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Predigten 1


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"60 Jahre Gnadenort Gnadenkirche" - Predigt im Fam

Inzwischen gibt es TrostPredigt am Sonntag Exaudi

Sei getrost und unverzagt -

Christen schauen ohne Furcht nach vorn -

Reformation und Politik

Worte zur Einheit

Denn wir sind Gottes Mitarbeite...

Über unser Verhältnis zu Israel

Versäume die Gelegenheit nicht

Predigt zum Ökumen.Gottesdienst Siedlerbund 2014

Die Taufe - Predigt am Pfingstsonntag 8.Juni 2014

Luther und die Toleranz, Predigt Ref.tag 2013

Probier es mal mit Ehrlichkeit!

Was unser Himmel ist

Die Hellsichtigkeit des Herzens

Wer war schuld

Ich in Dir und Du in mir

Der liebe Gott schimpft

Schöpfungslob im Zeitalter der Raumfahrt

Was uns Albert Schweitzer heute zu sagen hat

Was sollen wir tun?


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Liebe- eine christliche Antwort auf Terror 1. Adv.

Liebe – eine christliche Antwort auf den Terror
Predigt zu Römer 13,8-14 (1. Sonntag im Advent)
Pfarrer Dr. Weiling

Liebe Gemeinde!
Der 1. Advent ist ein besonderer Sonntag. Eine Schwelle wird überschritten. In der Kirche beginnt eine neues Jahr. Vielen ist das sicher nicht mehr geläufig. Den meisten gilt der 1. Januar, Neujahr, als Schwelle zum Neuen. Den Schülern vielleicht noch das neue Schuljahr.
Da fällt es natürlich schwer, in der Kirche gegen den Strich zu bürsten. Und doch ist es sinnvoll, nach dem Ewigkeitssonntag nicht gleich Weihnachten zu feiern. Selbst wenn die Weihnachtsmärkte schon locken.
Denn Advent heißt "Ankunft", "Ankommen" - vergleichbar mit einem ankommenden Zug, der in der Ferne schon zu erkennen ist, aber eben noch nicht eingetroffen. Man kann sich auf den lieben Gast zwar schon freuen, der uns besuchen wird; man kann ihn aber noch nicht in die Arme schließen. Die Adventszeit ist Vorbereitung auf Gottes Kommen. Darum auch die "Bußfarbe" Violett auf unserem Altartuch.
In der bildhaften Sprache unserer Lieder und Gebete begegnet uns das Gegensatzpaar Dunkelheit und Licht. Aus der dunklen Novemberzeit mit dem Gang auf die Friedhöfe geht es dem Licht von Weihnachten entgegen. Aber nur Schritt um Schritt - wie am Adventskranz, denn Vorbereitungen brauchen Zeit. So wie wir für Gäste das Haus putzen, so reinigen wir unsere Herzen für das Ankommen Gottes.
Wie sieht es also aus in mir? Wenn Gott in mir einziehen will, habe ich Platz für ihn? Bin ich bereit?
Der Predigttext für heute will uns helfen, Bilanz zu ziehen. Klar, deutlich und drastisch sagt der Apostel Paulus, worauf es ankommt, auch heute noch. Wir hören aus dem Römerbrief, Kapitel 13, die Verse 8-14:
8 Seid niemand etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt; denn  wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.
12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus.
 
Liebe Gemeinde!
Die Nacht ist noch da, mit allem, was die Nacht unseres Predigtwortes zur Nacht macht: unser Unvermögen, unsere Gierigkeit, unsere Sorgen. Aber es gibt einen, der uns den Tag anzeigt, einen der darauf hinweist, dass der Morgenglanz bald kommen wird. Es ist Jesus, der Christus. Seine Kraft zieht uns an wie das Licht der Sonne. Deswegen dürfen wir - im Bild gesprochen - aufstehen, getrost und gestärkt. Wir dürfen unsere vorweihnachtliche Hektik ablegen und unsere Betriebsamkeit dämpfen, mit der wir auf den Heiligen Abend zueilen, zurasen, eben weil es einen gibt, der uns sagt, dass der Morgen schon kommen wird - auch ohne unser Hetzen, Gieren, Laufen, Kaufen.
Advent: das ist Leben aus dem Wissen, dass Jesus Christus kommt: ein Gerechter und ein Helfer. Er kommt als Kind in diese Welt, dass sein Reich des Friedens unter uns wachse. Am Horizont dämmert es bereits.
Nicht Resignation, nicht Angst, nicht die Sorgen müssen uns bestimmen. Weil wir wissen, dass Christus kommt. Nicht nur als Christkind alle Jahre wieder in rührseliger Erinnerung. Nein, in Wahrheit kommt uns Christus auch als Auferstandener entgegen, damit diese Welt verwandelt werde in einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der Gerechtigkeit wohnt.
Ein Adventsmensch glaubt das - gegen jeden Augenschein. Trotz der allgegenwärtigen Finsternis und der Macht des Bösen.
Keiner kann es leugnen: Der Terror ist uns nahe gerückt. Er findet direkt vor unserer eigenen Haustür statt. Es gibt fast keine Nachrichten mehr ohne Bilder der Verwüstung. Das verunsichert. Wir fragen uns: Wie sollen wir das seelisch verkraften? Wie sollen es unsere Kinder verarbeiten?
Ob die Seele so etwas verkraften kann oder nicht, hängt davon ab, wer zuletzt gewinnen wird. Es geht hier um die Frage: Wer wird zuletzt bestimmen, was aus dieser Welt wird? Werden zuletzt die Kräfte gewinnen, die Chaos und Verwüstung anrichten? Werden Vergänglichkeit, Zerstörung und Tod alles besiegen? Oder wird Gott sich irgendwann durchsetzen und seine Gerechtigkeit überall und endgültig verwirklichen? Wird Gott gewinnen?
Die Botschaft der Bibel ist eindeutig: Gute Zeit, helle Zeit kommt! Es ist Gott selbst, der sich auf den Weg hinunter auf unsere dunkle Erde macht, um aller Finsternis zum Trotz seine Weihnachtslichter anzuzünden. Er kommt, um sich selbst denen, die ihn geschäftig vergessen wollen, in Erinnerung zu rufen.
Sei kein Abendmensch, der nur noch Resignation und böse Erwartung kennt!
"Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf", sagt die Bibel. Mit anderen Worten: Sei ein Morgenmensch! Wisse, dass ein Befreiungstag ansteht, an dem die Erde von allen Tyrannei befreit wird! Bezeuge diesen Tag mit Gebet, mit Lobgesang und mit Wachsamkeit! Vertiefe Dich in das Geheimnis, wie Gott zur Welt kommen will - auch in Dir!
Vor allem: Sei besonnen und liebevoll! Denn die Liebe, die von der Fülle des kommenden Heils austeilt, ist die einzig angemessene Reaktion auf die Botschaft vom Advent Gottes.
Der Franzose Antoine Leiris hat bei den fürchterlichen Anschlägen in Paris seine Frau verloren. Als junger Witwer ist er mit dem gemeinsamen Kind nun allein zurück geblieben. In einem offenen Brief wendet er sich an die Islamisten: “Vous n’aurez pas ma haine”. "Ihr bekommt meinen Hass nicht! Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein."
Und weiter schreibt Leiris: "Ich weiß, dass die Liebe meines Lebens, die Mutter meines Kindes uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns im Paradies der freien Seelen wiedersehen werden, zu dem ihr niemals Zutritt erhalten werdet - Nous nous retrouverons dans ce paradis des âmes libres auquel vous n’aurez jamais accès."
Das ist die Antwort der Liebe auf den Terror. Das ist wahres Christentum. Das ist biblisch.
Sei liebevoll! Sei der Liebe voll! Gedenke der Liebe, die Gott dir schenkt! Lass seine Liebe in dir Raum gewinnen! Nur ein Leben in Liebe entspricht der Wahrnehmung der Morgenröte Gottes.
Aus dieser Wahrnehmung Gottes überwinden wir das Böse. Auch das alltäglich Böse und das Böse in uns selbst: Wenn einer schlecht mit dir umgeht, glaube an dein inneres Leuchten, das du von Gott hast! Wenn dich einer ausschimpft, akzeptiere dein Quantum Versagen, doch glaube dir deine Unverletzlichkeit bei Gott!
Wenn du dir nicht leisten kannst, was dein Herz begehrt, dann verhandle mit deinen Wünschen! Du bist doch viel mehr wert, als was du im Geldbeutel hast!
Lieber zu Fuß, aber fröhlich, lieber auf kleinem Raum als verschuldet, lieber gütig als besessen, lieber schenkend, als geizig.
Ein irisches Sprichwort sagt: "Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich!"
Wir könnten auch sagen: "Wende dein Herz der Liebe zu, und du kannst deine Schatten loslassen! Blicke in das Licht der Liebe, und das Negative rückt an den Rand."
Die Liebe ist der Schlüssel zu allen Geboten. "Denn was da an Geboten ist", sagt der Apostel, "das wird in diesem einem Wort zusammengefasst: Liebe!"
Indem wir allein Gott Gott sein lassen, seinen Namen loben und nicht missbrauchen, uns den Tag der Ruhe gönnen, um die Freiheit zu feiern, zu der er uns bestimmt hat - indem wir das tun, lieben wir Gott. Und wir bezeugen es auch allen anderen: Wir gehen Gott entgegen. Gott ist unser Heil! In der Welt ist viel Angst, aber er hat die Welt überwunden. Das feiern wir jeden Sonntag.
Diese Liebe zu Gott aber ist tot ohne Liebe zu den Mitmenschen und Mitgeschöpfen.
Zwei jüdische Gelehrte unterhalten sich darüber, wann der Tag beginnt. Der eine sagt: "Der Tag beginnt, wenn man einen schwarzen und einen weißen Faden unterscheiden kann." - "Nein", sagt der andere: "Der Tag beginnt, wenn du das Gesicht deines Nächsten erkennen kannst." Eine Anekdote - wie auf unseren Text gemünzt: Wir erkennen den Tag im Gesicht des Nächsten. Wir lassen den Tag Gottes dämmern, wenn wir sein Gesicht im anderen wahrnehmen, wenn uns nicht mehr Gleichgültigkeit oder Hass bestimmen, sondern Mitmenschlichkeit.
Das vierte bis zehnte Gebot zielen auf die praktische Ausführung dieser Mitmenschlichkeit und Liebe. Sie fordern uns dazu auf, dass wir nicht übereinander herfallen, blind dem Herdentrieb oder einer Hackordnung folgen, sondern behutsam, rücksichtsvoll, achtsam, hilfsbereit miteinander umgehen. Schließlich können schon morgen die heute Starken die Schwachen, die heute Gesunden die Kranken, die heute Fröhlichen die Traurigen sein.
Nichts als Liebe - das ist die Botschaft, die der Advent ansagt. Der Apostel Paulus spart aber nicht aus, dass unter den Menschen zurzeit noch viel anderes angesagt ist - das Gegenteil von Liebe: Fressereien und Saufgelage, heimliche Liebesabenteuer und Ausschweifungen, fanatisches Herumstreiten und unguter Ehrgeiz - um es in heutigen Worten zu sagen.
Ständig kommen neue Skandale und heimliche Vergehen ans Licht, von der Fußballlegende bis hin zum Konzernchef. Wer lebt heute noch wirklich "ehrbar wie am Tage"? Gefressen wird, was das Zeug hält. Für das Fremdgehen gibt es die entsprechenden Seiten im Internet. Und von Hader und Eifersucht leben ganze Heerscharen von Juristen.
"Liebe Gott, liebe deinen Nächsten! Tue das und du wirst leben!" Das ist kurz und bündig die Devise des adventlichen Menschen. Berührt von der Morgenröte Gottes legt er ab, was zur Nacht gehört: Seine Trägheit und seine Rücksichtslosigkeit, seine Verzagtheit und seine Überheblichkeit, seine Unversöhnlichkeit und seine Lieblosigkeit.  
Die Liebe wird ihm zum Schlüssel aller Gebote Gottes. Das nehme man bitte nicht leicht! Es ist doch einfacher gesagt als getan. Denn da kann es sogar sein, dass wir einmal gegen den Wortlaut eines Gebotes handeln müssen, um es dem Sinn nach zu erfüllen. Ist einer Polizist oder Soldat, so mag er im Extremfall sogar das fünfte Gebot brechen müssen, wenn er anders die Finstermänner der Gewalt nicht am Töten hindern kann. Er tut es aus Liebe zu den Menschen, die ihm anbefohlen sind.
Ein armer Mann mag auch das siebte Gebot brechen und stehlen in der Not, wenn er anders seine Familie nicht mehr ernähren kann.
Aber Liebe ist immer - nicht auf Böses aus! Der Mörder tötet einen Menschen aus Habgier oder niederen Beweggründen. Wer hingegen aus Notwehr töten muss oder in einer Nothilfe-Situation, der will ja nicht das Böse, sondern will Böses hindern. Das ist sein Vorsatz. Nicht der Hass. Nicht die Gier.
Der sogenannte "Islamische Staat" verherrlicht Mord als seine Moral. Wir verherrlichen die Liebe. Daher ist ein Islamist in unseren Augen vollkommen gottlos. Er wird – ebenso wenig wie ein überzeugter Rassist - nicht vorkommen können in Gottes Zukunft. Jedenfalls nicht ohne vollkommene Abkehr von all dem Unheil, was ihm jetzt heilig ist. Das ist meine feste Überzeugung. Wo keine Liebe in einem Menschen ist, da hat er keinen Morgen und keinen Gott.
So ist die Liebe der Schlüssel und unser Wegweiser im Advent. Christen sollen Adventsmenschen sein. Adventsmenschen sollen Morgenleute sein. Morgenleute sollen die Nacht zurücklassen und sich auf das Kommen des Lichtes vorbereiten. Die Liebe sei immer und ewig unser Vorsatz. Sie bekommen unseren Hass nicht!



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"60 Jahre Gnadenort Gnadenkirche" - Predigt im Fam



“60 Jahre Gnadenort Gnadenkirche” - Predigt im Familiengottesdienst zu Kirchweih (14. Juni 2015)
Pfarrerin Susanne Weiling

"Komm, bau ein Haus, das uns beschützt!” so sagten sich vor vielen Jahren die Holthauser Bürger mit großer Sehnsucht im Herzen: der Sehnsucht nach einer eigenen Kirche mitten in ihrem Dorf. Diesen Wunsch gaben sie nicht auf. Sie erdachten Pläne für dieses Haus des Schutzes, führten Gespräche, Verhandlungen. Sie sammelten Gelder und trugen ihre Gedanken immer weiter zu den entscheidenden Stellen.
Beharrlichkeit trägt bekanntlich oft Früchte. Und so kam es dann endlich zum Bau und zur Einweihung der Gnadenkirche – vor 60 Jahren, einer ganz schön langen, und sehr erfüllten Zeit.
Heute vor 60 Jahren war Konrad Adenauer Kanzler, endete offiziell die Besatzungszeit und die Lufthansa flog wieder. Die letzten Kriegsgefangenen aus Russland kehrten heim. "Jenseits von Eden" lief in den Kinos, man fuhr – wenn man es sich denn leisten konnte - Isetta, Goggomobil oder Messerschmidt-Kabinenroller. Nierentische, Schalensessel und Tulpenlampen kamen in Mode. Und „Rot-Weiß Essen“ war Deutscher Meister…
Heute vor 60 Jahren, also 1955, waren die jetzt 85jährigen 25, die 70jährigen 10 und die 65jährigen 5 Jahre alt. Alle, die heute jünger sind als 60 Jahre, gab es damals noch gar nicht. Sie waren noch gar nicht geboren. D.h. nicht nur euch Kinder vom Kindergarten gab es noch nicht; ich war auch noch nicht geboren!
Zur Vorbereitung auf den heutigen Tag haben wir Bilder durchgesehen, alte Fotos von damals. Auf einigen waren viele Kinder zu sehen; damals lebten in Holthausen wohl noch viel mehr Kinder als heute. Wir haben uns gefragt: wer mögen all die Kinder sein, die auf den Bildern zu sehen sind? Und wer von ihnen kann sich noch erinnern an das, was damals war? Ich hoffe, der heutige Nachmittag wird uns viele gute Gespräche zu diesen Themen bringen.
Der 5. Juni 1955 - das war der Tag, von dem Sie, liebe Frau Petrowski vor 10 Jahren anlässlich unsres 50 jährigen Jubiläums so schön sagten: "Wir haben uns so gefreut, dass wir endlich unsre eigene Kirche hatten!" - Es war dann auch ein sehr sehr schöner Tag. Und er brachte außerordentlich gutes Wetter mit sich. Das ganze Dorf war festlich geschmückt. Zu einer kleinen Feier waren die Menschen zur Schule in der Schmalenbeckstraße gegangen, gekommen, um Abschied von ihrer bisherigen Gottesdienststätte zu nehmen. Denn nach dem Krieg wurde zunächst in den Schulräumen der Gottesdienst gefeiert. Dann ging es in langem, feierlichem Zug, unter Beteiligung vieler Pfarrer – alle in schwarzem Talar - zur neuen Gottesdienststätte. Fast ein ganzes Jahr hatte man gebraucht, diese Kirche zu bauen. Der Baumeister, Architekt Gottschalk, übergab den Schlüssel an Oberkirchenrat Niemann, der extra aus Bielefeld gekommen war, der gab den Schlüssel weiter an den Superintendenten Steinsiek; aus seiner Hand empfing der Vorsitzende der Gemeinde, Pfarrer Dr. Wagner, den Schlüssel. Und der übergab ihn dann endlich dem Seelsorger des Ortes, Pastor Stuckmann. Dieser öffnete dann die Tür mit den Worten des 24. Psalms: "Machet die Türen weit, und die Tore in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe. Wer ist derselbige König der Ehren? Es ist der Herr, der Herr stark und mächtig!"
Das muss schon sehr feierlich gewesen sein damals. Der Kirchplatz war mit großen Kirchenfahnen geschmückt. Die Menschen hatten ihre besten Kleider angelegt, um zu zeigen, wie sehr sie sich nach dieser Stunde gesehnt hatten. Von den Großen und auch den Kleinen damals wussten viele, dass es nicht nur gut ist, eine Kirche zu haben als ein Gebäude, sondern es noch wichtiger ist, in dieser Kirche etwas von Gott zu erfahren. Etwas zu erfahren von seiner Gnade, seiner Güte und seiner Liebe. Ein großer Schlüssel wurde damals von Hand zu Hand gereicht – eine Tür öffnete sich: eine Tür, durch die Menschen gehen konnten, um in Gottes Nähe zu sein; und nach dem Gottesdienst, wenn sie Gottes Haus wieder verließen, nahmen sie seinen Segen mit in ihren Alltag.
So ist es seit 60 Jahren in der Gnadenkirche: Menschen gehen ein und aus. Sie bringen ihre Erfahrungen, ihre Geschichten, ihre Sorgen und Freuden mit, teilen ein Stück des weiteren Weges mit uns und gehen, gestärkt durch Gottes Zuspruch, an alle die Aufgaben, die das Leben ihnen stellt.
Die Gnadenkirche ist auch ein "heiliger" Ort, ein Ort, an dem Menschen sich Gott sehr stark verbunden fühlen und oftmals ein Gefühl der Erleichterung und Befreiung spüren. Solche Orte nennt man "Gnadenorte"; und die Gnadenkirche hat ihren wunderschönen Namen von diesem Gefühl der Erleichterung und Befreiung für alle Menschen, die sich Gottes Nähe wünschen.
Gnadenorte gibt es schon seit Jahrtausenden: Häuser oder Plätze mit einer besonders schönen, heiligen Atmosphäre. Der erste Gnadenort, von dem die Bibel spricht, war allerdings noch keine Kirche, sondern ein Platz mitten unter dem weiten Himmel, ein Ort in der Wüste. Und an diesen Ort gelangte ein Mensch, der sich sehr schlecht fühlte, der einsam war und traurig - ein Mensch auf der Flucht vor seiner Familie. Ein Mensch, der Schutz suchte. Er hieß Jakob.
Er war ein schlauer Junge; aber zu seinem Bruder, der hieß Esau, und zu seinem Vater, Isaak, war er gar nicht lieb gewesen. Er hatte seinen Vater hereingelegt und den Bruder betrogen, so dass er, Jakob, nun alles hatte, was vorher dem Esau gehörte. Nur seine Mutter hält noch zu ihm. "Du musst fliehen!", rät sie ihm aber nun, "warte, bis sich dein Bruder wieder beruhigt hat und sein Zorn sich gelegt hat! Geh zu deinem Onkel. Der kann dich in den nächsten Jahren bei sich wohnen lassen."
Jakob hat kaum Zeit, das Nötigste zu packen. Und der Weg ist lang - er führt mitten durch die Wüste. Er ist auf der Straße ganz allein unterwegs, fühlt sich bedrückt und einsam. Und er sehnt sich sehr nach seinem schönen Zuhause. Sein Gewissen ist schwarz wie ein Rabe. Denn er weiß: Er hätte seinem Bruder nicht alles wegnehmen dürfen.
Als er schon viele Stunden gelaufen ist, geht die Sonne unter. Es wird rasch dunkel, wo soll er schlafen? Jakob sieht sich um, am Wegesrand stehen auf einer Anhöhe ein paar Mandelbäume. Hier sieht ihn niemand, hier kann er in Ruhe schlafen! Er nimmt einen großen Stein vom Feld, umwickelt ihn mit seinem weichen Umhang und legt ihn sich als Kopfkissen zurecht.
Eigentlich ist er zu aufgeregt zum Schlafen. In den letzten Tagen ist so viel passiert. So wälzt sich Jakob unruhig hin und her. Aber nach einer halben Stunde schläft er schließlich doch ein. Er schläft sehr unruhig. Er träumt. Es ist ein besonderer Traum. Dieser Traum ist so lebendig, dass Jakob das Gefühl hat, alles wirklich zu erleben: Er sieht eine lange Treppe, welche vom Boden bis in dem Himmel reicht. Engel steigen auf ihr herauf und herunter. Und ganz oben steht Gott. Gott spricht zu ihm im Traum. Er sagt: "Ich bin mit dir und will dich behüten wo du hinziehst. Ich will dich und deine Familie segnen. Ich will dich wieder in deine Heimat zurückbringen - und da geht es dir dann wieder gut."
Nun ist Jakob nicht mehr allein. Gott verspricht ihm, mit ihm zu gehen, obwohl er Esau, den Bruder, betrogen hatte. Was für ein schöner Traum! Welche Erleichterung!
Da wacht Jakob auf. Er ist noch ganz benommen - und sinnt einige Zeit über seinen Traum nach. "Gott selbst ist wirklich hier an diesem Ort", denkt er, "und ich wusste es gar nicht." Da bekommt Jakob plötzlich einen Schrecken: "Wenn Gott selbst hier ist, dann ist der Ort heilig. Hier ist etwas Besonderes. Hier ist Gottes Haus und das Tor zum Himmel!" *
Um sich die Stelle einzuprägen, richtet er den Stein, den er als Kopfkissen benutzt hatte, als Denkmal auf. Er gießt auch etwas Öl über den Stein, so dass er schön glänzt. Und das ist das Wichtigste: Er betet zu Gott, der ihn frei gemacht hat von großen Sorgen. Er betet zu Gott, der ihm geholfen hat und versprochen hat, immer an seiner Seite zu sein.
Jakob ist so dankbar, dass Gott ihn liebt. Darum sagt er: "Wenn du mich weiter behütest, lieber Gott, und mich einmal wieder heil zurückkehren lässt, dann will ich dir an dieser Stelle ein großes Haus bauen!"
Durch dieses Gebet bekommt Jakob Mut: Einmal wird alles wieder gut. Er wird sich auch wieder mit Esau vertragen und ihm das zurückgeben, was er ihm weg genommen hatte. Jakob nennt den Ort, an dem er den Stein aufstellt, weil er Gottes Nähe so deutlich spürt, "Bethel", das ist ein hebräisches Wort und heißt in unserer Sprache: "Haus Gottes". Jakob kann nun wieder fröhlich weitergehen. Denn Gott wird ihm sagen, was er tun soll. Darauf kann er ganz sicher vertrauen.
Viele Jahre später, nachdem er sich tatsächlich mit seinem Bruder versöhnt hat, ruft Gott ihn ein zweites Mal zurück an diesen Ort: "Zieh nach Bethel - und lass dich dort nieder." (Gen 35,1)
An diesem Ort, an dem er Jakob schon einmal eine heile Zukunft verheißen hat, erneuert er sein Versprechen: "Ich will dieses Land dir und deinen Nachkommen geben." Und Jakob erhält zugleich einen neuen Namen. Fortan heißt er "Israel" (Gen 35,10).
Warum braucht es diese lange Reise zurück nach Bethel? Hätte Gott nicht an jedem beliebigen Ort im Traum mit Jakob sprechen können - wie beim ersten Mal mit der Himmelsleiter?
Offensichtlich ist es für diese Geschichte ganz wichtig, dass sie sich an einem bedeutsamen Ort ereignet, an einem Ort mit einer heiligen Tradition.
Bethel verspricht Jakob eine intensive Gotteserfahrung. Jakob erinnert sich hier besonders gut an Gottes Hilfe, spürt noch einmal seine Not und die riesige neue Freiheit, die Gott ihm hier schenkte. Es lohnt sich darum für ihn sehr, zu diesem Ort zurückzukehren, mit seinen ganzen Kindern und Tieren, mit seiner lieben Familie und dem Hausrat und allem, was nun zu seinem Leben gehört. Denn hier - in Bethel - hat Jakob das Gefühl: "Gott ist immer noch hier, und ich gehöre zu ihm!"
Ein wunderschönes Gefühl – nicht wahr? Orte sind nicht von sich aus heilig. Aber sie werden es durch die Menschen, die an diesem Ort ein Stück vom Himmel gesehen haben. Und sie können auch für uns zu Gnadenorten werden, wenn wir nachempfinden, was anderen Menschen gerade dort empfunden haben.
So kann auch heute unsere Gnadenkirche ein Gnadenort für uns werden. Und weil sie seit 60 Jahren den Menschen unserer Gemeinde eine ähnliche Geborgenheit schenkte, wie sie Jakob an seinem Gnadenort erlebt hatte, darum feiern wir den heutigen 60. Geburtstag unserer Kirche mit ganz viel Freude!
Amen.


* Die lateinische Fassung findet sich als Inschrift tatsächlich an vielen alten Kirchen, die also folglich mit Bethel als Gnadenort in eins gesetzt werden: "Terribilis est locus iste. Haec domus Dei est et porta caeli." (Gen 28,17)
Pfarrerin Susanne Weiling



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Inzwischen gibt es TrostPredigt am Sonntag Exaudi

Inzwischen gibt es Trost - Predigt in der Emmaus-Gemeinde/Erlöserkirche am Sonntag Exaudi (17. 5. 2015)
Pfarrer Dr. Christoph Weiling
 
Der vorgeschlagene Predigttext steht geschrieben bei Johannes 15,26-16,4:
26 Der Herr Jesus Christus sprach: Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. 27 Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.
1 Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. 2 Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. 3 Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen.
4 Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich's euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.
 
Liebe Gemeinde,
das Leben ist voll eigenartiger Zwischenzustände. So kommt vor der Heirat die Verlobung: Die Brautleute haben sich die Ehe erst versprochen, geschlossen ist sie noch nicht. Oder ein Regierungswechsel steht an: Die alte Regierung bleibt provisorisch noch im Amt; doch ihre Tage sind gezählt. Oder der Schwebezustand einer Vakanz in einer Gemeinde: Die Pfarrstelle steht zur Besetzung an, aber das Landeskirchenamt hat noch nicht entschieden, ab wann und in welchem Umfang.
Auch viele Biographien kennen Zwischenzeiten: Zwischen Schulabschluss und Beruf etwa. Lehrjahre sind bekanntlich keine Herrenjahre, aber wichtig für die persönliche Entwicklung und Reifung eines Menschen. Und wenn man dann eine Arbeitsstelle gefunden hat, muss noch eine Probezeit durchlaufen werden. Meist sechs Monate lang wird ein neuer Mitarbeiter auf die Probe gestellt. In dieser Phase gilt es herauszufinden, ob auch Bestand hat, was beim Bewerbungsgespräch versprochen wurde. Für den Arbeitnehmer ist es zudem eine Testphase, in der er sehen kann, ob er sich in der neuen Stellung wohlfühlt.
Nun aber gibt es auch im Jahr der Kirche eine Zwischenzeit. Nämlich heute! Der Sonntag mit dem klangvollen Namen „Exaudi“ beschreibt einen Zwischenzustand, den die Jünger damals sicherlich als sehr belastend empfunden haben. Am Donnerstag ist Jesus aufgefahren in den Himmel; er ist wieder eins mit Gott. Sehr weit weg. Der Heilige Geist aber ist noch nicht da. Er kommt erst nächsten Sonntag. Am Pfingstfest.
Anders gesagt: Was die Jünger mit Jesus erlebt haben, es ist noch nicht Sprache geworden. Sie brüten über ihre Erlebnisse noch nach. Noch haben sie für das Erlebte keine Begriffe. Noch haben sie keine Geschichte, die sie weitererzählen können. Sie fühlen sich verlassen und allein. Die 40 Tage, in denen Jesus nach seiner Auferstehung noch einmal wie zum Anfassen bei ihnen war, diese Tage sind abgelaufen. Sein freundliches Antlitz lächelt ihnen nicht mehr zu. Traurig kehren sie vom Ölberg, dem Himmelfahrtsberg, zurück in die Stadt.
Wie geht es weiter? Zusammen bleiben, nachdenken, verarbeiten, warten. Nur wo?
In der Apostelgeschichte lesen wir: „Und als sie wieder hineinkamen  nach Jerusalem, stiegen sie in das Obergemach des Hauses, wo sie sich aufzuhalten pflegten, und waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu“ (Apg 1,13-14).
Dieses „Obergemach des Hauses“, diese Dachmansarde mit dem Dutzend Jüngern, das ist der Raum des Sonntags Exaudi. Es ist kein öffentlicher Raum, sondern ein Rückzugsraum. Es ist ein Raum von Zweifel und Anfechtung und sogar von Traurigkeit. Es ist ein Raum, wo gesucht und gerungen wird. Es ist ein Raum des Übergangs. Es ist ein geistlicher Zwischenraum zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.
Was haben die Männer und Frauen in diesem Zwischenraum gebetet? Vielleicht eben gerade den Psalm, den wir auch zum Eingang sprachen: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!“ (Psalm 27).
Der Zeitraum zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist auch ein Gebetsraum. Aber anders als beim vergangenen Sonntag „Rogate“ geht es nun nicht um Dank- und Lobgebete. Die Gebete der Zwischenzeit sind mehr ein Flehen und Seufzen. Nicht das feierliche Gebet stiller Selbstgewissheit beherrscht die Stimmung, sondern das leise Klagen und Bitten. „Exaudi“ heißt: „Erhöre mich, horch auf die leise Stimme meines Flehens!“
Nach Himmelfahrt und vor Pfingsten steht dieser heutige Sonntag wie kein anderer im Zeichen des Abschieds und Neubeginns. Eben davon spricht auch Jesus im Evangelium, im heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium. Jesus mutet den Abschied zu. Er wird nicht immer bei seinen Jüngern sein können. Er bereitet die darum darauf vor, dass sie bald selbständig in die Welt hinaus zu gehen haben und zu Aposteln werden.
Die Abschiedsreden von Jesus (Johannes Kap. 13-16) passen wirklich sehr gut zu der Stimmung im Zwischenraum. Schon damals, als Jesus am letzten Abend bei ihnen war, damals vor der Kreuzigung, waren sie an einem verborgenen Ort beisammen. Jesus war zwar noch bei ihnen, aber die baldige Trennung bestimmte die Atmosphäre. Auch ein eigenartiger Zwischenzustand: Die Zeit des angekündigten Abschieds, der baldigen Trennung. Innerlich muss man sich umstellen.
Sicher denken die Jünger in der Zwischenzeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten an damals zurück. Sie erinnern sich: Jesus hatte alles vorhergesagt. Er hatte aber nicht nur von Traurigkeit gesprochen, sondern auch vom Kommen des Trösters. Daneben kam anderes zur Sprache, was eher beunruhigte: die Trennung von Jesus, der Hass der Welt, der Ausschluss aus der bisherigen Religionsgemeinschaft. Auch die Reaktionen der Jünger auf diese Erfahrungen waren genau vorhergesagt: Angst, Weinen und Klagen, Traurigkeit und Trauer  – alles normale Reaktionen und Empfindungen, die Menschen beim Auseinanderbrechen enger Beziehungen haben. Die Jünger wissen: Ohne Jesus werden uns Mühe, Kampf und Streit erwarten. Blut, Schweiß und Tränen hat er versprochen. Ja, sogar düster prophezeit: „Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit.“
Aber es wird auch Mächte und Kräfte geben, die stärken und stark sein werden in den Anfechtungen, die da bevorstehen:
- Da ist einmal das Gebot der Liebe (Joh 15,9-12). Wenn sie es befolgen, wird das unbedingte Gefühl wieder hergestellt, dass sie zu Jesus gehören und eins mit ihm sind. Liebe ist mächtiger als der Tod, denn wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott (1 Joh 4,16).
- Da ist zum anderen das Gebet, mit dem und durch das man in Verbindung bleibt (Joh 15,7).
- Da ist endlich die Gabe des Geistes, der mehr ist als menschliches Machen und Tun, nämlich Gottes Gegenwart und Wirken selbst. Der Geist verändert, er macht neu, er führt aus dem Zwischenzustand hinaus, gibt Klarheit. Er klärt die Verhältnisse. Er macht den Jüngern klar, dass sie auch weiter in einem Verhältnis zu Gott und zu Jesus stehen. In einem ganz engen und unmittelbaren Verhältnis sogar – es ist zwar nicht mehr ein Verhältnis von Angesicht zu Angesicht, wohl aber von Herz zu Herz – oder sogar von Gedanke zu Gedanke. Diese innige Einheit ist viel größer und gewaltiger als alle Erfahrungen von Nähe und Zugehörigkeit zu religiösen Organisationen. Was müssen sie sich noch Sorgen machen, ob sie weiter zur Judenheit gehören, zur Gemeinschaft der Synagogen, wenn sie doch eins sind mit Gott? Das eine ist bestenfalls eine äußere Verbindung, das andere ist eine innere Gewissheit!
Das Evangelium bezeichnet den heiligen Geist mit dem griechischen Wort „Paraklet“ (παράκλητος). Man kann es als „Beistand“ oder „Tröster“ übersetzen. Seine Gegenwart ist nicht äußerlich sichtbar, zeigt sich aber daran, wie der Zwischenzustand der Leere und Einsamkeit überwunden wird. Das stickige „Obergemach“ wird verlassen. Gottes Geist passt nicht in enge Räume. Er will weite Kreise ziehen.
Die kleine Gemeinde der Jünger erlebt eine Veränderung. Und erlebt, wie sich darin erfüllt, was Jesus angesagt hatte. Gegen die Verunsicherung und den Zweifel taucht in ihnen die Gewissheit auf; gegen Angriffe und Anklagen von außen ist ihnen ein Beistand, Verteidiger, Fürsprecher gegeben, der ihnen den Mund öffnet und Argumente liefert; gegen die Traurigkeit wird ihnen der Trost geschenkt. Erst Zittern und Zagen, dann neue Gewissheit, Klarheit, ja Begeisterung. All dies ist Wirken des Heiligen Geistes, wie ihn Jesus angekündigt hat.
Er ist „der Geist der Wahrheit“. Das heißt: Er beendet den Zwischenzustand, in dem noch so vieles unklar und zweifelhaft ist. Die innere Prüfung ist vorbei! Dass Jesus und Gott eins sind und immer eins waren, das ist den Jüngern nun klar. Gott hat Jesus bestätigt. Alle Zweifel sind ausgeschlossen. Das macht den Blick frei nach vorne: Denn diese Wahrheit darf und kann man nicht für sich behalten. Die Jünger müssen davon erzählen, wie sie Gott entdeckt und gefunden haben – oder besser: wie Gott sie entdeckt und gefunden hat. Denn der Heilige Geist ist auch die Kraft der Erinnerung. Sie erinnert sie an die Erlebnisse und Geschichten, die es lohnt weiter zu erzählen. Die Trennungstränen können sie trocknen und den Blick wieder erheben, weil sie merken, dass Jesus ja in ihren Gedanken weiterlebt und in ihren Worten und Erzählungen selbst zur Sprache kommt. Er ist bei und in ihnen - in alle Ewigkeit.
Die Trennung von ihm ist allerdings dann am besten aufgehoben, wenn sie Liebe üben. Dann ist er ganz in und bei ihnen. Jesus ist – wenngleich unsichtbar – in der Wahrheit und in der Liebe weiter anwesend.
Er ist aber auch im Trösten da. Jesus selbst hat ja seine Jünger fortlaufend getröstet, immer wieder Furcht und Schrecken von ihnen genommen. Da ist es konsequent - weil er selbst wie ein Tröster wirksam war -, dass er seinen heiligen Geist auch so nennt und ihn als den „anderen“, den „zweiten“ Tröster bezeichnet (Joh 14,16). Wo Jesus selbst in tröstender Rede zu Wort kommt und seine Gemeinde auch zu einer Trostgemeinschaft wird, da ist Heiliger Geist ausgegossen in die Herzen.
Dass Jesus den Heiligen Geist den „Tröster“ nennt, ist wichtig für unser Selbstverständnis als Kirche. Wir sind nicht nur eine Fest- und Feiergemeinde. Das hat zwar auch sein Recht, denn „alles hat seine Zeit“, aber die anderen Erfahrungen können wir auf Dauer nicht überspielen.
Immer wieder kommen Phasen in unserem Leben – ob nun als Einzelne oder als Gemeinschaft – , die Zwischenzeiten sind. Wir fühlen eine große Leere. So wie damals die Jünger. Wir klagen über Einsamkeit. Wir sind beunruhigt. Uns fehlt eine klare Orientierung. In unseren Gedanken ist manches unklar. Wir sehnen uns nach Gottesworten, die Klarheit bringen. Wir haben den Eindruck: So recht weiß keiner den Weg. Wir fragen: Wie soll es weiter gehen?
Solche Zwischenzeiten machen sich immer wieder bemerkbar, wenn Abschiede anstehen oder Umbrüche nötig werden. Manchmal hilft man sich mit einem Lächeln auf den Lippen, auch wenn man innerlich ganz anders fühlt. Manchmal treibt uns auch der Zorn. Aber Wut hat noch nie geholfen, die Richtung zu finden. Dazu müssen wir auf einen anderen bauen, müssen wir uns darauf verlassen, was Gottes Wort uns sagt und Gottes Geist uns eingibt.
Ist letztlich nicht sogar unser ganzes Leben ein einziger Zwischenzustand? Leben wir auf dieser Erde nicht in einer Spanne zwischen den Zeiten? Wir fühlen uns verunsichert durch die Umweltzerstörung, die hemmungslose Gier der großen Konzerne, die Flüchtlingsströme, die Bürgerkriege im Nahen Osten, die Verfolgung der Christen. Alle Welt wartet auf bessere Zeiten. Doch die Religionen und religiösen Institutionen finden kein großes Zutrauen. Die Fundamentalisten machen Angst, und die Nachdenklichen sind zu unbeständig.
In der Tat, seltsame Zeiten: Nie waren mehr Informationen verfügbar als heute. Aber niemals waren auch Lösungen für die drängendsten Probleme der Zeit entfernter. Die Krisen in der Welt rufen nach Antworten. Immer lauter und vernehmbarer. Aber auch die Klügsten wirken ratlos. Wo ein Problem beseitigt wird, tauchen zehn neue auf.
Am heutigen Sonntag Exaudi erinnern wir uns an die Zwischenzeit der Leere und Unklarheit bei den Jüngern. Was sind wir ihnen doch gleich! Auch wir haben nicht auf alles eine fertige Antwort. Auch wir sind Angeschlagene, Angefochtene, Bedrückte und Trostsuchende. Denn wie die Jünger halten wir nach einem Tröster Ausschau.
So sind wir am heutigen Sonntag beisammen: als eine trostbedürftige Gemeinschaft, die Gottes Antlitz sucht und darum zusammengekommen ist; die nach Worten und Zeichen des Trostes dürstet. Wir warten auf Gott, hungern nach Geist.
Traurig erkennen wir: Ein Zwischenzustand bleibt unser ganzes Leben. Doch Gottes Wort gibt uns auch den entscheidenden Trost. Da wird gesagt: Noch ist nicht erschienen, was wir sein werden. Aber wir gehören bereits zu Gott. Wir haben noch nicht Teil an seiner Herrlichkeit, aber wir sind schon Kinder Gottes. Noch ist nicht alles gut. Aber einmal wird alles gut. Und der Heilige Geist – er ist uns als ein Vorschuss gegeben auf das Morgen. Er ist schon da. Wie eine Sternschnuppe aus Gottes Reich, die in unsere Herzen und in unsere Gedanken hineinfällt. Damit ist Gott schon da. Ein Teil von ihm. In uns.
Wie sollen wir das begreifen? Kirche lebt vom Gebet, vom Glauben und von der Liebe. Es ist auch für Christen nicht leicht, die Zwischenzeiten im Leben zu bestehen. Anfechtungen auszuhalten kostet Kraft. Aber wir sind nicht gefangen zwischen den Welten. Nicht isoliert. Schon redet Gott mit uns: Im Gebet und in der Liebe. Durch Worte und durch Taten. Und in dem Trost, den wir Christen uns geben können, da ist er als Tröster schon bei uns. Im Trösten bezeugt er seine Nähe.



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Sei getrost und unverzagt -

Sei getrost und unverzagt - Predigt anlässlich einer Taufe (25. Januar 2015)
Josua1, 1-9
Pfarrerin Susanne Weiling
 
 
Liebe Gemeinde,
Marlon, den wir gerade getauft haben, ist ein glückliches und zufriedenes Kind - davon konnten wir uns gerade alle überzeugen. Er freut sich auf sein Leben, steht selten still für sich da, sondern braucht Entdeckungen und kleine Aufgaben - im Moment am liebsten jeden Tag etwas Neues. Das ist schön, und  es macht oft Spaß, ihn dabei zu begleiten.  Sie, als seine Familie, haben schon sehr innige Momente und wunderbare Stunden mit Ihrem Kind verbracht. Dafür sind Sie dankbar. Auch aus diesem tiefen Gefühl heraus haben Sie ihn heute in die Kirche gebracht. Sie möchten, dass Ihr Kind hier bei Gott seine feste Heimat hat und sein Segen ihm weiterhilft auf  vielen  neuen Wege. Bereichernd für ihn ist es sicher, wenn Mut und Zuversicht ihn lebenslang prägen. Darum haben Sie, Sabrina, für Ihren Sohn den folgenden Taufspruch aus dem Buch Josua ausgesucht:
"Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist!" Ein wunderbarer, Mut machender Satz, der für Sie schon eine gute Tradition hat in Ihrer Familie. Vielleicht haben diese Worte Sie selber auch schon mal bestärkt und ermutigt und Sie gelassen und hoffnungsvoll gestimmt. Vielleicht gab es die eine oder andere Situation, in der es Ihnen gut tat, zu hören: Sei getrost und unverzagt. In jedem Fall hat dieser Vers Sie sehr beeindruckt. Sie haben ihn nicht vergessen. Er wird nun auch ihren Sohn  das ganze Leben lang begleiten, dieser Zuspruch aus der Josuageschichte: "Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist!"
Da ist man schon  neugierig, zu erfahren,  was Gott dazu brachte, diese Worte Josua damals an sein Herz zu legen - vor so vielen tausend Jahren. Wir hören darum nun ihren Ursprung, eine Erzählung aus dem ersten Kapitel des Buches Josua. Dort steht:

1 Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener:
2  So mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe.
5 Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.
6 Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe.
7 Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es gut ausrichten kannst, wohin du auch gehst.
8 Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht in Vergessenheit geraten, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen und du wirst alles ausrichten, wie es dir bestimmt ist.
9 Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.
 

Liebe Gemeinde!
Der Auftrag, den Gott hier an Josua vergibt, ist schwierig und fordert von ihm ganz viel Kraft. Dieser Auftrag kommt spontan und trifft den jungen Mann recht unvorbereitet. Von einem Moment auf den anderen soll er nach dem Tod seines großen Vorbilds Moses nun selber der Anführer sein und sein Volk schützen.  Vorher diente er dem Moses und konnte sich in schwierigen Situationen auf ihn verlassen. Er stand in zweiter Linie, segelte sozusagen im Windschatten des großen Mannes. Nun aber muss er selbst Verantwortung übernehmen für sich und viele andere, muss aufbrechen zu neuen Ufern. Es gibt kein Zurück. Der Jordan liegt vor ihnen, dahinter befindet sich endlich das Grünland, wo sie alle zufrieden leben können. Auch wenn es noch weit entfernt scheint und nur mühselig zu erreichen: Sie können nicht wieder in die Wüste zurück, da ist es lebensfeindlich und die Vorräte gehen aus. Darum bleibt nur die Flucht nach vorn. Das ist sehr spannend: Gegenwart und Zukunft werden neu geformt. Die neue Heimat bietet viel zu tun. So nimmt Josua diese Herausforderung an. Aber ganz wohl ist es ihm dabei sicher nicht.
Auch uns ergeht es oft ähnlich wie Josua. Manchmal gibt es einfach kein Zurück. Manchmal kommt es allein auf unsre Entscheidung an - und viel hängt ab von unsrer Klugheit.
Es kann sein, dass uns dabei manche Aufgaben als viel zu groß erscheinen. Denn die Zukunft ist immer eine große Unbekannte. Von Tag zu Tag kann sich alles ändern. Das erkennt man deutlich, je länger man lebt. Bei vielen Menschen überwiegt darum die Angst vor Veränderung. Sie sehen darin grundsätzlich eine Verschlechterung, wollen nichts ändern. Doch nicht immer liegt die Auswahl bei uns allein.
Josua konnte ganz sicher nicht für sich wählen, lieber wieder im Alten, Vertrauten  zu bleiben. Er musste vorangehen und Stärke zeigen, auch wenn er darunter litt und sich unvorbereitet fühlte für die lange Zeit der Wanderschaft. Gott aber fühlte mit ihm und gab ihm gute Worte. In immer neuen Ansätzen wiederholte er mit Macht: "Sei nur getrost und gänzlich unverzagt!"
Gott wollte Josua dabei auch deutlich machen: Du musst das neue Land nicht alleine suchen und erobern und nicht aus eigener Kraft und Begabung handeln. Es ist schon alles von mir vor bereitet, geh nur mutig weiter und sorg dich nicht zu sehr.
Das gilt auch für uns an neuen Stationen auf unserem Weg durch das Leben. Die Zukunft ist ein weites Land, weiter, als wir es uns vorstellen können, mit vielerlei Möglichkeiten, sich zu entfalten, zu wachsen, zu forschen und zu fragen. Mit den Erfahrungen von Geborgenheit, Sicherheit, Behütetsein in der lang vertrauten Heimat - doch danach auch wieder mit Aufbruch, mit Wagnis, mit Gefahren und Sorgen. Termine und Strukturen - die gehen uns nie aus - jeder Tag präsentiert uns Dinge, die wir tun müssen oder selber gerne tun möchten. Alle diese Aufgaben bleiben sich nicht gleich - sie wechseln, sind mal leicht zu schaffen, erfüllend und erfreulich - und dann wieder  schwer, unerträglich und voller Mühe.
Josua sah damals hohe Berge vor sich, Wälder, dahinter erblickte er grüne Weiden und  frisches Wasser. Ein buntes Mosaik, mit verschiedenen Teilen - doch überall, wohin er auch ging,  konnte er  finden, was nötig war für sein Volk zum Überleben.
Wir müssen es also oft  nur wagen, weiterzugehen und dabei Gutes zu erwarten. Wir können Gott die Führung überlassen, uns tragen lassen von ihm. Er lässt uns nicht los, er kennt unser Ziel.  Denn das verspricht uns Gott ganz fest: "Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein."
Dieser Satz ist Evangelium, frohe Botschaft mitten im Alten Testament: "Ich bin mit dir. Ich verlasse dich nicht, du fällst nicht in die Tiefe. Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist."
Wir brauchen es sehr, dass Gott auf diese Art mit uns spricht: Denn getrost sein können wir leichter, wenn es einen Tröster für uns wirklich gibt; unverzagt leben wir, wenn einer unsere Zweifel überwindet. Mut, der sich an Gott als die Quelle der ewigen Liebe gebunden weiß, wird sich also nie selbst überfordern oder in die falsche Richtung steuern.
Zehn Wegweiser gibt es für unsere Lebensreise vom Herrn der Zeit: Gott verweist Josua hierbei auf seine Gebote, die Maßstab sind für Besonnenheit und Glück. "Nicht davon weichen" soll Josua von diesen Vorschriften, nicht nach links und rechts, nichts ins Negative hin verändern, nichts zerstören, aber vieles darauf gründen. An schwierigen Punkten kann er Hilfe suchen – beten, klagen. Wichtig ist, dass er Gott vor Augen hat bei dem, was er wünscht. Denn wie leicht können wir die Bindung an Gott verspielen, wenn wir uns beherrschen lassen von anderen Kräften, von zu viel Ehrgeiz, zu vielen Wünschen nach Selbstverwirklichung und Macht. Oder wenn wir nicht mehr nach Gott fragen, sondern nur dem Zeitgeist nachjagen und uns bestimmen lassen von dem, was "man" so über uns sagt.
Wir sollten sensibel und aufmerksam sein, um nicht in die Falle des Egoismus zu stolpern, die darin besteht, Gott ganz zu streichen aus dem Lebensentwurf. Dann wäre vieles sehr trostlos, dunkel, düster  - wie eine Reise durch ein finsteres Tal, ohne guten Freund. So wünschen wir uns dies sicher nicht. Darum tut es gut, jemanden zu haben, der uns liebt: Zum Beispiel eine Familie, die zusammenhält und uns berät. Sie, Sabrina und Jonas, sind für Marlon solch ein Halt. Sie, zusammen mit Ihren Verwandten, Ihren Freunden, und dieser Gemeinde.
Es ist eine neue Verantwortung, die Marlon in Ihr Leben gebracht hat - noch ist er völlig klein und sehr schutzbedürftig. Sie geben die Richtung vor für alles, was er tut, sind die Menschen, die er am allermeisten braucht - aber gerade darin liegt auch Ihr besonderes Glück.
Gott hat Marlon glücklicherweise Gesundheit gegeben und sehr positive Gefühle. Er wird ihm ebenfalls helfen, diese Welt für sich zu entdecken. Sie sind also  nicht allein bei der großen Aufgabe, Ihr Kind anzuleiten und ihm Geborgenheit zu schenken. Inmitten aller Menschen, die ihn lieben, wird er seinen Platz im grünen Land schon für sich erobern - , beschützt von Gott, voller Fröhlichkeit und Mut - darauf können wir ganz fest vertrauen.
"Sei getrost und unverzagt - lass dir nicht grauen." Das kann Marlon  sich selber später einmal vorsagen, falls er Angst hat oder befürchtet, einer großen Herausforderung nicht ganz gewachsen zu sein. Sie, als seine Eltern, haben ihm ihren christlichen Glauben anvertraut. Marlon, der von Tag zu Tag größer und einmal erwachsen wird, wird diesen Glauben gestalten und hoffentlich sehr bestärkt sein durch ihn. Gebe Gott ihm ein mutiges Herz, damit er Freude hat an vielem Neuen und vor allem das Schöne in unserer Welt sieht. Und auch für uns, als seine Gemeinde und Geschwister, bitten wir um solchen Trost und solche  Zuversicht an jedem neuen Tag.



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Christen schauen ohne Furcht nach vorn -

Christen schauen ohne Furcht nach vorn -
Predigt in der Emmaus-Gemeinde/Erlöserkirche am 2. Advent (07.12.2014)
Dr. Christoph Weiling
 
 
Der Predigttext steht aufgeschrieben im 21. Kapitel des Lukasevangeliums:
25 Jesus spricht: Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist.
31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.
32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.
 
Liebe Gemeinde!
Wem überlässt du deine Zeit? Wem überlässt du deine Zukunft? Das sind die Fragen, die sich aus dem heutigen Evangelium ergeben. Wir hören vom Brausen des Meeres und Zeichen am Himmel – vor unserem inneren Auge stellen sich dazu Bilder ein, die leicht die Überhand gewinnen können. Wir denken an Naturkatastrophen und Weltuntergangsszenarien. Die Sendungen im Fernsehen sind übervoll davon. Das Wichtigere, Entscheidende der Jesus-Worte kann dabei leicht auf der Strecke bleiben. Es ist der Gegensatz: „Die Menschen vergehen vor Furcht; Ihr aber erhebt eure Häupter!“
Martin Luther lebte vor 500 Jahren in einer Zeit, in der vom Weltuntergang wohl nicht seltener die Rede war als heute. Sein Kommentar dazu ist überliefert: „Und wenn morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“
Um die richtige Einstellung geht es, um den richtigen Glauben auch. Wer wie Luther denkt, der macht sich schon seine Gedanken über das Schicksal der Welt und die Zeichen der Zeit, aber er weiß zugleich: „Was auch immer geschieht, es geht auf Gott zu. Denn unsere Zeit steht in seinen Händen. Er steht am Ende. Und er nimmt uns in seine Hände.“
Auf die richtige Einstellung kommt es an. Gehen wir wirklich erhobenen Hauptes durch das Leben, wie es sich Jesus wünscht? Behalten wir auch im Angesicht von Katastrophen unser Gottvertrauen?
Ein Film kommt mir in den Sinn. Er lief neulich im Spätprogramm. Ich habe ihn daher nicht mehr in allen Einzelheiten in Erinnerung. Aber in Grundzügen ging die Geschichte so: 
Eine wartende Hochzeitsgesellschaft, abgeschieden in einem herrschaftlichen Haus auf dem Lande. Das Hochzeitspaar ist auf dem Weg - aber schon von Beginn an geht es nicht so recht voran. Die Frischverliebten bleiben auf dem Weg zur Feier immer wieder mit ihrem Wagen stecken. Nur mühsam geht es weiter. Ein erstes, wenig erfreuliches Omen für den weiteren Verlauf des Abends. Denn die Braut leidet unter Schwermut. Daran ändern auch kurze Momente der Heiterkeit nichts, um die sich der Bräutigam immer wieder bemüht.
Es kommt zu Misstönen, die Reden werden launischer, man merkt bald: In dieser Hochzeitsgesellschaft ist vieles nicht in Ordnung, ist vieles mehr Schein als Sein. Und während die Braut immer merkwürdiger wird, wird ihre Schwester, die das ganze Fest organisiert hat, zunehmend nervöser. Parallel zu dieser sehr irdischen Katastrophe nähert sich auch noch ein fremder Planet der Erde, bewegt sich immer schneller, anscheinend auf Kollisionskurs. Man kann es durch ein Fernglas sehen. Beim Blick hindurch wird die labile Braut ruhiger und klarer; dafür gerät die Schwester nun in Panik. Angesichts des nahenden Planeten verliert sie zunehmend die Fassung, während die Braut das Ende der Welt geradezu herbeisehnt.
Wir haben in diesem Film - „Melancholia“ heißt er übrigens - ein Gleichnis unserer Zeit und unserer Gesellschaft vor Augen. Er zeigt anschaulich, wie wir Menschen mit der unabwendbaren Katastrophe unserer eigenen Sterblichkeit umgehen. Ganz unterschiedlich sind die Reaktionen. Die Braut ist geradezu todessehnsüchtig. Das Ende aller Dinge würde sie von dem enormen Druck der zahllosen Erwartungen befreien, denen sie sich ständig ausgesetzt sieht.
Ihre Schwester dagegen vergeht vor Angst, wird immer hysterischer. Sie verhält sich ganz so, wie Jesus es beschrieben hat: „Die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde.“
Und dann ist da noch der Schwager der Braut. Beispielhaft auch er, weil er bis zuletzt nicht an die Katastrophe glauben will. Er stellt sogar Berechnungen an, die beweisen sollen, dass der große Zusammenstoß ausbleibt. Als er sich schließlich doch der Wahrheit stellen muss, wird deutlich, dass er dazu nicht fähig ist. Sein kühles Vernunftdenken hat die eigene Befindlichkeit konsequent ausgeblendet. Er ist nicht in der Lage, mit seiner Endlichkeit umzugehen.
In allen drei Hauptdarstellern wird den Menschen unserer Zeit ein Spiegel vorgehalten. Man spricht oft von einer Spaßgesellschaft. Da ist die Hochzeitsfeier eine perfekte Metapher. Nach außen wird so getan, als sei alles in Ordnung. Die Menschen wollen sich nur noch damit beschäftigen, was ihnen Spaß bereitet. Sie wollen gut unterhalten werden. Um die schwierigen Themen wird ein Bogen gemacht, der Tod wird tabuisiert. Doch unter der Oberfläche der Spaßkultur finden wir Leere und Verzweiflung. Viele trudeln durchs Leben, ohne eine Hoffnung auf ein Jenseits oder eine Erlösung.
Die Botschaft des Films ist freilich negativ und wenig menschenfreundlich. Am Ende weiß der Zuschauer selbst nicht mehr, was an dieser Welt noch rettenswert sein soll. Da kriechen Weltekel und die Lust an der Vernichtung allen Lebens „wie eine Schlange ins Bewusstsein“. So war in einer Filmkritik zu lesen. Da kommt mir die Bibel in den Sinn: War nicht auch am Anfang die Schlange ein Bild für das Böse, das sich in die Gedanken des Menschen hineinschleicht? Am Anfang war es die Vermessenheit – hier ist es die Schwermut, die von Gott wegführt. Auf den Punkt gebracht: Die Welt ist schlecht, warum soll sie also nicht untergehen?
In flüchtigen Bildern wird eine fatalistische Weltuntergangsstimmung erzeugt, in der Gott keinen Platz findet. Aber ich nehme auch das als eine Aussage über die Lage unserer Gesellschaft. Da wären dann also drei Stimmungen vertreten: Die des Fatalismus, also der geheimen Untergangssehnsucht – verkörpert durch die Braut und den Film insgesamt; die der Angst und Panik – verkörpert durch die Schwester der Braut; und die des kalten Rationalismus – verkörpert durch ihren Schwager.
Wozu gehören nun wir? Oder sollen und müssen wir als Christenmenschen nicht gerade eine weitere, eine vierte Haltung entwickeln?
Ich kenne die leise Stimme des Fatalismus gut. Gerade in der Vorweihnachtszeit höre ich sie oft. Die Menschen sind überfordert. Sie sind überlastet. Es fehlt ihnen allerorten an Zeit und Muße. Im Dauerstress häufen sich auch noch die Konflikte. Der Frust ist groß. Da wird es manchen einfach zu viel. „Wann kommt denn endlich einer, der mit all diesem Schluss macht?“ fragen sie sich. Geheime Sehnsucht nach dem Weltuntergang. Manchmal sogar christlich verklärt: „Wenn Jesus doch bald wiederkäme und der ganze Mist ein Ende hätte!“
Bedenklich werden solche Rufe dann, wenn sie nicht mehr Ausdruck einer vorübergehenden Verzagtheit sind, sondern Ausdruck einer tiefen Verlorenheit. Wenn Menschen sich restlos ausgebrannt fühlen, möchten sie sich am liebsten nur noch hinlegen und sterben.
Wem überlasse ich meine Zeit? Darf ich der Schwermut so viel Platz in meinem Leben geben?
Die Panikmacher vertreten das andere Extrem. Sie versuchen sich in das Machen und Tun zu retten. Aber es gibt Dinge, die nicht aufzuhalten sind. Mit solchen Grenzen tun sie sich schwer. Sie möchten am liebsten Himmel und Erde in Bewegung setzen. Aber sie haben auch keinen Überblick und verzetteln sich. Wir alle kennen solche Menschen. Sie sind die Sentimentalen, die Gefühlsbetonten. Manchmal denken wir: Wie gut, dass es sie gibt, weil wenigstens sie sich einbringen und engagieren! Ihnen scheint nicht alles schon egal zu sein.
Aber zu fragen ist doch, ob da nicht manchmal eher ein Geltungsbedürfnis zugrunde liegt. Es gibt ein Gutmenschentum, der nicht dem Wunsch entspringt, die Welt zu retten, sondern dem egozentrischen Wunsch nach Anerkennung. Es gibt Helfer, die nur helfen, damit ihnen geholfen wird. Menschen, die ständig bewegt und besorgt tun, bei denen aber nicht die Sache im Vordergrund steht (also etwa der Schutz der Umwelt oder die Bewahrung des Friedens), sondern bloß ihre eigene Eitelkeit. Sie können bei allem, was sie tun und machen, ganz schön aufgeblasen sein.
Und dann die Dritten: Sie gelten als die nüchternen Realisten. Man findet sie bei den Akademikern, den wissenschaftlich Gebildeten vielleicht mehr als in anderen Gruppen. Ihnen geht aber oft das Gespür für andere ab. Sie sind nicht fähig, sich emotional auf andere einzulassen. Sie blenden die Dinge aus, denen nicht mit der Vernunft beizukommen ist. Ihnen fehlt auch die Einbildungskraft. Sie glauben nur, was sie sehen. Sie halten sich an das, was man berechnen und ausrechnen kann. Sie sind die Freunde von Kurven und Statistiken. Sie haben keine Phantasie. Sie klammern sich an die Fakten. Sind aber zutiefst verstört, wenn Dinge auf sie zukommen, die nicht in ihre Raster passen. Sei es – wie im Film – ein wandernder Planet, sei es die eigene Endlichkeit, sei es Gott.
Gefühlskalte Verstandesmenschen, hektische Aktivisten, trübsinnige Fatalisten – bilden das Kaleidoskop unserer Gesellschaft. Auf je ihre eigene Weise scheitern sie an der großen Herausforderung, scheitern an der letzten Grenze, scheitern dort, wo das Menschenmögliche endet, scheitern dort, wo einerseits Demut nötig wäre, andererseits Phantasie. Sie überlassen sich und ihre Lebenszeit dem Lebensüberdruss, der geschäftigen Sorge um das eigene Ich oder dem kühlen Kalkül.  
Die Haltung des Fatalisten wirkt beinahe am christlichsten: Gibt er sich nicht demütig hin? Aber er tut es ja viel zu früh! Man hat den Eindruck, dass das Unmögliche bei ihm bereits dort beginnt, wo bei anderen das Leben erst richtig anfängt: Dort, wo Verantwortung gefragt ist. Dort, wo noch etwas getan und bewegt werden kann. Sein Verhalten macht einen geradezu nihilistischen Eindruck, hat nichts von gläubiger Ergebenheit, sondern von einer Haltung, der alles egal ist. „Es ist doch ohnehin alles umsonst!“ lautet seine Devise.   
Nun aber soll es noch eine vierte Haltung geben, einen vierten Menschentypus, den gläubigen Menschen! Den „Adventsmenschen“ will ich ihn nennen; weil er auf den Advent Gottes, auf sein Kommen setzt. Er ist ein Mensch des aufrechten Ganges und des erhobenen Hauptes. Er blickt nach vorne. Ergeben. Aber nicht ergeben in ein blindes Schicksal. Er weiß, dass sein Blick einmal die Blicke eines anderen kreuzen wird; und dass dessen Angesicht ihn erleuchten und erheben wird.
Die Vierten, das sind all jene, die aufsehen und ihre Häupter erheben, weil sie nicht an Vernichtung, sondern an Erlösung glauben.
Der Schwermütige glaubt an das Vergehen und macht aus dem Vergehen sogar seine einzige Hoffnung; wir aber glauben daran, dass es Dinge gibt, die nicht vergehen - selbst, wenn Himmel und Erde vergehen mögen.
Gott vergeht nicht. Seine Worte vergehen nicht. Seine Liebe vergeht nicht. Und auch die Seelen, die sich durch seine Liebe bewegen lassen, vergehen nicht. In ihm leben sie alle. In einer Welt, wo es Raum und Zeit nicht mehr gibt, alles vielmehr eins ist in ihm.
Müssen wir Angst haben vor dem Reich Gottes? Müssen wir uns sorgen, dass wir einmal gehen müssen und er auf uns zukommt?
Wenn wir Glauben haben, müssen wir das nicht. Anders als die Schwarzseher können wir sagen: „Es ist nicht alles umsonst! Im Gegenteil: Nichts ist umsonst, nichts vergeblich!“
Anders als die Ängstlichen lassen wir uns nicht von der Sorge und der Angst beherrschen. Es ist doch meist nur die Sorge um das eigene Ich. Wir kennen einen, der die Welt mit ihren Problemen und Problemchen überwunden hat; der vielmehr eine neue Welt erschafft, wo es keinen Hunger, kein Leid, keine Armut mehr geben wird.
Und anders als die Zweckrationalisten haben wir Phantasie. Wir wissen nicht alles. Und müssen gar nicht alles wissen. Auch Gott bleibt für uns das große Mysterium. Wir aber verlassen uns darauf, dass er uns kennt und dass er vollenden wird, was wir (als seine kleinen Geschöpfe) gar nicht vollenden können.
Wir Christen sind anders. Wir legen nicht die Hände in den Schoß. Wir müssen mitmischen! Wir sind als Adventsleute unterwegs. Wir schauen nach vorne nicht wie Schwarzmaler oder Hellseher, nicht wie Angstmacher oder Zweckoptimisten. Wir lassen den Kopf nicht hängen und behalten gerade darum die Übersicht. Wir bauen darauf: Die Zukunft ist Gottes Zukunft.
Unser einziges Problem: Sie ist immer noch Zukunft. Es fehlt seine Ankunft. Der ganz große Advent steht noch aus. Dass am Ende unserer Zeit aber nicht irgendein Stern auf die Erde fällt, sondern Jesus Christus auf uns zukommt, das bleibt unsere Hoffnung. Und diese Hoffnung überwindet sogar die Sorge um unsere Sterblichkeit.
Darum pflanzen wir unsere Bäumchen, was auch immer morgen passieren mag!



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Reformation und Politik

Predigt zum Reformationstag:
"Reformation und Politik"
Pfarrer Dr. Christoph Weiling

Kirche und Politik – ein heikles Thema bis heute. Die einen sagen, Politik habe in der Kirche nichts zu suchen; die anderen sagen, dass sich die Kirche durchweg mehr in die Politik einmischen solle. Atomkraft, Aufrüstung, Apartheid und Rassismus – noch in den 80er Jahren wurde erbittert in der Kirche um den rechten Weg gestritten. Nicht selten hatte man das Gefühl, dass die einen den anderen ihr Christsein absprachen. Heute wird weniger hitzig gestritten. Dennoch sind die politischen Fragen, die uns bewegen, brennend.  Die Zahl der Flüchtlinge, die bei uns in Deutschland Aufnahme suchen, steigt. Der Konflikt in der Ukraine kostet nach wie vor Menschenleben. Der Vormarsch des militanten Islam bis an die Grenzen Europas schockiert nicht weniger als das Vordringen der fürchterlichen Ebola-Seuche. All dem gegenüber wirken unsere Politiker oft mehr als Zuschauer denn als Handelnde.
Nein, die Kirche kann nicht selbst Politik treiben. Das wäre lächerlich. Aber sie kann die Politik an ihre Aufgaben erinnern und ihr Wort machen, kann dort antreiben und motivieren, hier bremsen und mahnen. - Das kann sie tun. Sie muss sich dabei aber im Klaren sein, von welchen Voraussetzungen sie selbst ausgeht und von welchen Voraussetzungen aus Politik gemacht wird. Denn wenn sie bloß aus politischen Sympathien oder Antipathien handelt, macht sich Kirche unglaubwürdig. Dafür braucht es keine Kirche. Dafür kann man besser selbst Partei werden und in die Politik einsteigen.
Allerdings ist die Bibel wenig geeignet für Parteiprogramme. Ihr geht es darum, wie Christen christlich leben sollen – zum einen gegenüber ihren Mitbrüdern, zum anderen in einer Gesellschaft, die noch weitgehend unchristlich ist. Die Handlungsanweisungen der Bergpredigt zielen auf Nächstenliebe, insbesondere im Hinblick auf die Geschwister im Glauben, aber auch im Hinblick auf jene, die dem Christentum feindlich sein könnten. Da soll man wenig Anstoß geben und möglichen Feinden durch Entgegenkommen den Hass gegen die Christen nehmen - also auch einmal die andere Backe hinhalten!
Wenn nun alle Welt christlich wäre und sich wahrhaft christlich verhielte, wären solche Weisungen sogar überflüssig.  Denn wenn alle Menschen aus Liebe handelten, wäre ja alles gut. Leider aber sind wir davon weit entfernt: Das Schlechte im Menschen hat die Überhand. Wer meint, die Menschheit verbessern zu können allein durch kluge Ideen, der ist reichlich naiv. Selbst wir Kirchenchristen verhalten uns ja nicht immer christlich.
Weil nun aber das Böse in der Welt mächtig ist, braucht es eine starke Macht, die es eindämmen kann. Das ist eine der Grundeinsichten Martin Luthers. Der Reformator ist alles andere als naiv. Er hat ein sehr realistisches Menschenbild. Darum ist für ihn alles, was Ordnung ins Chaos bringt, dem Bösen widersteht und ein stabiles Lebensgefüge ermöglicht, richtig und unterstützenswert. Und nicht nur das: Es entspricht dem Willen des Schöpfers, dass es Ordnungen gibt, die das Zusammenleben der Menschen garantieren. Die Ehe, die Familie, aber auch der Staat sind für Luther Dinge, in denen der Schöpfer segensreich auf dieser Erde wirkt. Zum Heil und zur Erlösung wirkt er durch Jesus Christus und den Heiligen Geist in den Herzen – aber damit die Menschen davon erfahren, bedarf es zunächst einmal Lebensordnungen und Lebensmöglichkeiten.
Man hat das später „Zwei-Reiche-Lehre“ genannt, auch wenn der Begriff bei Luther nicht auftaucht. Er redet lieber von zwei Weisen, wie Gott für seine Welt sorgt. Da ist zum einen sein ordnendes und bewahrendes Wirken, welches dem Bösen widersteht; da ist zum anderen sein geistiges Wirken, das nichts als Liebe will. Zum einen geht es um die äußeren und sichtbaren Formen des Zusammenlebens, zum anderen um die Herzen und die Veränderungen, die sich im Inneren des Menschen abspielen. Um diese ist es Gott eigentlich zu tun, aber durch das andere schafft er die Rahmenbedingungen. (1)
Nun hat man Luther vorgeworfen, dass er die Menschen zur Untertänigkeit erzogen habe. Seine Gegner haben ihn einen „Fürstenknecht“ genannt, weil er auf Seiten der Mächtigen gestanden habe. Tatsächlich haben sich Konservative gerne auf Luther bezogen.  Und in der Tat schärft er im Katechismus ein, dass die staatliche Obrigkeit zu ehren sei, ja „für den teuersten Schatz und das köstlichste Kleinod auf Erden“ zu achten. (2)
Dennoch ist Luther kein Speichellecker. Er bekennt sich zu seinen Anschauungen sogar im Widerspruch zur größten politischen Macht seiner Zeit: dem Kaiser. Schon daran merken wir, dass er nicht unkritisch gegen den Staat ist. Die Reformation will, dass zwischen Glaube und Politik scharf geschieden wird. Denn heillos ist ebenso eine Kirche, die Politik betreibt, Kriege führt und wie ein Fürstentum regiert wird, wie ein Staat, der auch die Gewissen lenken und über den Glauben seiner Untertanen bestimmen will. Das ist aber eben das Normale im Mittelalter gewesen – und so beginnt mit Luther die Moderne, die Neuzeit! Er weist Kirche und Staat wieder ihre eigentlichen Aufgaben zu. Was er dabei von der Kirche verlangt, ist bekannt: Konzentration auf das Wort Gottes, Prüfen der Geister, Förderung christlicher Unterweisung, aber auch eine weitgehende Freiheit von Zwängen. Weniger bekannt ist, was er von der Politik erwartet. Er ist aber keineswegs so, dass er hier nur schweigt. Er steht in regem Austausch mit den Staatsmännern und Politikern seiner Zeit. Viele unterstützten ihn. Dennoch biedert er sich bei keinem an. Ihm geht es darum, die Obrigkeit aufzuklären und an ihre eigentlichen Aufgaben zu erinnern. Gewiss, er stellte die Regierungsform seiner Zeit nicht infrage. Die Staatsmacht – das sind für Luther in aller Regel Fürsten, nicht gewählte Abgeordnete. (Erst in den freien Städten wie Dortmund oder Hamburg beginnt zaghaft die Entwicklung in diese Richtung.) Aber deswegen sind die Fürsten nicht Gottes Stellvertreter auf Erden. Vielmehr kann Gott sie ebenso absetzen wie einsetzen. Auch sie sind nur Menschen.
Luther fordert darüber hinaus eine weise und kluge Staatsführung. Denn ebenso wenig wie Ehe und Familie unterliegt die staatliche Ordnung der Beliebigkeit. Dem Herzog Johann Friedrich, dem Neffen Friedrichs des Weisen, schreibt er: „Weltliche Gewalt ist schuldig, ihre Untertanen zu schützen. Nur deshalb trägt sie das  Schwert. Auch sucht sie darin nicht ihr Eigenes, sondern des Nächsten Nutzen. Denn Gott hat verordnet, den Bösen zu steuern, doch so, dass solcher Schutz nicht mit viel größerem Schaden geschehe.“ (3)
Das Schwert, also alle exekutive Gewalt, wie wir heute sagen würden, ist allein dazu da, die Untertanen, also die Bürger eines Landes, zu beschützen.  Wenn die Politik diese Gewalt zum eigenen Nutzen gebraucht, dann widerspricht das Gottes Anordnung. Das aber ist das Wesen jeder Diktatur, dass sie die Staatsmacht nicht zum Schutze der Untertanen einsetzt, sondern um sie zu bespitzeln, zu verhaften, zu knechten. Doch nicht nur soll es erkennbar um den Schutz der Bürger gehen; es soll die Obrigkeit, also die Politik, dabei auch maßvoll bleiben. Luther denkt an manche Kriegszüge, die aus berechtigtem Interesse angefangen wurden, aber zu großen Verwüstungen führten. Um angemessen zu handeln, muss gute Obrigkeit abwägen können und das große Ganze im Blick behalten: „Es muss ein Herr oder Obrigkeit mehr darauf sehen, was dem Ganzen dient als einem Einzelnen.“ (4)
Ein weiser Fürst richtet seinen Sinn darauf, „dass er seinen Untertanen nützlich und dienlich sei, und nicht so denke: Land und Leute sind mein, ich will´s machen, wie mir´s gefällt, sondern so: Ich bin des Landes und der Leute, ich soll´s machen, wie es ihnen nützlich und gut ist.“ (5) - Das klingt nicht nach Absolutismus, sondern nach Aufklärung, nach einem Herrscher, der der erste Diener des Staates sein will, ja, der bei „Staat“ weniger an seine Behörden und Einrichtungen denkt als vielmehr an die einfachen Menschen, für die er Verantwortung trägt.
Es würde mancher Luxus und manche Verschwendung unterbleiben, wenn auch unsere heutige Politik so denken würde. Mir kommen da Großprojekte wie der Berliner Flughafen in den Sinn, bei dem offenbar nicht gefragt wurde, was denn nützlich und gut für die Menschen ist. „Gar mancher liebe Tanz, Jagd, Rennen und Spielen müssten unterbleiben“, sagt Luther, „wenn die Obrigkeit ihre Untertanen ihrem Amt nach betreuen und versorgen würde.“  (6)
Sehr klar markiert Luther die Aufgaben der Politik: Ordnung zu schaffen, also Feuer, Seuchen, Anschläge, Aufruhr und allerlei Gefahren abwenden. Das alles ohne Ansehen der Person. Sie ist aber nicht nur für die öffentliche Ordnung zuständig, also für Ruhe, Sicherheit und Frieden, sondern hat auch dafür zu sorgen – man höre und staune – dass Ordnung gehalten werde „in allem Handel und Kauf, auf dass die Armen nicht beschweret und unterdrückt werden“. (7)
So im Großen Katechismus. Bereits 1529 erinnert Luther die Politik an ihre soziale Verantwortung! Wo es eine völlig freie und ungeregelte Marktwirtschaft gibt, haben wir es mit schlechter Politik zu tun. Gute Politik muss sich einmischen. Sie darf „nicht hängen an den Hohen und Reichen, und nicht fliehen die Niedrigen und Armen“. (8)
Und noch auf einem weiteren Felde muss Politik tätig werden: Regieren bedeutet auch, „die Kinder zur Schule heranzuziehen“. (9) Gute Politik trägt Verantwortung für die Jugend und schreibt das Thema „Bildung“ groß.
Zu alledem ist nötig, dass die Staatsführer ihr Land kennen. Sie können sich nur dann richtig kümmern, wenn sie es „bereisen und allenthalben besehen, wie man regiert und richtet“. (10) Die ersten Ansätze zu einer Gewaltenteilung werden hier erkennbar; Kontrolle über untere Behörden, aber auch echte Bürgernähe werden gefordert. Gute Politiker kennen die Probleme ihres Landes aus eigener Anschauung und lassen sich nicht durch Schmeichler beirren.
Je mehr ich Luther lese, desto sympathischer wird mir der angebliche Fürstenknecht. Wenn Politik sich in der Tat so kümmert, wie Luther es verlangt, dann darf auch von den Bürgern verlangt werden, dass sie ihren Staat unterstützen und sich das etwas kosten lassen.
Luther schreibt nicht nur der Politik ins Stammbuch, welches ihre eigentlichen Aufgaben sind, er sagt auch, auf welcher Grundlage das alles zu geschehen hat. Den Begriff „Rechtsstaat“ kennt er zwar noch nicht, aber bereits für ihn ist die Frage des Rechtes entscheidend. „Soll die Welt bestehen, muss man Vernunft, Weisheit und Recht haben.“  (11)
Bemerkenswert dann folgender Satz: „Wie, wenn ein Fürst unrecht hätte, ist ihm sein Volk dann auch schuldig zu folgen? Antwort: Nein. Denn gegen das Recht gebührt niemand zu tun; sondern man muss Gott (der das Recht haben will) mehr gehorchen als den Menschen.“ (12)
Der Staat also kein Selbstzweck, sondern ein Diener des Rechtes. Wobei Vernunft und Klugheit dazu helfen sollen, dass Politik nicht bloß formal richtig handelt, sondern die Gesetze auch auf ihren Nutzen für die Allgemeinheit hin prüft. Die Vernunft ist der „Rechtsbrunnen“ (13), an den alles schriftliche Recht zu binden ist. Das richtet sich gegen jede Willkür. Daraus ergibt sich sogar ein Widerspruchsrecht: Wenn einer die Wahrheit und das Recht unterliegen sieht, das Unrecht aber obsiegen, dann darf er nicht schweigen und alles so gehen lassen, sondern muss dem wehren und dagegen reden!  (14)
Es sind schon starke Keime erkennbar in der Reformation, die in Richtung Rechtsstaatlichkeit, Vernunftrecht und soziale Verantwortung treiben. Dass wir einmal in einer Demokratie leben würden, in der die Obrigkeit Repräsentant des Volkes ist, dass es Bürgerrechte gibt und eine freie Presse, das wird Luther wohl nicht geahnt haben. Fraglich auch, wie weit er es begrüßt hätte! Denn er hat doch auch eine große Skepsis gehabt gegen alle Bewegungen von unten, die das Recht in die eigenen Hände nehmen wollten. So hat er den Bauernaufstand verdammt und geraten, ihn niederzuschlagen. Nicht, weil die Bauern im Unrecht seien, sondern weil der Aufruhr „keine Vernunft hat und mehr die Unschuldigen als die Schuldigen trifft und mehr Schaden als Besserung nach sich zieht“. (15) Luther sieht zwar, dass die Aufständischen das Recht auf ihre Fahnen geschrieben haben, aber auch, wie sie - dadurch enthemmt - unschuldiges Blut vergießen und sich so ins Unrecht setzen.
Darum plädiert Luther zwar nicht gegen politische Veränderungen, aber sie sollen sehr moderat erfolgen. Selbst wenn ein Land von einem Tyrannen regiert würde, solle man ihn besser nicht ermorden. Das würde nur Schule machen und die Willkür fördern. (16) Einen verrückten Herrscher dürfe man wohl absetzen und in Sicherheitsverwahrung nehmen, aber wo noch ein Funke Vernunft vorhanden ist, da setzt Luther auf die Möglichkeit der Einsicht und seine Fähigkeit, den Menschen ins Gewissen zu reden. (17) Anstelle bewaffneten Aufruhrs empfiehlt er im Extremfall die Gehorsamsverweigerung oder die Auswanderung in ein freies Land. (18, 19)
Luther und die Politik – ein weites Feld. Was trägt es für heute aus? Wir leben nun in einem Rechtsstaat. Gesetze sind bindend. Zu ihrer Findung bedient sich die Politik der Vernunft und der Gewissensbindung des Einzelnen. Aufregungen und Gefühlsausbrüche haben in der Politik nichts zu suchen, sie muss sachlich bleiben. Religion und Politik sind getrennt. Es herrscht Glaubensfreiheit. So weit, so gut. Dies sind die großen Errungenschaften der Reformation, die unbedingt erhalten bleiben müssen! Wir sehen, welches Unheil in anderen Ländern herrscht, wo von alledem noch keine Rede sein kann.
Aber was ist mit der Kernaufgabe jeder Obrigkeit: die Untertanen zu schützen? Bis heute hat sich hierfür ein altertümlicher Begriff erhalten: Es geht um die „hoheitlichen“ Aufgaben des Staates, die Aufgaben also, für die Hoheit beansprucht werden darf, auch das Recht, Gewalt auszuüben. Und nun erleben wir in diesen Tagen, dass das Gewaltmonopol des Staates ausgehöhlt ist. Hoheitliche Aufgaben werden an private Firmen vergeben – und schon haben wir unsägliche Zustände, dass Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, um hier Schutz zu erbitten, sich schlimmsten Übergriffen ausgesetzt sehen.  Hier ist es dringend nötig, dass elementare Aufgaben des Staates wieder durch die Politik an den Staat zurück gegeben werden. Wenn gespart werden muss, dann bitte nicht bei der Sicherheit!
Und wenn gespart werden muss, dann bitte auch mit Verstand und Augenmerk bei den Dingen, die die Souveränität nach außen betreffen. Wenn eine Luftbrücke nicht hergestellt werden kann, weil die Flugzeuge der Bundeswehr nur bedingt einsatzbereit sind, dann ist das beschämend. Politik versagt dort, wo es nicht gelingt, Schutzbedürftige zu schützen und dem Bösen zu widerstehen.
So kommen wir zuletzt zur Frage von Krieg und Frieden! Unter echten Christen kann es nur Frieden geben. Frieden ist Gottes eigentlicher Wille für uns Menschen und seine Verheißung. Aber weil wir Menschen so unfriedlich sind, braucht es einen wehrhaften Staat. Das heißt nun keineswegs, dass unsere Politiker den „Eisenfressern folgen sollen, die hetzen und aufreizen, Krieg anzufangen“. (20) Sondern zuallererst gilt dieses: „Weltliche Obrigkeit ist nicht von Gott eingesetzt, dass sie Frieden brechen und Kriege anfangen solle, sondern dazu, dass sie den Frieden handhabe und den Kriegern wehre!“ (21)
Das ist ein wahrhaft zentrales Lutherzitat, das nichts an seiner Wichtigkeit eingebüßt hat. Krieg ist danach zu meiden, solange es geht. Denn die Schäden, die jede Kriegführung verursacht, sind kaum abzusehen. Immer trifft es auch Unschuldige. Trotzdem kann ein Augenblick kommen, wo man nicht länger abseits stehen kann. Wenn ganze Regionen verwüstet, Gräuel begangen, Andersdenkende massakriert, Frauen und Kinder in den Tod getrieben werden, macht sich ein Pazifist, der tatenlos zuschaut, mitschuldig. Luther würde kein Verständnis dafür haben, denn die muslimischen Terrorbanden des "Islamischen Staates" stehen ja geradezu beispielhaft für das Böse im Menschen. Werkzeuge des Teufels würde Luther sie nennen, weil es ihnen um Tod und Zerstörung geht – und das auch noch unter missbräuchlicher Anrufung Gottes. (22) Solchen Teufelsdienern gilt es entschlossen zu widerstehen und nicht abzuwarten.
Ich kann daher in der heutigen Situation, in der Christen um die rechte Haltung zum Krieg ringen, keine andere Stimme finden, die so klar und deutlich sagt, was zu tun ist, wie die Stimme Luthers. 1526 schreibt er, ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können; und er macht ihnen und jenen Politikern ein gutes Gewissen, denen der Krieg aufgezwungen wird: „Denn man muss den Krieg unterscheiden: etlicher wird angefangen aus Lust und freiem Willen, ehe denn ein anderer angreift, etlicher aber wird einem aus Not und Zwang aufgedrungen, nachdem er von einem andern angegriffen ist. Der erste mag wohl ein mutwilliger Krieg, der andere ein Notkrieg heißen. Der erste ist des Teufels, dem gebe Gott kein Glück. Der andere ist ein menschliches Unglück, dem helfe Gott.“ (23)
Es ist niemals „christlich“, Krieg zu führen und andere töten zu müssen. Krieg ist und bleibt ein Unglück, ist schlimmer als jede Naturkatastrophe, ebenso wenig beherrschbar wie eine Epidemie. Selbst manche „Notkriege“ der Geschichte sind bald eskaliert und waren dann kaum mehr als solche zu rechtfertigen. Aber doch kann es die Aufgabe der Politik sein, dieses Unglück (eines Notkrieges) in Kauf zu nehmen, um ein noch größeres Unheil zu verhindern. Die vornehmste Aufgabe aber aller Politik ist es, den Frieden so zu gestalten, dass es keine Kriege gibt. Dazu braucht es Weitsicht. Und dazu helfe uns Gott.
 
 



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Worte zur Einheit

Worte zur Einheit

Predigt in der Emmaus-Gemeinde/Erlöserkirche am 17. Sonntag nach Trinitatis (12.10.2014) 
Pfarrer Dr. Christoph Weiling
 
Die Worte für die Predigt lesen wir im Epheserbrief, Kap. 4, Verse  1-7:   
1 So ermahne ich euch nun, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld.
Ertragt einer den andern in Liebe 3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:
4  ein Leib und ein Geist,
wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung;
5  ein Herr, ein Glaube, eine Taufe;
6 ein Gott und Vater aller,
der da ist über allen und durch alle und in allen.
7 Einem jeglichen aber von uns ist gegeben die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi.
 
Liebe Gemeinde!

Große Worte: „Einigkeit“ (ἑνότης, unitas), „Band des Friedens“ (σύνδεσμος τῆς εἰρήνης, vinculum pacis). Mir kommen da die überwältigenden Ereignisse in den Sinn, die sich vor 25 Jahren abgespielt haben. Gerade in jenen Oktobertagen 1989: Die großen Demonstrationen in Leipzig mit 70.000 oder gar 120.000 Teilnehmern. Noch riefen sie: „Wir sind das Volk!“ Bald wurde daraus: „Wir sind  e i n  Volk!“, – spätestens als am 9. November die Mauer mit einem Mal geöffnet wurde und sich die Menschen von hüben und drüben in die Arme schlossen. Die Einheit war wie ein Geschenk, und nicht wenige meinten in jenen Tagen Zeugen einer besonderen Gnadenstunde zu sein. Sicher: Die Einheit wurde auch gemacht, gestaltet, organisiert; bis dahin, dass am 3. Oktober 1990 der formelle Beitritt der östlichen Bundesländer erfolgte und man einen Feiertag daraus machte. Aber so sehr hier menschlicher Gestaltungswille auch an der Arbeit war, die Sache an sich war ein Geschenk: 40 Jahren der Teilung zum Trotz war der Gedanke nicht tot zu kriegen gewesen, dass man zusammen gehört; die Siegermächte von früher hatten ein Einsehen und ließen es geschehen, wenn auch zähneknirschend und mit Bedenken; vor allem aber: Es verlief alles friedlich! Das Ende der DDR und der Fall der Berliner Mauer war eine Revolution, die ohne Blutvergießen von statten ging. Soweit ich weiß, die einzige Revolution in der Weltgeschichte, der das je gelang.
Einigkeit, in Frieden und Freiheit errungen – vielleicht ist es uns heute zu selbstverständlich, fast so, als hätte es genau so kommen müssen. Aber wir wissen auch: Die Geschichte hätte ganz anders verlaufen können. Nein, es war ein Geschenk und eine Gnade! Geschenke müssen freilich auch angenommen werden; die Einheit, die geschenkt wird, sie muss auch bejaht, gestaltet und erhalten werden. Man darf nicht nur singen: „Einigkeit und Recht und Freiheit!“, sondern muss auch bereit sein, sich diese Einigkeit, dieses Recht und diese Freiheit etwas kosten zu lassen. 
Was aber für den politischen Raum gilt, das gilt ebenso für den kirchlichen Bereich. Auch hier ist Einheit immer ein Geschenk. Sie muss zuerst in den Herzen da sein, bevor wir sie gestalten können.
Gibt es solche Einheit überhaupt? Böse Zungen sagen ja, dass kein anderer Verein so zerstritten sei wie die christliche Kirche. Wo zwei Theologen beisammen sind, gibt es wenigstens drei Meinungen, heißt es. Im Laufe der Geschichte haben sich aus der  e i n e n  Urgemeinde durch Trennungen und Abspaltungen dutzende verschiedener Konfessionen entwickelt, wie etwa die koptische Kirche, die assyrische Kirche, die katholische Kirche, die anglikanische Kirche, die lutherische Kirche, die Mennoniten, die Methodisten . . . Es gibt arme und reiche Gemeinden, streng gläubige und eher wenig fromme, stille Gemeinden und Gemeinden, die vor allem auf Außenwirkung bedacht sind, stockkonservative und weltoffene, ärmliche Diaspora-Gemeinden und elitäre Hochschulgemeinden. Man kommt aus dem Aufzählen gar nicht mehr heraus . . .
Und dann schaut man sich diese Vielfalt an und fragt sich verwundert: „Hat es Jesus eigentlich so gewollt!“ Sein Gebet (aus Johannes 17,21) kommt mir in den Sinn, „dass sie alle eins sein sollen“ (ἵνα πάντες ἓν ὦσιν = ut omnes unum sint), wie er mit dem Vater eins ist.
Das weist freilich auf eine andere Dimension hin: Seine Einheit mit dem Vater ist keine Organisationsform, sondern eine geistige, eine innere Einheit. Vater und Sohn sind eines Geistes – sie stimmen inhaltlich überein. Gleichwohl treten sie anders in Erscheinung, äußern sich an anderen Zeiten und Orten, bauen unterschiedliche Beziehungen zur Welt auf, gehen in gewisser Hinsicht sogar unterschiedliche Wege. Der Sohn geht in die Welt hinein, wird sichtbar und entäußert sich aller Herrlichkeit. Er geht den Weg der Erniedrigung. Der Vater hält die Welt und alles in seiner Hand – bleibt aber unsichtbar und unerforschlich. Dennoch: Vater und Sohn sind eines Wesens und eines Geistes!
Und das gilt es nun zu übertragen auf die Kirchen und Gemeinden! Sie können unterschiedlich in Erscheinung treten, sie können verschiedene Formen des Gottesdienstes pflegen, sie können unterschiedliche Schwerpunkte setzen und mannigfache Organisationsformen entwickeln – im Kern aber sollen sie übereinstimmen, sollen sie sich eins wissen. Darm geht es nicht an, dass wir uns gegenseitig verketzern oder verteufeln. Es ist auch nicht christlich, wenn man anderen Christen ihr Christsein leichtfertig abspricht oder eine anderen Kirche ihr Kirche-Sein. Das sollte aber eben nicht aus Freundlichkeit und Nettigkeit und Rücksichtnahme so sein, sondern aus dem Bewusstsein der tiefen, der inneren Einheit. Diese Einheit gründet sich freilich auf genau jene Dinge, die unser heutiges Bibelwort anspricht: Wir haben einen Herrn (εἷς κύριος, unus Dominus), Jesus Christus, und einen gemeinsamen Gott, den Vater des Universums (εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, unus Deus et Pater omnium). Wo man andere Götter neben den Gott der Bibel stellt oder gar einen Menschen zu seinem Herrn macht, dem man dann vielleicht sogar noch mehr gehorchen soll als dem Bibelwort – da wird dann freilich Einheit nicht mehr möglich sein, da wird man sich dann trennen müssen. So geschehen zur Zeit des Kirchenkampfes im Dritten Reich.      
Schwierig ist es allerdings bei dem Begriff „Glauben“ – einerlei Glauben (μία πίστις, una fides) soll sein. Ich kann das nur so verstehen, dass es dabei nicht um ausformulierte Glaubenssätze geht, sondern um den Glauben als ein Geschenk Gottes, als ein grenzenloses Gottvertrauen, das alle Kleinlichkeit, Ängstlichkeit und Eitelkeit überwindet. Wichtiger für das tägliche Miteinander sind mir daher nicht Dogmen und Lehrsätze, die allzu leicht zu verbalen Spitzfindigkeiten verführen, sondern die Taufe als das eine grundlegende Sakrament der Einheit. Denn bezeichnender Weise wird im Epheserbrief neben dem  e i n e n  Herrn und Gott und dem  e i n e n  Glauben auch die  e i n e  Taufe (ἓν βάπτισμα, unum baptisma) noch genannt.
Beim Abendmahl – wir wissen es – gehen die Meinungen auseinander. Die einen verstehen es so, die anderen anders. Für die einen bedeutet es nicht so viel, für die anderen fast alles. Dort spendet ein geweihter Priester den in den Elementen gegenwärtigen Christus; hier gehen Oblaten und Kelch von einer Hand zur anderen, um das Mahl miteinander zu teilen. Aber die Taufe – sie ist das grundlegende Sakrament, denn durch sie wird man überhaupt ein Christ. Und sie ist auch grundlegend für die Einheit und alle Ökumene. Wir müssen in jedem getauften Christen einen Menschen erkennen, zu dem Gott sich verbindlich bekennt, zu dem er „Ja“ gesagt hat. Wie sich dieser Mensch dann zu seiner Taufe verhält und ob er auch seinerseits irgendwann zu einem „Ja“ zu Gott kommt, das steht auf einem anderen Blatt. Aber zunächst einmal gilt: Durch die Taufe hat Gott seine Barmherzigkeit über diesen Menschen ausgegossen, hat er ihn in seinen Bund genommen, ihn als sein Kind erklärt. Und dadurch hat er ihn jedem Menschen, der getauft ist, also auch mir, gleich gemacht! Ich bin vor Gott nicht besser. Vielleicht weiter in meinem Erkennen und Bekennen - aber ich bin nicht besser! Ich bin genauso wie jeder andere auf die Taufe angewiesen.
Es ist in der Tat etwas Großes, dass sich zuletzt 11 verschiedene Kirchen in Magdeburg zusammen getan haben und gemeinsam erklärt haben: Ja, wir erkennen gegenseitig die Taufe an! „Trotz Unterschieden im Verständnis von Kirche besteht zwischen uns ein Grundeinverständnis über die Taufe.“ (Magdeburger Erklärung vom 29. April 2007) Eine Taufe, wenn sie ein evangelischer Pfarrer gespendet hat, gilt auch in der katholischen Kirche. Und umgekehrt. Wir müssen nicht die gleichen Gewänder tragen, nicht die gleichen Lieder singen – aber wir sind doch  e i n s  durch die Taufe, mit  e i n e m  Geist beschenkt, mit  e i n e m  Herrn verbunden, unter  e i n Kreuz gestellt, mit  e i n e r  Hoffnung erfüllt. Das ist das Band der Einheit, unsichtbar, geistig; aber doch nicht zu leugnen. Auf dieser Grundlage darf man dann ruhig weiter bauen und schauen, wie diese grundsätzliche Einheit nun sichtbar ausgestaltet werden kann.
Lasst uns diese Einsicht aber auch fruchtbar machen für jede kleine Gemeinde! Lasst uns nicht auf das schauen, was uns trennt! Geschmäcker sind verschieden und politische Meinungen zahllos. Aber lasst uns nie von der Grundakzeptanz abgehen, dass wir miteinander getauft sind auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Solange jemand keine anderen Herren neben Christus einführt, ist ihm sein Christsein nicht abzusprechen.
Ob Oberstudienrat oder einfacher Arbeiter, ob Hausfrau oder Managerin, ob Jung oder Alt, ob fromm oder liberal, ob Sonntagschrist oder nur Weihnachtschrist, ob Hauptamtlicher oder Ehrenamtlicher – wir alle sind aus  e i n e r  Taufe „gekrochen“ (wie Luther sagen würden), haben uns alle - wie wir sind - unser Christsein nicht verdient, sondern schenken lassen müssen.
Die Taufe ist ein Geschenk, sage ich immer wieder. Sie ist auch ein Geschenk der Einheit. Auch das gilt es auszupacken und anzunehmen. Am besten tun wir das, wenn wir uns so verhalten, wie es der Apostel hier unnachahmlich formuliert: „Ertraget einer den anderen in Liebe!“ (ἀνεχόμενοι ἀλλήλων ἐν ἀγάπῃ, subportantes invicem in caritate). Das bedeutet nicht, dass wir alles gutheißen und hinnehmen und stille mit unserer Meinung sein müssen, aber es heißt, dass wir bei Meinungsverschiedenheiten barmherzig und sanftmütig bleiben und nie vergessen: Der andere ist getauft wie ich, Kind Gottes wie ich. Mag es auch ein schwieriges „Geschwisterkind“ sein – vor unserem Vater im Himmel bin ich nicht mehr wert! Auch wenn ich nicht alles gut heißen kann, was dieser Mensch da so tut und treibt, ich will mich mit ihm dennoch vertragen, und – wenn er Not leidet – will ich ihn sogar unterstützen.



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Denn wir sind Gottes Mitarbeite...



Lesegottesdienst am 07.09.2014
Ausgearbeitete Predigt von Prädikantin Barbara Groote


Kor. 03, 9-15
3,9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid
Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.

3,10 Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist,
habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister;
ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu,
wie er darauf baut.

3,11 Einen andern Grund kann niemand legen als
den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

3,12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold,
Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,

3,13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden.
Der Tag des Gerichts wird's klar machen; denn
mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher
Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.

3,14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf
gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.

3,15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird
er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet
werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

Liebe Gemeinde,

wer glaubt, der strafende, richtende Gott des Alten Testamentes sei abgelöst durch das liebe Jesulein des neuen Testamentes, einen lieben Gott, der nichts tut, der irrt. Ja, der irrt sich gewaltig. Nein, in unserem Predigttext aus dem neuen Testament oder genauer aus dem 1. Brief des Paulus an die Gemeinde zu Korinth geht es auch oder immer noch um einen Gott, der Recht schafft und Recht spricht.

Es geht nach wie vor um den liebenden, großen Gott, der Bund und Treue hält ewiglich und nicht los lässt das Werk seiner Hände, um den ewigen Gott geht es hier. Es geht um einen Gott, der sein Volk liebt, der sich mit Hingabe und Leidenschaft einsetzt für seine Menschen, für sein Volk. Diese Liebe Gottes ist groß, sie will uns ganz umhüllen, sie leidet, wenn seine Menschen irre gehen. Gott leidet, wenn wir, wenn ich ihm mal wieder davon laufe, wenn ich meine, auf eigenen Füßen doch viel besser stehen und gehen zu können, als an der Hand Gottes.

Und meinen wir wirklich ohne Gott besser auszukommen, so müssen wir es uns gefallen lassen, dass dieser Gott uns Fragen stellt und zwar sehr grundsätzliche Fragen.

Ja, wir haben einen fragenden Gott, darin besteht unsere Freiheit. Unser Gott ist eben kein befehlender Herrscher, sondern eben ein Du, das es offen lässt, wie wir antworten, wie wir uns entscheiden. Nur im Gegenzug fordert dieses Du dann auch Rechenschaft und verantwortungsvolles Handeln von uns, seinen so eigenständigen Menschen.
Ja, wir haben einen fragenden Gott. Die ersten Sätze Gottes, die wir in der Bibel lesen oder hören sind Fragen: „Mensch, wo bist Du?“ und wenig später: „Mensch, was hast Du getan?“

Um diese beiden ersten, grundsätzlichen Fragen geht es bei Paulus immer noch und auch bei uns heute. Paulus macht diese Fragen in dem Bild vom Hausbau deutlich, einem Bild, das oft in der Bibel gebraucht wird, wenn es um grundsätzliche Lebensfragen geht. Wir erinnern uns zum Beispiel an den, der sein Haus auf Sand baute und an den anderen,, der einen felsigen Grund wählte. Ein Haus scheint wohl das zu sein, was uns absichert, unsere Existenzgrundlage also.

Aber es sieht auch so aus als sei unser ganzes Leben ein Haus. Jeder von uns baut sozusagen ein Leben lang an seinem ganz persönlichen Lebensgebäude. Als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener, ja selbst noch in der Lebensmitte schreitet der Bau schnell voran: Schule, Ausbildung, Berufswahl, Freunde finden oder vielleicht auch Familie, viele Veränderungen prägen den Bau. Auch Einflüsse von außen, wie etwa gute Beziehungen oder schmerzliche Verluste, wirken sich auf den Bau aus, genau so wie Krankheiten, Schicksalsschläge oder Jahre voll des Glücks und Gottes Gnade. Wird der Bau älter, vollkommener, so verlangsamen sich die Arbeiten, hier und da muss mal etwas renoviert und ausgebessert werden, dort wird auch mal ein Ersatzteil nötig, aber das Haus insgesamt steht.

Und doch, immer wieder diese beiden Fragen Gottes: „Mensch, wo bist Du?“ und „Mensch, was hast Du getan?“ Was hat wirklich Bestand in meinem Leben, was hat Bestand vor Gott. Oder noch anders formuliert: Wo stehst Du? Was macht Dein Leben aus? Was gibt Deinem Leben Halt, im Leben und im Sterben, an guten fröhlichen Tagen genauso wie in Krisenzeiten voller Anfechtung, Trauer, Zweifel und Schmerz?
Und die zweite Frage: Was tust Du? Woran erkennt man Deinen Glauben, Deine Lebenseinstellung, was hat in Deinem Leben wirklich Bestand?
Finden wir Antworten auf all diese Fragen? Sind es gute Versicherungen oder gut gefüllte Sparbücher die uns Halt geben oder unsere Gesundheit? Manch einer mag auch Halt finden an seiner Familie oder an lieben Freunden. Das ist alles nicht verkehrt oder schlecht.

Aber Paulus sagt: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Hier möchte ich ergänzen: der verwurzelt ist in dem Glauben der Väter. Der uns die Brücke schlägt zu dem Gott Israels, den wir nun auch Vater nennen dürfen.

Wohl dem, der das so bekennen kann: Der Glaube an Gott, meinen Vater durch Jesus Christus ist die Grundlage und das tragende Fundament meines Lebens. Wohl dem, der sagen kann, dieses Fundament hält und trägt mich auch in den schwersten Krisenzeiten meines Lebens. Es ist Gottes liebende Hand, die dieses Fundament ausmacht. In sie kann ich mich fallen lassen, an ihr mich bergen, wenn ich einfach nicht mehr kann. Sie fängt mich auf, lässt mich ruhn und richtet mich schließlich wieder auf um mit seiner Hilfe, mit der Hilfe Gottes, neu zu beginnen.

Wer das so erlebt und erfahren hat, der wird anders leben, sein Haus anders weiter errichten als jemand, der von dieser wunderbaren Tragfähigkeit seines Fundamentes noch nichts weiß und noch nie etwas erlebt hat.

Weiß ich um mein Fundament, so sind mir gute Freunde und der Halt in der Familie nicht selbstverständlich, es sind keine Bauelemente, die ich selbst errichtet habe, es sind tragende Teile meines Lebenshauses, die mir von Gott geschenkt sind.

Wer so lebt, der trägt eine tiefe Dankbarkeit in seinem Herzen, der weiß sich ganz und gar in Gott geborgen.

Zu schön, um wahr zu sein. Und was ist mit den Stürmen unseres Lebens, die an unserem Bau rütteln? Und was ist mit dem, was wir selbst auf dieses Fundament bauen, wenn wir lieber mit Stroh bauen als mit soliden Steinen? Um im Bild des Paulus zu bleiben. Was ist, wenn unsere Wünsche und Träume zerplatzen wie Seifenblasen und es uns scheint, als zöge uns jemand den Boden unter den Füßen weg, und wenn wir auf einmal da stehen und denken: das Ziel, was ich da verfolgt habe, war gar nicht in Gottes Sinne? Was ist dann?

Dann ist es gut, wenn ich jemanden zur Seite gestellt bekomme, der mich wieder auf den Boden der Glaubenstatsachen zurück bringt, der mich wieder und wieder auf dieses tragfähige Fundament hinweist und das solange, bis ich Gottes Liebe wieder spüre.

Und dann werde ich Paulus so verstehen, all das, was schief gelaufen ist in meinem Leben, wo ich meinem Gott und Vater davongelaufen bin, ihn verärgert, betrogen oder gekränkt habe, all das wird am Ende weggenommen und verbrannt werden. Dann ist es weg, dann hat es vor Gott keine Bedeutung mehr, es trennt mich dann nicht mehr von meinem Gott, ich kann dann gerichtet und zurecht gebracht vor meinem Gott stehen. Er rettet mich durch seine Gnade.

Und seine Gnade ist größer als mein Herz. Er rettet auch den Bruder, die Schwester neben mir und hat er oder sie noch so viel Schlechtes getan. Paulus schreibt: Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er zwar Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. Das will uns nach unseren irdischen Gerechtigkeitssinn nicht passen, doch Gottes Gnade ist eben größer als unser Herz. Und dann ist es ein Trost für die Menschen, um die wir uns sorgen, vielleicht für Kinder, bei denen wir als Eltern es nicht geschafft haben den rechten Glauben zu wecken oder für den Ehepartner oder Verwandten, der gestorben ist, ohne den Weg zu Gott gefunden zu haben. Wir dürfen voller Gewissheit einstimmen in die letzte Strophe des Liedes 20:

Dann stehen Mensch und Mensch zusammen
vor eines Herren Angesicht,
und alle, alle schaun ins Licht,
und er kennt jedermann mit Namen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christo Jesu.
Amen.



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Über unser Verhältnis zu Israel

Über unser Verhältnis zu Israel - Predigt in der Emmaus-Gemeinde/Erlöserkirche am 10. Sonntag nach Trinitatis (24.08.2014)
Pfarrer Dr. Christoph Weiling

Der für den Israelsonntag vorgeschlagene Predigttext steht geschrieben im Römerbrief, im 11. Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:
25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange  bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«
28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich  aller erbarme.
 
Liebe Gemeinde,
„Israelsonntag“ lese ich im Pfarrerkalender zum 10. Sonntag nach Trinitatis. Einmal im Jahr soll an die besondere Verbundenheit der Christen mit Israel erinnert werden. Zeitnah zu dem jüdischen Gedenktag: Tischa beAv, dem 9. Tag im jüdischen Monat Av, an dem der Zerstörung der beiden Tempel gedacht wird. Er ist ein jüdischer Fast- und Trauertag, an dem sich viel Unglück ereignete: Die Zerstörung des Salomonischen Tempels durch die Babylonier, die Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer, die Niederschlagung des Aufstands und der endgültige Verlust Jerusalems in der römischen Kaiserzeit.
In der Synagoge werden noch heute die Klagelieder des Propheten Jeremia vorgelesen und Trauergesänge angestimmt, die verschiedene Dichter im Mittelalter verfasst haben. Denn auch nach der Zerstörung der beiden Tempel blieb der Tag des 9. Av ein Unglückstag: Während des Ersten Kreuzzugs wurden in den Städten Mainz, Speyer und Worms mehr als 1000 Juden umgebracht. 1290 wurden die Kinder Israels aus England vertrieben, ihr Besitz beschlagnahmt; 1492 folgte die Massenausweisung aus Spanien, viele Juden flüchteten damals nach Deutschland und weiter nach Polen; 1942 begannen dort die Deportationen vom Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager.
Tischa beAv, der 9. des Monats Av, wahrlich kein Tag der Freude, sondern der Trauer und ein Tag, der auch uns Christen beschämen sollte!
Unser Evangelium überliefert die Klage von Jesus über Jerusalem und die baldige Zerstörung der Stadt: „Es wird eine Zeit kommen, da werden sie Wälle gegen diese Stadt aufrichten und sie dem Erdboden gleichmachen.“ Dass der Tempel eine „Räuberhöhle“ geworden war, wird übrigens auch im jüdischen Synagogen-Gottesdienst nicht verschwiegen. Die Bestechlichkeit und Hochmütigkeit der damaligen Priester und Religionsgelehrten wird als ursächlich für den Untergang angesehen.
Freilich sollten wir vorsichtig damit sein, in geschichtlichen Unglücken immer gleich ein Strafgericht Gottes zu sehen. Die Massaker der christlichen Kreuzzüge, die Vertreibung aus Spanien, die Progrome in Russland, schließlich der industriell durchgeplante Völkermord durch die Nazis – das war alles Menschenwerk. Und die Verantwortung dafür liegt zu einem Teil auch in einer speziell christlichen Judenfeindschaft. Pauschal wurden einst die Juden als Christusmörder abgestempelt, wurden sie mit dem verräterischen Judas in eins gesetzt, wurden herabsetzende und verleumderische Äußerungen auch von den Kanzeln weiter gesagt.
Wichtige Texte aus der Bibel hingegen – wie eben die Verse aus dem Römerbrief des Paulus – wurden verschwiegen oder übersehen. „Verstockung“, sagt Paulus zwar, „ja, das kenne ich auch.“ Er, der erste große Missionar der Christenheit, musste immer wieder erleben, dass seine jüdischen Geschwister ihrem alten Glauben verbunden blieben, sich nicht einem Glauben öffnen konnten, wonach Jesus der Messias sein sollte. Sie hielten an der Thora fest, der frommen Verehrung der zahllosen Gebote und Verbote, durch die sie sich Gott besonders nahe fühlten. Sie konnten und wollten nicht glauben, dass es einen neuen Weg zu Gott gibt über den Kreuzestod Jesu an den Geboten vorbei.
Dennoch: „Auch Israel wird gerettet werden!“ Das steht für Paulus fest. Mögen sie auch dem Evangelium feindlich gegenüberstehen; die Erwählung durch die Väter bleibt gültig!
Mir kommen die wunderschönen Chagall-Fenster in den Sinn, die wir während der Gemeindefahrt (am 18.07.2014) in der Mainzer Stefanskirche gesehen haben: Umgeben von einem himmlischen Blau sah man dort Abraham und Jakob, Mose und David, Isaak und Elija. Und neben den Vätern auch die Mütter des Volkes: Rebekka und Debora, Eva und Sarah. Doch im rechten Chorfenster oben schließlich Maria und Jesus. „Das kann und darf man nicht trennen“, wollte Chagall damit sagen, „altes und neues Gottesvolk, alter und neuer Gottesbund“.
„Der Erlöser kommt aus Zion“, erinnert der Apostel Paulus. In dem Mainzer Chagallfenster wird es anschaulich.
Als Christen tun wird gut daran, uns immer wieder daran zu erinnern: Israel ist unser Wurzelgrund. Aber wir teilen mit Israel auch die Hoffnung. Am Ende steuern wir auf das gleiche Ziel zu: Versöhnung mit Gott. Durch seine grenzenlose Barmherzigkeit wird einmal das Nebeneinander von Juden und Christen zu einem Miteinander und Ineinander werden. Denn: „er wird sich aller erbarmen“. Hier gibt es auch keinen Vorrang der einen vor den anderen.
Wenn Israel jetzt verstockt ist, so dürfen sich die Christen nichts darauf einbilden. Im Blick auf ihre eigene Geschichte, ihre heidnische, widergöttliche Vergangenheit sollen sie bescheiden und ruhig bleiben – sie haben ihr Heil nicht sich selbst zu verdanken, sondern allein der grundlosen Barmherzigkeit Gottes, der ein Gott aller Völker sein will. Aber eben als der Gott Israels, der er ja bleibt!
Diese spannungsvolle Einheit in Gott ist entscheidend. Leicht können wir sie übersehen, wenn wir ein verwässertes Gottesbild zeichnen, etwa das Alte Testament als veraltet und überwunden abtun. Aber Gott ist der Gott Isaaks und Jakobs. Gerade das Alte Testament malt keine jüdische Heldengeschichte, sondern zeigt uns echte Menschen vor Gott: Menschen mit Stärken, vor allem aber auch mit Schwächen. Das Alte Testament zeigt uns einen Gott, der nicht mit den Siegern ist, sondern der sich ein kleines und schwaches Volk erwählt hat. Es ist ein Gott, der sich immer wieder auch entzieht und der sich nicht manipulieren lässt. Keineswegs gestattet es dieser Gott, dass man ihn mit den Mächtigen der Weltgeschichte in eins setzt. Er ist nicht der Gott der Pharaonen und auch nicht der Gott der römischen Caesaren. Er ist der Gott gegen allen Größenwahn; ein Gott, der uns Menschen auf ein menschliches Maß bringt. Als schwache und sterbliche Geschöpfe hat er uns geschaffen, damit wir aufeinander und auf ihn angewiesen bleiben und gerade so menschlich werden. Er ist ein Gott, der uns Menschen zur Freiheit bestimmt hat, aber auch durch 10 große Gebote gebietet, diese Freiheit nicht wieder zu verspielen.
Das alles ist der Gott Israels – und unser Gott. Durch Jesus hat er einen Weg geschaffen, dass das Gute, das er für Israel bedeutet, nun wirklich allen Menschen zuteil werden kann. Er macht nicht ungültig, was gewesen ist, hat Israel nicht verworfen; er hat – was allerdings nicht wenig ist – seine Barmherzigkeit erweitert! Er ist nun bereit, sie allen zu schenken, die Jesus Christus folgen und in ihm den Weg zur Liebe Gottes erkennen.
Wenn nun aber ein Mensch aus Israel Jesus ablehnt und in Christus nicht den Messias erkennt, so darf es uns wohl schmerzen, aber es gibt uns kein Recht, nun diese Ablehnung als Grund für Hass und Feindschaft zu gebrauchen. Jesus Christus ist für uns gestorben und auferstanden, nicht gegen die anderen. Wer das denkt, verkennt seine Sendung und verspielt womöglich sogar seinen Glauben und seine eigene Erlösung.
Mit Israel verbindet uns so vieles – auch eine schmerzhafte Geschichte mit unfassbaren Tiefpunkten. Mit Israel verbindet uns aber – positiv – vor allem eines oder besser Einer: Gott, der Herr Zebaoth, der Gott Isaaks und Jakobs, der Gott der Maria von Nazareth und des Jesus aus Galiläa, der Gott des Alten und Neuen Testaments, der uns in seiner Barmherzigkeit beruft, aber Israel darum nicht preisgibt.
Was aber bedeuten diese zentralen Glaubensfundamente für unser Verhältnis zu dem modernen Staat Israel? Hier wird man zunächst zu unterscheiden haben zwischen dem Volk mit seinen Menschen und dem politischen Gebilde. Das politische Gebilde, auch wenn es den gleichen Namen trägt, muss man nüchtern und sachlich betrachten. Und gerade hier gibt das Alte Testament den richtigen Blickwinkel vor: Auch die alten Königreiche Israel oder Juda wurden nüchtern betrachtet. Nie wurde das politische Gebilde verklärt, nie war es aller Kritik enthoben. Im Gegenteil: Die Propheten sprachen eine deutliche Sprache gegen Machtspiele, Dünkel und Unmoral der Herrschenden.
Als lutherisch denkende Christen wissen wir, dass Politik und Religion nicht vermengt werden dürfen. Sie nehmen sonst beide nur Schaden daran. Daher ist auch der Staat Israel wie jeder Staat rein sachlich danach zu beurteilen, ob er seine ordnenden Aufgaben erfüllt, für die Sicherheit seiner Bürger sorgt und den Frieden bewahrt. Es darf auch nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel gefragt werden, nach dem, was politisch klug und moralisch vertretbar ist. Da wird man dann zum einen sagen müssen, dass auch der Staat Israel Gewalt ausüben darf, wenn er seine Bürger nicht anders zu schützen vermag. Es darf aber auch gefragt werden, ob es klug und moralisch noch verantwortbar ist, wenn dabei die angewendete Gewalt verheerende Ausmaße annimmt.
Das alles gehört in die politische Diskussion und in die außenpolitische Verantwortung dann auch unseres eigenen Landes – es hat aber nichts mit der religiösen Bedeutung Israels zu tun.
Dieses „Israel“, von dem Paulus spricht und die Bibel zeugt, es wird nicht über den Besitz eines bestimmten Streifen Landes definiert, nicht durch den Erdboden und auch nicht durch geheiligte Grenzen – das wäre dann eine „Israel“-Ideologie und eine Art Ersatzreligion.
Weil aber nun einmal das Volk Israel – Jüdinnen und Juden – zu einem großen Teil jetzt dort eine Heimat gefunden hat, müssen wir auch dem Staat Israel Respekt und Anerkennung schulden, denn er bemüht sich um etwas, was den christlichen Kirchen in ihrer Geschichte leider nicht gelungen ist: Gottes Volk zu bewahren und zu beschützen. Als einem Rechtsstaat obliegt es ihm freilich, auch die nichtjüdischen Bürger ebenso sicher zu beschützen vor dem Hass und dem Fanatismus.
 



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Versäume die Gelegenheit nicht

Versäume die Gelegenheit nicht! - Predigt in der Emmaus-Gemeinde/Erlöserkirche am 3. Sonntag nach Trinitatis (06.07.2014)
Pfarrer Dr. Christoph Weiling


Liebe Gemeinde!
Unser heutiger Predigttext steht bei einem eher seltenen gepredigten Propheten, dem Propheten Ezechiel, in manchen Bibelausgaben wird er auch Hesekiel genannt.
Aufgeschrieben bei dem Propheten Ezechiel, im 18. Kapitel, lesen wir:
1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? - 3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. 4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne.
Jeder, der sündigt, soll sterben. 21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. 22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.
23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben. 30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt.
31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Liebe Gemeinde!
Sprichworte haben eine große Macht. Sie gehen von Mund zu Munde, verbreiten sich schnell, werden bei mancher Gelegenheit hervor geholt. Oft beenden sie eine Diskussion. Man widerspricht ihnen nicht. Ihn ihnen ist geballte Lebensweisheit enthalten. Sie sind knapp, bildhaft, einprägsam.
„Ein gebranntes Kind fürchtet das Feuer“ lautet eine solche Redewendung. Eine andere: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Oder wieder eine andere: „Was Fränzchen nicht lernt, lernt Franz nimmermehr.“
Solche Weisheiten gab es schon im alten Israel: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!“ So heißt es schon in der Bibel. Und eben: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“
Das ist heute zwar nicht mehr geläufig, aber mit etwas Mühe noch verständlich. Die Väter haben die Sache eingebrockt, die Kinder müssen die Zeche zahlen. Es ist so ziemlich das Gegenteil von: „Eltern haften für ihre Kinder!“ - will es doch sagen, dass auch umgekehrt die Kinder für die Fehler ihrer Eltern gerade stehen müssen. Die nächste Generation wird für das haftbar gemacht, was die ältere Generation verbrochen hat.
In der Geschichte Israels gab es ein solches traumatisches Ereignis, was das Sprichwort von den sauren Trauben zu einem sehr geläufigen Wort werden ließ. Bekannt ist es unter dem Namen: „Babylonische Gefangenschaft“. In der Fremde saßen sie, die Kinder Israels, an den Wassern von Babylon, und dachten wehmütig zurück an die alte Heimat, die die Väter verspielt hatten. Sie hatten nicht auf ihre Propheten gehört, sie waren hochmütig und vorwitzig gewesen, waren fremden Göttern hinterher gelaufen und hatten die Gebote missachtet. Das konnte nicht gutgehen und ging auch nicht gut: Jerusalem wurde zerstört, die Einwohner vertrieben.
Aber nun sitzen sie, die Nachkommen der Vertriebenen, immer noch als Vertriebene fest. Keine Gnade der späten Geburt, sondern das ganze Volk wird in kollektive Haftung genommen, muss die Sünden der Väter tragen. Da hilft auch nicht, dass die neue Generation sich müht, fromm und ehrbar zu sein. Auch sie bleiben in Gefangenschaft, auch sie dürfen – vorerst – nicht zurück.
„Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ – Hat dieses Sprichwort nicht recht? Auch in der deutschen Geschichte gab es Jahrzehnte, in denen man es ganz ähnlich hätte sagen können: Die erste Generation, die nach dem Krieg geboren wurde, musste die Konsequenzen des Krieges mittragen, wuchs auf in einem Land, das zerstört, besetzt, geteilt war. Die Verbrechen der Väter fielen auf die Kinder zurück. Insbesondere im Ausland galten noch lange nicht Einzelne, sondern die Deutschen insgesamt als tatverdächtig und alle zusammen als verantwortlich für die grausamen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs.
„Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ – Wir können dieses Sprichwort auch auf mögliche künftige Ereignisse beziehen. Es hat Gewicht! Wenn die heutige Generation einen gewaltigen Schuldenberg aufbaut, wird die künftige diesen ererben und damit fertig werden müssen. Wenn die heutige Generation Raubbau an der Natur betreibt, die Wälder unseres Planeten rücksichtslos abholzt und die Meere überfischt, wird die künftige Generation mit diesem Mangel leben müssen. Und die Klimaveränderungen, von denen wir jetzt reden, die Weichen dazu wurden in der letzten Generation schon gestellt!
Wahrlich: Die Kinder müssen die Suppe auslöffeln, die ihnen die Väter eingebrockt haben.
Aber nun ist das Erstaunliche, dass der Prophet Ezechiel eben diesem Sprichwort widerspricht: „Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.“
Lebensweisheiten werden normalerweise nicht hinterfragt – dieser Prophet tut es aber doch! Und er weiß sich dazu auch noch von Gott beauftragt. Denn wenn das Sprichwort unwidersprochen bliebe, dann würde eine fatalistische Haltung befördert werden: „Wir haben eben die Sünden der Väter zu tragen – das lässt sich eh nicht ändern.“ Und wenn sich eh nichts ändern lässt, dann bleibt auch der Veränderungswille klein. Dann ändert sich erst recht nichts. Warum soll ich mich aufraffen, Dinge zu verbessern, wenn doch der Zug eh abgefahren ist? Da bleibt eben nur Resignation.
Doch gerade einer solchen erschlafften Haltung widersetzt sich Ezechiel. Er ist ja mit den Verbannten nach Babylon gekommen, mit verschleppt worden. Auch ihm geht es nicht besser als den anderen. Aber Worte, die das Verhängnis zementieren, die will er nicht länger hören. Er will Widerstand wecken, Mut machen, aufwecken: „Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?“
Ermutigende Bilder wird Ezechiel davon malen, wie neues Leben in Israel einkehrt, Israel wieder aufersteht, wieder belebt wird. Ein neues Herz und ein neuer Geist sind dazu nötig. Fürs Erste aber dürfen die Israeliten erfahren: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich!“ Es zählt die Veränderung des Einzelnen. Meine Sünden von früher sollen vergeben sein, wenn ein echter Wandel erkennbar ist. Beurteilt wird jeder nur noch nach seinem eigenen Weg.
Das klingt anfänglich modern, individualistisch, selbstbestimmt. Fast so wie ein anderes Sprichwort: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“
Doch hat das Prophetenwort nur den Anschein moderner Selbstbestimmung. Denn für Ezechiel gibt es kein persönliches Glück - ohne Gott!
„Alle Menschen gehören Gott.“ Das sagt er ganz deutlich. Und Gott fordert, dass ein Jeder alle seine Gesetze hält und Recht und Gerechtigkeit übt. Daran wird nicht gerüttelt. Das bleibt gültig. Also nicht, was der Einzelne will, sondern was Gott will – das bleibt der Maßstab. Hier ist kein Unterschied zwischen Ezechiel und den älteren Propheten. Nur, dass nicht mehr die einen für die Schuld der anderen bezahlen müssen. Das soll nicht mehr so unerbittlich gelten. Aber die Konsequenz für den Einzelnen wird dadurch nicht entschärft. Wenn er Gutes tut, soll er leben. Wenn er aber sündigt, wird er sterben. Das steht da: הַ׳נֶּפֶשׁ הַ׳חֹטֵאת הִיא תָמוּת
Die Person, die sich verfehlt, die wird sterben. Also nicht mehr: Wenn die Könige, Priester und Propheten sündigen, geht das ganze Volk zugrunde. Sondern Gott schaut auf jeden Einzelnen. Das entlastet und belastet zugleich. Keiner kann sich mehr entschuldigen und mit dem Finger auf andere weisen. Jeder wird für seine Taten haftbar gemacht. Jedenfalls, wenn diese bewusst und willentlich geschehen sind.
Das ist ein Meilenstein in der Geschichte nicht nur der Religion, sondern auch der Moral! Es gilt nicht mehr die Kollektivschuld, sondern die individuelle Verantwortung. Nun ist auch alle Geschichte nicht länger mehr ein einziges Verhängnis, sondern unterliegt der freien Gestaltung der Einzelnen. Sie haben zu wählen zwischen Gut und Böse, Leben und Tod.
Das ist freilich ernst gemeint: Auch zum Tode kann die Entscheidung ausfallen! Du gräbst dir selbst dein Grab; du kannst nicht mehr auf die Schuld der anderen weisen. Du selbst bist verantwortlich für dein Leben, für deine Entscheidungen, für deine Wege!
Die Versuchung ist groß, hier zu beschwichtigen. Gewiss, Gott will nicht den Tod des Gottlosen. Sein eigentlicher Wille ist, dass die Menschen alle leben und glücklich sind. Aber wenn einer sich vorsätzlich gegen ihn wendet, die Wege der Gerechtigkeit verlässt, nur noch in den Tag hineinlebt, bloß dem eigenen Vergnügen hinterher jagt – dann kann seine Barmherzigkeit auch an ein Ende kommen.
Da bemühe man auch nicht vorschnell das Gleichnis vom verlorenen Sohn! Soviel der auch auf dem Kerbholz hat, er kehrt ja immerhin zurück in Richtung auf seines Vaters Haus. Aber für all jene, die diese Richtung nicht finden, gar nicht suchen und finden wollen, da gilt das harsche Prophetenwort, das Jesus selbst sogar aufgreift. Denn auch Jesus sagt: „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen!“ (Lk 13,3) Angesichts eines blutigen Gemetzels der Menschen untereinander kann sogar er, der Menschensohn, nicht harmlos sein. Ebenso wie Ezechiel stellt Jesus uns Menschen vor die Wahl: „Leben oder Tod – ihr könnt wählen!“
Keiner sage, dass er da nicht zuständig sei. Keiner entschuldige sich mit den Umständen, der Herkunft, den Eltern. Aber auch keiner soll je sagen: „Für mich ist es zu spät!“
Wir modernen Menschen denken sicher bei den Begriffen „Lebensgefahr“ und „Lebensrettung“ zuerst an technische und medizinische Rettungsmaßnahmen. Aber auch unsere Seele muss gerettet werden. Sie kann verarmen, sie kann vereinsamen, sie kann verwahrlosen. Sie kann innerlich tot sein.
Um die ganze Sache anschaulicher zu machen, müssen wir nur einmal an Menschen denken, die wirklich am Abgrund stehen. Ihrer sind nicht wenige. Denn die Welt und das Leben sind ja seit der Zeit der Propheten nicht harmlos geworden. Das Sprichwort von den sauren Trauben der Väter, die den Söhnen die Zähne stumpf machen, es klänge sogar in unserer Zeit noch stimmig und wahr. Neben den wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen haben wir es in den heutigen Tagen besonders mit einer großen Zahl kaputter Familien zu tun:
Der Alkoholmissbrauch des Vaters, manchmal auch der Mutter, zeichnet den Weg der Kinder oft vor. Missbrauch und Gewalttätigkeit in einer Familie setzen sich von Generation zu Generation fort. Und in psychiatrischen Kliniken finden sich in erschreckender Zahl Jugendliche, denen offenbar ihre Eltern nicht den lebensnotwendigen Rückhalt geben konnten. Die fortschreitende Auflösung verlässlicher Familienstrukturen lässt für die Zukunft Böses erahnen. „Unrecht gut gedeihet nicht.“
Dennoch: Das Wort von den sauren Trauben soll nicht mehr gelten! Die Gottesrede durch den Propheten Ezechiel gibt uns die Verantwortung zurück: Die Verhängnisgeschichte muss sich nicht zwangsläufig von Generation zu Generation fortsetzen. Ausstieg ist möglich. Und zwar dann, wenn die wirklichen Ursachen in den Blick kommen. Denn so heißt es hier: „Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, … so soll er am Leben bleiben und nicht sterben“ (V. 21).
Das Wort „Sünde“ ist natürlich in unserer Zeit schwierig. Durch die Jahrhunderte ist es verbogen und abgenutzt. Die Sache, die dahinter steht, ist gleichwohl aktueller denn je: Es ist der Versuch des Menschen, abgeschnitten von Gott zu leben, unabhängig und nur auf sich selbst bezogen. Dieser Versuch führt in den Tod, hören wir bei Ezechiel und später ganz genauso bei Jesus. Weil sich, wer so zu leben versucht, von der Quelle des Lebens lossagt! Wer jedoch den Kontakt zu Gott wieder sucht, der wird nicht auf seine Vergangenheit festgelegt, dem steht sofort das Leben offen. Dessen Seele kann wieder heil werden, sie bekommt wieder festen Grund und Boden, darf etwas erfahren von der Vergebung und voraussetzungsloser Gnade.
Oder ist das jetzt etwas zu evangelisch gedacht? Ich stolpere über eine Formulierung bei dem Propheten Ezechiel, wo er sagt: „Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist“ (V. 31) -
„Lasst euch ein neues Herz und einen neuen Geist schenken!“ - einen solchen Satz würde man als Prediger der Gnade eigentlich erwarten. Aber das steht nicht da, sondern wörtlich: „Werfet von euch weg alle eure Vergehen, durch die ihr euch vergangen habt; und machet euch selbst ein neues Herz und einen neuen Geist!“
Eine rein passive Haltung ist also Ezechiels Sache nicht. Im Herz sitzt nach alttestamentlichem Denken der Wille des Menschen, und unser Geist hat bei Entscheidungen durchaus mitzureden. Für die Hinwendung zu Gott kann also jeder selbst etwas tun. Auch wenn wir spätestens seit Pfingsten wissen dürfen, dass es dann bereits Gott selbst ist – Gott in uns – der da in uns arbeitet. Er pflanzt ja die Sehnsucht in uns ein, dass unsere Seele eine Heimat braucht, er sorgt auch für die nötige Entschlossenheit. Aber durch seine Propheten und durch seinen Sohn Jesus Christus lässt er uns auch ausrichten, dass wir die Zuständigkeit für unser eigenes Schicksal nicht delegieren können. Weder zu jammern steht uns an, dass ja immer die anderen schuld seien. Noch dürfen wir Gott vorwerfen, dass er uns im Stich lasse. Wir brauchen ihn aber auch nicht mehr als Drohkulisse; man muss uns nicht einschüchtern – auch nicht mit Bibelversen. Gott wird nicht gleich wie ein Blitz zuschlagen, wenn wir in die falsche Richtung laufen. Aber unsere Seele kann auch einen langsamen Tod sterben, nahezu unbemerkt. Auch und sogar durch falsche Ergebenheit ins Schicksal. Durch das Gotteswort an den Propheten Ezechiel dürfen auch wir wissen: „Das Leben, das ist deine eigene Angelegenheit!“ Und müssen uns ebenso sagen lassen: „Versäume diese Gelegenheit nicht!“



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Predigt zum Ökumen.Gottesdienst Siedlerbund 2014

Thematisiert wurde beim diesjährigen ökumenischen Gottesdienst des Siedlerbundfest die "Zeit".
Gestaltet wurde der Gottesdienst von Mitgliedern der Heilig-Geist-Gemeinde und der Gemeinde der Erlöserkirche.
Nachfolgend die Predigt der Gemeindereferentin Sabine Frye:

Liebe Christen, viele Menschen klagen heute über zu wenig Zeit und zu viel Stress. „Das schaffe ich nicht“, „Dazu habe ich keine Zeit“, „Meine Zeit ist knapp“, „Ich muss mich beeilen“, solche und ähnliche Aussagen hören wir oft und sagen sie auch selbst.

Viele Ratgeberbücher und Zeitungsartikel wollen uns dabei helfen, unsere Zeit besser einzuteilen; ein besseres Zeitmanagement zu erlernen; herauszufinden, was wirklich wichtig ist und was wir lassen können; alles, damit wir Zeit einsparen und mehr Zeit gewinnen können. Und diese Ratschläge bringen uns dann nur noch mehr unter Druck.

Für das Phänomen der Zeit haben sich Menschen und Religionen immer schon interessiert. Wir leben in der Gegenwart, denken wir, ganz klar. Aber in dem Moment, in dem wir das denken, ist dieser Moment auch schon wieder vorbei und ist Vergangenheit. Gleichzeitig denken wir bei dem, was wir gerade tun, schon an das, was gleich kommen wird, ob es gut sein wird oder wie wir sonst damit umgehen sollen.

Wir leben in der Gegenwart und entfliehen ihr doch ständig, indem wir an das denken, was in der Vergangenheit schön war und was wir gern festhalten würden (früher war es viel besser und schöner), wir trauern verpassten Chancen nach (Wenn es damals anders gewesen wäre, dann) und wir träumen von dem , was in der Zukunft alles besser sein wird („Wenn erst mal der Urlaub da ist, wenn ich in Rente bin). Aber was ist mit dem gegenwärtigen Augenblick? Nehmen wir ihn überhaupt wahr? Ein Lidschlag und er ist vorbei.

Die alten Griechen hatten zwei Worte für unser Wort „Zeit“. Da ist einmal „Chronos“. Chronos war der Gott, der seine Kinder auffrisst. Das ist ein Bild für die Zeit, die uns auffrisst, die messbar ist in Sekunden, Minuten, Stunden und Tagen. Wir kennen das Wort „Chronometer“, heute sagen wir „Uhr“, die unser Leben bestimmt. Wir eilen und hetzen von einem Termin zum andern.

Doch Zeit hat noch eine andere Dimension. Wir nehmen sie wahr als gute und schlechte Zeiten, als schöne und schwere, als glückliche und traurige Zeit. Oder als Zeit für etwas, als eine Zeit, um etwas Bestimmtes tun zu müssen.

Diese Dimension bringt uns das Gedicht aus dem Buch Kohelet nahe. Für alles gibt es eine bestimmte Zeit. Eine Zeit zum Weinen und Lachen, zum Pflanzen und Ernten, zum Niederreißen und zum Bauen usw.

Und das führt uns zum dem anderen alten griechischen Wort für Zeit, nämlich das Wort „Kairos“. Damit ist eben nicht die gezählte Zeit gemeint, sondern die gelebte Zeit, die Zeit, die uns gehört, die wir wahrnehmen und leben können.

Jesus spricht im Evangelium immer von „Kairos“. Sein erstes Wort, das er im MkEv spricht, lautet: „Die Zeit (der Kairos) ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe“. Man könnte dieses Wort so verstehen: Wenn wir Gott einen Platz in unserem Leben geben, wenn wir uns für ihn öffnen, dann leben wir in einer erfüllten Zeit. Dann beherrscht uns die Zeit nicht, dann laufen wir ihr nicht hinterher, sondern wir erfahren die Fülle der Zeit. Erfüllte Zeit ist die Zeit, in der wir ganz im Augenblick, ganz in der Gegenwart, sind.

Und in dem Wort "Kairos" steckt noch etwas im Sinne von: der richtige Moment. Wir können die Zeit nicht festhalten, nicht über sie verfügen, aber wir können versuchen, den richtigen Moment zu erkennen und wahrzunehmen, was jetzt dran ist und das zu tun, was jetzt wichtig ist. Dazu ist allerdings etwas notwendig, was uns in unseren eiligen und vollgestopften Tagen schwer fällt: Ruhe, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit.

"Meine Zeit steht in deinen Händen" so haben wir eben gebetet. Damit ist nicht die ablaufende, vergehende Zeit gemeint, sondern die unterschiedlichen Zeiten des Lebens. Die guten und die schlimmen Zeiten; die jungen, unbeschwerten Jahre und die alten, manchmal mühsamen Jahre des Lebens; die Zeiten, in denen man vor Energie sprüht, kraftvoll und leistungsfähig ist und die Zeiten, in denen man sich krank und kraftlos fühlt - alle Zeiten sind in Gottes Händen geborgen, immer ist er an unserer Seite und begleitet uns.

Wenn wir uns ab und zu die Zeit nehmen, uns ihm zuzuwenden, ihm in der Stille das anzuvertrauen, was uns Freude schenkt und was uns Sorgen macht, dann können wir seine Gegenwart spüren und sie kann uns Mut und Kraft geben für alle Zeiten, die uns geschenkt sind.
Amen.



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Die Taufe - Predigt am Pfingstsonntag 8.Juni 2014



Unser eigenes Pfingsten: die Taufe! - Predigt am Pfingstsonntag (8. Juni 2014)
Pfarrer Dr. Christoph Weiling
 
 
Als Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag hören wir aus dem Buch des Propheten Jesaja das Kap. 44, Verse 1-5:
 
1 So höre nun, mein Knecht Jakob, und Israel, den ich erwählt habe!
2 So spricht der HERR, der dich gemacht und bereitet hat und der dir beisteht von Mutterleibe an: Fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, und du Rechtschaffener, den ich erwählt habe!
3 Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre:  ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen, 4 dass sie wachsen sollen wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den Wasserbächen.
5 Dieser wird sagen »Ich bin des HERRN«, und jener wird genannt werden mit dem Namen »Jakob«. Und wieder ein anderer wird in seine Hand schreiben »Dem HERRN eigen« und wird mit dem Namen »Israel« genannt werden. Amen.
 
Liebe Gemeinde!
Warum feiern wir eigentlich Pfingsten? Ein großes und wichtiges Fest muss es von der Bedeutung her sein, denn es gibt gleich zwei Feiertage. Die gibt es sonst nur an Weihnachten und zu Ostern. Was an Weihnachten gefeiert wird, wissen noch recht viele. Es geht da um die Geburt von Jesus, nicht um den Weihnachtsmann. Und zu Ostern sollten Eier und Hasen nur Nebenrollen spielen. Denn da ist Jesus auferstanden. Ohne seine Auferstehung wäre alles umsonst und vergeblich. Es wäre alles vergeblich gewesen, was er zuvor gesagt und getan hat. Und es wäre auch unser Leben umsonst und vergeblich, weil ihm in den schweren Zeiten die Hoffnung fehlen würde.
Aber nun Pfingsten? Da kommt der Heilige Geist, heißt es. Wir können es in der Apostelgeschichte (Kap. 2, Verse 1-18) nachlesen: Jesus ist auferstanden und wieder bei Gott. Seine Freunde müssen jetzt ohne ihn auskommen. Aber so richtig wissen sie nicht, wie es weiter gehen soll. Sie sind traurig und fühlen sich allein gelassen. Aber Jesus hatte ihnen versprochen, dass er sie nicht ganz allein zurück lassen würde. Ein Tröster würde kommen, jemand, der ihnen beistehen würde. Vielleicht haben sie zuerst gedacht, dass da ein besonderer Mensch zu ihnen kommen würde oder ein Engel. Am Ende wissen sie:  kein anderer als Gott selbst kommt zu ihnen – unsichtbar, doch gegenwärtig. Und noch wunderbarer: Er kommt nicht in einer äußerlichen Gestalt, sondern wirkt in sie hinein. Keine Erscheinung also, die ja auch ein Trugbild sein könnte, sondern eine innerliche Wirklichkeit.
Der Gott des Mose war ein Gott, der vor dem Volk Israel herging – verhüllt als Wolke oder Feuersäule bei Nacht. „Gott vor uns!“ ("Jahwe", der "Vater")
Der Gott der Jünger war ein Gott, der mit ihnen unterwegs war, an ihrer Seite. Gott in Jesus Christus. „Gott mit uns!“ ("Immanuel", der "Sohn")
Der Gott von Pfingsten ist nun ein Gott in den Menschen. Wie er in Jesus war, so ist er nun auch in den Aposteln: Spürbar, wirksam, heilsam, heilend, liebend, stärkend, tröstend. „Gott in uns!“ ("Ruach", der "Geist") Er verwandelt trübe Gedanken in fröhliche Gedanken. Er verwandelt traurige Stimmung in Begeisterung!
Schon im Alten Testament hatten die Propheten vorher gesagt, dass Gott auf diese Art einmal zu den Menschen kommen würde, als eine Kraft der Verwandlung und Erneuerung. Eindrücklich beschreibt es der Prophet Jesaja: Gottes Geist wird so auf die Menschen wirken, wie ein satter Regen auf eine vertrocknete Steppe wirkt. In unseren Breiten erleben wir das nur selten, weil unser Klima ausgeglichen ist und eher zu feucht als zu trocken. Aber für die Menschen am östlichen Mittelmeer ist es immer wieder ein Wunder. Da regnet es Monate lang nicht. Die Sträucher werden erst braun und dann gelb. Der Boden wird zu Staub, die Bäche trocknen vollkommen aus. Tiere und Menschen leiden Durst. Und dann kommt mit einem Mal der Regen. Nicht ein paar Tropfen, nicht ein Schauer nur, sondern richtiger starker Regen. Sofort bilden sich Wasserlöcher, füllen sich Tümpel. Nach nur wenigen Tagen ist die Landschaft nicht wieder zu erkennen: Die braunen Hänge sind zu grünen Hügeln geworden, übersät mit Blumenteppichen. Alles lebt auf, jauchzt auf, freut sich des Lebens.
Ebenso ist Pfingsten: „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre:  ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen, dass sie wachsen sollen wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den Wasserbächen.“
Der Geist Gottes – er ist Lebensmacht, so erfahren wir hier durch den Propheten Jesaja. - In der Pfingstgeschichte wirkt der Geist eher wie ein wärmendes Feuer oder ein zündender Funke, aber gerade das Bild des belebenden Wassers spricht mich besonders an. Ich muss an die Taufe denken – und ich möchte, dass wir uns das einmal alle klar machen: Die Taufe, das ist unsere eigene kleine Pfingstgeschichte! Taufe ist nicht nur Wasser, ist nicht nur ein Wort, sondern auch die Zusage des Heiligen Geistes – für uns! Für mich ganz persönlich! Für dich ganz persönlich! Für dein Kind ganz persönlich! Die Taufe ist unser eigenes kleines Pfingstereignis. Gut und passend, wenn wir daher jede Taufe als ein fröhliches und als ein ermutigendes Fest feiern!
Der Geist ist Gottes Lebensmacht. Das bedeutet, dass bei der Taufe Gottes Geist belebend, kräftigend und stärkend auf das Kind einwirken soll; es soll wachsen „wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den Wasserbächen“. Im Leben, das wächst und sich entwickelt, ist Gott unmittelbar selbst aktiv. So haben es die Menschen im alten Israel empfunden; und so dürfen wir es heute auch ruhig sehen. Gott ist im Leben wirksam. So ist Leben als solches heilig. Und jede Ehrfurcht vor dem Leben kommt Gott selbst zu.
Allerdings scheint mir damit noch nicht alles gesagt, was über den Heiligen Geist zu sagen ist. Pfingsten bedeutet ja nicht nur, dass die Jünger auf einmal merken: „Wir leben; wir sind lebendig – und wie!“
Sie merken auch, wie sich in ihren Gedanken etwas verändert. Aus ängstlichen Gestalten werden mutige Bekenner, aus schweigsamen Gesellen kraftvolle Prediger. Da haben sich auch die Einstellung und das Bewusstsein völlig verändert. „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf!“ so erleben sie es selbst; und so drücken sie es in ihren eigenen Worten aus (Römer 8,26).
Gottes Geist wirkt unmittelbar auf den Geist der Menschen, verändert ihn, verwandelt Gedanken und Gefühle. Menschen gewinnen den Mut, ihr Leben zu verändern. Menschen beginnen noch einmal ganz neu. Menschen richten ihr Leben neu aus.
Auch davon reden der Prophet Jesaja und andere Propheten: Gottes Geist wirkt nicht bloß Leben, sondern ein neues, anderes, verändertes Leben. Er verändert unser Wollen, ja, er verwandelt unser Herz.
Man kann aus den Worten des Propheten Jesaja drei Stufen ablesen, die ein fortschreitendes Wirken Gottes an uns erkennen lassen: Zuerst ruft uns Gott ins Sein! Der Herr hat uns gemacht und bereitet, und er steht uns bei „von Mutterleibe an“. Dies ist die schöpferische Kraft Gottes: der Geist Gottes, der Leben schafft. Er ist überall wirksam. In jedem Lebewesen, in jedem Menschen. Wir alle sind Gottes Geschöpfe. Von Mutterleibe an. Schon als kleine Babys sind wir Kunstwerke Gottes, einmalig und wunderbar.
Dann wirkt Gottes Geist weiter als belebende Kraft, vergleichbar dem Regen nach langer Dürre. Denn es gibt auch lebloses, erstarrtes Leben; Leben, das unterhalb seiner Möglichkeiten bleibt. So gibt Gott zum bloßen Leben  „Wachstum und Gedeihen“ dazu, wie es in einem alten Kirchenlied heißt (EG 508). Heiliger Geist ist heilender Geist!
Der Geist Gottes ist in allem Segen spürbar, der auf einen Menschen kommt. Die Taufe will ein Abbild dessen sein: Gott will mich schöpferisch entwickeln, mich schöpferisch verändern.
Schließlich und zuletzt bekommt das Ganze eine Richtung und kommt es zu Bewusstsein. Der Geist Gottes leitet den Menschengeist, formt seine Ideen, Ziele und Visionen.
Stellen wir uns das einmal konkret vor: Ein Kind wird getauft! Es darf von Anfang an spüren: „Du gehörst zu Gott dazu. Gott hat dich lieb. Gott segnet dich.“ Mit der Zeit entwickelt sich das Bewusstsein. Das Kind spürt zunächst unbewusst, ahnt dann, weiß zuletzt, wem es sein Dasein verdankt. Es verdankt sich der Liebe seiner Eltern, aber eben auch dem, der diese Liebe gesegnet hat. Es darf sich als Gottes Kind verstehen, als ein Lebewesen, zu dem Gott sagt: „Ich habe dich erwählt, ich kenne dich beim Namen, du bist mein! Fürchte dich nicht!“
Wenn ein Mensch aber begreift, wem er sein Leben und sein Glück verdankt, wird er dessen Nähe suchen. Denn ich will ja nicht dem, was gut für mich ist, fern sein, sondern nahe sein, daran teilhaben. Der Prophet spricht nun von dieser dritten und entscheidenden Wirkung des Heiligen Geistes wie von einer Übereignung: „Ein Mensch wird sagen »Ich bin des HERRN«, und ein anderer wird in seine Hand schreiben »Dem HERRN eigen« und wird mit dem Namen »Israel« genannt werden.“
Hier wird deutlich, dass der Heilige Geist nicht nur hinter dem Dasein aller Geschöpfe steckt, nicht nur für die Kraft und Vitalität des Lebens sorgt, sondern auch für Einsicht und Verstand. Immer höher, immer feiner wirkt er auf uns ein – so zart am Schluss, dass man ihn wohl auch überhören kann. Gedanken sind flüchtig. Aber der Gedanke, dass ich Gottes Kind bin und dazu bestimmt, auch an Gottes Licht und Wesen teilzuhaben, das ist ein sehr erhebender Gedanke, der nicht so einfach nebenher kommt. Es gibt ein anderes Wort für diesen Gedanken: Glaube! Glaube ist mehr als nur das Bewusstwerden einer anderen Wirklichkeit außerhalb meiner eigenen Person; Glaube ist das Bewusstwerden einer anderen Wirklichkeit in mir selbst. Ein recht schöner, treffender, aber auch etwas altertümlicher Ausdruck für diesen Vorgang ist das Wort: „Erleuchtung“. Gott selbst ist in mir am Werk, ruft mich ins Sein, belebt mich und schließlich begabt er mich mit seinen Gedanken, die ja Gedanken des Friedens und der Hoffnung sind, so dass ich sagen kann: „Ich bin des Herrn! Ich will zum Herrn gehören“.
Dass durch eine solche Erleuchtung nicht mehr alles beim Alten bleiben kann, ist klar. Menschen, die zum Herrn gehören möchten, verändern ihr Leben. Sie möchten sich in das Licht Gottes stellen und Gottes Willen erkennen.
Beziehen wir nun diesen Dreischritt des göttlichen Geistes auf unser eigenes kleines Pfingstfest – die Taufe! Da wäre zuerst festzuhalten, dass alle Menschen von Gott ins Dasein gerufen sind, von Mutterleibe an. Das ist Gottes erstes Schaffen und Wirken an jedem von uns. Noch bevor einer getauft wird, einer Kirche angehört, ein Glaubensbekenntnis sprechen kann, sagt Gott „JA“ zu ihm, ruft er ihn ins Leben. Jeder ist für Gott wertvoll.
Die Taufe macht dieses „JA“ deutlicher und bekräftigt, dass menschliches Leben auch heil werden sein soll. Ein Kind, das getauft wird, soll behütet und geborgen aufwachsen. Ohne Furcht, als ein Kind Gottes. Gott will seine Flügel ausbreiten und das Kind an seiner Liebe teilhaben lassen.
Wenn aber ein Mensch heranwächst, so wird das Leben oft wirr und bunt. Die Tatsache, dass man getauft ist und Gott „Ja“ zu einem gesagt hat, kann in Vergessenheit geraten. Andere Dinge kommen ins Spiel, beanspruchen unsere Gedanken und Gefühle. Manche versuchen auch, Herrschaft über uns auszuüben, beugen und lähmen uns. Manche Dinge versuchen uns. Manche verleiten. Manche Erfahrungen verwirren uns. Wir fühlen uns unfrei und richtungslos. Spätestens dann wird es Zeit, sich an die eigene Taufe zu erinnern. Wir können jederzeit an die Taufe wieder anknüpfen, uns wieder von Gott sagen lassen, was er sich wünscht von uns, können wieder seine Nähe suchen, uns bewusst zu ihm bekennen, uns durch ihn befreien lassen. Wenn das geschieht, ist er schon bei uns, wirkt er bereits heilend ein auf unser Denken, Wollen und Wünschen.
Aber es kann durchaus auch so sein, wie wir es hin und wieder erleben, dass ein Mensch aus welchen Gründen auch immer nicht als Kind getauft ist; und dennoch gehört er zu Gott, ist er ein Geschöpf Gottes. Und nun kann dieser Mensch die Taufe wünschen als bewusste Umkehr zu Gott, als einen neuen Lebensanfang mit Gott, als eine Befreiung des eigenen Geistes durch Gottes Geist.
Persönliches Pfingsten – Wirken Gottes auf uns und in uns  – ist das eine wie das andere: Wir lassen Gott in unser Bewusstsein kommen, der unerkannt längst da ist, sonst würden wir nicht anfangen, seine Nähe, seinen Trost, seine Vergebung zu suchen. Ein Gebet weit nur ist er entfernt.
Wenn wir Pfingsten feiern, erinnern wir uns, wie Gottes Geist zu den Aposteln kam und sie belebend verändert hat. Wenn wir die Taufe feiern, feiern wir, wie Gottes Geist belebend und stärkend zu Kindern kommt - und vergebend und verändernd zu Erwachsenen. Wie Wasser in der Wüste ist Gottes Geist – und wie ein Licht in unseren Herzen.
 



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Luther und die Toleranz, Predigt Ref.tag 2013



Luther und die Toleranz, Predigt zum Reformationstag 31. Oktober 2013, Erlöserkirche
Pfarrer Dr. Christoph Weiling

Jedes der 10 Jahre vor dem großen Reformationsjubiläum 2017 hat ein eigenes Motto. „Reformation und Toleranz“ – so hat man dieses Jahr überschrieben. Passt das denn zusammen? Wenn wir an Luther denken, denken wir zuallererst an die Worte: „Hier stehe ich – ich kann nicht anders!“ So oder jedenfalls ähnlich hat er Position bezogen – damals auf dem Reichstag zu Worms 1521. Diese Worte stehen aber für das Gegenteil von Toleranz. Luther wollte die Missstände in der damaligen Kirche nicht länger tolerieren. Das Maß war voll, schon längst voll. Und seine programmatischen Schriften dazu wollte er auch nicht widerrufen, denn aus der Heiligen Schrift – da war er sicher – konnten sie nicht widerlegt werden. Reformation – so gesehen – ist das Ende der Geduld mit den Auswüchsen der Papstkirche. Das Ende der Toleranz mit dem Ablasshandel, dem Reliquienkult, der Absolutheit des Klerus.
Als einen eher intoleranten Mann sah sich Luther auch selbst, so wenn er sich mit seinem Freund und Weggefährten Melanchthon verglich: „So ruhig und friedfertig kann ich nicht auftreten.“ Mit zunehmendem Alter scheint Luther sogar noch unduldsamer, noch intoleranter geworden zu sein: Seine Gegner überzieht er mit Spott, nimmt sie kaum noch menschlich ernst. Den Papst in Rom nennt er nur noch den „Antichristen“; und was er in seinem Spätwerk über die Juden geschrieben hat, möchte man am liebsten gar nicht wiedergeben. Er ist da gehörig vom Ziele abgekommen, hat jene Geduld und Duldsamkeit verloren, die ihn in jüngeren Jahren aber in der Tat noch ausgezeichnet hatte. In jüngeren Jahren waren für ihn Glaubensfragen Dinge, die man nicht mit äußerlicher Gewalt erzwingen durfte. Allein auf das Wort sollte man bauen und auf die Überzeugungskraft des göttlichen Geistes. Hatte Luther am Ende seines Lebens selbst den Glauben daran verloren?
Für die Frage „Reformation und Toleranz“ ist jedenfalls ein anderer Luther als der der Alterswerke wichtig. Wir müssen dazu in das Jahr 1522 zurückkehren, um diesen Luther besser kennen zu lernen.
Der Reformator war bekanntlich auf der Wartburg untergebracht, in einer Art Schutzhaft, die ihm sein Landesherr gewährte. Er nutzte die Monate, das Neue Testament in die deutsche Sprache zu übersetzen. Danach hielt er es kaum mehr aus, zur Untätigkeit verdammt zu sein. Seine Botschaft war bereits in alle Lande gegangen. Die Reformation war im vollen Gang. Auch und gerade in Wittenberg berief man sich auf ihn. Andreas Karlstadt, ein Professor der Rechtswissenschaften, machte sich zum Wortführer. Was Luther bald zu hören bekam, ließ ihn erschrecken. Die Nachrichten erzählten von Vandalismus und Gewalttaten. Mönche und Nonnen wurden gezwungen, die Klöster zu verlassen. In den Kirchen wurden Altäre, Reliquienbehälter und Statuen umgestürzt. In den Gottesdienst führte man allerlei Neuerungen ein.
Gegen manch guten Rat entschloss sich Luther, die Wartburg zu verlassen. Anfang 1522 war er in Wittenberg und redete nun dem Volk ins Gewissen. Die sogenannten Invokavitpredigten sind erhalten und zeigen uns das Bild eines ganz anderen Luthers. Hier sehen wir nicht den unduldsamen Streiter, sondern hören einen ganz wichtigen Prediger der Toleranz. Und hier eben erfahren wir, dass Reformation und Toleranz durchaus auch zusammen gehören. In Wittenberg hatten sich Karlstadt und Genossen als die Intoleranten erwiesen. Sie hatten aus der Reformation eine Zwangsveranstaltung gemacht und gerade dadurch den Kernpunkt der Reformation, „die Freiheit eines Christenmenschen“, verraten.
Es ist aufschlussreich, sich die einzelnen Punkte anzuschauen, an denen Luther und die Fanatiker um Karlstadt auseinander gegangen sind. Daraus kann viel auch für heute gewonnen werden. So ist schon die erste Unterscheidung ganz wichtig, die Luther trifft. Er unterscheidet die „Stücke, die da sein müssen“, von den „Dingen, die unnötig sind, sondern freigelassen von Gott“.
Nötig ist der Glaube. Ohne den gibt es kein Bestehen vor Gott, keine Erlösung, keine Seligkeit. Inhaltlich besteht Glaube darin, dass ich Christus vertraue und mich darauf verlasse, dass ich durch ihn von Sünde frei sein und ein Kind Gottes werden kann. Nötig ist auch die Liebe, denn Glaube ohne Liebe wäre nur ein Scheinglaube. Drittens ist noch die Geduld der Hoffnung nötig, denn gegen den Glauben regt sich ja stets auch Widerstand, dem nur die Hoffnung beikommt.
Diese drei Dinge – Glaube, Liebe, Hoffnung – müssen also sein. Aber man kann sie eben nicht erzwingen. „Weil ich den Glauben nicht ins Herz gießen kann, so kann und soll ich niemanden dazu zwingen oder dringen,“ sagt Luther. Und: „Das Wort sollen wir predigen, aber die Folge soll allein in Gottes Gefallen liegen.“ „Denn ich kann keinen zum Himmel treiben oder mit Knüppeln hineinprügeln.“
Daraus ergeben sich Änderungen für die Praxis des Gottesdienstes. Er kann nicht mehr so weitergehen wie bisher. Messfeiern, die den Eindruck erwecken, als könne man Gott durch ein gutes Werk gefügig machen, gehören abgeschafft. Die Predigt gehört in die Mitte des Gottesdienstes. – Soweit würde Luther seinen Gegnern zustimmen. Die aber drängen mit Gewalt und predigen ein neues „Müssen“. Dabei will doch der Glaube nicht gefangen und gebunden sein, nicht durch Ordnungen an ein Werk gefesselt sein.
Karlstadt und die Seinen haben aus der evangelischen Freiheit neue Zwänge abgeleitet. Mönche und Nonnen dürfen nicht, nein, sie müssen die Klöster verlassen. Priester dürfen nicht, nein, sie müssen heiraten. Aus den Kirchen müssen die Bilder entfernt, Altäre müssen zerrissen, Statuen verbrannt werden. Fastenspeisen werden verboten. Und beim Abendmahl ersetzen neue Zwänge die alten. War es im Mittelalter anstößig, die Hostie anzurühren, so dass der Priester sie einem gleich in den Mund schob, muss man jetzt Brot und Kelch zuerst in die eigenen Hände nehmen.
Nicht weil es Neuerungen sind, lehnt Luther diese Schritte ab, sondern weil sie viele gutherzige Menschen abschrecken und zurück treiben. Natürlich tun Bilder Gott keinen Dienst, aber noch gibt es Menschen, für die sie nützlich sind. Es gibt auch Menschen, die im Kloster leben möchten und es auch können; andere, die noch die Fastensitten beibehalten; wieder andere, die eine heilige Scheu haben, beim Abendmahl Brot und Wein unwürdig zu empfangen.
„Nun fahrt ihr aber huschhusch herzu“, sagt Luther, „und wollt mit den Köpfen durch die Wand und jedermann zwingen.“
Bei der Intoleranz, die zu Dingen zwingen will, die für das Heil nicht notwendig sind, hört die Toleranz auf. Denn solche Intoleranz gefährdet die Freiheit in Glaubensdingen. Das ist nicht zu dulden. Denn dann hat man den gleichen Missstand wie zuvor im Mittelalter – wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen.
In seinen Predigten vom März 1522 sehen wir Luther als Prediger einer Toleranz aus dem Glauben, einer starken Toleranz.
Der Glaube ist nichts Beliebiges. Dass jeder nach seiner Façon selig werden kann, würde Luther energisch bestreiten. Aber gerade, um den Glauben rein zu halten, ist es notwendig, dass er mit keinerlei Gewalt einher geht. Karlstadt und seine Genossen haben aus der christlichen Freiheit eine „lieblose Freiheit“ gemacht, weil sie dort, wo man die Dinge sich frei entwickeln lassen kann, ein „Müssen“ verlangen.
Können wir nun das, was Luther 1522 gepredigt hat, auch für heute gebrauchen? Zeitlos gültig sind wichtige Unterscheidungen. Es gibt Dinge, die man sich nicht nehmen lassen darf und die man frei bekennen muss. Hier wäre Toleranz eine Schwäche. Dann aber gibt es Dinge, in denen ich frei bin, die ich tun oder lassen kann. Hier Notwendigkeiten zu behaupten, Ordnungen zu erzwingen, das wäre schädlich. Vielmehr muss ich Rücksicht nehmen auf den Nächsten. Sonst lebe ich meine Freiheit lieblos und unchristlich.
Natürlich befinden sich die Dinge, die nach Luther „nicht nötig“ für das Seelenheil sind, in Bewegung. Im Laufe der Jahrhunderte verändern sich Empfindlichkeiten. Was einen Mitmenschen zur Zeit Luthers betrübt hat, das berührt heute niemanden mehr. Die Lektion der Freiheit haben wir gut gelernt. Evangelische Christen müssen nicht fasten, aber sie können „Sieben Wochen ohne“ eine bestimmte Enthaltsamkeit freiwillig auf sich nehmen. Evangelische Christen beten keine Bilder an, schätzen sie aber, wenn sie die Geschichten der Bibel anschaulich machen. Evangelische Christen können auch das Abendmahl in unterschiedlicher Darreichung empfangen, weil sie wissen, dass das dabei Wesentliche innerlich und geistlich geschieht.
Wir Evangelischen sind ganz schön tolerant, und das ist gut so. Weichen wir nun aber auch den Boden auf, auf dem wir als Kirche stehen, gehen wir bei aller Liebe zur Toleranz zu weit. Dafür ist die diesjährige sog. "Orientierungshilfe" der EKD "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit" ein warnendes Beispiel. Mit der Berufung ausgerechnet auf Luther, dass die Ehe bloß eine weltliche Ordnung sei, wird dazu aufgerufen, nun gleichgeschlechtlich Liebenden den gleichen Segen zu erteilen. Was hätte wohl der echte Luther davon gehalten? Wenn ich seine Wittenberger Predigten lese, dann wohl dieses: „Gott hat es frei gemacht, ehelich zu werden oder nicht.“
Ein Eheverbot ist aus der Heiligen Schrift ebenso wenig abzuleiten wie ein Ehezwang. Aber auch: „Gott hat Mann und Weib gemacht – und wenn sie zusammenkommen, gibt er hierzu seinen Segen.“ Das steht so im Wort Gottes, und darum ist der Ehestand viel eher ein geistlicher als ein weltlicher Stand. Wer ihn entleert und andere Lebensformen als gleichwertig predigt, hat jedenfalls nicht Gottes Wort für sich. Nein, würde Luther sagen, die Ehe ist eine göttliche Ordnung, wenn auch die Form der Eheschließung und die Eheführung frei sein sollen. Dazu gibt es im Einzelnen kein Gebot von Gott. Hier lasse man die Liebe entscheiden und folge dem Gewissen.
Die Freunde der Familiendenkschrift gehen unterdessen einen Weg, der sehr an Karlstadt und Genossen erinnert. Sie fordern Dinge ein, die Gott weder geboten noch verordnet hat. Das ist das eine. Dann wollen manche auch noch die kirchliche Obrigkeit vorschreiben lassen, dass ein Pfarrer gleichgeschlechtliche Partnerschaften ebenso wie eine Ehe segnen soll. Das ist das andere. Hier wird sowohl die Bindung an die Heilige Schrift über Bord geworfen, als auch das Gewissen dessen beschwert, der da nicht mehr mitkann. Das ist weder evangelisch noch lutherisch – und daher kann es nicht gut und heilsam sein, da mitzumachen. Wo man Dinge aufstellt und erzwingen will, die sich nicht auf einen starken, klaren Spruch der Schrift gründen können, hat man es mit Menschensatzung zu tun. Luther würde sogar von einem
„Affenspiel“ sprechen, wenn das Wort Gottes nicht dabei ist und es nur darum geht, einen äußerlichen Anschein zu erwecken.
Freilich: Den Nächsten tun zu lassen, was ihn sein Innerstes zu tun nötigt, solange er damit keinem anderen schadet, gehört auch zur evangelischen Freiheit. Und: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist es ebenso unchristlich, eine Partnerschaft zu diffamieren, die zwei Menschen im Grunde ihres Herzens wollen, wie dieser Sache einen Segen zu geben, den Gott nicht geboten hat. Das eine wäre lieblos, das andere stünde uns nicht an.
In einem wunderbaren Gleichnis hat Luther selbst beschrieben, wo die Grenzen der christlichen Toleranz liegen, aber auch wie weit zu gehen sie bereit sein muss. Der Glaube ist wie die Sonne, sagt er. In ihm ist ein Licht, wovon man nicht weichen darf. Davon darf man nichts wegnehmen, daran darf ich nichts ändern. Andererseits beugt sich – so wie die Wärme der Sonne zu uns herunterkommt – aus dem Glauben die Liebe herab, die den Nächsten begreifen und ihm ein ganzes Stück entgegen kommen will. Beides sei unser Maßstab, wenn wir uns weiter „evangelisch“ nennen wollen: Der Glaube und die Liebe, die Liebe und der Glaube.



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Probier es mal mit Ehrlichkeit!

Probier es mal mit Ehrlichkeit! - Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis (4. August 2013)
Pfarrerin Susanne Weiling


Als Predigttext lesen wir eine Rede im Buch des Propheten Jeremia, Kap. 7, gehalten im Jerusalemer Tempel:
2 Hört das Wort des Herrn, ganz Juda, alle, die ihr durch dieses Tor kommt, um dem Herrn zu huldigen.
3 So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Verhalten und euer Tun, dann will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort.
4 Vertraut nicht auf Lügenworte: „Hier ist doch der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn!“
5 Denn nur wenn ihr euer Verhalten und euer Tun von Grund auf bessert, wenn ihr gerecht entscheidet im Rechtsstreit, 6 wenn ihr die Fremden, die Waisen und Witwen nicht unterdrückt, unschuldiges Blut an diesem Ort nicht vergießt und nicht anderen Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden, 7 dann will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort, in dem Land, das ich euren Vätern gegeben habe für ewige Zeiten.
8 Freilich, ihr vertraut auf die trügerischen Worte, die nichts nützen.
9 Stehlen, morden, die Ehe brechen, falsch schwören, dem Baal opfern und anderen Göttern nachlaufen - das alles gibt es unter euch, 10 und dann kommt ihr und tretet vor mein Angesicht in diesem Haus, über dem mein Name ausgerufen wird, und sagt: „Wir sind erlöst!“, um dann doch weiter alle jene Greuel zu treiben.
11 Ist denn in euren Augen dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, eine Räuberhöhle geworden?
Aber ich habe alles gesehen, spricht der HERR. 12 Geht hin zu meinem Tempel, der in Silo war, wo ich früher meinen Namen wohnen ließ, und seht, was ich mit ihm getan habe wegen der Bosheit meines Volkes Israel!
14 So werde ich mit diesem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, worauf ihr euch verlaßt, und mit dem Ort, den ich euch und euren Vätern gegeben, ebenso verfahren, 13 weil ich geredet, ihr aber nicht gehört habt; weil ich euch gerufen habe, ihr aber nicht geantwortet.
 

Liebe Gemeinde!
Einen ganz entschieden zornigen Jeremia erleben wir in unserem Predigttext. Er beklagt und er klagt an, er benennt Sünden in den derbsten Worten, er entlarvt, er tritt auf gegen üble Taten und gegen Heuchelei. Für das, was er hier sagt und tut, könnte er in höchste Bedrängnis kommen. Denn keinen nimmt Jeremia aus in seinen Worten, vom kleinsten Mann, der beim Verkaufen ein wenig schwindelt, bis zum Richter, bis zum König, musste jeder Mensch damals sich  sofort hinterfragen: Gilt nicht auch mir dieser Vorwurf, diese Klage?
Wie gehe ich damit um, dass jemand öffentlich aufsteht und vielleicht noch gar zu Recht mein Handeln verdammt? Wie bringe ich diesen Mann zum Schweigen, der solch Unerhörtes sagt, der mir die Bequemlichkeit nimmt, das Recht zu beugen, wie ich will?
Unschöne Möglichkeiten, Jeremia endgültig zum Schweigen zu bringen, möge durch manche Köpfe der damaligen Zeit geschossen sein, Phantasien, die auch heute noch korrupte Machthaber gerne ausleben. Und doch umgab ihn damals eine gewisse Aura der Unangreifbarkeit, wie eine Mauer, ja, wie ein schützender Mantel, der um seinen Schultern lag. Denn er redete ja nicht für sich allein oder aus seiner privaten Wut, aus seinem Zorn heraus.  "Ko amar Jahwe" - "so spricht Gott" - diese hebräische Formel, die seinen Ausführungen vorangeht, machte deutlich: Aus mir spricht die höchste Macht, der ihr in letzten Dingen verantwortlich seid. In Jeremias Worten bricht sich folglich Gottes Zorn Bahn, ein Zorn, der sich bei genauer Betrachtung des Treibens seiner Gläubigen erhebt.
Heiliger Zorn - wie ihn auch Jesus verspürte, als er Jahrhunderte später in Anspielung auf Jeremia rief: Der Tempel soll ein Bethaus sein, ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht! Heiliger Zorn - Gottes Zorn, verkündet durch den Mund seines Boten! - Woran hat er sich so tief entzündet?
Abgötterei, Betrügereien im finanziellen und privaten Bereich, Meucheltaten, Vergießen von unschuldigem Blut, ständiger Rechtsbruch, der ungesühnt bleibt, dabei noch frommes Gesäusel, das dies alles kaschiert - das sind die Klagen, die Jeremia vorrangig nennt,wie gesagt, in Gottes Namen.
Kein Wunder, dass Gott es nach seiner Rede fortan ablehnen will, an diesem Ort zu wohnen, wo keine Ehrlichkeit herrscht und nur Unrecht, Unglaube und Gewalt zu finden ist.
Im Tempel und darum herum ein wüstes Getümmel - wo soll man anfangen, das alles aufzuräumen? Und so wird Untat zum Alltag, zur Gewohnheit, zur Normalität - während Recht und Gerechtigkeit, weil nicht mehr geübt, allmählich aus der Sichtweise der Menschen ganz entschwinden. Sünden werden weggewischt mit dem lapidaren Satz: Die andern sind ja auch nicht besser... und bald schon gibt es keine Schranken mehr und keine höchste Autorität, keine Moral, keine Bedenken... nur noch einen großen Markt der tausend Möglichkeiten.
Was danach kommt nach dem Kaufen und Verkaufen, nach dem schnellen Abenteuer und dem billigen Genuß? Das interessiert doch keinen, danach fragt man nicht mehr.... Wer will schon etwas Belastendes wissen? Wo man sich doch so wunderbar unterhalten und ablenken kann! 
Oft bringen diese Dinge das Blut der Propheten in Wallung - auch der Jeremiatext kündet stark davon, gesprochen einige Jahrhunderte vor Jesu Geburt, rund zweitausendsechshundert Jahre vor unserer Zeit. Zeitlich und räumlich weit weg, und doch: Wie nah sind wir auch heute wieder an solchen Themen! Jeremias Kritik könnte auch unsere Welt noch treffen.
Wie oft sind wir geneigt, Dinge zu beschönigen und zu verharmlosen - wie oft bleibt großes Unrecht ungestraft und ungesühnt in der Justiz und auch im normalen Alltag. Für berühmte Menschen ist zu hören: Alles ist doch irgendwie zu verstehen, und noch im grünen Bereich. Na ja, schön ist es nicht, aber es kommt halt vor.... Und so verschwindet manche üble Tat allmählich aus den Schlagzeilen und wird bedeckt mit dem barmherzigen Mantel des Verschweigens.
Wenn wir so die Gesellschaft um uns herum betrachten, merken wir: Kleine Betrügereien erhalten die Freundschaft; um der Höflichkeit willen dulden auch wir manch unschöne Bemerkung, entlarven nicht sofort jede Schurkerei und jede Lüge. Viel zu oft ist unsere Rede biegsam und läuft auf Unverbindlichkeiten hinaus. Offener Austausch von Meinungen, der weiterführt, kommt auf diese Weise viel zu selten noch zustande.
Man muss ja schließlich gut auskommen mit den Menschen - und wenn man zu deutlich Stellung bezieht, passt man nicht mehr zwischen zwei Meinungen durch- da wählt man doch lieber eine Ausdrucksweise, die alles oder gar nichts besagt und sich die Möglichkeit zum Rückzug immer noch offen lässt.
In manchen klerikalen Stellungnahmen wimmelt es darum nur so von Formulierungen, die jeder so verstehen kann, wie er mag und will- damit man irgendwie und irgendwo, irgendwann doch alle einmal abzuholen imstande wäre für einen gemeinsamen Weg...wohin der aber dann wohl führt und wohin man dann gemeinsam geht, scheint dabei gar nicht mehr so wichtig zu sein...
Ist das aber noch die Wahrheit, für die Jeremia hier in Gottes Namen streitet? Ich glaube das nicht mehr. Denn er, der Bote Gottes, er  geht ungeschützt und ungetarnt den harten Weg. Er sagt deutlich: Bis hierher und nicht weiter. Er klagt keine einzelnen Menschen namentlich an, so unbarmherzig ist er nicht - doch deutlich benennt er die Grenzen des Machbaren. Jeder kann sich dann den Schuh anziehen, der ihm passt. Und jeder wird es tun - da ist er sich sicher. Solche Ehrlichkeit wagt er - in Gottes Namen. Alle Schönfärberei macht doch auf Dauer keinen Sinn - sie führt nur dazu, dass das Unrecht überwiegt und die Unehrlichkeit allgemein akzeptiert wird. Darin ist Jeremia äußerst klar und äußerst entschieden. Wie verlogen klingt ihm dieses: „Hier ist der Tempel. Gott hat uns versprochen, auf unserer Seite zu sein. Wir sind sein Volk, wir sind erlöst.“
Jede Religion kennt diesen Anspruch, kennt auch solches Versagen. Niemand kann verleugnen, dass Jeremia hier eine wunde Stelle trifft. Allzu leicht verbergen wir uns hinter unserer menschlichen Fehlerhaftigkeit, und hinter Gottes grundloser Barmherzigkeit, anstatt selber Dinge zu verändern und Verhältnisse zu bessern.
Was Jeremia hier an den Menschen seiner Zeit bemängelt, würde er womöglich in unserem Ort und zu unserer Zeit wohl kaum anders sagen...
Wie gehen wir aber heute mit seiner Wahrheit um? Indem wir uns weniger verstecken - mit unserem Charakter, mit unserer Meinung. Indem wir klarer werden in unseren Zielen, unseren Gedanken, unseren Formulierungen. Indem wir die Schere der Konventionen aus unseren Gedanken verbannen - und ruhig auch mal wagen, anzuecken und aufrichtig zu sein. Indem wir nicht alless zu harmonisieren versuchen.
Was ändert sich sonst, wenn jeder, der eine gute Ansicht hat, sich damit ins stille Kämmerlein zurückzieht? Wir sind doch keine Schafe, die auf menschliche Oberhirten hören müssten. Wir haben nur einen Hirten - dies ist Gott allein. Und der - so sagt uns Jeremia - verlangt von uns Aufrichtigkeit und keine Duckmäuserei. Ansonsten zieht er sich aus unserem Leben zurück, lässt sich nicht mehr von uns einspannen für unsere Egoismen.
Sind auch uns die Menschen am sympathischsten, die für ihre Sache kämpfen, die ehrlich sind? Oder fallen wir lieber auf Schmeichler und Heuchler herein?
In Gottes Haus jedenfalls hat dies gar nichts zu suchen. In einen echten Dialog - auch und gerade in Glaubensfragen, kann man nur treten, wenn man weiß, was man glaubt, und dieses auch verteidigt.
Natürlich sollte man nie versuchen, um jeden Preis zu gewinnen, nicht mit unfairen Mitteln, nicht mit Gewalt, Gemeinheit und Betrug für die eigene Sache streiten. Aber eine Rede, die eindeutig ist, bezeichnend und klar, die ist schon erlaubt, muss erlaubt sein, wenn man in Gottes Namen für seine Welt etwas Gutes tun will.
Wer einem Unrecht nicht widersteht, hat es schon zugelassen, hat dem Unrecht weit Tor und Tür geöffnet. Das Reden des Jeremia weist uns einen anderen Weg.
Was Jeremia hier seinem Volk damals sagt, das können auch wir  noch akzeptieren und hören. Denn er warnt vor einer Welt der Beliebigkeit und des Unrechts, einer Welt, in der der Glaube nur noch Fassade ist, aber kein positiver Gegenentwurf zur Wirklichkeit mehr. Einer Welt, in der Gottes Name herhalten muss für rasche Entschuldigungen. Einer Welt, in der jeder nur an sich selber denkt und den Glauben allem anderen Zeitvertreib unterordnet. Wer von uns möchte wohl in solch einer Welt leben?
Ist es nicht viel besser, im Glauben an Gott eine Freiheit zu gewinnen, die uns Abstand schenkt von solchen Missständen? Ein Glaube, der befreit von Angst, furcht- und auch ein wenig respektlos ist im besten Sinne des Wortes, ein Glaube, der nur Gott die Ehre gibt, den lebt Jeremia uns durch sein Reden hier eindrücklich vor.
In der Reinigung des Tempels, in seinem Umgang mit Pharisäern, in seinem furchtlosen Vertrauen in Gott allein - ist Jesus sehr deutlich in die Fußstapfen der Propheten getreten. Als Sohn Gottes hat er sich dadurch erwiesen, dass er von ihrer Botschaft nichts weggenommen und nichts verfälscht hat - auch wenn bei ihm die Liebeskraft Gottes wohl deutlicher in den Vordergrund trat. Immer wieder hat auch er den Menschen gesagt: Selig seid ihr, wenn ihr ehrlich bleibt!
 



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Was unser Himmel ist

Was unser Himmel ist - Predigt am 9. So. n. Trinitatis (28.07.2013) in der Gnadenkirche und der Erlöserkirche
Pfarrer Dr. Christoph Weiling

Der Predigttext enthält zwei winzig kleine, und doch wunderschöne Gleichnisse, zu lesen im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums:
44 Jesus Christus spricht: Das Himmelreich gleicht einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und den er verbarg; und vor Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.
45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte, 46 und als er eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Liebe Gemeinde!
Eigentlich sind das zwei sehr klare Gleichnisse. Zwei verständliche, sinnvolle kleine Geschichten. Und doch muss heute erklärt werden, worum es eigentlich geht.
„Himmelreich“ - damit fängt es nämlich an. Der Zeitgenosse, der davon damals aus Jesu Mund hört, weiß wohl etwas damit anzufangen. Himmelreich, so hört er und denkt gleich: „Aha,...Reich Gottes! Da wird der Herr des Himmels und der Erde herrschen, werden seine Gebote gehalten, da wird sein Wille gelten, sein Wort regieren. Himmelreich...das ist Heil, die Nähe Gottes, Friede von allem Kampf, Ausruhen von der Mühsal des Lebens ...“
Aber heute? „Himmelreich“ - was ist das für uns moderne Menschen? Was fällt Leuten von heute dazu ein?
Meist leider nur Kindervorstellungen vom lieben Gott auf Wolke Sieben, Kindervorstellungen, die spätestens mit sechs oder sieben Jahren abgetan werden. „Den Himmel gibt es nicht!“ heißt es dann; oder: „Da glaub ich nicht dran . . . wo soll denn das sein?“
Nach oben jedenfalls schauen die Menschen heute nicht mehr. Denn da haben Kosmonauten und Astronauten noch nichts gefunden. Da sind zwar jede Menge Sterne und Planeten – aber vor allem ist da viel leerer Raum und sonst gar nichts.
Vielleicht ist es gut, wenn die Menschen darum den Blick wieder mehr zurück auf die Erde richten. Denn der „Himmel“ der Bibel ist auch nicht irgendwo „da oben“, sondern mehr „da vorn“, in der Zukunft.
Aber doch hier und da schon gegenwärtig.
„In einem Menschen, der liebt, fängt der Himmel an.“ So hat einmal einer gesagt. Und tatsächlich gebrauchen die Heutigen das seltene Wort vom „Himmel“ gar nicht so selten, wenn es gilt, von der Liebe zu reden.
„Du bist für mich der Himmel auf Erden“, so säuseln sich Verliebte in seligen Stunden zu. Himmel ist also, wenn Menschen in Liebe füreinander entbrennen. Himmel heißt: das unbeschreibliche Glück, jemanden zu treffen, der zu mir passt und der so für mich da sein will wie ich für ihn.
Himmel fängt an, wo die Liebe ist. Aber die Liebe ist auch sehr zerbrechlich und gefährdet. Wie leicht kann sie kaputtgehen, wenn erst die Verliebtheit des Anfangs dem Alltag weichen muss, die rosa Brille trüb wird und der Engel, dem ich begegnet bin, auf einmal Züge entwickelt, die mir gar nicht gefallen . . .
Doch, Liebe hat sicher etwas mit dem Himmel zu tun! Sie ist eine Himmelsmacht, außerhalb unserer Reichweite und Machbarkeit. Aber festhalten kann man diesen Himmel eben nicht. So ganz passt er nicht zu den Schätzen und Perlen, von denen Jesus redet, die man ja ganz sicher und fest hat – für immer. Vielleicht meint er also noch ein anderes Stück Himmel als die Liebe.
Vielleicht meint er den Himmel, von dem Menschen gelegentlich sprechen, wenn sie nach schwerer Krankheit wieder genesen. Neulich habe ich von einer älteren Dame eine solche Geschichte gehört: „Das war wie ein Stück vom Himmel für mich, als ich nach der schweren Operation wieder die ersten Schritte gehen konnte!“ sagte sie. „Wieder gehen...aus dem Bett aufstehen...vom Sessel zum Tisch...dann sogar bald die Wohnung verlassen...in die Sonne kommen...frische Luft atmen, draußen... das war himmlisch.“
Kann der Himmel also auch etwas sein, was uns sonst völlig selbstverständlich ist? Zum Beispiel Gesundheit, oder ein Stück Brot, oder das Gefühl, endlich zuhause zu sein? Vielleicht müssen wir erst in einer „Hölle“ leben, dass wir den Himmel dort wiederentdecken, wo er uns Oberflächenmenschen verloren gegangen ist. Und doch passen auch diese Vorstellungen vom Himmel nicht ganz zu dem Gleichnis von Jesus.
„Gesundheit ist das allerwichtigste!“ so sagen wir häufig. Wir wünschen darum bei Geburtstagen und anderen Anlässen: „hauptsächlich eine gute Gesundheit!“ Aber insgeheim wissen wir auch, dass Gesundheit immer ein Glück ist, das keiner in den Händen hat. Wie die Liebe zwischen zwei Menschen, die zerbrechen kann, so ist auch die Gesundheit zerbrechlich. Es kann ganz schnell geschehen, und es kann auch ganz unbemerkt geschehen . . .
Gewiss, auch Gesundheit ist ein Stück vom Himmel, aber Himmel muss doch noch mehr sein – unzerbrechlich, unzerstörbar, unaufhörlich.
Hören wir noch einmal auf die beiden kleinen Gleichnisse:
Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker. Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte, und als er eine besonders köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Eines wird an diesen beiden Geschichtchen sofort klar: Himmel muss etwas extrem Wichtiges sein! Denn die beiden Männer haben nichts anderes mehr im Kopf, als den Schatz zu gewinnen, die Perle zu erwerben! Koste es, was es wolle.
Himmel ist etwas, für das jeder Einsatz lohnt: Was der Landwirt da tut, der den Acker mit dem Schatz darin kaufen will, ist krass. Wäre jemand dahinter gekommen, warum er den Acker unbedingt kaufen wollte, hätte es mit Sicherheit Streit, Prozesse, Verhandlungen gegeben.
Nicht anders bei dem Kaufmann. Sein ganzes Hab und Gut verkauft er um der einen Perle willen; und man muss sich schon fragen, ob er - als Kenner - wohl dem Perlenhändler auch gesagt hat, was für ein Kleinod er da anbietet. Ob der die Perle dann nicht lieber selbst behalten hätte? – Der Einsatz der beiden Männer in den Geschichten ist waghalsig, ja dreist, jedenfalls ohne wenn und aber.
Aber tun Menschen nicht auch heute noch alles für die Himmelsdinge und Himmelsmächte, die sie haben und halten möchten? Für die Liebe? Für die Gesundheit?
Da wird auch kein Opfer gescheut, jedes Mittel versucht. Da ist man nicht zimperlich . . . „In der Liebe und im Krieg ist jedes Mittel recht.“
Doch schauen wir noch einmal auf das Doppelgleichnis vom Schatz und der Perle! Da merken wir: Wenn du den Himmel hast, dann brauchst du nichts anderes mehr. Sowohl der pflügende Mann auf dem Acker als auch der Kaufmann haben ja alles veräußert, was sie besaßen. Jetzt halten sie nur noch den Schatz, die Perle in ihrer Hand. Nichts anderes mehr . . .
An dieser Stelle spätestens beginnt der Vergleich mit den kleinen Himmelsgütern „Liebe“ und „Gesundheit“ dann doch zu hinken. Denn der Schatz, von dem Jesus redet, braucht sich nicht auf. Und der Glanz der Perle, von der er erzählt, wird niemals matt.
Dagegen kommen auch für den gesundesten Menschen einmal Tage, an denen er matt wird, schwach und gebrechlich. Spätestens am Abend seines Lebens. Und auch der Schatz der Liebe, so groß und gewaltig er ist, wenn es die beiden gut miteinander meinen, auch die Liebe hat einen starken Gegner. Sonst würde es nicht heißen: „Bis dass der Tod euch scheidet …“
Nein, der Himmel, den wir ersehnen, er muss irgendwie Gesundheit und Liebe als hohe Güter mit einschließen, aber dennoch stärker sein als der Tod, noch gewaltiger als die Zeit und noch treuer als das Menschenherz!
Erst, wenn wir das einsehen, merken wir, dass wir Menschen diesen Himmel brauchen, unbedingt brauchen. Denn ohne den Himmel haben wir in der Trauer nichts, was uns trösten kann; in der Verzweiflung nichts, was uns neuen Halt gibt; bei Verlusten wirklich nur leere Hände und leere Herzen.
Der Himmel aber, um den es Jesus geht, überwindet alles und erfüllt alles. Und er selbst steht dafür ein, dass es kein leeres Versprechen ist. Denn er selbst hat den Himmel auf die Erde gebracht, Gottes Güte und Gottes Wahrheit. Wenn wir ihn fragen könnten, was der Himmel noch mehr ist als unsere Menschenliebe und körperliche Gesundheit, dann würden wir dieses von ihm erfahren:
„Himmel“, würde er sagen, „das ist, dass du einen Vater hast, der dich liebt. Diese Liebe brauchst du dir nicht zu verdienen. Sie umgibt dich - seit du geboren wurdest - wie die Luft zum Atmen. Menschenliebe ist zerbrechlich, aber Gottes Liebe kannst du nicht verlieren.“
Stellen wir uns vor, wie Jesus zu jedem einzelnen sagen würde: „Du kannst dich wohl gegen Gott auflehnen, ihn leugnen, kränken und verlassen ... Und ich begreife wohl, dass du bei Krankheit und Verzweiflung manchmal so denken musst, als sei alles sinnlos. Denn auch diese Erfahrung kenne ich. Aber wenn du dann ganz alleine dastehst und ohne Trost, von aller Welt verlassen – so wie ich am Kreuz – dann hilft es dir, wenn du dich gegen allen Augenschein doch auf ihn verlässt.“
„Himmel ist Leben bei Gott“, sagt Jesus, „und der Tod wird uns nicht von ihm scheiden, sondern wir gehen durch den Tod hindurch zu ihm.“ Doch bedeutet das nicht, dass das Himmelreich erst im Jenseits beginnen würde. Beginnen tut es schon hier in Anfängen und kleinen Zeichen, in den Augenblicken, wo wir uns bei Gott spüren und in Gottes Nähe, geborgen in seiner Liebe.
In der Liebe zwischen Mann und Frau und in der Liebe der Eltern zu ihren Kindern – ist schon ganz viel spürbar, denn Gottes Liebe wirkt auch durch menschliche Liebe und spiegelt sich darin. Und auch unsere Gesundheit an Leib und Seele ist ein Hauch des Himmels. „Aber“, so würde Jesus einschränken, „täusche dich nicht: Menschen, die krank sind und von anderen als behindert bespöttelt werden, sie sind keinen Haarbreit von Gottes Liebe weiter entfernt als andere. Im Gegenteil: tiefe Zuneigung, Vertrauen, Freude aneinander – all das habe ich da manchmal unglaublich intensiv gespürt.“
Bringen wir es noch einmal auf den Punkt: Das Himmelreich, von dem Jesus predigt, ist ewiges Leben, Leben wie . . . bei Gott im Himmel!
Du musst dir den Himmel nicht wie ein nasses Wolkenreich über dem Erdenrund vorstellen. Der Himmel beginnt, wo Gott in die Menschenherzen kommt . . .
Wenn wir aber einmal ganz in Gott sein werden, dann wird sich der Himmel für uns vollenden, denn Größeres ist nicht denkbar. Was genau in dem geheimnisvollen Augenblick des Übergangs von dieser sichtbaren in die unsichtbare Welt geschieht, lässt sich nur erahnen. Die Bibel aber und auch manche sogenannte „Nahtoderfahrungen“ sprechen von einem warmen Licht, das uns mehr und mehr durchdringt, manchmal auch von ausgestreckten Armen, die sich dann bergend um uns legen, von Christus, der uns entgegen kommt.
Wenn es wahr ist, was wir glauben, dass Christus auferstanden und ganz in Gottes Welt hineingegangen ist, dann ist diese Vorstellung, dass er uns im Himmelreich empfangen wird, durchaus plausibel. Vor allem ist sie trostreich.
Wir können Jesus zwar heute nicht mehr so schauen wie damals seine Freunde und Zeitgenossen. Aber wir können seine Worte hören und auch für uns persönlich gelten lassen.
„Vater, ich will, dass jene, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen.“ (Joh 17,24)
So sagt Jesus im Evangelium. Das ist eine Aussicht, die alles wieder sinnvoll und wertvoll macht.
Der Himmel steht auch für uns offen! Lohnt sich dafür nicht wirklich jeder Einsatz? Jeder Preis?
Wenn es aber Christus ist, der uns den Himmel verbürgt, dann sollten wir weder so tun, als könne man gut auch auf anderen Wegen in den Himmel kommen, noch uns fromm aufspielen, als hätten wir darüber mitzuentscheiden, wer von ihm zugelassen wird und wer nicht.
Es mag sein, dass Gott noch andere Zugänge in seine Welt offen hält für jene, die Christus nicht in ihren Lebzeiten hören konnten. Aber das können wir weder wissen noch bestreiten, denn die Entscheidung, wen er erwählt, liegt so oder so bei ihm. Für uns genügt es, auf sein Wort zu hören und sich darauf zu verlassen, dass Christus unser Weg zur Perle und zum Schatz jedenfalls ist.
„Vertraue dich mir an“, sagt uns Jesus ins Herz, „und du gehst ins Leben, ins ewige Leben. Vertraue dich mir an und spüre, wie dir schon hier Flügel zu wachsen beginnen.“
In allen Menschen ist Sehnsucht nach Sinn, nach Erfüllung und nach einem Leben, das sich wahrhaft lohnt. Die Schätze dieser Erde geben einen Vorgeschmack davon. Die Liebe, die wir erleben, weckt Gefühle, die uns, so wünschen wir es, einmal ganz ausfüllen und umhüllen mögen.
Gebesserte Gesundheit nach langen Tagen der Krankheit weckt das Verlangen in uns nach grenzenloser Unbeschwertheit. Alle Fesseln möchten wir einmal ablegen können und nie mehr Leid, Klage und Schmerz erfahren müssen.
Das aber wird wahr, wenn wir bei Gott sind. Haben wir ihn, sind wir eins mit ihm, brauchen wir nichts anderes mehr. Wie eine Perle, deren Glanz nie vergeht; wie ein Schatz, der sich nie aufbraucht – so wird er uns erscheinen.
Welchen Einsatz aber müssen wir dafür erbringen? Leicht könnte man denken: Geldopfer, Eifer, gute Werke, Fasten, Beten, Meditieren – etwas in der Art verlangt das Gleichnis von uns, wenn wir in Besitz des Himmels kommen wollen.
Aber Jesus meint etwas ganz Einfaches – und Schweres zugleich.
„Glaube nur!“ - Das genügt.
„Glaube mir, dass es so sein wird, so wird dein Glaube der Schlüssel für die Tür zum Himmel sein!“
„Glaube nur“ – nicht immer fällt uns das leicht. Herz und Kopf kreisen oft - viel zu oft - um ganz andere Dinge.
Sobald aber die Glaubenskerze wieder hell in uns flackert, geht es wieder aufwärts, können wir den Blick wieder erheben und das Herz lösen von den Dingen, die uns die Seele schwer machen.
„Der Himmel steht uns offen“ – sein Land ist hell und we



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Die Hellsichtigkeit des Herzens

Die Hellsichtigkeit des Herzens - Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juli 2013, Erlöserkirche
Pfarrer Dr. Weiling

Der Predigttext steht geschrieben im Evangelium des Johannes, im 9. Kapitel, die Verse 1-7:
Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?
Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich "Siloah" (das heißt übersetzt: "gesandt") und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde!
Für die meisten von uns ist das Sehen und Sehen-Können etwas völlig Selbstverständliches. Für Sehende ist das nahezu unvorstellbar: Blind zu sein. Denn wir nehmen so unglaublich viel über die Augen wahr: Licht und Dunkel, Schönheit, den Verkehr, die Mimik und Gesichtsausdrücke anderer Menschen, Fernsehen, Computer, Werbung. Selbst zur Musik gibt es heute Musikvideos. Das Hören allein reicht nicht. So gehört zu jedem Rockkonzert eine gigantische Bühnenshow – Musik für die Augen. Und längst telefoniert man nicht mehr nur mit Mobiltelefonen, sondern schickt sich kurze Texte und bald auch bunte Bilder und sogar kurze Videos zu. Wir modernen Menschen sind auf visuelle Wahrnehmung ausgerichtet, auch wenn nicht alles heilsam ist, was wir zu sehen bekommen, wir manchmal von Bildern gleichsam überflutet werden und nicht selten uns Bilder auch falsche Tatsachen vorgaukeln. Doch das ist ein anderes Thema.
Auf jeden Fall möchten wir sehen können. Und wenn die Sehschärfe nachlässt oder gar auf die Augen nicht mehr recht Verlass ist, ist das eine recht starke Beunruhigung. Schlechte Augen machen uns Sorgen, hindern uns am Sport oder sogar an einer bestimmten Berufsausübung.
Wer gut sehen kann, macht sich das kaum täglich bewusst, wie sehr wir auf unsere Augen angewiesen sind. Und doch gibt es auch Menschen, die kaum oder gar nicht sehen können. Wie stellt sich für sie das Leben dar?
Mit den richtigen Hilfsmitteln kommen sie oft erstaunlich gut zurecht. Aus Gesprächen weiß ich, dass sie auf keinen Fall bedauert oder bemitleidet werden wollen. Meist sind bei ihnen der Gehörsinn, der Geruchssinn und die Gabe, etwas genau ertasten zu können, sehr ausgeprägt, viel ausgeprägter als bei Sehenden. Sie können sehr genau beschreiben, wie die Dinge klingen und riechen, und sie erschließen sich durch das Ertasten auch das Aussehen einzelner Gegenstände. So "sehen" sie – wenn man so sagen darf – vielleicht manchmal mehr als die Sehenden, denen wichtige Details und Kleinigkeiten oft entgehen und die zum Beispiel oft regelrecht blind sind für die Klangfarbe einer Stimme.
Von einem blinden Menschen handelt auch die Geschichte aus dem Johannesevangelium, die heute unser Predigttext ist. Von Geburt an ist der Mann blind, und da es noch keine Diakonie und kein soziales Netz und außer einem Stock noch keine Hilfsmittel gibt, bleibt ihm nichts anderes als zu betteln und sich damit den Blicken der Passanten auszusetzen und wohl manchen dummen Sprüchen auch.
Nicht einmal die Jünger von Jesus sind davor gefeit. Sie fragen: "Hat der Blinde sich etwas zuschulden kommen lassen? Oder seine Eltern?" – Diese Frage klingt arg befremdlich. Auf der anderen Seite hat man damals hinter Krankheiten oft eine Schuld vermutet. Man sagte sich: Grundlos wird keiner krank - es muss schon eine Art Strafe sein.
Aber vielleicht stimmt es gar nicht, dass man nur damals so gedacht hätte: Auch heute spielt ja die Frage nach Schuld und Unschuld eine große Rolle beim Kommentieren von Krankheiten. So wird beispielsweise bei einer Krebserkrankung auch gleich gefragt: "War er Raucher?" Wenn ja, heißt es gleich: "Selbst schuld!"
Jesus jedoch weist diese Frage nach einer Ursache zurück. Was wäre auch damit gewonnen? Er blickt stattdessen nach vorne und sagt: "Dieser Mensch ist blind, damit an ihm etwas deutlich werden kann."
Jesus durchbricht den Zusammenhang zwischen Schuld und Krankheit, an den damals die Menschen glaubten - und heute manche Menschen immer noch glauben. Jesus fragt nicht: "Weswegen ist jemand krank; in diesem Fall: blind", sondern er fragt: "Wozu ist der Mensch da blind?" "Wozu ist das gut?"
Und dann heilt er den Blinden.
Mich erinnert Jesu Verhalten an ein vierjähriges Mädchen, das ich kannte und das auch nie "Warum" fragte, sondern immer "Wozu ist das da? Wozu isses gut?" Dadurch ergibt sich für alles in der Welt eine ganz neue, erfrischende Perspektive. Übertragen wir das einmal auf unsere persönlichen Verhältnisse! Frage ich: "Warum bin ich da?" gerate ich ins Mutmaßen; frage ich aber: "Wozu bin ich da?" finde ich schnell konkrete Aufgaben. So sollten sich auch Ehepartner weniger fragen, warum sie sich eigentlich gefunden haben, sondern wozu sie füreinander da sein können. Auch Eltern fragen ja weniger, warum sie ein Kind haben, mehr wozu es ihnen geschenkt wurde und wozu sie es bringen werden.
Die Warum-Frage geht zurück in die Vergangenheit und sucht nach Ursachen; die Wozu-Frage geht nach vorne und sucht nach Sinn. Und wenn kein Sinn da ist, kann man Sinn stiften; wenn etwas scheinbar nicht gut ist, kann man versuchen, es gut zu machen. Wenn ein Raum dunkel ist, kann man ein Licht anmachen und ihn erhellen.
So jedenfalls ist es die Art von Jesus. Er denkt vom Ende her, wenn alles gut sein wird, und macht sich daran, die gebrochene Wirklichkeit zu heilen. Wenn Menschen hungern, gibt er ihnen zu essen und lädt zum Teilen ein. Wenn irgendwo ein Unglück geschieht, tut er, was in seiner Macht steht. Wenn er einen Gelähmten sieht, bringt er ihn auf die Beine. Wenn er einen Stummen trifft, öffnet er ihm Ohren und Mund. Und wenn er einem Blinden begegnet, schenkt er ihm das Augenlicht wieder. Mut macht er zudem, sich von der Vergangenheit zu lösen und neu anzufangen. Den Chancenlosen eröffnet er neue Möglichkeiten.
Und wozu das alles? "Damit die Werke Gottes offenbar werden!" sagt Jesus. Durch ihn beginnt das Reich Gottes, von dem es in der Bibel heißt, dass es dort kein Geschrei, kein Leid und keinen Schmerz mehr geben wird. Noch ist es erst ein Senfkorn, ein kleiner Anfang, ein erster Lichtfunke. Aber Jesus zeigt durch die Heilung des Blinden, was einmal für alle gelten wird: Heiles Leben. Jetzt beginnt es in Ansätzen, beispielhaft bei Wenigen. Am Ende aber, so verheißen es seine Taten, wird das Heil zu allen Menschen kommen.
Doch Jesus ist mehr als nur ein Wegweiser zum Reich Gottes und einer seiner Baumeister. Er ist selbst Gottes Hand und Gottes Stimme. Und so wie Gott am Anfang der Welt das Licht geschenkt hat, wirkt Jesus direkt von Gott her als Licht der Welt. Nur wo sein Licht ist, kann das Reich Gottes wachsen, wachsen seine Früchte, die das Leben fördern und erhalten.
Licht aber ist bedroht durch die Finsternis. Die Nacht droht den Tag zu verschlingen. Und wo kein Licht ist, da kann nichts gedeihen. "Dafür gilt es, aufmerksam zu sein", will Jesus sagen. "Seid empfindsam für das Licht und empfänglich für das Helle, verschließt eure Augen nicht davor, schaut nicht weg von der Sonne eures Lebens, verstrickt euch nicht in das Schattenhafte und Dunkle der eigenmächtigen Wünsche und Machenschaften!"
"Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt", sagt er. Daran erinnern wir bei jeder Taufe durch die Gabe der Taufkerze: Jesus soll das Licht der Täuflinge sein, damit die Schatten hinter sie fallen und sie niemals ins Zwielicht geraten.
Freilich: Dass Jesus das Licht ist, das ist nicht so ohne weiteres zu erkennen. Dafür reichen normale Augen nicht einmal aus. Gerade deshalb hat Jesus die Heilung eines Blinden auch ein "Zeichen" genannt. Es geht darum, dass man die Augen für ihn öffnet. Und da kann es geschehen, dass ein Blinder das kann, weil er auch mit dem Herzen sieht und so das Licht von Jesus in seine Seele hineinströmen lässt. Und ebenso mag es viele Augenzeugen geben, die mit gesunden Augen ganz normal sehen können, die aber dennoch für das, was Jesus tut und wofür er steht, vollkommen blind bleiben. Statt Gott zu loben, der so sichtbar an seinen Geschöpfen heilend handelt, ärgern sie sich über Jesus und verklagen ihn als einen anmaßenden Menschen oder gar einen Betrüger.
Es sind zunächst sogar nur ganz Wenige, die in Jesus das Licht der Welt, den Sohn Gottes erkennen. Nur wer mit dem Herzen sieht, nur wer glaubt, kann Jesus als seinen Heiland wahrnehmen, als seinen Erlöser, als Bezwinger sogar des Todes, weil er neues Leben erschaffen kann. Für andere bleibt er ein Aufrührer oder Scharlatan, und seine Anhänger werden als Spinner abgetan und verfolgt.
Wer die Geschichte von der Blindenheilung im Evangelium (Johannes Kap. 9) weiterliest, der wird bald merken, dass es da nicht nur um blinde Augen geht, sondern mehr noch und vor allem um blinde Herzen. Etliche der damaligen Zeitgenossen glauben dem Bettler nicht, dass er überhaupt blind war; sie verhören seine Eltern, dann ihn selbst, verfluchen ihn und schließen ihn sogar aus der Dorfgemeinschaft aus. Der vordem Blinde aber kommt zurück zu Jesus und zum Glauben an ihn. So will uns diese Geschichte in einem doppelten und übertragenen Sinne die Augen öffnen:
Es gibt offensichtlich eine noch schlimmere Krankheit als Blindheit - nämlich die Blindheit des Herzens. Menschen sehen und sehen doch nicht. Dafür einige weitere Beispiele:
- Menschen leben nebeneinander und merken es einfach nicht, wie es dem anderen geht. Es herrschen Gleichgültigkeit und Blindheit in der Beziehung. Wir kennen diese Blindheit, wenn wir nachdenken, nur zu gut.
- Blindheit des Herzens gibt es auch im Blick auf die Schöpfung: Wie viele moderne Menschen sind blind den Wundern der Natur gegenüber. Sie können nicht mehr staunen über die Vielfalt der Schöpfung, über die Schönheit all dessen, was der Mensch nicht selbst geschaffen hat.
- Blindheit des Herzens gibt es auch im Blick auf die geistigen Zusammenhänge: Viele Menschen sagen: Ich glaube nur, was ich sehe. Und sie reduzieren so die Welt auf die Dinge dieser Welt. Sie sind blind den geistigen Zusammenhängen gegenüber, dem Unerklärbaren, der Ahnung von Gott, vielleicht auch der Liebe.
Mir kam bei unserem Predigttext immer wieder das bekannte, aber auch gewichtige Wort aus dem "kleinen Prinzen" von Antoine de Saint–Exupéry in den Sinn: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
Mit dem Herzen sehen, darum geht es. Nur so kann man anderen Menschen wirklich nahe kommen. Und auch nur mit sehenden Herzen können wir verstehen, wer Jesus für uns ist: Einer, der uns berühren und erleuchten kann, der an uns handeln - und der uns senden will, damit auch durch uns die Werke Gottes offenbar werden.
Das werden sie, wenn Machwerke wie Gerissenheit, Unrecht und Lüge nicht über uns bestimmen, dafür aber Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit in uns wachsen. Das wünschen wir besonders unseren Täuflingen, und dass ihre Eltern und Paten soviel dazu beitragen, wie sie können. Denn dazu sind sie da: mitzuwirken, dass aus ihren Kindern auch Kinder des Lichtes werden.



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Wer war schuld

Die Hellsichtigkeit des Herzens - Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juli 2013, in der Gnadenkirche
Prädikantin Barbara Groote



Johannes 09, 1-7
9,1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen,
der blind geboren war.
9,2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen:
Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine
Eltern, daß er blind geboren ist?
9,3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt
noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke
Gottes offenbar werden an ihm.
9,4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der
mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt
die Nacht, da niemand wirken kann.
9,5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das
Licht der Welt.
9,6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die
Erde, machte daraus einen Brei und strich den
Brei auf die Augen des Blinden.
9,7 Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah
- das heißt übersetzt: gesandt - und wasche dich!
Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde,

Was erwarten Sie von mir, als Predigerin, wenn ausgerechnet ich über diesen Text predigen soll? Einen Text, wo das Thema Behinderung sehr kritisch thematisiert wird. Eine ganz normale Predigt, die auch aus dem Internet heruntergeladen sein könnte oder eine persönliche Stellungnahme? Ich werde nicht umhin kommen, mich selbst da mit einzubringen, aber trotzdem werde ich versuchen, dem Evangelium und der frohen Botschaft treu zu bleiben.
Sie merken schon an dieser Vorrede, ich habe arge Probleme mit diesem Text. Ja ich stoße mich an ihm und sie werden auch bald merken, warum.
Wer ist schuld? Wer ist schuld an allem Leid, aller Not dieser Welt? Wer ist schuld, wenn uns oder unseren Lieben Schlimmes widerfährt, wenn Schicksalsschläge unser Leben zeichnen? Fragen, die von Alters her die Menschen bewegt und umgetrieben haben. Fragen auf die wir, solange wir hier auf Erden leben, keine befriedigende Antwort bekommen werden.
Oder gibt unser heutiger Predigttext uns eine Antwort? Ja, er gibt uns zwar eine Antwort, aber ich muss gestehen, mich als selbst Betroffene, als Mensch, der selbst mit einer Behinderung aufgewachsen ist und nun damit lebt, befriedigt diese Antwort Jesu ganz und gar nicht. Nein, mich ärgert sie richtig. Allenfalls der Satzteil: "Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern", ist ja in Ordnung. Er entlastet uns von der Erbsünde und befreit uns davon, Krankheit und Behinderung als Strafe anzusehen. Aber unser Satz geht ja noch weiter: "...sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm." Die Werke Gottes sind Helfen und Heilen, also klassische Diakonie. Also bin ich, sind Menschen mit Behinderung nur deshalb behindert, damit andere an ihnen diakonisch tätig werden können und dann gut vor sich selbst und gut vor Gott dastehen? Das finde ich aus meiner Sicht heraus sehr sehr schwierig. Wo bleibt da Integration oder gar Inklusion? Das drängt Menschen mit Behinderung in die totale Passivität. Sie müssen sich ganz und gar dem ergeben, der gute Werke an ihen tut. Das ist eine Einstellung, die ich einfach ganz fürchterlich und schlimm finde, die passt ganz und gar nicht zu meinem Leben, das von Aktivität geprägt ist oder zum Leben der vielen anderen Menschen mit Behinderungen, wo wir tagtäglich ihre Selbständigkeit und Eigenständigkeit fördern.
Nun könnte man sagen: ja, dieser Text ist historisch zu sehen. Zur Zeit Jesu war das eben so. Da hatten Menschen mit Behinderungen eben keine Chance, keine Lobby. Ihre einzige Aufgabe war es eben, da zu sitzen und zu betteln, also passiv zu sein. Und die Hauptaufgabe derer die vorüber eilten, war es eben, ihnen Almosen zu geben, aktiv zu sein, für sie zu sorgen.
Das ist ja alles gut und schön, aber über diesen Text wird heute gepredigt, 2013 im Zeitalter der Inklusion. Darum ist zu fragen, was sind Aussagen dieses Textes, woran ich mich nicht nur stoße? Aussagen, die mir, die uns allen Halt und Kraft geben für unser Leben, für unser Handeln in dieser Welt, Egal, ob wir nun von einer Behinderung betroffen sind oder nicht. Ganz inklusiv, eben heute, 2013?
„Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist, sagt Jesus. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Das, so finde ich, ist die Aussage, die uns heute Kraft und Mut zum Handeln gibt. Ja, wir sollen handeln im Sinne Gottes. Ja, jeder nach seinen Möglichkeiten, mehr noch, wir sollen wirken. Wenn etwas wirkt, verändert sich etwas nachhaltig, wenn wir es auf Medizin beziehen, die wirkt, dann heilt da etwas. Wir sollen also, wenn wir die Worte Jesu hier ernst nehmen, die Welt verändern, sie zum Besseren führen. Natürlich jeder und jede in seinem Rahmen und nach seinen Möglichkeiten.
Und Jesus sagt weiter: Wir können nur wirken, solange es Tag ist. Und er meint damit mehr als nur den Tag, der eingeteilt ist in 24 Stunden, er meint damit, solange er, das Licht der Welt mit uns ist, können wir handeln und wirken. Solange Gottes guter Geist mit uns ist, kann unser Tun gedeihen. Schon die Psalmen wissen: „Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.“
Auch in diesem Text geht es wieder einmal um Leben und Tod, um Tag und Nacht, ja dieser Text möchte uns sagen, wir sind abhängig von der Nähe Gottes, unser Tun und Lassen, unser ganzes Sein ist abhängig von dem Wirken Gottes.
An dem Blinden dort ist das ganz augenscheinlich zu erkennen, er ist permanent abhängig von anderen, die ihm den Weg zeigen und ihn führen, damals zwar sehr viel extremer als heute, aber auch blinde Menschen heute sind in vielen Bereichen nach wie vor auf sehende Hilfe angewiesen.
Doch indem Jesus sagt, ihr könnt nur wirken, solange es Tag ist, solange das Licht, Gott selbst in der Welt ist und uns beisteht, weitet er diese existentielle Abhängigkeit des Blinden aus auf uns.
Wo Gott nicht ist, ist kein Leben, heißt das im Umkehrschluss. Wo Gott nicht ist, ist Nacht. Das merken wir besonders in Grenzsituationen unseres Lebens. Was sagen wir Trauernden, die nicht an Gott glauben? -Nichts- Welche Hoffnung können wir da als Trost weiter geben? -K
Wo Gott nicht ist, können wir nicht wirken, nicht leben, nicht hoffen, nicht glauben. Das ist die Kernaussage dieses Textes, die für alle Menschen gleichermaßen gilt. Ganz und gar inklusiv gedacht. Gut ist der beraten, der den Sohn kennt, denn den kennt auch der Vater. Und der kann hoffen, glauben, leben. Gut beraten sind wir.
Ja, unser Leben hat ein Ziel und unsere Sorgen und Nöte haben eine Adresse, an die wir uns wenden können. Wo wir klagen und schimpfen dürfen und jubeln und uns freuen. Alles hat hier seinen Ort, seinen Raum, bei unserem Schöpfer und Erhalter.
Bleiben wir also an seiner Seite in Freud und Leid, so bleibt er auch bei uns und es wird nicht Nacht. Oder, auch in unseren dunkelsten Nächten leuchtet immer noch sein Licht. So sind wir nie ganz verloren.



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Ich in Dir und Du in mir

Ich in Dir und Du in mir Predigt Joh. 17,20-26, 16. Juni 2013,
Prädikantin Barbara Groote


17,20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern
auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben
werden,
17,21 damit sie alle eins seien. Wie du, Vater,
in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie
in uns sein, damit die Welt glaube, daß du mich
gesandt hast.
17,22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben,
die du mir gegeben hast, damit sie eins seien,
wie wir eins sind,
17,23 ich in ihnen und du in mir, damit sie
vollkommen eins seien und die Welt erkenne, daß
du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich
liebst.
17,24 Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch
die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit
sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben
hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund
der Welt gelegt war.
17,25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht;
ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, daß
du mich gesandt hast.
17,26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan
und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der
du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.



Liebe Gemeinde,

„ich in Dir und Du in mir“ haben wir eben gesungen und werden es im Anschluss an diese Predigt noch einmal singen. Ein kleiner, schlichter Kanon mit ganzen sieben Wörtern, er drückt die ganze Botschaft aus, die in diesem Text des Johannes-Evangeliums steckt.

„ich in Dir und Du in mir“ was ist damit überhaupt gemeint? Unser heutiger Predigttext ist den Abschiedsreden Jesu entnommen.

Ein Predigttext zum Thema Abschied, mitten im Sommer? Fern ab von Ewigkeitssonntag oder der Passionszeit? Abschiede prägen nun einmal unser ganzes irdisches Leben und das auch im Frühjahr oder Sommer. So ist dieser Text nun einmal Predigttext für diesen Sonntag und Gott weiß, warum. Er möge uns nun die Kraft dazu geben, etwas Gutes daraus zu machen und frühlingshafte oder sommerliche Freude und Hoffnung daraus zu schöpfen, die uns dann auch im Winter und in dunklen Zeiten trägt.
Abschiede, endgültige Abschiede sind schwer, tun uns Menschen oft bis ins Innerste weh, reißen Wunden, die oft erst langsam wieder heilen müssen. Wenn wir bewusst und vorbereitet von lieben Menschen Abschied nehmen, geht es ums Ganze. So wird es auch bei Jesus gegangen sein. Jesus, der Abschied nehmen muss von seinen Jüngern und von den Menschen, die er liebt. Es geht ums Ganze, um Existenz. Jesus betet zu seinem und unseren Vater für die, die er liebt. Für die, die sein Vater liebt. Für uns.
Jesus bittet um Einheit, aber nicht so halbherzig, wie wir das oft tun, wenn es z.B. um Ökumene geht, wo wir im Grunde wissen, da werden immer Dinge bleiben, die uns voneinander trennen. Nein, Jesus bittet in diesen Versen um völlige und vollkommene Einheit, er bittet darum, dass wir eins seien, eins untereinander, eins mit Jesus, eins mit Gott.
Eins sein untereinander, geht das überhaupt unter uns Menschen, die wir so unterschiedlich sind? Bei einer Eheschließung wird uns das zugesprochen. Aber geht das? Hält das ein leben lang? Bedeutet Eins-sein, dass der andere seine ganz persönliche Identität zurückschraubt oder gar aufgibt? Das kann auf Dauer nicht gut gehen und wenn ich es mir recht überlege, kann das auch hier nicht gemeint sein. Kommt Eins-sein nicht viel mehr von dem Begriff „sich einig sein“? Wenn wir uns untereinander einig wären in den grundlegenden Fragen unseres Lebens und Glaubens, dann müssten wir uns nicht verbiegen, verstellen oder unsere Identität aufgeben. Wir könnten unsere Unterschiedlichkeit bewahren und wären trotzdem eins. Eins, wenn es ums Ganze geht.
Aber warum sollen wir uns einig sein wenn es um grundlegende Fragen unseres Lebens geht? Oder, was ist überhaupt damit gemeint, wenn ich sage, es geht ums Ganze?
Der Evangelist Johannes beschreibt es so: „Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast.“ Andere Übersetzungen haben Herrlichkeit mit dem Wort Heil übersetzt. Jesus hat uns sein Heil verkündigt, er hat uns die Hoffnung ins Herz gelegt, auf eine Welt, die heil ist, in der alles gut ist, aller Schmerz überwunden, alle Sehnsüchte gestillt sind. Darum geht es, wenn ich sage, es geht ums Ganze. Um diese große Hoffnung, die Gott in Jesus in unser Herz gelegt hat und die uns im Hier und Jetzt schon freier und fröhlicher leben lässt. Trotz aller Anfechtung, allen Schicksalsschlägen, allem Kummer, der um das Leben eines Christenmenschen ja auch keinen Bogen macht. (Höchstens einen Regenbogen, als Zeichen, dass Gott trotz allem bei uns ist.) Diese Hoffnung leuchtet uns voran in allem, was uns widerfährt, darum bittet Jesus hier in unserem Predigttext.
Und Jesus bittet um etwas noch Tieferes, er bittet darum, dass er in uns sein soll. „ich in Dir und Du in mir“ haben wir eben gesungen. Jesus bittet, dass er und der Vater in uns Wohnung nehmen dürfen. Das hört sich ziemlich mystisch an, aber ich stelle es mir so vor, dass der, der diese Hoffnung von Gottes Heil für diese Welt oder von Gottes geheilter, neuer Welt ganz tief in sich trägt, der trägt Gott in sich, in dem wirkt und lebt Gott.
Der Theologe Anselm Grün stellt sich das so vor, dass wir, jeder von uns einen Raum der Stille in unserem Herzen haben, wo nur jeder einzelne von uns und Gott Zugang zu haben. Schaffen wir es, Zugang zu diesem Raum zu bekommen, kommen wir zur Ruhe, können Gottes Nähe spüren, mit Gott reden und in Kontakt treten.
Wer so ein Gespür für sich selbst, sein Innerstes, seine Seele bekommt, in dem lebt Gott. Ich wünsche es uns, dass wir mit den Jahren eine Sensibilität dafür entwickeln. Ich glaube, das ist ein lebenslanges Lernen und Üben.
Jesu Gebet geht noch weiter. Er spricht hier aus, was wir uns wohl ziemlich oft wünschen, wenn wir von geliebten Menschen Abschied nehmen müssen. Er sagt: „Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben
hast.“ Er greift damit etwas vor und meint damit die Ewigkeit, das ewige Leben bei Gott. Ist das nicht tatsächlich auch einer unserer tiefsten Wünsche, dass wir die, die uns hier nahe stehen, oder standen dort wieder sehen.
Für mich ist die schönste Hoffnung, die sich mit der Ewigkeit verbindet, dass es diese Trennung, diesen Abschied, diesen Schmerz nicht mehr geben wird, der immer und immer wieder unser Leben prägt und oft so schwer macht. Dass wir dort einfach zeitlos zusammen leben können mit denen, die uns hier lieb und teuer sind und waren.
Jesus hat beim Vater darum gebeten, darum können wir hoffen. Jesus bittet aber nicht nur für diese „himmlische Vereinigung“, er bittet darum, dass wir die Herrlichkeit Gottes, das Heil für diese Welt schauen und erleben werden. Also ist auch unsere Hoffnung für diese Welt durchaus in diesem Textabschnitt gerechtfertigt.
Im letzten Teil seines Gebetes kommt Jesus quasi von der Ewigkeit wieder zurück in die irdische Realität, in die Welt. Eine Welt, die ihn nicht erkannt hat und bis heute nicht erkennt. Etwas erinnert dieser Vers an den sogenannten Johannes-Prolog, mit dem das Johannes Evangelium beginnt. Hier heißt es:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

Jesus sagt in unserem Predigttext: die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Er bittet für die, die erkannt haben, dass er gesandt wurde, er bittet für die, die ihn erkannt haben. Und erkennen in der Bibel heißt immer soviel wie lieben. Er bittet für die, die ihn lieben, die ihn in ihren Herzen tragen, weil er ihnen das Heil für diese Welt verkündigt hat. Und weil er ihnen, wie es im letzten Vers unseres Predigttextes heißt, seinen Namen, den Namen Gottes kundgetan hat. Der Name Gottes der da heißt: „Ich bin da“. Wir erinnern uns. Und wenn wir diese wunderbare Verheißung dieses Namens kennen, dann kennen und lieben wir Vater und Sohn und dann hat sich bereits erfüllt, was Jesus sich für seine Jüngerinnen und Jünger damals gewünscht hat und sich bis heute auch für uns wünscht. dann tragen wir Gott in unseren Herzen, dann darf Gott in uns wohnen.



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Der liebe Gott schimpft

Predigt ür Lukas 14,25-33 am 30. Juni 2013
Der Predigttext für den 5. Sonntag nach Trinitatis steht beim Evangelisten Lukas, Kapitel 14, die Verse 25-33:
Prädikant Hans Bolig

25 Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen:
26 Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.
27 Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. 28 Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, –
29 damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann's nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, 30 und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann's nicht ausführen?
31 Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit zwanzigtausend?
32 Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden.
33 So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.
Herr Dein Wort sei meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

Liebe Gemeinde,
„Der liebe Gott schimpft“, war ein häufig wiederkehrender Satz in meiner Kindheit. Meist wurde mir damit das Donnergrollen eines Gewitters erklärt. Das trug nicht unbedingt zu meiner Beruhigung bei. Manchmal ging es aber noch darüber hinaus. Der liebe Gott sieht ja bekanntlich alles, auch den Unsinn, den ich in dem Alter verzapfte. Und dann schimpfte der liebe Gott eben. Meine Erzieher waren halt Vater, Mutter und der liebe Gott.
Ich war noch nicht alt genug, um den Widersinn in diesem Satz zu entdecken. Ein schimpfender lieber Gott? Das passt nicht zusammen. Genauso wie im Predigttext das schimpfende liebe Jesulein. Wer so redet wie Jesus, ist nicht lieb. Der verhält sich schroff und abweisend.
Mich beschleicht da ein beklemmendes Gefühl. Denken Sie nicht auch so: Jesus, das kann doch nicht dein Ernst sein? Die Menschen, die ich liebe, hassen? Um Deinetwillen? Was ist denn nun mit Deinem großspurig verkündeten Liebesgebot: Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst? Und jetzt auf einmal nicht? Ja, was denn nun? Fragen über Fragen.
Ich gerate in eine Zwickmühle. Ich liebe mein Leben, so wie es ist, ich liebe die Menschen, die mir nahestehen. Jesu Worte sind da von unerbittlicher, qualvoller Konsequenz: „Dann kannst du nicht mein Jünger sein!“ Einen Ausweg gibt es nicht. Das liebe Jesulein ist heute halt nicht da. Der liebe Gott entlarvt sich als Popanz.
Doch dem lieben Gott ist nicht beizukommen. Gerade heute erlebt er eine Renaissance. Liebe und Vergebung werden Kindern und Erwachsenen geradezu inflationär nahegebracht. Bei den Kleinen schickt er häufig das liebe Jesulein vorbei, wenn was wehgetan hat. Das pustet auf die Wunde und klebt ein buntes Pflaster darauf. Passion und Karfreitag blenden wir da lieber aus. So ein grausames Geschehen kann man doch keinem zumuten.
Doch der alte Kinderglaube beschleunigt nur die persönliche Katastrophe unseres Lebens. Im Zusammenprall mit der schnöden Welt, mit Leid und Tod, mit Neid und Hass, zerbricht dieser Glaube. Wie soll diese bunte Seifenblase denn auch dem Druck des Lebens standhalten können, ohne zu zerplatzen?
Genau darum geht es Jesus. Er ist den Kinderschuhen des lieben Jesuleins längst entwachsen. Der liebe Gott ist nicht sein Gott. Das ist nur ein putziges kleines Göttchen. Das sitzt bei Bedarf auf dem Schoß und hat als Heilsbringer Gesundheit, Wohlergehen und Frieden auszuströmen. Im Fall des Versagens fliegt es jedenfalls auf den Müll.
Die große Menge, die Jesus folgte, dachte nicht anders als wir. Schauen wir uns doch einmal den regelrechten Kult an, der mit Stars und Sternchen getrieben wird. Die werden angehimmelt und gar angebetet, aber nur solange sie mit schöner Musik, wohlklingenden Worten oder sportlichem Erfolg für ihre Schützlinge sorgen. Erreichen sie die Menschen nicht mehr, stürzen sie gnadenlos ins Nichts.
Sensationslust und Starkult fand auch damals Jesus bei der großen Menge. Doch Gott will den ganzen Menschen, nicht nur die Befriedigung seiner Wünsche und Süchte. Es geht um das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter neben mir haben.“
Da bleibt dann von unserem Wohlfühlgott nicht mehr viel übrig. Der Konflikt mit der Welt ist programmiert, denn Gott will einen radikal anderen, einen neuen Menschen. Wir dagegen klammern wir uns an ein glückliches und zufriedenes Leben. Oder zumindest an die Hoffnung darauf .
In Deutschlands dunkelster Zeit trat dieser Konflikt besonders deutlich zutage. Der Nationalsozialismus wollte wie Gott den ganzen Menschen. Der Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer hatte das schon zu Zeiten der Machterschleichung Hitlers erkannt. Er stieß damit zwangsläufig auf die Frage, wie ernst es ihm mit der Nachfolge Jesu war. Er entschied sich bewusst für seinen Glauben. Das Ergebnis ist bekannt: Gefängnis, KZ und Galgen. Er trug sein Kreuz bis zum bitteren Ende.
Heute ist der Konflikt nicht so deutlich. Christ zu sein, ist nicht anstößig. Anstößig ist vielmehr, wer seinen Glauben zu jeder unpassenden Gelegenheit hinausposaunt. Manchmal sind es eben die Evangelikalen, die uns Beispiel sind. „Ich bin der Herr, dein Gott“ verlangt eine Entscheidung. Nicht ein „mal schauen“ oder ein bisschen Glauben an den „lieben“ Gott. Jesus erwartet ein radikales Entweder-Oder. Und das heißt Trennung von allem, was sich diesem Entschluss in den Weg stellt. Es gilt auch für geliebte Menschen.
Aber die Menschen gleich hassen? Nicht alle Bibelübersetzungen verwenden diesen Begriff. Und der Abschnitt, in dem unser Predigttext steht, erzählt ansonsten von Einladung zu einem Fest, von Liebe und Erbarmen. Es geht nicht um hassen, es geht um ein bedingungsloses Ja zu Jesus.
Doch das löst unseren Konflikt nicht auf. Wie lösen wir denn persönlich den Konflikt zwischen ernsthafter Nachfolge und unserem schönen geruhsamen Leben? Vielleicht geht es so: Gott ist nicht der liebe Gott, sondern der liebende Gott. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Der liebende Gott, und nur er, eröffnet uns mit der Nachfolge ohne Wenn und Aber den Ausweg.
Was passiert denn, wenn wir das erste Gebot einhalten? Ich kann mich noch gut an einen ökumenischen Bibelabend erinnern. Pfarrer Rademacher referierte über die Zehn Gebote. Das erste Gebot war das Zeichen vor der Klammer, und Luthers „Du sollst nicht“ übersetzte er mit: „Also wirst du nicht.“ Das hat faszinierende Konsequenzen:
Ich bin der Herr, dein Gott, also wirst du nicht töten.
Ich bin der Herr, dein Gott, also wirst du nicht stehlen.
Ich bin der Herr, dein Gott, also wirst du nicht ehebrechen.
Die Gebote sind keine Gesetze mit Strafandrohung, sondern Lebensregeln. Das Judentum betrachtete sie als Wegweisungen. Sie zeigen auf, was geschieht, wenn wir uns ernsthaft an Gott halten. Nur so wird der Mensch gerecht und gut. Und wenn alle das täten, wären wir wieder am Anfang – im Paradies.
Zurück in unsere Welt. Alle tun das leider nicht – eher im Gegenteil. So ist mit der Bejahung des ersten Gebotes unser Kreuzweg programmiert. Jesus spricht das unumwunden aus. Damit sind wir inzwischen meilenweit vom lieben Jesulein entfernt. Aber das soll das Ziel des Lebens sein? Wir sollen Benachteiligung, Unterdrückung, Leid und Tod wie Dietrich Bonhoeffer auf uns nehmen?
Jesus versucht es mit einem Appell an Vernunft und Logik, um uns auf den Kreuzweg zu lotsen. Allerdings scheinen seine Beispiele nicht so recht in unsere Zeit zu passen. Bauprojekte landen bei uns immer öfter in der finanziellen Katastrophe, siehe Flughafen Berlin, Stuttgart 21 und Elbphilharmonie. Und Nationalismus sowie größenwahnsinnige Diktatoren haben längst die Kriegsüberlegungen seines Königs ad absurdum geführt.
Schauen wir aber genau hin. In den genannten Beispielen besteht der Verdacht, dass die Dinge nicht mit Vernunft angegangen wurden, sondern mit dem alleinigen Wunsch nach Prestigeobjekten oder eben mit Macht- und Größenwahn. Gingen wir da nüchtern und vernünftig heran, so schaute vieles anders aus.
So auch bei Jesu Anliegen. Gott soll nicht nur der liebe Gott sein, sondern unser Herr und Gott, der Herrscher der Heerscharen. Mit diesem Gott im Herzen entfaltet sich ein neues Leben. Da mag auch die Welt uns weiter piesacken. Jesus befreit uns zu neuem Handeln. Er befreit uns mit Liebe und Vergebung zu Liebe und Vergebung.
Schön und gut, aber wie dahinkommen? Wie soll ich den alten Adam in mir überwinden? Vielleicht schaffe ich es ja mal, so mehr aus Zufall. Danach falle ich doch sofort in meine alten Verhaltensmuster zurück. Die Antwort gibt der Wochenspruch: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ (Epheser 2,8)
Gnade ist der Schlüssel. Der Konflikt ist lösbar, aber nicht durch uns. Wir müssen uns „nur“ entscheiden. Alles andere ist nicht mehr unsere Sache, sondern Sache der Gnade Gottes. Gnade bringt uns auf Jesu Weg, auch wenn wir schwach sind. Gnade hält uns auf dem Weg, auch wenn uns unser Kreuz drückt. Gnade holt uns zurück, wenn wir scheitern. Und Gnade zeigt uns das Ziel, nämlich sich selbst als leuchtende Sonne hinter dem dunklen Kreuz.
Das ist ein Grund zur Freude, mag uns auch Dunkelheit umgeben. Das ist ein Grund zum Loben, mag uns auch nicht danach sein. Das ist ein Grund zu singen, mag das Lied auch traurig sein. Tun wir es einfach. Loben wir unseren Gott und singen wir von der Freude, die uns trägt.
Amen. Und die Gnade und der Friede Gottes, die all unser Denken und Handeln übersteigen, mögen unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. Amen.



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Schöpfungslob im Zeitalter der Raumfahrt

Schöpfungslob im Zeitalter der Raumfahrt - Predigt am Sonntag "Jubilate", 21. April 2013, Gnadenkirche Holthausen
Pfarrer Dr. Christoph Weiling

Liebe Gemeinde!
Für den Sonntag "Jubilate" ist uns ein Text aufgegeben, der uns sicherlich bekannt ist und den einen oder anderen in Hochstimmung versetzt. Ein Jubellied auf die Schöpfung könnte man sie nennen, die ersten Verse der Bibel, aus dem 1. Buch Mose Kap. 1 und 2, auch benannt "Genesis":
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war . . .
26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen als unser Ebenbild, uns ähnlich, dass sie herrschen über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf der Erde kriecht.
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.
28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.
30 Allen Tieren des Landes aber und allen Vögeln des Himmels und allem Gewürm auf Erden, die da eine lebendige Seele haben, gebe ich alles grüne Kraut zur Nahrung. Und es geschah so.
31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.
1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und Gott hatte am siebenten Tage sein Werk vollendet, das er gemacht hatte; und er ruhte am siebenten Tage von all seinem Werk, das er getan hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn. Denn an ihm ruhte er von allem seinen Werk, das er geschaffen und gemacht hatte.

Liebe Gemeinde,
diese Zeilen kennt eigentlich jeder Mensch, denn wer auch nur aus Neugier die Bibel aufschlägt und zu lesen beginnt, kommt sicherlich bis zum Ende des 1. und Anfang des 2. Kapitels: Licht und Finsternis, das Sechs-Tage-Werk, die Erschaffung des Menschen. Zwei ganz unterschiedliche Empfindungen können sich beim Lesen und Hören einstellen. Den einen geht es so, als hätten sie eine Kindergeschichte vor sich, nach Art eines Märchenbuches. "So mag man sich ja früher die Entstehung der Welt vorgestellt haben", denken sie, "aber heute muss man das ja wohl nicht mehr glauben."
Andere sind fasziniert von dem Rhythmus und der Sprache dieses Textes. Er wirkt auf sie wie ein Gedicht oder eine gottesdienstliche Lesung, feierlich und voller Poesie. Er wäre, sehr langsam in einem sakralen Raum verlesen, auch für eine Meditation wunderbar zu gebrauchen.
Wie bezaubernd der Text wirken kann, wurde im Dezember 1968 deutlich. Die Crew von Apollo 8 waren die ersten Menschen, die den Mond umrundeten. Eine halbe Stunde lang war die Erde verborgen. Als sie dann hinter dem Mondhorizont aufstiegen, sahen sie in der Ferne unseren kleinen blauen Planeten am Firmament aufgehen – und sie konnten ihre ungeheuren Eindrücke nicht anders wiedergeben als mit den Worten der Bibel. Der Astronaut Bill Anders begann zu lesen: "In the beginning God created the heavens and the earth. … And God said, Let there be light: and there was light."
Millionen von Fernsehzuschauern hörten und schauten gebannt zu. Es war der Heilige Abend 1968.
Seit Jahrtausenden fragen Menschen nach ihrem und der Welt Ursprung. Aber kein Text hat so sehr seinen Zauber bewahrt wie dieser. Doch warum empfinden nicht alle so? Warum entgehen vielen seine Poesie und seine Kraft? Es liegt daran, dass sie mit einer verqueren Einstellung und falschen Fragen an diesen Text herangehen. In dieser Hinsicht gleichen sich übrigens christliche Fundamentalisten und atheistische Evolutionsgläubige. Sie behandeln den Text als das, was er gar nicht sein will: Sie nehmen ihn nicht als poetischen Text, sondern als Prosa. Prosa bezeichnet die nüchterne Darstellung, wie wir sie in Zeitungsberichten finden. Prosa eignet sich zur trockenen Tatsachenbeschreibung, aber ihr fehlt die Imagination, sie ist wenig kreativ und kein bisschen feierlich. Wer nun aber die ersten Verse der Bibel in diesem Sinne als Tatsachenbericht liest, der muss sie missverstehen und tut ihnen Gewalt an. Dabei wundert es eigentlich, wie das geschehen kann: Es würde ja keiner auf den Gedanken kommen, Goethes Worte über die Rose als botanisches Werk und nicht als Liebesgedicht zu verstehen!
Wer die Bibel als einen Tatsachenbericht auffasst, der stellt die Wahrheitsfrage falsch. Für ihn kann die Geschichte nur so abgelaufen sein oder eben nicht. Dann kommt man entweder zum Fundamentalismus und verwirft den Wahrheitsgehalt der modernen Naturwissenschaften; oder man spricht dem biblischen Bericht seinen Wahrheitsgehalt ab und nennt nur das wahr, was sich auch wissenschaftlich erhärten lässt. Die letzte Haltung ist sicher in unseren Breiten die verbreitete, während der Kreationismus, für den die Schöpfungsgeschichte in den Biologie-Unterricht gehört, eher in Amerika zu finden ist. Beide Positionen aber werden der Bibel und ihrer Antwort auf die Wahrheitsfrage nicht gerecht. Die Bibel gibt keine Antworten auf die Fragen nach den wirklichen Sachverhalten und dem Wann und Wie. Sie geht den Fragen des Woher und Wozu nach; sie sucht nach Deutungen und Bedeutungen.
Ich will das an einem Beispiel aus unserem Text verdeutlichen! Eine der großen Grundfragen lautet: "Was ist der Mensch?" Darauf kann man zum einen beschreibend antworten: "Ein höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten, in einem langen Evolutionsprozess entstanden." Und damit hätte man eine wissenschaftliche Wahrheit ausgedrückt. Aber man kann eben auch nach Vers 26 der Bibel antworten: "Ein Wesen zum Abbild Gottes, Gott ähnlich."
Dieser Satz mag vielleicht unwissenschaftlich sein, aber er ist deswegen nicht unwahr. Vielmehr erlaubt uns die Bibel, etwas über uns selbst zu erfahren. Und sie tut das, indem sie sogar zwei Schöpfungsgeschichten erzählt. Das 1. Kapitel der Bibel berichtet von der göttlichen Herkunft des Menschen, seiner göttlichen Seite, seinen göttlichen Eigenschaften; die nachfolgenden Kapitel dagegen erzählen von seiner dunklen Seite, seiner irdischen Seite. Er gehört ebenso zu Gott wie er zur Erde gehört, er trägt Unvergängliches wie auch Vergängliches in sich. Er ist Teil der materiellen Welt; und doch reicht sein Denken, Sagen und Sprechen weit darüber hinaus. Das sagt die Bibel – in einer bildhaften und feierlichen Sprache. Und in feierlicher Poesie schildert sie auch die ganze Schöpfung. Ihr ist es dabei nicht um die exakten Abläufe zu tun, die physikalischen Prozesse oder geologischen Verwerfungen; nein, sie bewundert - die Schönheit. Sie hat ein Auge für das wunderbare Gefüge, sie deutet und wertet und sagt: "Es ist ein Werk in Vollendung. Es ist sehr gut."
Der Dichter der Bibel steht staunend vor der Schöpfung, wie wir staunend vor einem Sonnenuntergang stehen oder einem Baum, dessen Blüten gerade erwachen. Er seziert die Natur nicht, ihm geht es nicht um die chemische Zusammensetzung der Dinge; er beobachtet in Ergriffenheit. Da gibt es das Unbewegliche und das Bewegliche: Den Himmel und die Gestirne, das Land und die Tiere, die Pflanzen, die Menschen. Da sind die vielfältigen Lebensräume und ihre Bewohner. Es gibt den Fluss der Zeit und ein Ziel, auf das alles hinzusteuern scheint: Einen Tag der Ruhe, an dem man alles betrachten kann. Einen Tag der Bewunderung und Anbetung.
Naturwissenschaftliche Beschreibung kennt keine Antwort auf die Frage: "Wozu ist das alles da? Für wen ist es geschaffen?" Sie kennt keinen Zweck, kein Ziel, keinen Sinn. Sie redet bestenfalls von Zufall und Notwendigkeit. Die Schöpfungsgeschichte behauptet dagegen: Alles hat seinen Sinn, alles hat seinen Zweck. Das ist – wohlgemerkt – gesprochen aus der Perspektive des Dichters, nicht des neutralen Beobachters. Es ist gesagt aus dem Blickwinkel dessen, der inmitten der Schöpfung steht und staunend bemerkt, dass ihm das alles zu Füßen liegt, dass ihm das alles zur Anschauung dient, seine Sprache ausformt, sein Denken, sein ganzes Dasein. Was das alles für sich sein mag, das liegt außerhalb seiner Wahrnehmung. Aber was das alles für ihn bedeutet, dass wird deutlich und voller Ergriffenheit ausgesprochen: Alles ist wie für den Menschen gemacht, alles ihm zugeordnet, alles auf ihn hin geformt und entwickelt, alles um seinetwillen gesegnet. Man mag das kritisch abtun als Anthropozentrismus, also eine den Menschen egoistisch in den Mittelpunkt stellende Sicht der Dinge; es ist aber die Perspektive eines dankbaren und anbetenden Menschen, eines Menschen, der sich nicht als Produkt des Zufalls erlebt, nicht als Resultat biochemischer Prozesse, sondern als Bewohner einer Welt, die ihm Heimat sein kann, und als ein zielgerichtetes Wesen, das einen Auftrag empfangen hat. Er weiß sich ausgesondert und gesegnet.
Wieder kommen mir die drei Astronauten von Apollo 8 in den Sinn: Jahrtausende liegen zwischen ihnen und dem Verfasser der biblischen Zeilen; und doch sehen sie auf die Welt wie auf den Hort des Lebens. Die Raumfahrer sind umgeben von der Ödnis und Einsamkeit des Alls. Da draußen ist es wüst und leer. Das All ist lebensfeindlich. Die Erde aber ist der blaue Planet, gerade so eingerichtet, dass Menschen auf ihm leben können. Hier ist Leben möglich: von den einfachsten Arten zu den komplexesten Formen. Federleichte und schwergewichtige, winzige und riesengroße Kreaturen tummeln sich auf dem Erdball. Und alle sind sie wichtig und gehören zusammen wie die Strophen eines Liedes. Man kann keine herauslösen, ohne dass das Ganze auseinander bräche.
Ein Wesen aber hat es alles in der Hand. Er schaut und sieht wie von Ferne. Sein Geist erhebt sich über Zeit und Raum und schaut hinter das Sichtbare, hat auch das Gestern und das Morgen im Sinn. Er kann planen und handeln, Fehler machen und sich irren, aber auch sich besinnen und wieder korrigieren. Er ist schöpferisch und kreativ. Er hat Überblick und viel Macht und eine große Verantwortung.
Die Bibel nennt ihn wegen all dieser Eigenschaften das Abbild Gottes, wörtlich sein "Schattenbild" [hebräisch "zelem"]. Wie eine Silhouette Gottes erscheint der Mensch, wie ein Wesen von großer Ähnlichkeit [hebräisch "d’mut"]. Man könnte ihn auch ein Gleichnis Gottes nennen, von ihm geschaffen, um sein eigenes Sein und Wesen abzubilden.
"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Ebenbild." - Eine kühne Aussage, die auf die Würde des Menschen verweist! Dabei lässt sie keine Rückschlüsse auf das Aussehen Gottes zu, bemerkt aber entsprechende Fähigkeiten: Gott und Mensch ähneln sich darin, dass sie beide Wille und Tat sind, beide begabt mit Sprache und der Fertigkeit, Dinge zu schaffen.
Der Mensch hat zwar nicht die Macht über alle Dinge, aber kein anderes Geschöpf gleicht ihm darin, dass er Felder bestellt, Gärten anlegt, Tiere hütet, sich die Schätze der Erde zunutze macht, ihre Kräfte lenkt, Wind und Wasser zähmt. Dass der Mensch auch eine andere, dunkle Seite hat, dass wird die Bibel erst in einer weiteren Schöpfungsgeschichte berichten. Fürs Erste erzählt sie von seiner Größe. Und sie lässt dabei feine Unterschiede erkennen zu den Schöpfungsberichten ihrer Umwelt: Im Alten Orient kam es nur dem König zu, als Bild der Gottheit und ihr Stellvertreter angeredet zu werden; im Alten Testament ist jeder Mensch gottebenbildlich und gottähnlich. Die Würde des Menschen ist nicht hinterfragbar, so sagt es die Schöpfungsgeschichte der Bibel auf ihre Weise. Sie ist damit bemerkenswert demokratisch, human und tolerant. In ihr gibt es keine Gottkönige, die mehr Rechte hätten als alle anderen, und keine Sklavenmenschen ohne Rechte. Die Erhabenheit des Menschen hängt auch nicht an einem Stamm, einem Volk, einer Rasse, einem Glauben. Sie ist gegeben längst vor der Unterteilung der Menschheit in Nationen und Religionen. Und sie ist auch unabhängig von Alter und Geschlecht.
Vielmehr berichtet die erste Schöpfungsgeschichte der Bibel von der Gleichzeitigkeit von Mann und Frau: "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde – als Mann und Weib schuf er sie." Womit keine Herrschaft der einen über die anderen begründet ist, sondern eben gleiche Würde, gleiche Rechte. Das erste Kapitel der Bibel ist nicht patriarchalisch, es ist auffallend emanzipatorisch. Im Umkehrschluss freilich bedeutet dies, dass man sich Gott nicht als einen Mann vorzustellen hat. Gott hat männliche wie weibliche Eigenschaften: Er kann sowohl stark als auch zärtlich sein, väterlich sorgend wie mütterlich bergend, hart und gerecht wie auch weich und barmherzig. Die Schöpfungsgeschichte nennt ihn in ihrer Sprache: "Elohim", das ist genau genommen ein Plural, also eine Vielzahl von Mächten und Kräften, die da in einem Wesen wirken.
"Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen!" Wer spricht da zu wem? Ist es ein Plural der Majestät, so dass Gott hier nach Art der Könige und Fürsten spräche? Oder redet Gott die Erde an, mit der er zusammen den Menschen erschaffen will? Nach einer Auslegung redet Gott mit den in sich selbst wohnenden Kräften, die nach alter Tradition auch "Engel" genannt werden können: mit der Liebe redet er und mit der Wahrheit, mit der Gerechtigkeit und dem Frieden. So wie der Mensch nur Mensch ist, wenn beide Geschlechter vorhanden sind, so ist Gott nur Gott in der Vielfalt seiner Eigenschaften. Und dazu gehört eben auch, dass er nicht nur schafft und wirkt, sondern auch vollendet und betrachtet und ruht. In Gott selbst finden scheinbare Gegensätze - die nämlich von Arbeit und Ruhe, Herrschen und Dienen, Trennen und Zusammenfügen - in einem Rhythmus zur Einheit. Er umfasst Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Himmel und Erde – und steht eben für das ganz große Wunder, dass sich aus diesen Gegensätzen ein Gefüge des Lebens für uns Menschen ergibt.
Eine letzte Feinheit noch: Nach den Schöpfungsmythen der alten Babylonier wurden die Menschen geschaffen, um sich abzuplagen und zu arbeiten und so den Göttern die Ruhe zu ermöglichen. Nach der Bibel ist der Ruhetag ein Geschenk Gottes an die Menschen. Und tatsächlich: Hätten wir den Ruhetag nicht und nur Werktage, wir Menschen hätten keine Zeit, das große Schöpfungswerk zu betrachten! Das Gespür für seine Erhabenheit könnten wir nicht aufbringen, noch Dankbarkeit, noch Ehrfurcht. Unser Leben wäre prosaisch, diesseitig, alltäglich, atemlos und hektisch. Durch den Ruhetag aber ist uns eine schöpferische Pause verliehen, die unsere Vorstellungskraft wieder auffüllt, die uns Worte für unsere Lieder und Gedichte finden lässt, die uns Erholung schenkt - kurz: die unserer Rekreation dient, was ja wörtlich nichts anderes meint als Neuerschaffung, Neuschöpfung.
Nehmen wir uns also heute Zeit: Zeit, auf Gottes Wort zu hören; Zeit, die Schönheit der Erde zu betrachten; Zeit, Gott danke zu sagen! Die Zeit, die wir ihm widmen, sie kommt uns zugute. Sie verändert uns. Sie lässt uns einstimmen in Gottes Poesie. Und wir begreifen uns als Schlussakkord seines wundervollen Werkes.



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Was uns Albert Schweitzer heute zu sagen hat

Was uns Albert Schweitzer heute zu sagen hat - Zum 100jährigen Jubiläum von Lambarene (Predigt beim Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden am 27. Januar 2013)
Pfarrerin Susanne Weiling


Liebe Gemeinde,

Afrika, der geheimnisvolle schwarze Kontinent, er ist bis zum heutigen Tage geprägt von der gleichen Armut, die Albert Schweitzer damals, vor mehr als 50 Jahren vorfand. Noch heute gibt es Millionen Menschen dort, die an den Folgen von Krankheit und Unterernährung sterben, noch heute gilt für die dort arbeitenden Hilfswerke die Erfahrung, die auch Albert Schweitzer machte, und die er so treffend beschrieb: Menschen zu retten, das ist wie Kieselsteine zu suchen an einem Strand. Du kannst nicht alle auflesen und mit dir nehmen, du musst dich beschränken auf die wenigen, die die Flut dir vor die Füße spült.  Aber jeder einzelne dieser Steine, die du aufhebst und dem stürmischen Meer entreißt, jeder einzelne dieser Steine ist es wert aufgehoben und gerettet zu werden. Die Steine in der Flut waren für ihn, den Urwalddoktor, seine Kranken. Und er hat sich dafür eingesetzt, möglichst viele von ihnen dem Tod, dem Verderben zu entreißen. Dabei war Jesus sein festes Vorbild, Jesus, der zu den Fischern ging und aus ihnen seine Jünger und Freunde und Menschenretter für andere machte. Ihm nachzueifern und selber ein Jünger Jesu zu werden, im fernen, leidenden Afrika, das war für Schweitzer sein Lebenswerk.
Als er ungefähr 30 Jahre alt war, und als Pfarrer in seiner Gemeinde am Schreibtisch des Morgens die Post durchsah, fiel ihm ein kleines grünes Heftchen in die Hände, die Werbung einer Missionsgemeinschaft in Gabun, damals eine Kolonie Frankreichs. Er liest, wie dringend dort Ärzte gebraucht werden. Nun ist er aber kein Arzt, sondern ein Pfarrer. Sein Werkzeug ist nicht die Medizin, sondern das Wort. Aber kann dies ausreichen, wo das Elend so handgreiflich ist? Also fängt er mit 30 Jahren noch einmal an zu studieren. Und dann geht er mit seiner Frau Helene, einer tüchtigen Krankenschwester, in das unbekannte Land, nach Gabun. Er wird weiter in Europa und den Vereinigten Staaten das tun, was er bis dahin schon meisterlich beherrscht: theologische Bücher schreiben, Vorträge halten und predigen, Konzerte geben auf der Orgel. Aber all dies wird er fortan vor allem tun, um Geld einzuspielen und zu sammeln für das Zentrum seines neuen Wirkens: das Hospital "Lambarene" – zu deutsch übersetzt: "Versuchen wir es!", das er mit seinen wenigen Gefährten dort neu gründet: eine Oase inmitten der Wüste aus Krankheit und Sterben.
Der Zweite Weltkrieg in Europa, die Stammeskriege in Afrika, sie sind oft in seinen Gedanken und erschüttern ihn sehr. Was ist der Mensch? wird er sich wohl gefragt haben, wenn er an die vielen Opfer dachte, die die Kriege bisher schon der Menschheit abverlangten. Was ist der Mensch? "Ein Abgrund,bei dem einen schwindlig wird, wenn man hinuntersieht", wie Büchner den Menschen bezeichnete, oder doch die "Krone der Schöpfung", wie man so optimistisch sagt? Und plötzlich, als er einmal mit seinem kleinen Boot einen Fluß hinuntertreibt, um einen Kranken im nächsten Dorf zu besuchen, findet er bei der Betrachtung der vielen Tiere am Ufer seine Antwort: Der Mensch ist vor allem eines: Leben. Und er will vor allem eines: dieses Leben bewahren, so gut und so lange es eben geht. Aber nicht nur der Mensch will leben. Auch die exotischen Tiere, die Flußpferde, die Krokodile, die Elefanten, die Löwen, auch die Pflanzen, die so reichlich wuchern, alles, was geschöpflich ist auf dieser Erde, will wachsen und gedeihen. Und so findet er seine Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch? in den Worten: "Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will." "Ehrfurcht vor dem Leben" wird fortan sein Lebensmotto.
Es war keine einfache Antwort. Denn manchmal zwingt das Leben uns auch dazu, andere Geschöpfe zu opfern, um selber lebendig zu bleiben. Wir alle leben auch davon, dass wir Tiere und Pflanzen essen. Ohne das ginge es einfach nicht auf unserer Welt. Aber Schweitzers Ethik - so streng und unerfüllbar sie auch scheint - macht trotzdem viel Sinn. Seine Lebensdevise verbot nicht das notwendige, sondern  das sinnlose Töten, das Töten aus purer Willkür und Macht, das Töten in einem sinnlos erzwungenen Krieg. Dagegen hat er noch im hohen Alter in Büchern und Schriften protestiert, für Frieden und gegen Gewalt ist er noch mit 90 Jahren auf die Straße gegangen, er hat demonstriert für das, was er unter  sinnvollem Leben verstand: Frieden in der einen Welt, die wir wie ein großes Haus gemeinsam bewohnen. Dies ist eine Welt, in der wir nur überleben werden, wenn wir lernen, uns gegenseitig Gerechtigkeit zu schenken, die Gegensätze zu überbrücken zwischen den ärmeren Staaten und den reichsten Industrienationen. Der Graben ist immer noch erschreckend tief.
Wir in unserer Gemeinde versuchen wie Schweitzer, Jesus Christus nachzuleben und so wie gut möglich in seinen Spuren zu wandeln. Wir versuchen, einzelne Kieselsteine aufzulesen: Wir haben eine Partnerkirche in Indonesien, wir beteiligen uns reichlich an Spenden und Kollekten, wir arbeiten mit oder kaufen ein im "Allerwelthaus", das ganz in der Nähe unsrer Gemeinde Waren fair  handelt und anbietet. Und unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden haben einen Abend ihrer Freizeit geopfert, um Bastelarbeiten anzufertigen, die sie beim Kaffeetrinken nach dem Gottesdienst an einem kleinen Stand verkaufen werden. Der Erlös geht nach Lambarene, das Urwaldhospital, das 2013 sein 100jähriges Bestehen feiert, und noch immer sehr bedürftig ist. So werden auch die jungen Menschen ein Zeichen setzen für Hilfe in Lambarene, ein kleines Zeichen der Solidarität. Nur so kann es gehen in unserer Welt, dass wir alle kleine Steinchen aufheben für das große Mosaik der Menschlichkeit, der gegenseitigen Hilfe.
Mögen wir darin niemals müde werden! Christus hat dieses Werk einmal angefangen. Christus hat auch uns berufen, in seine Fußstapfen zu treten, seinem Beispiel nachzugehen.
Wenn wir dahin schauen, wo unsere Kraft gebraucht wird, wenn wir als täglich (alles in allem) doch recht zufriedene und satte Menschen über unseren Tellerrand hinausblicken, dann werden uns viele Projekte einfallen, bei denen auch unsre Gedanken, Hände und Spenden einen Teil beitragen können zum Mosaik der Freundschaft. Millionen Menschen warten sehnsüchtig darauf! Gebe Gott, dass auch wir ihnen helfen können. "Vergesst die Armen nicht!"



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Was sollen wir tun?

Was solln wir tun....
Pfarrer Dr. Weiling

Predigt über Micha 6,6-8 (22. Sonntag nach Trinitatis)

6 »Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern?
7 Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«
8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Liebe Gemeinde!
Vier Fragen – eine Antwort. Vier Fragen, die sich steigern. Zunächst allgemein: „Womit soll ich mich Gott nahen?“ – Dann die Überlegung, die damals üblichen Opfergaben zu geben, oder doch besser: riesige Mengen davon. Schließlich der verzweifelte Gedanke, das eigene Kind hinzugeben.
Eine Vorstellung steckt dahinter, die – so fremdartig uns die Welt religiösen Opfers heute ist – trotzdem auch heute begegnet: „Ich gebe, damit du gibst“. „Do ut des“, lautet die klassische lateinische Formulierung dafür. Im zwischenmenschlichen Bereich ist uns das vertraut: kleine Gaben erhalten die Freundschaft; und große Gaben können Türen öffnen. Das Prinzip ist an sich nicht kriminell. Es enthält eine einfache Ethik: Ich leiste etwas, um dafür auch etwas anderes zu bekommen. Es ist ein Tauschgeschäft in der Hoffnung auf Gegenseitigkeit. Bekanntlich erstreckt sich dieses: „Ich gebe damit du gibst“ freilich auch bis in kriminelle Bereiche: Bestechung und Korruption funktionieren jedenfalls nach genau dem gleichen Prinzip.
Es scheint, dass unser Prophet Micha es mit einer Haltung zu tun hat, die man als „versuchte Bestechung“ bezeichnen könnte. Der, den man bestechen möchte, ist aber nicht ein Beamter oder Regierungsangestellter, sondern Gott selbst. Micha wirft seinen Zeitgenossen „Gotteskorruption“ vor. In dem Moment, in dem von außen große Gefahren drohen (das Reich Israel wird tatsächlich alsbald von den Assyrern überrollt), wollen sie Gott eilfertig entgegenkommen.
Ist das ein Verbrechen? Es ist nicht verhandelbar vor menschlichen Gerichten. Aber Gott selbst ist Richter in eigener Sache. Durch seine Propheten, eben durch Micha, gibt er zu verstehen: „Ich bin nicht korrupt! Mit mir könnt ihr keine Geschäfte abschließen.“
Micha, der Prophet, ist damit auch so etwas wie ein Reformator, unserem Martin Luther gar nicht unähnlich: „Mit Gott gibt es keine Geschäfte. Dass ihr Ablassbriefe kauft und Reliquien sammelt, wird euch nichts nützen.“
Solche Sätze schaden der Religion – (nicht der wahren Religion der unmittelbaren Gottesbeziehung); sie schaden aber der von Menschen gemachten „Religion“ in den Tempeln und Kathedralen. Sie schaden denen, die an dem Geschäft mit Gott mitverdienen wollen: den Zwischenhändlern, Priestern, Opfertierverkäufern und Ablasshändlern. Sie machen es aber auch ihren Kunden schwerer: es ist nun nicht mehr möglich, sich vor Gott ein Alibi ausstellen zu lassen. Es will nicht mehr gelingen, sich mit Weihrauch und Opfergaben ein reines Gewissen zu erkaufen ...
Wie kommen wir in diesem alten Prophetentext vor? Zunächst scheint es: gar nicht mehr. Die Reformation hat bei uns Wirkung gezeigt: keiner denkt mehr daran, dass man sich mit Geld und guten Gaben die Eintrittskarte zum Himmelreich erkaufen könnte. Dass es Gott gefallen könnte, wenn man ihm Tiere opfert, erscheint uns noch abwegiger; die Hingabe von Kindern gar als ein Verbrechen, eine furchtbar primitive Form des Aberglaubens.
Gut so. Der Prophet rennt offene Türen bei uns ein. Oder sind da etwa doch versteckte Hintergedanken? Wohl kaum. Es ist wohl eher so, dass der moderne Mensch Gott gar nicht mehr auf seiner Rechnung hat. Also schon eher das andere Extrem: Gott ist vielen ganz egal. Wir tun, was uns gefällt. Wir wollen Spaß. Hauptsache, es lohnt sich.
Das sind die Devisen der heutigen Zeit! Es könnte aber sein, dass dieses moderne Nicht-mehr-Rechnen-mit-Gott sich am Ende als Selbstbetrug herausstellt, als Rechnung ohne den Wirt.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an meinen Philosophie-Unterricht. Der französische Philosoph Blaise Pascal, übrigens ein Zeitgenosse Paul Gerhardts, hat einmal eine Wette vorgeschlagen. Bei einer Wette kann man bekanntlich etwas verlieren oder etwas gewinnen. In seiner Wette aber ging es darum: nichts zu verlieren, aber alles gewinnen zu können.
Dass Gott existiert und dass es eine Unsterblichkeit gibt, lässt sich nicht beweisen, so meint Pascal. Aber wir fühlen und glauben es und man kann ruhig wetten, dass wir recht haben, da wir dabei nichts verlieren, nur alles gewinnen können. Wörtlich: „Erwägen wir den Gewinn und Verlust, wenn wir darauf wetten, dass Gott existiert. Gewinnen wir, gewinnen wir alles; wenn wir aber verlieren, verlieren wir auch nichts.“ (»Pesons le gain et la perte en prenant le parti de croire que Dieu est. Si vous gagnez, vous gagnez tout; si vous perdez, vous ne perdez rien.«)
Diese Wette klingt auch ein bisschen nach einem Geschäft mit Gott. Hier geht es aber um etwas anderes: den modernen Zeitgenossen, den Spöttern und Gotteszweiflern deutlich zu machen, dass es sinnvoller ist, weiter mit Gott zu rechnen. Denn alles steht in einem anderen Licht da, wenn Gott doch existiert. Dann ist nichts umsonst, nichts ohne Hoffnung, nichts ohne Belang.
Der Tod ist nicht mehr das Ende. Alles ist zu gewinnen! Aber es geht doch nicht ganz ohne Verluste: „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet,“ schreibt ganz richtig der Apostel Paulus (Phil 3,7).
Wenn ich mit Gott rechne und auf den Glauben setze, dann verliere ich Ungewissheit und Unstetigkeit. Ich werde nicht mehr krampfhaft mich an materiellen Dingen festmachen, mein Wesen und meinen Wert nicht mehr an Äußerlichkeiten und Fremdbeurteilungen hängen. Ich werde mich als ein von Gott geschaffenes und gewolltes Leben begreifen. Er hat „Ja“ zu mir gesagt. Darum kann ich frei sein und zu vielen Dingen „Nein“ sagen: ich brauche sie nicht, sie sind nicht nötig zur Seligkeit, sie verbiegen und verderben das, was Gott in mir angelegt hat.
Was aber soll ich tun? Was ist das richtige Verhalten, die richtige Einstellung, wenn ich darauf wette, dass Gott exi­stiert? – Nur ja kein Rückfall in den Aberglauben! Kein Rauchopfer und Sühnopfer. Gott lässt sich nicht bestechen. Wohl aber kann ich mir zuliebe Einiges opfern, um dann für Gott offener zu sein. - Neu wird heute darüber nachgedacht, welchen Sinn das Fasten macht. Weniger ist manchmal mehr! Das bewusste Verzichten kann die Seele voller machen, die Stille, die ich bewusst suche, mein Herz öffnen für die Gegenwart des Ewigen.
Fasten und Verzichten können auch dazu führen, dass ich neu über mich selbst nachdenke: Wer bin ich eigentlich? Was macht mein Leben aus? Was gibt ihm Sinn? Habe ich nicht jahrelang nur in den Tag hinein gelebt?
Mit einem Mal erscheine ich mir selbst klein, leer, aber auch bedürftig der Ergänzung, der unendlichen Liebe Gottes.
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“, so beginnt der Spitzensatz des Propheten Micha. Wohl einer der wichtigsten Sätze im ganzen Alten Testament. Ich muss nicht in mir selbst suchen, was gut ist. Gott selbst hat sich dem Menschen genaht, um ihn auf einen guten Weg zu führen. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“, nicht nur „gut“ in dem Sinne, dass ich damit vor Gott bestehen kann; sondern „gut“ auch in dem Sinne: „gut für dich“, eine Wohltat, eine Erfüllung deines Daseins.
Und Micha führt aus: „Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“.
Also gar nicht, wie man vielleicht erst denken könnte, nur gute Werke, still, ehrbar und sittsam leben, die 10 Gebote erfüllen, seine Pflicht tun, sondern auch und mehr Einübung in ein Leben mit Gott. Gott, so wird aus den Worten Michas klar, ist gar nicht einer, der himmelweit über uns thront wie ein orientalischer Despot, kein Sultansgott, sondern ein Gott, der uns zur Seite steht, der uns wie ein Freund begleitet auf unseren Wegen.
Dies wird deutlicher, wenn wir die letzte Wendung mehr dem hebräischen Urtext entsprechend übersetzen. So lesen wir in anderen Übersetzungen nichts von unterwürfiger Demut, sondern „dass wir in Ehrfurcht den Weg gehen sollen mit unserem Gott“ (Einheitsübersetzung). Man könnte auch übersetzen: „Du sollst behutsam, einsichtig, bedachtsam unterwegs sein mit deinem Gott!“
Das klingt interessanter als das Wort „Demut“. Das ist vielschichtiger. Und es steckt mehr Bewegung darin. Wir sehen den Menschen nicht nur gebeugt vor dem Altar, sondern ebenso draußen im Alltag, in der Welt unterwegs, Gott an der Seite, bewegt von der Frage: „Was würde ER, mein Schöpfer, jetzt dazu sagen?“ Ein Leben mit einem wachen Gewissen, einem Gewissen, in dem Gott selbst einen Ort im Menschen hat.
Schauen wir noch auf die anderen Forderungen nach gutem Leben: „Du sollst Gottes Wort halten und Liebe üben“, übersetzt Luther. Das ist in der Tat etwas frei übersetzt. Für „Gottes Wort“ steht da das hebräische „Mischfat“, also „Recht und Gesetz“, „Recht und Wahrheit“. Mit anderen Worten: „Du sollst nichts anderes als das Rechte tun, schlicht recht tun, das Recht üben!“
Wieder ist schnell klar, dass dies nicht nur gut für Gott ist, sondern gut und heilsam für den Menschen. Gottes Gebote sind Anordnungen, die uns helfen, menschlich zu leben. Aber auch umgekehrt: wo Menschen Unrecht tun und Unrecht leiden, spiegeln sie nicht wieder, was Gott sich wünscht: dass wir seinem Wesen der Liebe und Gerechtigkeit entsprechen.
Noch deutlicher wird das in der nächsten Forderung: „Du sollst Liebe üben“, was noch genauer zu übersetzen wäre: „Du sollst Güte, Mitleid und Treue lieben, du sollst dich der Gemeinschaft zugehörig fühlen und mitfühlend sein.“
Damit also ist das Gute bezeichnet: es bezieht sich gar nicht einseitig auf den religiösen Bereich im engeren Sinn, es bezieht sich auf den ganzen Bereich der Gemeinschaft, der Gesellschaft, der Ethik. - Aber: nichts ohne Gott!
Die Gegner des Micha haben danach gefragt, wie sie Gott gefallen, vor Gott bestehen könnten. Sie haben es mit religiöser Bestechung versucht. Micha macht deutlich: die Religion, die Bindung an Gott, kommt nicht durch Korruption zustande, sondern nur so, dass man Gott einlässt in sein Leben, auf seine Worte und Weisungen achtet. Recht und Wahrheit, Güte und Treue sind die großen Worte, die Gottes Gegenwart und Nähe bezeichnen: dort ist Gott zu erfahren, wo solches geschieht. Er ist da, wo Menschen gütig miteinander umgehen, die Wahrheit achten und die Treue lieben. Micha aber muss gar nicht in die Einzelheiten gehen: er muss nicht 10 oder gar mehr Gebote aufzählen, wo doch alles gesagt ist, in dem: dass „du gewissenhaft mit Gott deinen Weg machen sollst“.
Das Wort „demütig“ hat heute einen fremden Klang. Es klingt weltfremd, weltfern. Aber Micha weist uns Gotteskinder geradewegs hin zur Welt: dort kann sich das ereignen, was für uns „gut“ ist. Und nur dort haben wir die Dinge in der Hand, können etwas bewegen und erreichen, tun oder lassen. Dabei brauchen wir nicht „demütig“ im schlechten Sinne, also unterwürfig und klein sein. Wir haben Gott auf unserer Seite!
Damit ist aber auch das andere Extrem der „Demut“ untersagt – und gleichzeitig entlarvt. Der moderne „Hochmut“ der Menschen, die so leben, als würde Gott gar nicht exi­stieren, ist in Wirklichkeit ein Irren durch die Welt, ein Hasten ohne Verweilen, ein Leben ohne Rücksichten. Wir brauchen nicht darauf zu warten, dass dafür irgendwann die Rechnung präsentiert wird. Es ist schlicht sinn-los.
Micha aber möchte, dass wir sinnvoll leben: Wetten wir, dass das, was er „gut“ nennt, tatsächlich gut ist und Gott gefällt, haben wir nichts von echtem Gewicht zu verlieren, aber alles zu gewinnen



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