Visionen aus von der Welt jenseits unserer Welt? Glauben wir wie Johannes an Gott, dann müssten wir ebenso an eine wunderbare Verwandlung glauben, eine neue Schöpfung, eine Stadt aus Licht und Liebe. Wir würden überirdische Farben sehen und herrliche Landschaften.
Gott hat die Welt wunderbar erschaffen. Darum werden wir auch in der neuen Welt seine Schöpfung wieder erkennen. Vieles wird uns vertraut sein. Aber eines wird doch anders sein: es wird den Hass nicht mehr geben, die Gewalt wird nicht mehr da sein, es wird keine Kriege mehr geben. Auch Krankheiten und Leiden und Schmerzen werden ein Ende haben. Alles wird durchdrungen sein von Ruhe und von Frieden.
Aus den Visionen der Bibel können wir unsere eigenen Visionen entwickeln. Wir geben Gott die Ehre, indem wir ihm einen neuen Himmel und eine neue Erde zutrauen, in denen Gerechtigkeit wohnt. Wir geben ihm die Ehre, indem wir ihm zutrauen, dass ein Mensch, der stirbt, bei ihm zu neuem Leben erwachen kann. Wir trauen ihm zu, dass er uns durch den Tod hindurch führt und uns sein Licht sehen lässt. Wir trauen ihm zu, dass wir nicht mehr gebeugt und gedrückt sein werden, nicht mehr unvollkommen und fehlerhaft, sondern frei und erlöst. „Wir werden sein wie die Engel“, verspricht uns Jesus selbst.
Alle Sorgen werden von uns fallen. Unsere Leiber, die ihren Dienst getan haben - schlecht oder recht -, werden wir nicht mehr brauchen. Wir werden aus der Quelle des Lebens trinken. Wir werden Gott ganz nah sein, ohne aber in seinem Licht zu verglühen. Wir werden seine Gedanken und Gefühle und Erinnerungen sein. Wir werden wie sein Sohn sein: eins mit ihm und eins mit allem anderen. Wir werden wie Gott sein: in allen Dingen, allgegenwärtig.
Unsere Verstandesbegriffe versagen. Selbst unsere Visionen reichen am Ende nicht mehr. Es lässt sich nicht mehr in Worte fassen, was es heißt, mit Gott verbunden und mit allem eins zu sein.
Bleiben wir demütig! Gestehen wir uns ein, dass unser Menschengeist die ganze Fülle dessen, was sein wird, hier und jetzt noch nicht ermessen kann.
Und bleiben wir offen! Lassen wir uns überraschen!
Nur eines dürfen wir jetzt schon wissen: Gott meint es gut mit uns. Sonst hätte er uns nicht seinen Sohn geschenkt, der einmal mitten unter uns Menschen gewohnt hat, um uns die Augen dafür zu öffnen, dass Gott die Liebe ist – eine Liebe, stärker als der Tod.



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Selbstzeugnis

Selbstzeugnis
Prädikant Wolfram Regeniter

Predigt zu Joh. 5, 39-47

39 Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt;
40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.
41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen;
42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.
43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.
44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?
45 Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.
46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.
47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?



Liebe Gemeinde,
was für einen Quatsch berichtet uns Johannes. Da werden wir ausgeschimpft, „angemacht“ würden unsere Jugendlichen sagen. Und dabei sitzen wir hier doch brav in der Kirche, weil wir diesem Jesus begegnen wollen. Wir sind doch hier, um auf Gottes Wort zu hören und gewiss nicht, um fremden Heilsverkündern nachzulaufen.
Oder sind vielleicht die Juden gemeint, die Jesus nicht annehmen wollen, weil sie ihn nicht als von Gott gesendet akzeptieren? Sie verharren in der Interpretation von alten Schriften, ohne dass sich in ihrem Leben etwas zum Guten ändert.
Luther lässt Jesus zu seinen Gegnern sagen: "Ihr habt etwas, was Euch hindert und was Euch nicht dazu kommen lässt, dass Ihr mich annehmt. Ihr habt nämlich einen eigenen Götzen in Eueren Herzen. Der heißt Euere eigene Ehre."
Jesus wirft also den Schriftgelehrten, mit denen er redet – und damit natürlich überhaupt nicht allen Juden – vor, dass sie ihre Ehre nicht bei Gott suchen sondern bei den Menschen, die ihnen nach dem Herz oder wie Luther gesagt hätte „nach dem Maul“ reden.

Menschenehre statt Ehre bei Gott zu suchen. Jesus sagt, dass die Schriftgelehrten sich darin sonnen, in ihrer Position viel Ehre einzuheimsen und so an der Ehrung Gottes wenig interessiert sind. Personenkult würden wir das wohl nennen.
Und das lässt sich auf unsere Zeit gut übertragen. Ein Beispiel ist das Anhimmeln von Popstars. Vor einigen Jahren hatte ich eine Auseinandersetzung mit einer Mutter, die ihrer vierzehn Jahre alten Tochter eine Entschuldigung wegen Übernächtigung geschrieben hatte. Das Mädchen hatte in einem Dortmunder Hotel die gesamte Nacht auf dem Flur verbracht, um den angehimmelten Superstar zu sehen. Ehre? Menschen versuchen sich bei den verschiedenen Castings – in vielen Zeitungen, in den diversen Fernsehshows ist das Alltag. Jugendliche, aber auch Erwachsene träumen davon, eine Karriere zu machen, die sie aus der Allgemeinheit heraushebt. Dafür geben sie alles, ja manchmal geben sie sich sogar selbst auf. Das menschenverachtende Gebell eines Dieter Bohlen wird hingenommen für eine Hoffnung auf Ruhm.
Es ist uns ungeheuer wichtig, was andere Menschen über uns denken, selbst dann wenn uns diese Menschen eigentlich ziemlich egal sind. Die Werbung profitiert davon, ich sage nur „mein Boot, mein Auto, meine Villa“.
Und so beteiligen wir uns oft an übler Nachrede oder Verdächtigung, weil wir offen oder insgeheim hoffen, dass dies unsere eigene Position stärkt – und leider stimmt das ja im Alltag oft.
Jesus setzt dagegen, was uns eigentlich stark machen sollte: Ehre, die von Gott kommt.
In jeder Taufe sprechen wir davon, dass Gott uns ohne Vorleistung annimmt, uns Würde und damit die Ehre verleiht, die nicht von den Menschen sondern von ihm kommt.
Auf was kommt es Jesus also an?
Wir sollen Gottes Liebe in uns haben. Jesus weist darauf hin, dass bereits in der Hebräischen Bibel bei Moses davon gesprochen ist. Die Schriftgelehrten haben sich intensiv mit diesen Texten beschäftigt, für ihr Leben hat das aber keinerlei oder wenig Auswirkung gezeitigt. Und so fragt Jesus, wie man denn seinem gesprochenen Wort glauben mag, wenn man schon den alten Schriften nicht folgt, die nach jüdischer Überlieferung doch direkt von Gott kommen.
Gott ehren heißt also, auf Jesus hören, ihm vertrauen.
Heute beginnt die Fußballweltmeisterschaft der Frauen, da werden sicher wieder Stoßgebete um Siege zum Himmel gehen, oder wie sagte nach dem letzten Formel-1-Rennen ein Pilot, dem ein Unfall drohte: „Ich habe gebetet, aber ich hatte Glück“ – aber ich hatte Glück, nicht Dank und Ehre an Gott.
Auch wir haben manchmal Schwierigkeiten, mit unserem Glauben – und das ist doch eine Antwort auf die Liebe Gottes – auch wir haben Probleme, zu unsrem Glauben zu stehen. Natürlich verzichten wir auf das Tischgebet im Restaurant, vielleicht geht es Ihnen wie mir, dass ich nach dem Abendmahl nicht unbedingt gern dem Nachbarn, der Nachbarin die Hand reiche, daran bin ich nun mal nicht gewöhnt. Genügt nicht der Fischaufkleber an der Heckklappe des Autos zur Ehre Gottes?
„Ihr seid das Licht der Welt“ sagt Jesus, antworten wir darauf „Ich schäme mich meines Glaubens nicht“?

Und wie sieht es mit der Ehre für Gott in unserer Gemeinde aus?
Versuchen wir, in unsrem Handeln Gott die Ehre zu geben, oder geht es nicht zu häufig um unsere eigene Macht? Was ist das, wenn Mitarbeiter sich in Streitigkeiten verzetteln, wenn im Presbyterium Fronten aufeinanderprallen, wenn von und mit Pfarrerin und Pfarrer Konfrontation gesucht wird? Ist es Ehre für Gott in unserer Gemeinde, wenn Presbyter ihr Amt aufgeben, weil sie mehr Gegeneinander als Zusammenhalt fühlen? Ich frage nicht nach Schuld, ich frage, ob da nicht eigene Ehre auf welcher Seite auch immer über die Ehre Gottes gestellt wird.
Jesus weist in seiner Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten auf Moses hin.
„Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, so lautet die Überschrift über allen Geboten. Anders gesagt: Neben der Ehre Gottes kann keine Ehre des Menschen bestehen.
Jesus ergänzt das Gebot: "Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst." „Wie dich selbst“ bedeutet, dass wir uns nicht aufgeben müssen, dass aber dem die Liebe zum Nächsten gleich ist. Und über allem steht die Liebe zu Gott.
Wenn wir Christen uns an diesen Geboten besser festmachten als wir es in der Realität tun, dann wäre unser Zusammenleben anders. Dann könnten wir ernsthaft sagen, dass die Strafpredigt des heutigen Predigttextes nicht für uns gilt.
Solange wir aber noch nicht bereit oder in der Lage sind, in unserem Leben die Ehre Gottes über alles zu stellen, solange sind wir darauf angewiesen, auf Jesu Wort in Vers 45 zu vertrauen: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde“ und zu hoffen, dass durch Christi Opfertod auch die Anklage von Moses abgegolten ist.
Was wäre das für eine fröhliche, zukunftsfähige Kirche, die Gottes Ehre als Programm in Handeln umsetzte, wo Finanzierungsängste gegenüber der Ehrung unseres Schöpfers verblassten! Dazu gebe Gott uns seinen Segen!
Und der Friede Gottes, der da größer ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.
Amen



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Reichtum, Macht und Weisheit nicht verteufeln

Reichtum, Macht und Weisheit nicht verteufeln, sondern richtig nutzen
Pfarrer Dr. Weiling


(Predigt zu Jeremia 9,22-23 am Sonntag der Vorpassionszeit 2012)

Liebe Gemeinde,
der Predigttext heute steht geschrieben bei dem Propheten Jeremia, im 9. Kapitel: 22 So spricht der Herr: „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, und ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“ 23 „Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen: Einsicht zu haben und Mich zu erkennen, dass Ich es bin, der Liebe, Recht und Gerechtigkeit auf der Erde ausübt; denn daran habe ich Freude!“ spricht der Herr.

Liebe Gemeinde!
„Du hast drei Wünsche frei“, sagt die Gute Fee dem Helden im Märchen, „überlege klug!“ Abgesehen von dem Oberschlauen, der sich als erstes noch einmal drei Wünsche wünscht, gehen die Wünsche meist – und nicht nur im Märchen – in Richtung Reichtum, Glück und Ruhm. Der eine wünscht sich ein Schloss, ein anderer das schnellste Pferd oder die schönste Königstochter. Wieder ein anderer wünscht sich einen Ranzen, der nie leer wird, und noch ein anderer so viel Bier, wie er trinken kann. Es geht in den Grimmschen Märchen durchaus zünftig zu.
Und wir, wenn wir drei Wünsche frei hätten? Ich meine, die Gesundheit würde wohl obenan stehen. Denn ohne Gesundheit hätten wir von allem anderen wenig. Das wäre dann auch ein weiser Wunsch, der Lebensklugheit verriete.
Dass ihm das Geld nie ausgehe, würde sich ein anderer wünschen. Auch das ist nicht verkehrt, denn ganz ohne Geldmittel käme man nicht weit. Wir müssen uns ja nicht gleich unbescheiden viele Millionen wünschen oder Truhen von Gold. Wieder ein anderer mag sich eine Weltreise wünschen, weil er noch etwas von der Welt sehen will. In der heutigen Zeit durchaus ein Wunsch, der nicht ganz unrealistisch ist. Und dahinter verbirgt sich sicher der tief menschliche Wunsch, den alle teilen, nämlich etwas aus ihrem Leben zu machen.
Auf der anderen Seite wissen wir natürlich, dass das Leben kein Märchen ist und man wohl nur selten auf eine Gute Fee trifft. Für unser Glück müssen wir arbeiten. Die Lebensumstände verwehren uns oft genug die Erfüllung unserer Lebenswünsche. Darum klammern wir uns nicht selten an die Bescheidenheit als Tugend. Immerhin scheinen wir damit zwar nicht die Märchen, aber die Bibel auf unserer Seite zu haben. Wird darin nicht die Schwachheit gerühmt und die Armut gelobt? Der Hochmut verdammt und der Reiche ausgeschimpft? Und haben wir’s nicht auch hier: „Der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums…“? Das tut doch gut zu wissen. Da darf man sich bei aller Bescheidenheit doch wenigstens moralisch stärker fühlen.
Doch vorsichtig! Ganz so eindeutig ist unser Predigttext nicht. Zuerst einmal wird der Reiche nicht verworfen, weil er reich ist. Auch nicht der Mächtige, weil er mächtig ist. Und auch nicht der Weise, weil er weise ist. Zwar stimmt es, dass die Bibel unser Augenmerk auf die Schwachen richtet, die besser zu achten sind als allgemein üblich. Aber daraus folgt nicht, dass die Starken im Umkehrschluss die Schlechten sind. Zwar wird der Reiche kritisiert und dem Kamel gleich gesetzt, das nicht durchs Nadelöhr passt. Aber nicht wegen seines Reichtums, sondern weil er daran hängt und sich so überaus schwer tut, die damit gegebene Verantwortung wahrzunehmen.
Auch der Prophet Jeremia möchte wohl lieber, dass alle reich sind und nicht arm, alle stark statt schwach und alle klug statt Narren. Seine Rede ist weder sozialrevolutionär noch sozialromantisch. Er verklärt nicht die Armut und will auch nicht, dass will alle in Säcken gehen. Noch viel weniger lobt er die Dummheit und will alle Schulen schließen. Nein, er will, dass wir weise sind, hat nichts dagegen, wenn wir uns Wohlstand erarbeiten und auch etwas für unsere körperliche Stärke und Gesundheit tun. Aber er warnt davor, so zu tun, als hätten diese Dinge einen Eigenwert. Vielleicht denkt er dabei an die Reichen, Starken und Klugen der Bibel. In deren Geschichten wird nämlich deutlich, worum es dem Propheten geht: Da gab es einst einen Mann namens Simson. Seine Körperkraft und Stärke waren außergewöhnlich. Er konnte ganz allein die Feinde in die Flucht schlagen. So manche Heldentat wird von ihm erzählt, und gewiss hat der Prophet Jeremia davon gehört. Aber eben auch davon, dass dieser Simson seine Kraft zuletzt leichtfertig an eine Frau verspielte.
Ausführlich erzählt die Bibel auch von Salomo und lobt seine Weisheit. Aber Salomos Herrschaft hatte auch ihre Schattenseiten. Der kluge König war nicht nur belesen, sondern auch verschwenderisch, steckte Unsummen in Kampfwagen und Flotte und führte die Fronarbeit wieder ein, so dass es unter ihm dem Volk kaum besser ging als in der Sklaverei in Ägypten.
Zeitlich näher am Propheten Jeremia steht ein anderer König: Ahab galt als unermesslich reich. Er ließ seine Paläste mit Elfenbein auskleiden und baute jedem seiner Söhne ein stattliches Haus. Aber in seiner Raffgier schreckte er nicht vor Justizmord zurück, und in seinen Tempeln errichtete er auch anderen Göttern Altäre.
So sind Simson, Salomo und Ahab auf ihre Art Beispiele dafür, dass Stärke, Weisheit und Reichtum für sich allein nicht genügen. Im Einzelfall ist Stärke durchaus lobenswert, Weisheit erstrebenswert und auch mit Reichtum lässt sich viel Gutes anfangen. Aber wo das eine oder andere Lebensmittelpunkt wird, müssen Lebensentwürfe schließlich scheitern. Das kritisiert die Bibel, und dagegen richtet auch Jeremia seine prophetische Mahnung.
Von den Helden der Bibel geht unser Blick zu den „Helden“ unserer Zeit – „Helden“ in Anführungsstriche: Wir denken an Reiche, die vor Langeweile nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen - oder ängstlich und verbittert den Kurs der Aktien verfolgen. Wir denken an hochgebildete Akademiker, die meinen, die Weisheit für sich gepachtet zu haben und für alles und jeden nur Hohn und Zynismus übrig haben. Sie gelten als ungenießbar und alle Welt meidet sie. Und da ist der Starke, der Rekorden und Medaillen nachjagt und nicht damit klarkommen wird, dass er in 10 Jahren schon Jüngeren Platz machen muss. Vielleicht ist er auch jetzt schon seelisch ausgebrannt.
Was bleibt von Weisheit, Stärke und Reichtum schließlich übrig? Das eine wie das andere zerrinnt. Man kann es nicht für alle Zeit festhalten. Man kann freilich, und darauf will Jeremia hinaus, in den Dingen ein Instrumentarium sehen, dass einem leihweise gegeben ist. Man kann Weisheit, Stärke und Reichtum Leihgaben Gottes nennen, für die man danken kann, die man aber auch dankbar einsetzen sollte. Jeweils als Selbstzweck sind Reichtum, Weisheit und Stärke haltlos, ja gefährlich. Aber wo sie mit der Einsicht gekoppelt werden, dass es Gaben Gottes sind, können sie zu Wohltaten werden. Mit dem, was der Mensch von Gott erhalten hat, kann er andere retten. Der Starke zieht den Ertrinkenden aus dem Wasser. Der Reiche stiftet einen Teil seines Vermögens für ein Kinderheim in Afrika oder die Suppenküche in der eigenen Stadt. Der Weise hilft mit, dass einer lesen und schreiben lernt. Nein, die Bibel will gar nicht, dass alle arm werden oder alle schwächlich oder ihren Verstand ausschalten, sie will viel lieber, dass wir die Talente, die Gott uns gegeben hat, nutzen und segensreich einsetzen. Darum ergänzt der Prophet Jeremia die Dreiheit von Reichtum, Weisheit und Stärke um eine andere Dreiheit: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Das eine soll nicht ohne das andere sein, das eine nicht ohne das andere gerühmt werden. Sind Reichtum, Weisheit und Stärke eher die materiellen und körperlichen Vorzüge, so kommt mit Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit etwas Spi­rituelles, Geistiges hinzu. Das eine ist die Kraft, das innere oder äußere Vermögen eines Menschen; das andere die Befähigung, diese Kraft zu lenken. Das kann man gut durchspielen: Reichtum ohne Barmherzigkeit bedeutet soziale Kälte; Reichtum mit Barmherzigkeit bedeutet Fürsorge. Weisheit ohne Liebe bedeutet Rechthaberei; Weisheit mit Liebe Aufmerksamkeit. Stärke ohne Recht ist Willkür; Stärke mit Rechtsempfinden eine Gerechtigkeit, die sich auch durchsetzen kann. Weisheit gewinnt durch Liebe, Stärke durch Recht und Reichtum durch Barmherzigkeit.
„Eigenlob stinkt“, sagt der Volksmund, „und Selbstruhm ist peinlich.“ Die Bibel ermuntert darum zum Gotteslob und legt es auf den Ruhm des Ewigen an. Schönheit verbleicht, Reichtum verrinnt und morgen sieht alles anders aus. Doch mit und im vergänglichen Glück kann einer auch Gott näher kommen, kann er Gott selbst erkennen und etwas zur Erkenntnis Gottes beitragen. Gotteslob ist nicht auf frommen Gesang beschränkt, sondern erstreckt sich auch aufs Denken und Tun. Gott zu erkennen, dazu fordert uns der Prophet Jeremia auf; und dies geschieht eben, indem wir bei Liebe, Recht und Gerechtigkeit an ihn denken. Wo Liebe, Recht und Gerechtigkeit getan werden, geschieht dies auch zum Ruhme Gottes, denn Gott will, dass Liebe, Recht und Gerechtigkeit nicht abstrakte Begriffe bleiben, sondern geschehen und sich in der Menschenwelt ausbreiten.
Ist der Gedanke verwegen, dass wir Gottes Tun dort nachahmen, wo wir andere lieben und für Recht und Gerechtigkeit uns stark machen? Nein, Jesus Christus wird später sogar davon reden, dass wir Gottes Werke wirken und ihn verherrlichen, wo wir dem Armen helfen, den Verachteten annehmen oder den Kranken heilen. So sind wir daran beteiligt, Gottes Spuren zu verbreiten in der Welt! Gott handelt und wirkt auch durch uns Menschen.
Wir müssen freilich sehr genau hinschauen: Die Schau­werte können täuschen. Im Großen und Blendenden mag Gott gerade nicht zu finden sein. Und wo sich einer geifernd seiner Schlauheit rühmt, einer stolz auf seine Stärke ist oder einer mit seinem Reichtum protzt, da finden wir ihn sicher nicht. Aber es gilt nun auch nicht der Umkehrschluss, dass Gott mit Weisheit, Reichtum und Stärke gar nichts zu schaffen habe und sozusagen automatisch nur bei den Einfältigen, Kümmerlichen und Schwächlingen zu finden sei. In Wahrheit will er sich ja finden lassen in Liebe, Barmherzigkeit und Recht. Daher finden wir am ehesten dort seine Spuren auf Erden, wo sich einer für die Armen und Bedürftigen einsetzt, einer Schwache beschützt und nicht nur für sich selber schlau ist, sondern auch an andere denkt.
Vor Gott darf sich keiner rühmen, dass er besser ist als ein anderer. Er muss es auch nicht. Er ist der ganzen Rühmerei enthoben, und das kann auch sehr entlastend sein. Vor Gott darf aber auch keiner in die Haltung verfallen, dass er sich gar nicht mehr anzustrengen braucht. Gott hat uns viel in die Hände und ins Herz und in den Kopf gegeben, womit wir unserem Nächsten dienen und die Welt besser machen können. Dem einen mehr und dem anderen weniger - Kraft und Stärke. Aber keinem gar nichts. Einem jeden hat er etwas anvertraut. Machen wir was draus! Am besten nicht jeder für sich allein, sondern in der Gemeinschaft, in der wir stehen. Machen wir etwas draus – und machen wir so Gott für diese Welt etwas erkennbarer!



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Wieder die Scheinheiligen - Zur Debatte ...

Wider die Scheinheiligen - Zur Debatte um den Bundespräsidenten
Pfarrer Dr. Weiling


(Predigt zu 1. Petr., 1,13-21 am Sonntag Okuli 2012)

Ein Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, Kap 1, V. 13-21:
13 Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
14 Als Kinder des Gehorsams bleibt nicht den Begierden verhaftet, die euch früher in eurer Unwissenheit beherrschten; 15 sondern entsprechend dem Heiligen, der euch berufen hat, sollt auch ihr Heilige sein in allem eurem Wandel. 16 Wie auch geschrieben steht: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«
17 Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so führt euer Leben, die Zeit eurer Pilgerschaft, mit Furcht;
18 Und wisset, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach Art der Väter, 19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
20 Der zwar vor Grundlegung der Welt dazu vorherbestimmt war, der aber offenbart wurde am Ende der Zeiten um euret­willen, 21 die ihr durch ihn an Gott glaubt, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, auf dass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott haben möchtet.

Liebe Gemeinde,
zwischen „heilig“ und „scheinheilig“ gibt es einen Unterschied. Die Begriffe meinen nicht das Gleiche, eben nur scheinbar Gleiches. Merkwürdigerweise fällt es heutigentags leichter, den abgeleiteten Begriff des „S c h e i n heiligen“ zu verstehen und zu erklären. Was „scheinheilig“ ist, dazu könnten wir eine Menge sagen, dazu würden uns rasch Beispiele einfallen. Was aber ist „heilig“? Oder wer ist „heilig“?
Versuchen wir es zunächst mit dem Gegenbegriff! Als „scheinheilig“ bezeichnen wir jemanden, der unaufrichtig ist, der nur so tut als ob. Die Forderungen, die er an andere anlegt, beherzigt er bei sich selbst nicht.
Die unsägliche Debatte um das Bundespräsidentenamt war von viel „Scheinheiligkeit“ geprägt. „Scheinheilig“ ist es, Freundesdienste und Gefälligkeiten gleichzusetzen mit Schwerverbrechen. „Scheinheilig“ ist es natürlich ebenso, Freundesdienste und Gefälligkeiten zu verschweigen und zu vertuschen. Wer Vorteilsnahme als für sein Gewissen unproblematisch empfindet, keinen Anstoß daran nimmt, der kann nicht bei anderen das Gleiche beklagen. Zumal wenn man in einer Position ist, in der man als moralisches Vorbild der Nation angesehen wird, sollte man alles unterlassen, was nach Korruption riecht – oder aber reinen Tisch machen. Denn natürlich ist auch ein Bundespräsident ein Wesen aus Fleisch und Blut. Er ist kein Edelmensch. Er hat das Recht Fehler zu machen. Er muss keinen Lebenslauf ohne Brüche vorweisen. „Scheinheilig“ sind darum auch jene, die jetzt von anderer Seite aus den moralischen Zeigefinger erheben und eine Lebenspartnerschaft ohne Trauschein geißeln, obwohl dies längst zur Normalität unserer Gesellschaft gehört.
Doch was ist nun „heilig“, wenn sich so leicht die Scheinheiligkeit erkennen lässt? Der Scheinheilige geißelt die „wilde Ehe“ und ist selbst ein Ehebrecher. Der Scheinheilige tadelt Zinsvorteile und mogelt selbst bei der Steuererklärung. Ist dann der Heilige einer, der Dinge geißelt und tadelt und dabei tatsächlich integer ist und selber stets befolgt, was er von anderen verlangt? Vielleicht wäre das eine erste Definition. - Aber würden wir je so einen Menschen finden?
Natürlich kennen wir einige wenige, die auch hohen Ansprüchen gerecht werden. Das, was sie an Maßstäben anlegen, legen sie zuerst an sich selbst an. Es gibt durchaus moralische Vorbilder. Ich denke an Richard von Weizsäcker und Johannes Rau. Helmut Schmidt mag man noch anführen; aus der Vergangenheit Albert Schweitzer oder Theodor Heuss. Doch noch bei jedem finden sich bestimmte Eigenschaften, die man als Schwächen und Fehler bezeichnen könnte. Vollkommen ist keiner. Gerade wer sich viel zutraut und viel arbeitet, kann schon einmal etwas grundverkehrt machen oder schlicht vergessen.
Ob zur Heiligkeit darum nicht auch gehört, dass man unvollkommen ist, sich dieser Unvollkommenheit bewusst ist und ehrlich damit umgeht? Früher hat die katholische Lehre einen hohen Grad an Tugend verlangt, bevor einer offiziell als Heiliger angesehen werden durfte. In der evangelischen Kirche haben wir bekanntlich nie diese strikte Unterscheidung gehabt zwischen Heiligen und Sündern; durch Luther wissen wir, dass wir durch die Taufe alle zu Heiligen und Priestern berufen sind und doch als Kinder der Welt uns immer wieder in Sünde verstricken. Neuerdings wird dieser Gedanke auch in der katholischen Kirche aufgegriffen. Heilige, so heißt es jetzt, sind Menschen, die im besonderen Maße ihr Angewiesensein auf Gott empfinden, die sich eben gerade nicht als perfekt empfinden, sondern ihre Schwächen und Unvollkommenheiten vor Gott bringen und mit Gott besprechen.
Vor diesem Hintergrund mag nun unser Predigttext besser zu verstehen sein. Da weht weniger die Fahne des Moralismus und der Sittenstrenge, mehr die beständige Ermahnung des Angewiesenseins auf Gott.
Eigentümlich ist gleich schon der erste Gedanke: „Umgürtet die Lenden eures Gemüts!“ Wir sehen vor uns das Bild eines Menschen, der sein Gewand zusammenrafft, sich umgürtet, um zum Marsch aufzubrechen oder an seine Arbeit zu gehen. Im Altertum war das nötig, weil Tunika oder Toga lange Gewänder waren, die schnelle Bewegungen behinderten. Vielleicht müsste man heute an einen Bauarbeiter denken, der die Jacke ablegt und den Gürtel fester schnallt, um mit Schaufel oder Hacke loszulegen. Aber dieses Bild ist nun auf die innere Haltung des Christen bezogen. Unser Gemüt, unser Denken und Fühlen sollen in wacher Bereitschaft sein.
Den gleichen Gedanken führt die zweite Forderung weiter: „Seid nüchtern!“ Am Gegenbild wird deutlich, was gemeint ist. Ein berauschter Mensch ist hemmungslos und unbeherrscht. Der Rausch führt dazu, dass die Hemmungen eine nach der anderen ausgeschaltet werden, die den wachen und nüchternen Menschen sonst im Zaum halten. Der Betrunkene verliert nacheinander das Taktgefühl, die Feinfühligkeit, Sparsamkeit, Bescheidenheit, das Unterscheidungsvermögen für gut und falsch, schließlich die Herrschaft über seine Triebnatur. Das Bild des Nüchternen zielt nicht auf einen Antialkoholiker, aber doch auf einen, der sich stets noch selber kontrollieren kann. Bei frustrierenden Erfahrungen neigt er nicht gleich zu Jähzorn, sondern bleibt gelassen.
Allerdings sollten wir diese Forderung nicht so missverstehen, dass Alkoholkranke oder Drogenabhängige damit gleich vom Christentum ausgeschlossen wären. Krankheiten brauchen keine Richter, schon gar keine scheinheiligen, sondern Barmherzigkeit und vernünftige Gegenmittel. Daher ist die Forderung, nüchtern zu bleiben, weniger als Hauptforderung zu sehen, sondern von den anderen Forderungen her zu verstehen.
Viel wichtiger ist das, was dann genannt wird: „Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade!“ Hier haben wir nämlich den Kernpunkt, an dem der Heilige vom Scheinheiligen zu unterscheiden ist. Der Scheinheilige übersieht, dass er auf Gnade angewiesen ist. Er hält sich selbst schon für ganz in Ordnung. Der echte Heilige dagegen behält immer die Augen offen für Gott. Er weiß, dass es im Tun und Lassen immer Dinge gibt, die schuldig machen. Er weiß, dass wir manchmal etwas Schlimmes tun müssen, um womöglich noch Schlimmeres zu verhindern. Und er trägt das vor sein Gewissen und sagt: „Gott, sei mir gnädig!“
Ein Heiliger tut auch unheilige Dinge, aber immer mit der Hoffnung, dass Gott vergibt.
„Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade!“ Der Scheinheilige hofft auf eigene Leistungen und Verdienste und macht andere schlecht. Der Heilige bittet um Gnade und tut die Dinge, die nötig sind. Und er ist bereit das zu ergreifen, was Gott ihm darüber hinaus an Hilfen gibt. Er bleibt nicht allein, sondern sucht Gottes Stärke. Er lebt im Vertrauen auf Gott.
In unserem Predigttext ist dieses Vertrauen sogar zum Gehorsam gesteigert. „Kinder des Gehorsams“ sollen wir sein. Damit ist eine Änderung der Lebenshaltung gemeint. Die einen leben noch n i c h t unter der Hoffnung, noch nicht unter dem Gehorsam. Sie kennen Gott noch nicht oder nicht richtig. Sie sind geprägt nicht von Hoffnung, sondern von Angst; nicht von Gehorsam, sondern Ziellosigkeit und Maßlosigkeit.
Kinder wissen, dass sie einen Vater und eine Mutter haben, die ihr Wesen prägen und ihnen eine Richtung im Leben geben. Wo Eltern es gut meinen, muss Gehorsam nicht erzwungen werden, spüren die Kinder von sich aus, dass es gut ist, die Ratschläge der Eltern zu befolgen. Kinder sind keine Sklaven. Sie tragen keine Ketten und man muss ihnen nicht drohen. Wenn alles in Ordnung ist zwischen Eltern und Kindern, dann leben sie nach dem Vorbild derer, denen sie vertrauen, mögen sie manchmal auch Grenzen austesten.
Wir Christen reden Gott vertrauensvoll als „Vater“ an, wie wir es von Jesus gelernt haben. Auch der Gehorsam ihm gegenüber ist kein sklavischer Gehorsam, sondern das Befolgen eines Vorbilds. Gott ist unser Ursprung. Aber er wünscht uns wie ein guter Vater auch eine gute Zukunft. Dafür hat er allerhand unternommen. Wer das begreift, der muss den Impuls in sich spüren, der Liebe entsprechend zu leben, mit der Gott uns liebt. Wer das begreift, der wird immer versuchen nach dem Willen Gottes zu fragen und sich danach zu richten.
Heilige Menschen gehören zu Gott wie Kinder zu ihren Eltern. Sie hören, wenn sie gerufen werden. Sie arbeiten mit, wo es nötig ist. Sie bewahren die Dinge, die wichtig sind. Sie gehören zusammen.
Damit ist schon sehr viel gewonnen, womit wir uns eine Vorstellung machen können, was einen heiligen Menschen, einen echten Christen ausmacht. Er darf Gott seinen „Vater“ nennen – tut es aber mit Respekt und Ehrfurcht. Der tiefste Grund für diese Ehrfurcht liegt in dem Geheimnis unserer Erlösung. Wir müssen Gott nicht fürchten aus Angst es mit ihm zu verscherzen; wir müssen ihn fürchten aus dem Wissen, was er Großes für uns getan hat. Im Predigttext lesen wir: „Er hat uns erlöst nicht mit vergänglichen Dingen, wie Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi.“
Wir müssen uns für unsere Erlösung nicht mehr selbst abquälen. Wir brauchen ebenso wenig die Illusion verfolgen, wir Menschen würden aus eigener Kraft uns vervollkommnen und damit vor Gott bestehen können. Und doch müssen wir nicht hoffnungslos sein. Gott selbst hat den Kampf für uns gekämpft, alle Kraft und allen Mut aufgebracht, hat sich als Mensch selbst in die Menschheitsgeschichte hineinbegeben und alles vollbracht, was zu unserer Erlösung nötig war. Jesus Christus gab sich dahin als das Lamm Gottes, das alle Sünden auf sich nahm, damit wir den Frieden mit Gott haben. Und durch seine Auferstehung und Erhöhung hat er zugleich die Hoffnung geweckt, dass wir alle einmal in Gottes Geborgenheit kommen, nicht fern und getrennt von Gott sein müssen.
Diese Hingabe Jesu ist Gottes Liebestat für uns, nicht mit dem Verstand, wohl nur mit dem Herzen zu ergreifen. Das Kreuz zielt darauf, uns Menschen zu gewinnen. Das unschuldige Leiden und Sterben will unsere Selbstliebe überwinden, uns von unserer Arroganz lösen, will uns hineinbekommen in Gottes Plan. Der Ungläubige sieht nur ein zufälliges und zudem grausames Ereignis in der Geschichte; der Gläubige sieht darin verborgen eine Großtat Gottes. Bis dahin musste alles Menschenleben mit dem Gefühl leben, letztlich umsonst zu sein; seitdem aber hat der Traum, einmal bei Gott zu sein und Gott zu sehen, einen festen Grund.
Dietrich Bonhoeffer hat sehr eindrücklich von der „teuren“ Gnade geredet. Gott ließ sich das Gut der Erlösung etwas ko­sten, als hätte er selbst sein Herz dafür herausgerissen. Gefühllos und kalt wäre es, das alles selbstverständlich zu nehmen. Der Scheinheilige meint, er könne der Gnade sicher sein; sie wird ihm zu einer „billigen“ Gnade, die er glaubt, in Anspruch nehmen zu können, ohne etwas dafür zu tun. Ein echter Christ betrachtet die Gnade mit Ehrfurcht und fühlt mit, was es Gott gekostet hat. Er wird immer das Gefühl haben, dass er diese Liebe eigentlich nicht verdient hat und darum sich bemühen, wenigstens einigermaßen entsprechend sein Leben zu führen und ein anständiger Mensch zu sein.
Nach evangelischer Lehre sind wir alle Heilige. Nehmen wir unseren heutigen Predigttext dazu, so müssten wir etwas genauer formulieren. Wir sind alle Heilige, sofern wir nicht auf uns selbst hoffen, sondern auf Gottes Gnade; uns nichts einbilden auf eigene Leistungen, sondern dankbar empfangen, was Gott uns schenkt. Sobald wir daran denken, wie teuer wir Gott sind, werden wir den starken Drang in uns spüren, alles Scheinheilige von uns zu tun. Der Scheinheilige ist sich selbst der Nächste; der Heilige erkennt, dass Gott sich ihm zum Nächsten gemacht hat, sich selbst für ihn aufgeopfert hat wie ein teurer Freund. Ein wirklicher Christ wird darum stets fragen: „Wem kann ich denn nun vergleichbar ein Nächster sein?“



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Du kannst Gottes Mitarbeiter sein

Du kannst Gottes Mitarbeiter sein! - Über die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit in der Kirche
Pfarrer Dr. Weiling

(Predigt zu Invokavit 2012, Einführung des neuen Presbyteriums)

Als Predigttext lesen wir einen Text des Paulus aus dem 2. Korintherbrief, Kap. 6, Verse 1-10 :
1 Wir ermahnen aber euch als Mitarbeiter, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. 2 Denn Er spricht: »Ich habe dich im rechten Augenblick erhört, und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist der rechte Augenblick, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! 3 Wir bereiten niemandem irgendeine Unannehmlichkeit, damit der Dienst [an Gott] nicht verhöhnt werde; 4 sondern in allen Dingen beweisen wir, dass wir Diener Gottes sind: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Ängsten, in Sorgen, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Unruhen, in Arbeiten, in Nachtwachen, in Hungern, 6 in Redlichkeit, in Erkenntnis, in Geduld, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes; Durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 durch Lob und Tadel, durch Geringschätzung und Hochschätzung; als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reichmachen; als die nichts haben, und doch alles innehaben.

Liebe Gemeinde,
ein neues Presbyterium wird in sein Amt eingeführt. Unsere Chöre gestalten den Gottesdienst festlich aus. Die Urkunden sind bereits unterzeichnet. 12 Männer und Frauen haben sich für diesen Dienst gefunden. Unter Handauflegung werden ihnen Segensworte zugesprochen. Heute ist der erste Tag ihrer vierjährigen Amtszeit, in der sie unsere Gemeinde mitleiten, mitgestalten werden.
Da hat der Apostel Paulus vor bald 2000 Jahren einige Sätze an eine Kirchengemeinde in Korinth geschrieben. Ob sie heute auch an uns gerichtet sein können? Er redet Mit­helfer an, Mitarbeiter. Nicht sind es, wie man denken könnte, s e i n e Mitarbeiter. Schon gar nicht seine Angestellten. Aus dem Zusammenhang wird vielmehr deutlich, dass er diese Menschen in der Gemeinde als die Mitarbeiter Gottes anredet, als Mithelfer Christi.
Das ist schon einmal eine ganz entscheidende Sichtweise: In der Gemeinde sind wir alle Mitarbeiter, aber der eigentliche Arbeiter ist Gott selbst! Er ist der eigentlich Wirkende. Er steht an der Spitze, oder wenn man es lieber so sagen will: in der Mitte der Gemeinde. Aber er will eben nicht allein arbeiten; er möchte, dass wir beteiligt sind an seinem guten Werk, dem Heil, der Rettung, der Seligkeit der Menschen. Das gilt zum einen für die Predigt. Sie macht eigentlich nur dann Sinn, wenn Gott in ihr zur Sprache kommt. Und zwar nicht nur als Gegenstand der Erörterung, sondern als der, der selber zu Worte kommt, uns bittet, uns ermahnt, uns kundmacht. Der Apostel Paulus gibt dafür selbst ein Beispiel, wenn er nicht über Gott redet wie über ein Ding, sondern von Gott redet und ihn direkt zu uns sprechen lässt: „Ich habe dich im rechten Augenblick erhört, und habe dir am Tage des Heils geholfen. Siehe, jetzt ist der rechte Augenblick, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“
Siehe, jetzt ist Gott gegenwärtig! Wo wir in seinem Namen beisammen sind, da spricht er uns zu, da will er das, was er in Christus getan hat, von uns angenommen wissen. Wir sollen es ergreifen – weil es uns gut tut. Zu unserem Heil. Dieser Zuspruch Gott aber geschieht nicht nur in Wort­beiträgen, sondern Gott spricht uns an auch im Singen und im Beten der Gemeinde – und manches Mal sogar in der Stille, wenn wir für einen Augenblick schweigen und uns für seine Nähe öffnen.
Gottes Mitarbeiter sind wir, nicht nur als seine Wortführer. Er spricht uns an auch durch die Töne und Melodien unserer Chöre. Daher ist es gut, wenn wir in diesem Jahr 2012 das Jahr der Kirchenmusik begehen und daran denken, dass wir es hier mit „Gottes Klang“ zu tun haben. Sänger, Organisten, Bläser – auch sie sind Mithelfer Christi.
Wir sind Gottes Mitarbeiter. Doch nicht nur von der Kanzel und von der Orgel aus. Es gibt auch einen Gottesdienst im Alltag. Durch uns steht Gott anderen bei, redet ihnen zu, bietet er anderen eine helfende Hand. Hier erweitert sich das Blickfeld und es treten sämtliche Mithelfer und Mitarbeiter vor Augen, die in der Gemeinde dabei sind.
Wir alle haben einen Auftrag, wenn wir das Wort Gottes gehört haben. Wir alle haben ein Amt, wenn wir die Gnade ergreifen. Wir alle sind zum Dienst berufen, wenn die Gnade Gottes nicht vergeblich sein soll. Es geht darum, unseren Glauben auch zu leben. Und da hat Paulus uns eine ganze Menge zu erzählen, wie dieses Christsein aussehen kann: „Diener Gottes“ sollen wir sein, „in Geduld, in Bedrängnissen, in Ängsten, in Sorgen.“
Es klingt sehr hochgespannt, ja schwierig und anspruchsvoll – und ist am besten aus der konkreten Situation des Paulus selbst zu verstehen. Denn er beschreibt zunächst einmal seine eigene, persönliche Lebenswirklichkeit: „In Gefängnissen, in Unruhen, in Mühen, in Nachtwachen.“ Das Angefeindetwerden gehört dazu.
Wieder ist aber der Blickwinkel interessant. Paulus beschreibt das Christsein nicht so, dass er nun bestimmte Funktionen und Dienste unterscheiden würde. Denn dann würde man schnell Gefahr laufen, das eine gegen das andere abzuwägen und zu schauen, was denn für die Gemeinde wichtiger ist. Nein, er zielt darauf ab, was allen gemeinsam sein sollte: Eine christliche Grundhaltung, ein christliches Leben, das die Sache des Evangeliums vertritt, beglaubigt und auf jeden Fall nicht in Verruf bringt. Das ist der Gottesdienst im Alltag, zu dem wir alle berufen sind. Das ist der Wille zur Verantwortung, den wir bei allen Christen wahrnehmen sollten.
Paulus beschreibt die christliche Existenz eindrücklich und fast wie in einem Gedicht. Zunächst geht er auf die Bedrohungen ein, die er mit großer Geduld und Ausdauer getragen hat. Manches Mal geriet er in Unruhen, musste Hals über Kopf fliehen, war er ohne Dach und Heimat und fand keinen Schlaf. Lächerlich gemacht hat man ihn und verleumdet. Das Geld reichte kaum für das Nötigste. Doch Paulus will nicht darauf hinaus, dass wir solche Situationen suchen, sondern dass wir uns darin bewähren. Daher zählt er die Tugenden auf, die er als Gaben Gottes geschenkt bekommen hat, um die dunklen Zeiten zu ertragen. Besondere Kräfte sind es eher, mit denen Gott uns von innen her stärkt. Das Vertrauen gehört dazu, die tiefe Erkenntnis dessen, was Gott mit uns vorhat. Güte und Freundlichkeit, Großherzigkeit und Geduld kommen dazu. Eine Liebe, die nicht heuchelt; und das rechte Wort, das weiterhilft und belastbar ist.
Wir, liebe Gemeinde, sind nicht so bedroht wie die ersten Christen; aber gefährdet sind wir dadurch, dass Mutlosigkeit, Verzagtheit und Hoffnungslosigkeit sich breitmachen. Ängstlich blicken wir in die Zukunft, schauen auf die abnehmende Schar der Gottesdienstbesucher, zählen die Kirchenaustritte. Zur Bibelwoche kommen auch nur noch die Älteren und wenige genug . . .
Haben Sie’s gemerkt? Wie schnell wir versucht sind einzustimmen in die Litanei der Klage? „Wir werden immer weniger.“ „Viele wenden sich ab.“
Und die verbleibende Gemeinde klagt.
Komisch, das Wort „klagen“ kann ich bei Paulus nicht finden! Von Geduld ist dagegen die Rede. „Jammert nicht!“, würde Paulus uns heute zurufen: „Wenn ihr christlich leben wollt, dürft ihr nicht ängstlich nach unten sehen, schon gar nicht zurück, sondern müsst nach vorn blicken! Niemals werdet ihr bei mir eine Stelle zu finden, wo von der Gemütlichkeit des christlichen Glaubens die Rede ist. Ob damals in Korinth oder heute bei euch: Ein Glaube, der keine Mühe kennt, hat seine Kraft verloren.“
Paulus verleiht uns Ausdauer. Er richtet unsere Augen in die richtige Richtung. Das Leben ist schwierig – so oder so. Wir erfahren Freude und Glück und sind zugleich äußerst verwundbar; wir Menschen lieben das Leben und müssen doch sterben. Paulus aber will uns helfen, auch in schwierigen Lagen und unter schwierigen Verhältnissen die Stimme Gottes zu hören, Gottes Gnade zu entdecken, allen Widrigkeiten zum Trotz heiter zu bleiben.
Sieben Paare von Eigenschaften reiht er aneinander, die sich scheinbar widersprechen, aber doch zusammen bestehen. Es lohnt sich, näher darauf einzugehen, weil diese Verse uns erkennen lassen, dass es eine Außenseite und eine Innenseite gibt. Auch im Leben einer Gemeinde müssen der äußere Schein und die innere Wirklichkeit nicht deckungsgleich sein. Christlich leben wir „als die Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden – und siehe wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles innehaben.“
Es mag sein, dass wir verlacht werden wegen unseres Glaubens, dass manche uns bemitleiden, wenn wir zur Kirche gehen und zur Kirche halten – wir aber müssen unseren Glauben gar nicht forsch nach außen tragen. Wir falten die Hände ineinander und holen uns Kraft. Wir packen zu mit unseren Händen und entfalten unseren Glauben – wir tun etwas für die Älteren, für die Kinder, für den Stadtteil, in dem wir leben. Das ist wichtig, auch wenn es nicht jeden Tag für Schlagzeilen reicht.
Wir Christen haben mehr in uns stecken, als der äußere Anschein vermuten lässt. Unser Denken wandert in der Stille zu Christus, dessen Kreuz uns die Gewissheit schenkt, dass Gott uns liebt und kennt. Auch wir sind Menschen, fühlen uns nicht selten unzulänglich. Und doch entsteht in uns eine große Zufriedenheit, sobald wir spüren, was Gott uns alles schenken will.
„Als Sterbende – und siehe: wir leben!“ Unsere Ortsteile sind überaltert, sagt man. Auch in dieser Woche waren es wieder viele Beerdigungen. Wir sind umgeben von Menschen, die Abschied nahmen, nehmen oder bald nehmen müssen. Und doch sind wir nicht hoffnungslos. Der Tod ist die Bewährungsprobe unseres Glaubens. In der Trauer finden wir Kraft, tauschen wir uns darüber aus, was uns gut tut - an menschlicher Nähe, an Erinnerungen und an Bildern des Trostes.
„Als Sterbende – und siehe: wir leben!“ Unsere Gemeinde lebt. Wir haben keinen Grund, nur traurig zu sein oder rückwärts gewandt. Das wäre fatal. Hoffnungslosigkeit und Klage stehen uns Christen nicht. Wir sind lebendig, auch weil wir Zuwachs haben. Schon lange nicht mehr sind so viele Kinder getauft worden wie vergangenes Jahr. Wir haben sehr lebendige Konfirmanden, wie wir auf der Freizeit am letzten Wochenende merken konnten, die sich gerne einbringen.
Wir sind eine lebendige Gemeinde, weil sich Frauen und Männer engagieren und etwas zutrauen. Im Presbyterium sehe ich viele neue und auch jüngere Gesichter.
Wir leben, weil wir nicht nur theoretische Empfehlungen geben, sondern selbst mitarbeiten möchten: das eine verändern, das andere bewahren. Wir leben, weil wir mitein­ander etwas erreichen wollen, wohl wissend, dass menschliches Miteinander mitunter auch heikel ist. Aber wir halten es aus, weil es um mehr geht als eigene Interessen. Wir leben, weil Christus uns als seine Mitarbeiter haben möchte. Wir leben, weil er in unserer Mitte lebt! In all unserer Schwäche ist er unsere Stärke. In all unserer Mutlosigkeit macht er uns Mut. In all unserer Not ist er unser Helfer.
Egal, ob wir ein bezahltes kirchliches Amt haben oder freiwillig in der Gemeinde mitarbeiten – Gott ist der Motor unserer Arbeit. In unseren Herzen schlägt jederzeit die Gewissheit, dass Gott uns kennt und uns auch braucht. Amen.



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Von den zeitlosen Dingen und der Geschichte ...

Von den zeitlosen Dingen und der Geschichte über der Geschichte
Pfarrer Dr. Weiling

(Predigt zum 1. Advent 2011 zu Offb 5,1-14)

Der Predigttext steht im Buch der Offenbarung, für viele ist es ein Buch mit sieben Siegeln; und eben dieses Sinnbild wird dort auch im 5. Kapitel erwähnt:
1 UND ich sah auf der rechten Hand dessen, der auf dem Throne saß eine Buchrolle, von innen beschrieben und von außen versiegelt mit sieben Siegeln. 2 Und ich sah einen starken Engel, der mit mächtiger Stimme rief: Wer ist würdig, die Buchrolle aufzutun und ihre Siegel zu brechen? 3 Aber niemand, weder im Himmel noch auf Erden, noch unter der Erde, konnte die Buchrolle auftun und hinein sehen. 4 Da weinte ich sehr, dass niemand für würdig gefunden wurde, das Buch aufzutun und zu lesen und hinein zu sehen. 5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, der Löwe, der da ist aus dem Stamme Juda, hat gesiegt, der Wurzelspross Davids, so dass er die Buchrolle auftun und ihre sieben Siegel brechen kann.
6 UND ich sah, und siehe: In der Mitte des Thrones mit den vier Tiergestalten und inmitten der Ältesten stand ein Lamm, wie wenn es geopfert wäre, und hatte sieben Hörner und sieben Augen, welche die sieben Geister Gottes andeuten, die ausgesandt sind über die ganze Erde. 7 Und es kam und nahm die Buchrolle aus der Rechten dessen, der auf dem Throne saß. 8 Und als es die Buchrolle nahm, da fielen die vier Tiergestalten und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamme nieder; und hatten ein jeglicher Harfen und güldene Schalen voller Duftopfer, welche die Gebete der Heiligen bedeuten, 9 und sie sangen ein Neues Lied: Würdig bist Du, die Buchrolle zu nehmen und ihre Siegel aufzutun / Denn Du warst geopfert / und hast uns mit Deinem Blut für Gott erkauft / aus allen Stämmen und Sprachen, Rassen und Völkern. / 10 Und hast uns zu Königen und Priestern für unsern Gott gemacht / und wir werden Könige sein auf Erden.
11 UND ich sah und hörte eine Stimme vieler Engel rings um den Thron und die Tiergestalten und die Ältesten; und ihre Zahl war unzähligmal unzählig und tausendmal tausend, 12 und sie sprachen mit mächtiger Stimme: Würdig ist das geopferte Lamm, / die Kraft zu empfangen und Reichtum / und Weisheit und Stärke / und Ehre und Preis und Lob. 13 Und alle Kreatur, die im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer, samt allem, was darinnen ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Throne sitzt / und dem Lamme / gebührt das Lob und die Ehre und der Preis / und die Herrschaft von Ewigkeit zu Ewigkeit. 14 Und die vier Tiergestalten sprachen: Amen. Und die vierundzwanzig Ältesten fielen nieder und beteten an den, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Liebe Gemeinde!
Wenn ich Texte der Offenbarung vor mir habe, bin ich hin- und hergerissen. Einerseits ärgere ich mich über die Entscheidung der Kirchenväter, dieses schon von Anfang an umstrittene Buch in der Kanon der Bibel aufgenommen zu haben - zu verwirrend, verstörend und verängstigend sind viele Kapitel. Dann wieder bin ich schwer beeindruckt von der visionären Kraft ihrer Bilder, von denen einige zu den trostreichsten der ganzen Bibel gehören.
Manche Ausleger beziehen die Offenbarung ganz auf die unmittelbare Gegenwart und Zukunft, so als handele es sich bei ihr um echte Prophezeiung künftiger Dinge; andere ordnen sie sehr viel kritischer ein in die Jahrzehnte des ersten Jahrhunderts und sehen in ihr vor allem eine Antwort auf den erzwungenen Kaiserkult des römischen Reiches. Vielleicht liegt die Wahrheit dazwischen, dass nämlich die Offenbarung viel weniger mit der Menschheitsgeschichte zu tun hat, als vielmehr übergeschichtlich zu verstehen ist. Wir sollten in ihr nicht nach versteckten Daten und Jahreszahlen suchen, sondern uns die große Geschichte erzählen lassen, die über alle Zeiten hinausreicht und zeitlos ist.
Vielleicht kennen einige Goethes „Faust“. Bevor die eigentliche Geschichte losgeht, findet ein Prolog im Himmel statt, der alles folgende aufschließt und deutet. Ob nicht die Offenbarung so ähnlich verstanden sein will? Auch sie entführt uns in den Himmel, um deutlich zu machen, wie irdisches Geschehen dort mit einer Bedeutung und einem Sinn versehen wird, der den Irdischen zunächst verborgen bleibt. Es braucht einen Propheten, einen Seher wie Johannes, der das Überirdische sehen kann. Nach Art eines Heiligenscheins, der dem Auge ja verborgen bleibt, überwölbt die überirdische Geschichte die irdischen Ereignisse, gibt dem scheinbaren Verlierer der Weltgeschichte den Status des endgültigen Siegers und dem vorläufigen Triumphator den Titel des Abgotts und Antichristen.
Unser Predigttext zum 1. Advent entführt uns in den Thronsaal Gottes. Aber was wir hier durch die Augen des Johannes miterleben dürfen, ist nichts anderes als die Deutung der Geschichte von Jesus, dem Sohn der Maria. Seine Geschichte wird hier dargestellt und dabei gleichzeitig auf eine andere Ebene gehoben.
Die Offenbarung des Johannes erzählt die Geschichte hinter der Geschichte! Es ist nicht mehr die uns gewiss bekanntere Geschichte, die in der Krippe anfängt und von Bethlehem über Nazareth nach Jerusalem führt, sondern es ist die Geschichte, die sich parallel dazu im Himmel ereignet, sich also, wenn man so will, in den Gedanken Gottes vollzieht. Er macht aus der Geschichte Jesu eine Zeitenwende - schon lange, bevor die Menschen davon abkamen, die Jahre nach der Gründung Roms zu berechnen. Durch ihn wird Jesus selbst zum Dreh- und Angelpunkt aller Geschichte. Auch der Geschichte des Heiligen Volkes, auch der Geschichte Roms, auch unserer Geschichte.
Der Seher Johannes sieht Jesus im Mittelpunkt des Thronsaals. Alles ist auf ihn bezogen. Er sieht ihn freilich in einem Bild und in einem anderen Namen verborgen. Wo der Evangelist von Jesus dem Nazarener reden würde, da spricht der Seher von dem „Lamm“. Das „Lamm“ ist ein Deckname für Jesus, aber auch ein Ehrentitel und ein Hinweis auf seine Aufgabe für die Menschheit. Als „Lamm Gottes“ trägt er die Sünden der Welt. Da der Seher es zugleich als „ein geschlachtetes Lamm“ sieht, kommt der Opfertod in den Blick. Der Tod am Kreuz war nicht umsonst; seine Bedeutung liegt darin, dass er sein unschuldiges Blut für andere vergossen hat. Der Tod ist ein Tod der Hingabe für jene, die sonst von Gott getrennt geblieben wären. Er hat Menschen freigekauft wie durch ein Lösegeld, dass sie zum Volke Gottes werden und einmal seine Gegenwart sehen dürfen. Und zwar Menschen aus allen Nationen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Rasse.
Fast durchgängig redet die Offenbarung, wenn sie Jesus meint, von dem „Lamm“. Sie macht aber auch deutlich, dass für Gott mehr in diesem Jesus steckt als nur der unschuldig Leidende, der sich nicht wehrt und gehorsam einwilligt in sein Opfer. Sondern das „Lamm“ ist für Gott gleichzeitig der „Löwe“. Das wirkt paradox, erinnert uns aber auch andere Seiten des irdischen Jesus. Nachdem er in Jerusalem so friedfertig auf dem Esel eingezogen war, ging er hinauf in den Tempel, warf die Tische der Händler um, machte eine Peitsche und trieb sie hinaus. Seine Worte gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer lassen an Schärfe nichts aus und müssen den Feinden in Mark und Bein gegangen sein. In seinen Gleichnissen erinnert Jesus daran, dass der gleiche Herr, der den verlorenen Sohn wieder in die Arme schließt, scharf ins Gericht gehen kann mit den untreuen und den untauglichen Knechten. Der auf die einen wie ein Lamm wirkt, kann also für die anderen wie ein Löwe sein.
Die Offenbarung erinnert daran, dass wir nicht zu sanft von Jesus denken sollten! Gott hat ihm nicht nur die Rolle des Opferlamms aufgetragen, sondern auch die des Richters und Königs. Die alten Traumbilder vom Messias tauchen in der Offenbarung daher neben den neuen Bildern vom „Lamm Gottes“ mit gleicher Deutlichkeit auf. Jesus ist der „Löwe aus Juda“, ein alter Ehrentitel für die großen Könige David und Salomo; und er ist gleichzeitig der „Wurzelspross Davids“, den der Prophet Jesaja in seiner so viel älteren und doch ebenso kühnen Vision vor Augen hatte. Der eine, der das Abgebrochene, Abgestorbene wieder belebt, wieder neu aufrichtet. Also weniger König in alter Herrlichkeit, sondern vielmehr neuer König eines neuen Reiches inmitten eines neuen Volkes.
Das Wort „Lamm“ lässt an Leiden denken, Passivität und Opfertod, aber es wird gesagt, dass es „den Sieg errungen“ hat. Ein Hinweis darauf, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist; in der Auferstehung zu Ostern hat er den Tod besiegt, ist er eins geworden mit dem Wesen Gottes. Das ist ein Grund zu jubeln und zu singen! Daher sieht Johannes, der Seher, vor sich auch schon das neue Gottesvolk ein Neues Lied anstimmen zum Lobe Gottes und des Lammes. Sie sind Zeugen dessen, was sich vor Gott abspielt, sie begreifen und durchschauen also, wer Jesus wirklich ist und was seine Rolle im Weltgefüge ist. In einer besonders einprägsamen Szene geht eine Schriftrolle vom thronenden Gott auf das Lamm über. Das Ganze ein einzigartiges Symbol für das Evangelium: Gott hat seinen Willen festgelegt und besiegelt. Aber nur einer ist würdig, seinen Willen anzunehmen und auszuführen. Nur das Lamm kann die Siegel brechen und den Text lesen; nur Jesus ist eingeweiht in den Plan Gottes mit ihm und der ganzen Menschheit. Er nimmt Gottes Willen an und wird sein Werkzeug, oder sagen wir besser, da es sich um ein menschliches Wesen handelt: er wird sein Mittler.
Dies also steht im Mittelpunkt der Vision des Johannes. Jesus, das „Lamm“ in der Mitte des himmlisches Thronsaals, ist Gottes Mittler und damit der Mittelpunkt der Geschichte.
Wie die Schwerkraft alle Dinge zum Mittelpunkt der Erde zieht, so beziehen sich alle Tage der Menschen auf die Jahre und Tage des Mittlers. Alles, was vorher war, alles was nachher kommt, müsste darum kreisen, dass Jesus der Mittler Gottes ist. In Jesus hat sich Gott mitgeteilt, wie nie zuvor und wie nie danach. Er hat sich mitgeteilt nicht nur durch Worte und Ideen, sondern durch ein Menschenschicksal, in dem alle anderen Schicksale aufgehoben sind. Wer Jesus als den Mittler Gottes annimmt und seine Mitteilung hört, der darf hoffen auf die Aufnahme in das neue Gottesvolk; wer sich verweigert, der wird dann wohl Jesus mehr als Löwen denn als Lamm erleben. So jedenfalls die Vorstellung des Sehers Johannes. Jesus ist als Mittler Gottes die Mitte der Zeit.
Für ihn trägt Jesus als Lamm Gottes eine gewaltige Bürde, als Sieger und Siegelöffner aber auch eine gewaltige Würde. Wie Gott zu ehren und zu loben ist, so auch er. Denn er bezieht seinen Auftrag unmittelbar von Gott. Auch Gottes Geist ruht auf ihm: siebenfach, denn Gottes Geist ist der Geist der Weisheit [Sapientia] und der Einsicht [Intellectus], der Geist des Rates [Consilium] und der Stärke [Fortitudo], der Geist der Erkenntnis [Scientia] und der Ergebung [Pietas]. Er erfüllt ihn mit dem Geist der Ehrfurcht [Timor Domini]. Alles, was von Gott ausgesagt werden kann, kann also auch von ihm ausgesagt werden. Daher darf man ihm ebenso Lieder singen wie Gott selbst.
Liebe Gemeinde, wohl selten werden Lieder häufiger und inbrünstiger gesungen als in der Advents- und Weihnachtszeit. Sie erinnern uns daran, dass einer zu uns kommt, der der Mittler geworden ist. Es ist nicht schlimm, dass wir dies alle Jahre wieder feiern, denn seine Bedeutung ist ebenso zeitlos wie die zeitlose Vision der Offenbarung. Jesus ist auch für uns das Lamm Gottes, ebenso wie er der Sieger ist. In seiner menschlichen Gestalt trägt er die Bürde des Opfers, in seinem göttlichen Wesen trägt ihn die siebenfache Kraft göttlichen Geistes. Er ist Mensch geworden, aber von Gott ausersehen, mehr zu sein als ein Mensch.
„Weine nicht!“ hört der Seher der Offenbarung als Aufforderung. Wie trostlos und sinnlos wäre alles, die Welt und das Leben, wenn Gott niemanden gefunden hätte, der sich uns mitteilt, wenn Gott für sich geblieben wäre, wenn Gott der Welt und den Menschen den Rücken gekehrt hätte. Wie trostlos wäre die Welt ohne Evangelium, wie hoffnungslos das Leben ohne die Hoffnung auf den Sieg über den Tod; wie sinnlos das Leid, wenn wir nicht wüssten, dass Gott es ansieht und Erlösung aus allem Leid verspricht.
„Weine nicht!“ hören auch wir aus der Offenbarung und müssen an uns denken, uns persönlich. Denn Jesus ist auch unser Mittler geworden, in ihm wendet sich Gott auch jedem von uns zu. In ihm schenkt er jedem, der an ihn glaubt, die Hoffnung auf die Auferstehung und das Leben. In ihm jeden den Sieg über den Tod. In ihm einem jeden von uns die Überwindung der Welt, des Leids, der Krankheit, des Geschreis. „Weine nicht, schau hinauf zum Thronsaal Gottes! Da ist etwas passiert für jetzt und alle Zeit: Jesus ist kommen, um das Evangelium zu den Menschen zu bringen, auch zu dir und mir!“
Manchen der großen Visionen der Offenbarung kann man sich nicht entziehen. Sie bereiten uns vor auf ein Geschehen, was längst geschehen ist und sich doch unendlich wiederholt: Jesus ist Mensch geworden, der Mittler ist hinabgestiegen zur Erde. Im Thronsaal Gottes wiederholt es sich außerhalb unseres Gefüges von Zeiten und Stunden: Das Lamm empfängt das Evangelium, es entschlüsselt den Willen Gottes und tut ihn.
Was bleibt uns da noch zu tun? Vielleicht fürs erste nur dieses: Schauen und staunen und singen. Lobsingen wie die Menschen am Thronsaal Gottes, die die Würde des Lammes preisen. Der Lobpreis öffnet nicht nur die Münder und füllt die Lungen; er öffnet auch die inneren Augen und beschenkt das Herz mit der Fülle der Gegenwart Gottes. Damit sind auch wir für einen Moment an einem ganz anderen Ort, in einer ganz anderen Welt. In einer Welt ohne Leid, ohne Geschrei, ohne Tränen. „Weine nicht!“ Jesus ist kommen – auch zu dir.



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Predigt zu Leistungsgesellschaft, Leistungssport..

Leistungsgesellschaft, Leistungssport und Gnade - Predigt zu Galater 2,16-21 (11. Sonntag nach Trinitatis 2012)
Predigt anläßlich der Olympischen Spiele 2012
Pfarrer Dr. Weiling


Der Predigttext ist ein Abschnitt aus dem Galaterbrief, Kap. 2, Verse 16-21. Es ist schon etwas schwer zu verstehen, was der Apostel Paulus hier aufgeschrieben hat:
16 Wir wissen, sagt er, dass ein Mensch durch die Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern allein durch den Glauben. So kamen wir zum Glauben an Jesus Christus, damit wir gerechtfertigt werden durch den Glauben an Christus und nicht durch die Werke des Gesetzes (weil durch die Werke des Gesetzes kein Sterblicher gerecht wird).
17 Wenn wir aber, die wir wünschen durch Christus gerecht zu werden, uns selbst noch als Sünder erweisen – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das ist ausgeschlossen!
18 Wenn ich aber das Gesetz, was ich doch abgebrochen habe, wieder aufbaue, so mache ich mich zu einem Übertreter.
19 Das Gesetz selbst hat mich dahin gebracht, für das Gesetz gestorben zu sein, damit ich für Gott lebe.
Ich bin mit Christus gekreuzigt. 20 Ich lebe, doch nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommen würde, wäre Christus umsonst gestorben.

Liebe Gemeinde!
Nun sind die Olympischen Spiele des Jahres 2012 vorbei. Nach 302 Wettbewerben in 26 Sportarten kann sich die deutsche Bilanz sehen lassen: insgesamt 44 Medaillen, davon 11mal Gold. Aber sind Medaillen wirklich das Entscheidende? Für manche sicherlich. In China gilt es als Schande, wenn es nur zu Silber reicht. Tränenreich entschuldigen sich die Sportler bei ihren Funktionären, dass sie versagt haben. Gold wird honoriert, sprichwörtlich vergoldet mit Prämien und Zusatzzahlungen. Das nennt man Förderung des Spitzensports. Und der Medaillenspiegel scheint dem recht zu geben. Der Zweck heiligt die Mittel. Dabei ist längst auch in China die Frage aufgekommen nach dem Sinn solches Leistungsdenkens. „Dabei sein ist alles“, hieß es früher. „Nur Gold zählt“, könnte man heute sagen, denn die Vorgaben der Verbände sind eindeutig. Wozu der Sport noch da sein kann, gerät dabei leider aus dem Blick. Dabei sollten Sympathien auch den kleinen Nationen gelten, die nicht Millionen in den Sport stecken können und doch mit hochmotivierten Athleten an den Start gehen. Sympathien gehören auch jenen, die verlieren, nachdem sie ihr Bestes gegeben haben. Fairness sollte mehr zählen als Sieg um jeden Preis; Freude am Sport und der jeweiligen Sportart mehr als die Gier nach Gold.
Freilich sind sportliche Wettkämpfe wie die Olympischen Spiele nur ein Spiegelbild dessen, was in der Welt zählt. Es gilt das Gesetz der Leistung, Nützlichkeit und Brauchbarkeit. In allen Bereichen des Lebens sind wir Menschen einem hohen Erfolgsdruck ausgesetzt: Schulisch und beruflich, aber auch privat und familiär. Galt es früher als höchstes Ziel der Eltern, dass die Kinder es einmal besser haben sollten, als sie selbst in ihrer Kindheit, so sucht man heute solche Bescheidenheit oft vergebens. Natürlich kann und soll man auch stolz sein auf seine Kinder; aber es können nun einmal nicht alle gleich hochbegabt sein, Supersportler werden oder Klassen überspringen. Es können daran auch nicht bloß die Erzieherinnen und Lehrer schuld sein, wenn ein Kind einmal versagt.
Warum ich all das erzähle? Weil unser Predigttext, der so ganz der Zeit enthoben scheint, durchaus darauf zu beziehen ist. Unser Leben untersteht einem Gesetz, einem Zwang, einer Nötigung. Nennen wir es vorerst das „Gesetz der Leistung“. Ich sehe mich, wer ich auch bin, gezwungen, Leistung zu bringen. Bringe ich Leistung, werde ich dafür akzeptiert und anerkannt. Versage ich, versagt man mir die Anerkennung. Beim Sport ist dies vielleicht am offensichtlichsten, aber auch im Berufsleben gilt dieses Gesetz. Und es fängt früh an, seinen Druck auszuüben. Wer als Jugendlicher nicht attraktiv ist, hat es schwer. Zur „Leistung“ im Sinne körperlichen und geistigen Könnens kommt das Aussehen, das heute ebenso entscheidend ist wie die Ausstrahlung. Beides lässt sich künstlich aufpolieren, doch gibt es für alles auch Grenzen. Schwierig haben es die, die nicht mitkommen: Ob es nun Kinder sind, die schlechte Noten schreiben; Teenager die pummelig sind; ungeschickte Berufsanfänger; ausgebrannte und kranke Berufsabbrecher; Arbeitslose oder Ausgediente. Je älter man wird, desto schwieriger wird es, noch volle Leistung zu bringen, und mancher mag sich fragen, worin noch seine Nützlichkeit für die Gesellschaft besteht. Kommen wir eines Tages dahin, dass wir uns für unsere eigene Existenz noch rechtfertigen müssen?
Wo das Gesetz der Leistung gnadenlos wird und gnadenlos wirkt, da bedarf es offenbar einer Ergänzung. Zum Gesetz der Leistung muss das „Gesetz der Gnade“ treten, sonst wird die Würde des Menschen viel zu ausschließlich durch Fähigkeiten und Werke bestimmt und jede Menschenseele setzt sich der Gefahr aus, früher oder später einmal nichts mehr wert zu sein.
Darum geht es aber in der Bibel, und so hat es später Martin Luther dort wieder entdeckt: „Der Mensch wird nicht gerecht durch des Gesetzes Werke!“ Sein Lebensrecht muss von woanders her kommen, sonst würde er es wieder und wieder verwirken.
Freilich: Das Gesetz der Leistung ist gültig, ist wirksam. Leistung muss sich lohnen. Leistungsverweigerer, Drückeberger und Faulenzer sind nicht zu entschuldigen. In der Bibel erklingt nirgends das Hohelied der Nichtsnutze und Schmarotzer, wohl aber das Loblied der Fleißigen. In dieser Welt wäre es fatal, wenn alle die Hände in den Schoß legten. Und Sport wäre ohne sportlichen Ehrgeiz, ohne den Wunsch zu gewinnen und sich zu verbessern totlangweilig. Aber der unbedingte Siegeswille darf eben nicht alles sein, Prestige nicht alles entscheiden.
Wenn nur noch Leistungsbereitschaft zählt, verwandelt sich die Welt in einen dauernden Wettkampf. Jeder gegen jeden. Weil aber jeder jederzeit – etwa durch Krankheit – schwächer werden kann und jeder früher oder später weniger leistungsfähig wird, braucht es die Gnade, braucht es die Barmherzigkeit, Mitgefühl – oder modern gesprochen: Solidarität. Christus hat dieses neue „Gesetz der Gnade“ in Kraft gesetzt. Alle seine Werke und Taten zeigen das sehr anschaulich. Mehr als sein Leben aber beweist es sein Sterben: Sein Tod am Kreuz bedeutet, dass er sich aus Liebe für uns dahingegeben hat. Damit hat er etwas für uns bewirkt, was gar nicht hoch genug zu schätzen ist: In einem Bereich, einem ganz entscheidenden Bereich, ist das Gesetz der Leistung vollkommen aufgehoben und durch das Gesetz der Gnade ersetzt. In unserem Leben vor Gott! Dieses Leben müssen wir uns nicht mehr verdienen. Wir dürfen vor Gott treten und vor ihm bestehen, wie wir sind. Die Liebe, die Christus zu uns hat und die wir im Glauben ergreifen, sie genügt! Wenn auch das Gesetz der Leistung auf der Erde in Kraft bleibt, weil im Zwischenmenschlichen gar nicht auf Leistung verzichtet werden kann, so endet es doch vor dem Angesicht Gottes. Das ist eine gute Nachricht. Das ist das Evangelium schlechthin: Ich muss mir mein Recht auf Leben nicht verdienen, ich habe bei Gott mein Recht auf Leben sicher. Der Apostel Paulus drückt es mystisch aus: „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir!“ Mit anderen Worten: Mein kleines Ich mit allem, was es tut und leistet, auch mit seiner Selbstverliebthat oder Verzagtheit, das darf ich ruhig bei Seite setzen. So wichtig es für die Welt ist, auch für meine Familie, Freunde und Kollegen, vor Gott erreiche ich mit meinem Ego nichts. Aber alles, wenn ich mich an Christus hänge, mich an ihn klammere - in leisem Gebet, frohem Lied oder stiller Andacht. Sobald ich mit Christus zusammen lebe, darf ich mein Leben aus Gottes Händen als Geschenk zurück nehmen. Und sobald ich mein Leben annehme als ein Leben, das mit Christus in Verbindung steht, habe ich ein Lebensrecht bei Gott, das noch nicht einmal Krankheit, Hinfälligkeit oder Tod nehmen können. Denn Leben vor Gott bedeutet Leben, das nicht endet. Ein Leben, das einmal sogar vollkommen und nicht mehr nur teilweise unter dem „Gesetz der Gnade“ stehen wird. Wenn wir verwandelt werden nach dem Tode, dann haben wir nichts mehr, was uns müht und Plage bereitet, müssen nichts mehr leisten, nichts mehr verdienen, dann erleben wir eine unbeschreibliche Freude und eine vollkommene Erfüllung.
Aber noch ist es nicht so weit. Noch leben wir „im Fleisch“, wie Paulus sagen würde, leben wir in unserem sterblichen Körper. Daher sind wir auch weiter noch dem Gesetz der Leistung untertan, werden wir nach Leistung bezahlt, sind gute Werke und guter Wille nötig für unser Zusammenleben. Aber eben im Leben vor Gott, in allem, was Religion sich nennt, darf es dieses Gesetz nicht mehr geben. Jedes Fasten, Opfern, Kasteien ist unnötig. Denn dann wäre, wie Paulus sagt, Christus vergeblich gestorben. Das trifft auch alle religiösen Bräuche und Rituale. Sie sind bestenfalls ein schöner Schmuck, der die Seele erfreut und beiträgt, sie auf Gott auszurichten. Aber vor Gott können wir nichts mit ihnen verdienen. Das hat Christus ein für allemal für uns erledigt. Sagen wir es ruhig konkret: Auch durch regelmäßigen Kirchgang werden wir vor Gott nicht besser, es sei denn, dass uns dieser Kirchgang auch unserem HERRN näher bringt, uns ihm annähert, so dass wir uns mehr seinen ausgestreckten Armen nähern. Dann lebt Christus mehr in mir, lasse ich ihm mehr Einfluss auf mein Herz und Gemüt. Und das ist dann gut, weil ich dann weniger an meinem kleinen Ego hänge und mehr an ihm, dem ich mein Lebensrecht vor Gott verdanke.
Das Gesetz der Gnade, das uns Christus schenkt, soll aber auch über das Kirchliche hinaus wirken - in den Lebensalltag hinein. Das ist unsere Mission als Christen: Nicht das Gesetz der Leistung, die Spielregeln des menschlichen Miteinanders aushebeln, aber sie ergänzen! Die Starken müssen die Schwachen unterstützen, die Leistungsfähigen die mit versorgen, die zu jung oder zu alt sind, um Leistung zu bringen. Die mehr haben als sie brauchen, müssen die bedenken, die zu wenig haben. Eigentum verpflichtet und darf kein Selbstzweck sein. Und Erfolg, auch wenn er mit Medaillen gekrönt wird, darf nicht dazu führen, dass man den Erfolglosen beiseite schiebt oder gar verachtet. Wenn wir Respekt vor dem Sieger haben und uns mit ihm freuen, so wollen wir auch Mitgefühl und Sympathie mit dem Verlierer haben. Dann haben wir dem Gesetz der Leistung das Gesetz der Gnade hinzu gestellt. Wie es sich für Christenmenschen gehört.



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Gerüttelt und Geschüttelt - Zum Papstrücktritt

Gerüttelt und geschüttelt - Zum Rücktritt des Papstes - Predigt zu Lukas 22,28-34 (am Sonntag Invokavit 2013)
Pfarrer Dr. Weiling

Der Predigttext steht bei Lukas, im 22. Kapitel, in den Versen 28-34. Es sind die Abschiedsreden, die Jesus hier – im Abendmahlssaal – an seine Jünger richtet:
28 „Ihr seid es, die bei mir ausgeharrt habt in meinen Anfechtungen.
29 Und ich will euch das Reich zueignen, wie mir's mein Vater zugeeignet hat, 30 dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.
31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen.
32 Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder.
33 Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.
34 Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.

Liebe Gemeinde,
Die Bibel erzählt nicht nur von heiligen und glaubensstarken Menschen, sondern auch von Menschen, die versagen. Eine Gestalt, die beides in sich vereint, die Glaubensvorbild und zugleich Bild jämmerlichen Versagens ist, das ist die Gestalt des Jüngers Simon, uns vielleicht bekannter unter dem Namen Petrus.
Unser heutiger Predigttext aus dem Lukasevangelium erzählt die Abschiedsworte von Jesus an seine Jünger. Sie haben gerade miteinander das Abendmahl gefeiert; Jesus hat ihnen mit dem Brot und dem Kelch sein Leiden angedeutet. Noch sitzen sie beieinander, die Freunde und Jünger voller Unruhe über die Ankündigung, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Sehr widersprüchlich erscheint das, was Jesus ihnen dann sagt. Er verheißt seinen Freunden eine großartige Zukunft, aber er deutet auch an, dass mancher versagen und verzagen wird. Versagen und verleugnen sind etwas sehr Alltägliches. Und darum sollten wir mit Petrus nicht zu scharf ins Gericht gehen . . .
Dinge, die uns wichtig sind, bleiben oft unausgesprochen – aus Scham, aus Angst, dass man nicht ernstgenommen oder ausgelacht wird. Oft sind es gerade die Glaubensdinge, die man still bei sich behält, weil man den Spott sogenannter aufgeklärter und moderner Zeitgenossen fürchtet. Das Verleugnen kann aber auch auf der persönlichen Ebene geschehen. Da unterstützt einer seinen Freund oder seinen Ehepartner nicht, obwohl dieser verspottet oder sogar mit harten Worten angegangen wird . . .
Wir Menschen sind Versager: in den Krisen des Lebens, bei Gefahr, bei Angst um uns selbst. Trotz bester Vorsätze bestehen wir nicht die Proben, die uns das Leben aufzwingt. Ohnmächtig scheinen wir gegenüber dem Bösen in uns und um uns herum: Da schafft es ein junger Mensch in der Schule nicht. Da wird einer Familie die Wohnung gekündigt. Da verliert ein Vater seine Stelle. Da verstirbt die wichtigste Vertrauensperson im Leben des älteren Menschen. Schlimme Schicksalsschläge lassen uns an der Güte Gottes verzweifeln. Erfahrene Ungerechtigkeit nährt Frust und Zorn in uns, wodurch am Ende harte Worte und böse Gedanken auch von uns selbst ausgehen. Undank lähmt die Bereitschaft, für eine Sache einzustehen und einzutreten. Die Bibel sieht hinter all diesen Erfahrungen die Macht des Bösen. Und sie gibt dem Bösen auch einen Namen: Satan. Mit Teufelsglaube und Okkultismus hat das rein gar nichts zu tun. Vielmehr täten auch wir gelegentlich gut daran, uns die Erfahrung des Bösen bewusst zu machen und zu beschreiben. Der Satan, den die Bibel uns beschreibt, ist weniger Gottes Gegenspieler, als vielmehr der erklärte Gegner von uns Menschen. In gewisser Weise ist er sogar ein dunkler Engel, ein Werkzeug Gottes, denn Gott hat ihm die Macht zugestanden, uns Menschen zu prüfen, zu fordern und zu erproben.
„Ihr habt mit mir ausgehalten in meinen Anfechtungen!“ sagt Jesus anerkennend zu seinen Jüngern. Gerade an ihm hat sich die Macht des Bösen versucht. Aber ebenso wie an dem gerechten Hiob des Alten Testaments hat der „böse Feind“ auch hier nur Misserfolge errungen. Alle Versuche, ihm irdische Macht und irdischen Einfluss anzutragen, sind fehlgeschlagen. Die Versuchungsgeschichte, die wir gerade gehört haben, hat es in verdichteter Form erzählt. Jesus ist bescheiden geblieben. Trotz der Anfeindungen der angesehensten und hochrangigsten Männer des Volkes ist sich Jesus treu geblieben. In der Todesgefahr wird er auch seinen Freunden treu bleiben, die ihm anvertraut sind. Er wird sich verhaften lassen, damit sie unbehelligt gehen können. Selbst Folter, Kreuz und Tod können ihn nicht brechen. Er bittet vielmehr um Vergebung auch für seine Feinde.
„Jesus war mehr als ein Mensch!“ So sagen seine Freunde bald, so sagt die Kirche bis heute. Das können wir an seinem Sieg über das Böse deutlich vor Augen sehen. Aber wir Menschen sind eben nur Menschen. Und auch die Jünger sind nur Menschen. Ein vollmundiges Versprechen kommt aus dem Mund des Simon Petrus. Er ist der Fels, auf den Christus seine Kirche bauen will. Und er will dieses Vertrauen, dass Christus in ihn setzt, auf keinen Fall enttäuschen: „Herr, wo auch immer du hingehst, sei es ins Gefängnis oder gar in den Tod, ich werde mit dir sein!“ Noch glaubt er fest, dieses Versprechen auch halten zu können. Nur ein paar Stunden später erkennt er, wie sehr er sich selbst überschätzt hat. Zwar folgt er Jesus nach. Geht hinein bis in den Hof des Palastes, wo sie ihn zum Verhör hinschleppen. Aber dann genügt die simple Frage einer Dienstmagd, und Petrus knickt ein: „Warst du nicht auch bei ihm gewesen?“ Aller Mut ist wie aus dem Herzen weggeschwemmt. Das großartige Versprechen vergessen. „Nein, ich kenne diesen Menschen nicht!“ Für Petrus hat dieses Verleugnen weitgehende Folgen. Es geht ihm tief ins Herz und er „weint bitterlich“, sagt die Bibel. Denn er verleugnet nicht nur seinen Freund und Herrn, er leugnet auch ein Stück von sich selbst. Sein ganzer Lebensentwurf bricht ins sich zusammen. Er ist wieder der Fischer vom See, nicht mehr der Menschenfischer. Er ist wieder der Simon aus Galiläa, nicht der Petrus, auf den Jesus seine Hoffnungen gesetzt hat. Er ist wieder: ein Niemand.
Glück und Kraft, die das Vertrauen gegeben hat, das Jesus in ihn gesetzt hat – Glück und Kraft sind in dem Augenblick verpufft, in dem Petrus versagt. Er ist nicht mehr der Fels, er ist ein Steinchen, ein Sandkorn. Er ist nicht mehr der Menschenfischer, der für Jesus viele neue Anhänger gewonnen hat; er ist jetzt einer, der selbst das Netz seiner Beziehungen und Freundschaften zerrissen hat.
„Was hatte Jesus gesagt: Satan wird euch sieben wie den Weizen?!“ Petrus erinnert sich wieder an dieses Wort, als der Hahn dreimal kräht und seinen Verrat laut herausschreit. Und wirklich fühlt er sich gesiebt wie von unsichtbarer Teufelshand. Es ist wie ein böser Traum ohne Erwachen. Statt sein Versprechen halten zu können, ist Petrus Opfer der eigenen Angst geworden. Diese Angst hat ihn gesiebt und geschüttelt. Das Bild, von dem Jesus gesprochen hat, steht ihm deutlich vor Augen: wie die Bauern auf den Tennen den gedroschenen Weizen solange in einem großen flachen Sieb schütteln, bis nur noch Steinchen übrigbleiben und auf diese Weise die Steine vom Weizen getrennt werden, so ist auch Petrus geprüft und als ein falscher, unnützer, feiger Mensch befunden worden. Er ist wirklich durchgerüttelt worden in seinem Innern, all sein Mut ist herausgefallen. Stoß für Stoß kamen die Fragen der Magd nach ihm und seinem Meister. Stoß für Stoß zerrütteten seine eigenen Antworten seinen Lebensmut und seine Gewissheit. Er ist nicht der Fels, auf dem Kirchen gebaut werden können, sondern bloß eines der Steinchen, die als Unrat im Sieb zurückbleiben – und die nichts mit dem guten Weizen gemein haben . . .
Vermutlich gibt es auch heute Menschen, die Vergleichbares erlebt haben. Die in einer Lebenskrise schwach geworden sind, die nicht durchgehalten haben, die gespürt haben, wie ihr eigene Lebenszuversicht zerrann. Und immer wieder stehen dann Menschen vor der Aufgabe, ihr Versagen, ihr Trauma, ihren bösen Traum zu verarbeiten. Wie kann man das verarbeiten? Wenn ich erlebe, wie ich an anderen und an mir selbst schuldig werde? Die Scheinlösungen sind bekannt. Die einen flüchten sich in ihre Arbeit. Routine und Geschäftigkeit sollen ablenken. Aber das Grübeln verhindern können sie auch nicht. Andere suchen die Verdrängung im Alkohol. Aber der gibt erst recht keinen Halt, lässt einen am Ende nur noch mehr abstürzen. Gottseidank gibt es auch Beispiele für wieder gelingendes Leben! Meist sind gute Freunde oder Freundinnen dazu notwendig. Menschen, die trotz der Fehler, die man auf sich geladen hat, zu einem stehen. Menschen, die uns helfen, dass wir uns wieder fangen. Auch Petrus hat so einen Freund, der ihm hilft. Es ist in seinem Fall sogar der Gleiche, den er verleugnet hat. Aber das kann er in jener Nacht der Kälte, der Angst, des Verrats noch nicht ahnen . . . Obwohl, angedeutet hat es ihm Jesus schon: „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder!“
Da ist beides vorhergesagt: Der Abfall, das Versagen, das eine Umkehr, eine neue Bekehrung nötig macht. Aber es ist auch gesagt, dass der Glaube nicht ganz aufhören wird, und dass der Schwächling im Glauben einst sogar der Starke im Glauben sein wird, stark genug, andere zu stärken, stark genug, doch noch zum Fels der Kirche zu werden. Die Geschichte des Petrus endet darum nicht in jener Nacht des Verrats und der Enttäuschung, sondern sie geht weiter. Jesus selbst hat für Petrus gebetet, dass sie weitergeht. Und so gewinnt Petrus sein Vertrauen zurück und wendet sich wieder dem Glauben zu. Er bekehrt sich gleichsam noch einmal. Die Bibel beschreibt es nicht mit vielen Worten, wir erfahren nur, dass Petrus einer der ersten ist, der den Auferstandenen lebendig sieht und der dann als einer der aller­ersten den Auftrag verspürt, nun diesem Christus und sich selbst bis zuletzt treu zu bleiben. Als Menschenfischer geht er bald von Stadt zu Stadt. Und das Erstaunliche geschieht: seine persönliche Erfahrung des Versagens wird zu einem Segen für andere. Denn die Menschen spüren, dass wirkliche Menschen diesem Jesus anhängen und folgen können, dass auch Versager und Ängstliche berufen sind. Petrus erzählt seine Geschichte – und gerade diese Geschichte des Versagens ist eine einladende Geschichte. Einladend zum Glauben. Denn sie erzählt, dass Menschen in Krisen nicht nur durchgeschüttelt werden wie von unsichtbarer Teufelshand, sondern auch hindurch getragen werden durch das Gebet und die Treue von Jesus Christus. So ungewöhnlich sind die Wege Gottes zu den Menschen! Er erspart uns nicht böse Tage, die wir wie einen bösen Traum abschütteln möchten, aber er hilft uns auch, wieder neues Vertrauen in das Leben zu gewinnen: Jesus Christus, Menschen, die uns trotz allem beistehen, und das fürbittende Gebet der Gemeinde können dazu helfen. Die Wege, die daraus entstehen, können höchst unterschiedlich sein. Denn sie werden im Gewissen ausgemacht, in der stillen Zwiesprache mit sich selbst und Gott.
Sehr erstaunt waren auch wir evangelischen Christen über die Entscheidung des Papstes Benedikt XVI., dass er zurücktreten wolle. Er, der sein Amt als "Petrusdienst" ja versteht, ist sicherlich ebenso wie dieser in Krise und Anfechtung geraten. In seinem Inneren durchgerüttelt und durchgeschüttelt worden wie einst Petrus. Vor dem eigenen Abgrund gestanden. Nicht dass er an seinem Glauben irre geworden wäre, aber der Last des Amtes fühlte er sich körperlich wie geistig nicht mehr gewachsen. Diese Entscheidung verdient höchsten Respekt. Sie erinnert daran, dass auch das Oberhaupt der katholischen Kirche – wie einst Petrus – ein Mensch ist und kein Übermensch.
Es ist menschlich, Schwächen zuzugeben. Es ist ehrlich, wenn man den Veränderungen nicht mehr gewachsen ist, zu sagen: „Ich schaffe das nicht mehr! Ich komme da nicht mehr mit.“
Ein Amt aufzugeben, das zeugt von Stärke und Einsicht. Denn es war ja beim Vorgänger zu sehen, was es bedeuten kann, wenn einer nicht loslassen kann: Entscheidungen werden vertagt oder von anderen abgenommen; es tritt eine Lähmung ein. Und niemand weiß so richtig, woran man ist und wie es weiter geht. Nebensachen werden wichtig. Zukunft wird verspielt. Darum kann es geradezu aus Verantwortung für das große Ganze geschehen, dass man für andere Platz macht.
In unserer evangelischen Kirche gibt es kein vergleichbares Leitungsamt wie das Amt des Papstes, aber es stellt sich doch für jeden, der irgendwo engagiert mitarbeitet, unweigerlich einmal die Frage, ob er körperlich und geistig noch so kann wie bisher, ob die Situation noch zufrieden stellend ist und man noch die nötige Kraft für seine Aufgaben hat. Dann ist es keine Schwäche ehrlich zu sagen: „Ich kann nicht mehr so wie früher.“ Sondern eine solche Entscheidung verdient ebenso ganz viel Respekt, und hat nichts mit Versagen zu tun.
Zwar kann eine Gemeinde eigentlich gar nicht genug Menschen haben, die mitmachen und mitgestalten – aber keiner sollte das bedrückende Gefühl haben müssen, dass es ohne ihn nicht geht. Vielleicht gibt der Papst auch hier ein Beispiel: Sein Rücktritt ist ja kein Rückzug aus der Kirche; er wird nicht mehr in führender Position dabei sein, nicht mehr Verantwortung tragen müssen, aber er wird in seinen Gedanken und Gebeten bei den Seinen sein. Und das ist viel, denn – auch das erfahren wir ja aus unserem Predigttext heute – das Gebet vermag viel.



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